Brez strahu
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Karamela
Label: Croatia Records
Erscheinungsjahr: 2017
Laufzeit: 44:56
Wertung: 3.5/5
Vermisst ihr die Achtziger, Danilo Kocjančič, Bazar, Prizma, Labirint, Boomerang, Kameleoni, Karamela? „Karam…ba i karam…bita?“ Was? Wer? Die Band Karamela, im fernen Jahr 1982 gegründet und mit ihrem Studioerstling erst 1998 an die Öffentlichkeit getreten, meldet sich nach fast zwanzig Jahren mit einem neuen Studioalbum zurück. Die Angst ist verflogen, und schließlich hat auch Jadran Ogrin den Mut aufgebracht, auf Anraten seines wackeren Rock’n’Roll-Kumpels Jernej Vene ein Exemplar des Albums an die Redaktion unseres geliebten elektronischen Musikmagazins zu schicken.
Genug des Gequatsches. »Brez strahu« könnte kaum retro-nostalgischer klingen, als es klingt. Das Album ist verloren in Zeit und Raum. Jadran, Zlati, Marjan und Goran, ehemalige Mitglieder der Bands Faraoni, September, Kameleoni und Boomerang, können eben nicht anders. Sie sind ein Relikt aus Zeiten, als der Rock’n’Roll in den Achtzigern in voller Blüte stand. Genau solche Musik lief damals oft über die jugoslawischen Radiowellen, und heute hat sie absoluten Reliktstatus. Sie spielen immer noch Hard Rock, der auf eine eigentümliche Weise mit dem Pop der Achtziger verschmolzen ist. Warum eigentümlich? Weil man dafür in die Achtziger zurückkehren muss, zu den heißen Hits jener Zeit, die das Bild der weltweiten Musikcharts prägten, aus den Fingern der Mitglieder von Toto, Chicago, Steve Miller Band, Huey Lewis & The News, Mr. Mister, Mike and the Mechanics…. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Dazu kommt die musikalische Prägung unter der Küstensonne der Generation, der die Bandmitglieder angehören. Sie sind süß wie Karamela. Das Kompositionsprinzip des Achtzigers-Pops (vor allem die Melodik) bleibt makellos! Da ist Hard Rock, angereichert mit Blues-Elementen (Pod nebom padajočih zvezd, Žusterna blues), die Songs tragen manchmal eine liebenswerte Naivität, als wären diese Männer nie erwachsen geworden. In ihrer Qualität schwanken die Songs etwas untereinander. Pogled na tvoje oči hingegen ist zum Beispiel ein außergewöhnlicher Track und eine der gelungensten Kompositionen des Albums. Das gilt von der Strophe über die Steigerung und den Pre-Chorus bis in den Refrain, mit allen Feinheiten, die ein aufmerksames Ohr herausfiltern kann (jenseits der Texte, aber dazu mehr im weiteren Verlauf der Rezension).
Interessant ist, dass sich die Band für die Veröffentlichung des Albums an das kroatische Label Croatia Records wenden musste. Die Produktion ist lebendig, und auch der Hammond-Sound, dem Goran mit Vorliebe treu bleibt, festigt das Gefühl, dass der gute alte Vibe des Siebziger-Hard-Rock wieder mit dabei ist. Marjan ist ein Gitarrist der besonderen Art. Er gilt als einer der profiliertesten Gitarristen seiner Generation in dieser Region. Mit ihm ist nicht zu spaßen, und ich wünsche mir nur, dass Marjan für seine Gitarrenarbeit irgendwann auch in den Musikmedien die verdiente Anerkennung bekommt. Die Ernie Ball Music Man Gitarre des Modells »Luke« benutzt er nämlich nicht »nur weil es gut aussieht«. Sein Spiel, Soli eingeschlossen, ist durchgehend filigraner Natur. Es ist feinsinnig, weich, spricht einen völlig unprätentiös und angenehm an. Marjan versteht unglaublich gut, wo er welchen Ton setzen muss, damit Passagen und Soli innerhalb der Kompositionen optimal wirken. Die Töne in den ornamentalen Gitarrenpassagen und Soli sind klug verteilt und folgen gekonnt dem Axiom weniger ist mehr. In deren Spiel ist es nicht schwer, die große Handfertigkeit des Meisters herauszuhören, der seine Arbeit mit großem Vergnügen und einem tiefgründig verfeinerten Gespür angeht. Mit unglaublicher Geschicklichkeit »biegt« er Töne mithilfe lang ausklingender »Pull-offs«. Das ist jene alte Schule, die sowohl David Gilmour als auch auf der anderen Seite Neal Schon meisterhaft beherrschen, obwohl sie sehr unterschiedliche Gitarristen sind. Ein Ass also, und solche Asse wie Marijan sind auf der heutigen slowenischen Musikszene kaum noch zu finden. Gerade seine Gitarre ist der größte Reiz beim Hören des neuen Albums von Karamela.
Während Zlati Klun weiterhin ein mehr als vertrauenswürdiger Herr der Zeit bleibt und die feste, kompakte Struktur des rhythmischen Gerüsts aufrecht erhält, sorgt der unglaublich engagierte Jadran Ogrin mit seinem warmen Bassklang für den dynamischen Schwung, der auch außerordentliche melodische Lebendigkeit liefert. Er manövriert durchgehend geschickt in den Songs, besonders in den Momenten, wenn die Klanglandschaft mit mehr Kontrast eingefärbt werden muss, wobei er sich auch hervorragend der Integration von »Slap«-Momenten annimmt.
Kurzum, diese Jungs sind nach wie vor außergewöhnliche Musiker, sie spielen wirklich erstklassig. Zrno soli besitzt einen außergewöhnlichen Funky Groove; die Middle-Eight-Passage (mit Gitarrensolo) sowie der später verlängerte instrumentale Ausklang (Keyboard-Solo) belegen die instrumentale »Schärfe« des Quartetts. In diesen Momenten wünscht man sich von Karamela noch mehr lange instrumentale Passagen und vielleicht auch einen völlig instrumentalen Track, den sie ihren Vorbildern vom Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger widmen würden.
Nun, einige Schwächen trägt das Album auf dem Feld der Gesangsdarbietung. Den Großteil der Vocals bestreitet Jadran. Gut so, denn an seiner Gesangsleistung gibt es kaum größere Einwände. Souverän, und zugleich bringt Jadran mit seinem angeborenen Gespür das echte nostalgische Sentiment vergangener Zeiten in die Songs. Zlati und Marijan (Stara Kitara sowie im abschließenden Luna) verwässern leider ein wenig die idealen metrischen Linien mit breiten »O«-Lauten, wodurch die Verse kroatisch klingen. Der zweite Mangel sind die Texte. Diese sind wirklich manchmal, angesichts der erwarteten Reife von vier Meistern, auf einem zu niedrigen Niveau. Mef hat diesmal nur einen Text beigesteuert, und zwar für den Song Jaz bi še. Leider ist das der beste Text, und man wünscht sich, dass es auf dem Album mehr davon gäbe. Entsprechend diesen zwei Mängeln schwanken auch die Songs qualitativ untereinander.
Wie auch immer, das Album »Brez strahu« ist ein absolutes Unikat. Es bringt Karamela wieder auf die Landkarte des slowenischen Rock’n’Roll. Gerade aufgrund der Tatsache, dass es sich um ein Album handelt, dem in der heutigen Zeit wirklich keines gleicht, wirkt es umso attraktiver und anziehender. Angesichts der fast zwanzigjährigen Pause zwischen der Veröffentlichung des Vorgängers und dem Album »Brez strahu« hätte man vom Quartett einen mutigeren Schritt auf dem Feld des Artistischen erwartet. Mehr Feinschliff, mehr Experimentierfreude, noch mehr Abwechslung in den Arrangements, auch durch den Einsatz anderer Instrumente, Programmier-Tricks und was noch. Hits sucht man hier vergebens; gemessen an der Erfahrung und den gefahrenen Kilometern darf man sich aber (angesichts der Dienstzeit der Bandmitglieder) einen vollblütigen Atemzug gönnen, der keine Grenzen kennt, nicht einmal vor dem immer verlockenden Trumpf des musikalischen Experimentierens, bei dem es nicht mal wichtig ist, wohin er einen führt. Also, »Brez strahu« ist in erster Linie ein sehr vorsichtiges Album. Reserven im Sinne einer Weiterentwicklung des Artistischen bleiben bestehen. Es ist zwar ein schönes, angenehmes und unterhaltsames Album, aber hoffen wir, dass der Nachfolger bald nachkommt und es ausdrucksstark weiterentwickelt.
Karamela – Jaz bi še (offizielles Video):
Besetzung
Marjan Malikovič – Gitarre, Gesang
Goran Velikonja – Keyboards, Background-Vocals
Zlati Klun – Schlagzeug, Gesang
Jadran Ogrin – Bass, Gesang
Produktion
Jadran Ogrin
Trackliste
- To noč
- Pogled na tvoje oči
- Nore sanje
- Manjkaš nam
- Zadnja pot
- Žusterna blues
- Zrno soli
- Jaz bi še
- Kitara stara
- Pod nebom padajočih zvezd
- Luna