Breaking Brain
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Panzerballett
Label: Gentle Art Of Music
Erschienen: 2015
Laufzeit: 55:48
Bewertung: 4.5/5
Auch wenn dieses Album schon gute zwei Jahre auf dem Buckel hat und obwohl inzwischen das frische, neue Panzerballett-Album mit dem Titel »Christmas Death Jazz« draußen ist – das übrigens auf der aktuellen Tournee dieser versierten Jazz-Metal-Innovatoren restlos ausverkauft war –, ist es fair, zumindest das unter die Lupe zu nehmen, was einem gerade zur Hand ist. Also das Album »Breaking Brain«.
Panzerballett sind ein Quintett aus München, das ein durch und durch eklektisches musikalisches Bild entwickelt. Während der eine Pol der Band stets dem luzide-augenzwinkernden »Nachahmen« von Originalen verschrieben ist – womit Panzerballett aufgrund ihrer unglaublich eigenwilligen Reinterpretationen eigentlich »berühmt« wurden –, ist der andere Pol desselben musikalischen Körpers konsequent auf das Erschaffen von Eigenkompositionen ausgerichtet.
»Breaking Brain« ist das vierte Studioalbum der Band, sofern man nur jene zählt, die inhaltlich vom Eigenkompositionsmaterial dominiert werden. Auf »Breaking Brain« vertiefen Panzerballett ihren Charakter als technisch enorm anspruchsvolle, komplexe und dabei höchst ungewöhnliche und interessante Band, die einen völlig einzigartigen, auf eine Meile erkennbaren Ausdruck entwickelt, in dem sich Elemente von modernem Metal, Jazz, Funk, Pop und allem dazwischen auf das Schmackhafteste vermischen. Beim Gebrauch des Begriffs »moderner Metal« muss man im Hinterkopf behalten, dass sich die Band enorm von den Gitarrenphrasen à la Messhugah, Ne Obliviscaris oder/und Leprous begeistern lässt. Synkopierte, mit der Handfläche gedämpfte polyrhythmische Riffs also im Hintergrund, darüber hinweg lässig abgedrehte Variationen diverser Improvisationseinlagen, für die das stets bewegliche Saxofon und natürlich beide Gitarren (Frantik Nervesaw Massacre) sorgen. Also? Willkommen im Reich der Sieben- und Achtsaiter. Was die Kollision von Jazz mit den beschriebenen Elementen des modernen Prog-Metals angeht (das Zauberwörtchen »Djent« passt hier durchaus), sind Panzerballett schwer zu fassen – wenn überhaupt. Bandleader und Gitarrist Jan Zehrfeld ist ein großer Verehrer des Abenteurergeistes von Scott Henderson sowie der Band Tribal Tech, und von dort wurde die Philosophie des absolut spontanen Treibens in ungezügelter Ideenfusion auf Panzerballett übertragen, wo Panzeballett einmal mehr meisterhaft unter Beweis stellen, wie geschickt sie scheinbar unüberwindbare Genregräben überbrücken.
Die Musik ist tatsächlich verrückt und zwingt den Hörer sofort zum Lachen. Dabei aber giftig technisch komplex. Ähnliche Emotionen weckt auch der immergrüne Charakter des klassischen Werks der Gentle Giant. In allem hörst du die Begeisterung für Frank Zappa, und Panzerballett wickeln ihren Sound dabei mühelos auch in die obskure post-apokalyptische Welt der Visionen von Robert Fripp. Extremste abgedrehte Atonalität, zugleich phasenweise das absolut überwältigende Gefühl, dass durch die auftauchenden polyrhythmischen Strukturen, in denen sich die Linien einzelner Instrumente übereinander schieben, die Kompositionen buchstäblich zerfallen – und doch verblüffen Panzerballett besonders dann, wenn sie sich aus einem solchen scheinbaren Chaos mit großer Eleganz und technischer Ästhetik wieder in eine außergewöhnliche Harmonie des Ineinandergreifens zurückfinden. Eine so meisterhafte Imitation einer Schreibmaschine, wie das Gefühl, das zum Beispiel Typewritter live beim Hören erzeugt, findest du heute kaum noch – den Urquell für solche Assoziationen könnte man aber im Pioniergeist der altehrwürdigen Gentle Giant suchen. Hier ist ein knackiges Arrangement der bekannten Muppet Show-Musik Mahna Mahna zu finden, am absoluten Ende Mancinis Pink Panther, wo das Saxofon sich bewusst der schelmischen Beimischung von Bebop unterwirft. Im zweiten Teil des Albums nimmt sich die Band auch der Komposition Shunyai an, die McLaughlins Kollege Trilok Gurtu geschrieben hat. Der Tabla-Meister gastiert auch auf diesem Stück. Die wechselseitige Hyperplasie tief gestimmter Riff-Wände und die Eruptionen der Saxofonlinien treten in Verbindung mit außerordentlicher Eindringlichkeit und blasphemischer Klanggewalt. Gebrochene Schlagzeugrhythmen sowie die rasch verankerten und durchweg tief nachvollziehbaren melodischen Basslinien von organischem Volumen verleihen der gesamten Essenz dieser Platte den Charme kompositorischer Ungreifbarkeit und absoluter Beweglichkeit (im weitesten Sinne des Wortes).
Kurzum. Willkommen in einer weiteren Geschichte voller unvorhersehbarer Formen, die im Axiom „Erwarte das Unerwartete“ und beim Vereinen des »Unvereinbaren« nicht aufhört zu begeistern und zu unterhalten. Nach dem Album »Breaking Brain« werden alle großen musikalischen Feinschmecker greifen, die die Trivialität des Komponierens schlechthin nicht befriedigen kann und die für sich immer etwas mehr suchen. Etwas avantgardistisch Herausforderndes, ideen-technisch maximal Abgedrehtes und noch nie Gehörtes. Kurzum. »Breaking Brain« ist ein weiteres außergewöhnliches musikalisches Kleinod aus dem Stall von Panzerballett, von dem man einfach nicht genug kriegen kann. An Abenteuergeist mangelt es diesem Quintett nicht – und bei einem solch besonderen musikalischen Visionärtum wird es ihnen auch nie daran mangeln.
Besetzung
Jan Zehrfeld – Gitarre
Joe Doblhofer – Gitarre
Alexander Von Hagre – Tenorsaxofon
Heiko Jung – Bassgitarre
Sebastian Lanser – Schlagzeug
GASTMUSIKER:
Trilok Gurti – Tabla & Gesang auf den Tracks Nr. 7 & 8
Produktion
Jan Zehrfeld & Josy Friebel
Trackliste
1. Euroblast
2. Typewritter
3. Der Saxdiktator
4. Mahna Mahna
5. Smoochy Borg Funk
6. Frantik Nervesaw Massacre
7. Shunyai / Intro
8. Shunyai
9. Pink Panther