Bogovi in ovce
Autor: Sandi Sadar Šoba
Künstler: Martin Krpan
Label: ZKP RTV Slovenija
Erschienen: 1988
Laufzeit: 30:53
Bewertung: 4.8/5
Einmal hab ich mich versprochen und dem Mann mit der schwarzen Gitarre, dem großen Vlado Kreslin, gesagt, es wäre einfach einmalig, wenn sich Martin Krpan nochmal zusammenfinden und neues Studiomaterial aufnehmen würden. Damals hat Vlado den Gedanken elegant, aber höflich abgetan – mir, dem damals noch Unwissenden, war nicht klar, woher diese Haltung gegenüber der musikalischen Vergangenheit rührte, die die Achtziger geprägt und manchen die Türen zur Solokarriere weit aufgestoßen hat, anderen wiederum geholfen hatte, ihre Nebenprojekte besser zu promoten, die auf einmal zu Haupt- und Trägerprojekten wurden. Mit tieferem Eintauchen in die Vergangenheit gewinnen Namen und Musik immer mehr ihre wahre Gestalt und rücken in den richtigen Kontext. Die Gründe spielen diesmal keine Rolle, aber Aleš Klinar hat das Schiff von Martin Krpan verlassen und sich ganz Agropop gewidmet, aus der Band haben sich auch Daniel Kašnar und Tadej Sršen als feste Mitglieder verabschiedet. Ersterer widmete seine Aufmerksamkeit der damals immer wichtiger werdenden Miladojka, der Zusammenarbeit mit Nieta und Videosex, Letzterer dem Schreiben für Moulin Rouge und Rdeči Baron. Von Krpan blieb nur der Name, nach den Wechseln konnten sich als Krpan mit echter Dienstzeit eigentlich nur noch Gitarrist Mark Čuček und der außergewöhnliche Vokalist Vlado Kreslin bezeichnen – dennoch kam es noch zu einem letzten, vierten eigenständigen Studiowerk der Band, dem Album Bogovi in ovce. Wohl damit noch der letzte Punkt gesetzt werden konnte und der Welt noch ein bisschen von dem musikalischen Manna gegeben wird, von dem es nie genug gibt – um die Helden, die so vielen so viel gegeben haben, dann würdevoll für immer zur Ruhe zu legen.
Im Wissen, dass es sich um einen Epilog handelt und es keine Fortsetzung geben wird, hab ich mich ans genaue Durchhören des Materials gemacht und festgestellt, dass trotz des kompletten Austauschs der Besetzung von einem Qualitätsabfall keine Rede sein kann. In die Band tritt der außergewöhnliche Songwriter und Gitarrist Miro Tomassini ein, mit dem Kreso noch heute gut und produktiv zusammenarbeitet. An die Tasten setzt sich ebenfalls Kreslins Mitverschwörer und Mali Bogovi-Mitglied Jure Hübscher, ans Schlagzeug Robi Vidic, und aus den Lautsprechern tönt dann die klingende Fortsetzung des Albums Od višine se zvrti. Let k soncu war für Krpan offenbar existenziell schicksalhaft – für die Zuhörer aber hat die Band außergewöhnliche Musik bereitgestellt. Bogovi in ovce ist als Autorenwerk ausgesprochen stark und beginnt mit der wunderschönen Nummer Mali bogovi, die zumindest für einen Moment an das Klangbild von Springsteens Begleitband E Street Band erinnert. Es fehlt nichts – auch nicht die süßen Saxophone, und anstelle von Clarence Clemons bläst Urban Urbanija seinen süßen Atem durchs Blech. Nicht weniger scharf ist die Systemkritik – Krpan legt diesmal die Frömmlinge und selbsternannten Erlöser, die kleinen Götter des Volkes, die politischen Strippenzieher des Volkes, unters Seziermesser, und mit der Kritik und der Prophezeiung vom Niedergang des Sozialismus schreibt Kreslins Feder sehr schöne Verse: »Die kleinen Götter werden immer kleiner! / Sie tun so, als würden sie an Gott glauben. / Die kleinen Götter reden laut, / damit man sie bis in den Himmel hört. / Es kommt vor, dass manchmal / selbst den Gläubigsten die Spur verloren geht, / die kleinen Götter versprechen ihnen / neue Perspektiven, / die einzig wahren Wege. / Aufgeblasen prallen sie ab / hoch in die Himmel. / Vom Druck verstopfen sie sich die Ohren. / Mit langen Fingern und kleinen Augen / sehen die kleinen Götter nur, was sie sehen wollen.« Das Ding funktioniert außergewöhnlich gut – Krpan baut diesmal noch rockiger als zuvor zwei knackige, wuchtige Gitarren in sein Arsenal ein, denn Tomassini und Čuček funktionieren kompakt und eingespielt. Auch die Fortsetzung mit dem Stück Nocoj bomo mi prižgali dan geht in dieselbe Richtung, nur dass das leichte Echo des New Wave diesmal lediglich ein Vorspiel zur Steigerung ist. Kreslin spricht diesmal die Menschen an und warnt sie, was alles zu tun sei – dann öffnen sich alle Register, und im Refrain singt Krpan heraus, dass Hoffnung und Leben nach dem verblassten Glanz des Sterns nicht erlöschen werden. Das Jenseits des Sozialismus wird optimistisch und besser sein? Wenn wir das nur wüssten …
Ein Dialog zwischen Gott und Teufel – die wuchtige und metallisierte Nummer Za ljudi kippt noch Kerosin ins Feuer der Leidenschaft. Gott hat die Welt für die Menschen geschaffen, damit sie ihn ehren, in der Hölle aber beschützt der Herrscher des feurigen Weltendes als Hüter all jene Seelen, die ihr Leben für falsche Ideale hingegeben haben. Was gut ist und was nicht, hängt vom Blickwinkel ab – der Mensch steht irgendwo dazwischen. Das explosive Solo in der Mitte des Stücks erinnert für einen Moment an die stahlern klingenden Iron Maiden, nur dass das Salz, das Krpans Jungs in die offenen Wunden des Systems reiben, diesmal durch und durch einheimisch und verdammt scharf, rau und sehr eingängig ist. Čuden si bil že kot otrok ist von völlig anderer Essenz. Hübschers Klaviereinleitung erinnert an Lords einleitende Orgelakkorde auf Speed King, nur dass Krpan nicht in ein verzerrtes Gitarrenkonzentrat explodieren, sondern eher balladenhaft und herzlich resonant aufstrahlen. Kreslin ist schlicht der König, wenn es darum geht, Herzlichkeit und echte Empfindung herauszudestillieren – Bilder der Vergangenheit, der vergangenen Kindheit und die Geschichte vom Träumer, der träumt, wenn andere wachen, der aufsteht, wenn andere sitzen, bietet er auf eine sinnliche Art dar. Die Keyboards, der Klang der Tasten, des synthetisierten Orchesters und des geschmackvoll eingesetzten Schlagzeugs krönen sich mit Kreslins Stimme, die von dem Jungen singt, der schon als Kind seltsam war. Singt er von sich selbst? Singt er von all jenen, die wir im Geist des Pioniergedankens aufgezogen wurden und plötzlich einen Wind in den Segeln gegen einen anderen ausgetauscht haben? Könnte sein – auf jeden Fall aber verdichtet und verkompliziert sich die Geschichte und das Wortknäuel bitterer Gedanken nur immer mehr.
Ovce – wir sind alle Schafe. Alle gleich und zahm, sanftmütig, eingeschlossen von den Zäunen unseres Mutes und unserer Kühnheit. »Alle zahm, still, gleich…, / uns ist die weiße Wolle zum Schmuck!« singt Kreslin, während sich Tomassinis ätzende Gitarrenläufe mit Čučeks eher metallisierten Griffen verflechten und einen sich steigernden Tornado musikalischer Düsternis aufbauen – die Wiederholung ist wie ein Mantra, das statt zur Hypnose zur Aufweckung, zum Aufstand, zur Revolte einlädt. Nur dass so etwas nicht in der slowenischen DNA eingeschrieben ist. Weniger Schärfe bietet das sanfte, verträumte und romantische Da te ni. Bedauern, Abschied und Aufbruch sind mit dem Geflecht aus Klavier, bluesig schmutzigen Gitarren und Kreslins Versen darüber vermittelt, dass nach ihrem Weggang eine Leere zurückgeblieben ist, die niemand ausfüllen kann. Wer die geheimnisvolle Dame ist, spielt keine Rolle – wenn wir überhaupt von einer Dame aus Fleisch und Blut sprechen und nicht von einer Göttin der Ideale, die es nicht mehr gibt.
Deutlich mehr nach Klinar-Manier klingt das Stück Z glavo v zid, auch wenn diesmal Mark Čuček mit seinen Gitarren seinen Autorenstempel auf dem Stück hinterlassen hat. Der rauere und schlichtere Song über Revolte und jugendlichen Aufstand unterschreibt sich mit verzerrten Schreien, zwischen denen die Mundharmonika aufklingt – und der Hardrock-Brillant bahnt wie ein höllischer Pistenräumer den Weg für das große Finale in etwas anderem Klang. Napačnega človeka imate klingt vollständig akustisch resonant, karg und zugleich voller Seele. Die Harmonika verflechtet sich mit Tomassinis Gitarre und Kreslins farbenreichem Vokal. »Ihr habt mich kurz hereingehalten, aber nur für kurze Zeit, / bis der Himmel sich aufklärt, / bis der Himmel sich aufklärt. / Erinnert ihr euch nicht mehr an mich? / Liegt euch meine Stimme nicht mehr am Herzen? / Auf euren Knien hab ich gesessen, / das Fähnchen geschwungen, / Liedchen gesungen. / Den Falschen habt ihr! / Ich bin nicht schuld, ich bin nicht schuld, / Dass euch die Augen schwinden, / dass euch die Kraft aus den Adern weicht!«
Die Essenz des bis dahin funktionierenden Systems hatte sich verflüchtigt, und so war die Zeit für etwas anderes gekommen – Zeit, das Blatt im Buch der Existenz umzuwenden. Martin Krpan nimmt so würdevoll von den Fans Abschied, und Kreslin schreitet endgültig auf einen eigenständigen Autorenweg. Zuerst mit Mali Bogovi. Der Abschied von der Vergangenheit ist schrittweise und von Gefühl durchdrungen. Dann zeichnet er als Troubadour der prekmurischen Seele seinen Weg allein vor, mit seiner schwarzen Gitarre und Mundharmonika, gelegentlich unterstützt vom unverkennbaren Melos der Ebenen an der Mur. Durch diese weht auch der Klang von Beltinci und seiner Band. Das sind schon ganz andere Geschichten, die einem völlig anderen, reiferen Menschen zuzuschreiben sind, der seine aufrührerische, rebellische Lederjacke gegen luftigere Materialien eingetauscht hat und die Musik, die sich der Tanzbarkeit widersetzte, gegen tanzbetontere Rhythmen. Wichtig ist, dass das Album Bogovi in ovce die Parabel des Aufstands des großen Martin Krpan schön abgeschlossen hat. Ein paar Jahre danach zerfiel die Heimat der Serben, Kroaten und Slowenen und all jener dazwischen, die so oft übersehen wurden, und aus den verbrannten Dörfern und Städten wehten die Trommeln des Krieges und des Hasses herüber. Auch zuvor hatte Krpan gewarnt – aber in ihrer Tanzbarkeit und Radiotauglichkeit hat die Band offenbar niemand ernst genug genommen. Oder doch? Nur dass das Hauptband zwischen den Menschen damals totale Resignation, Gleichgültigkeit, Hingabe an weltlichere Genüsse war – ohne sich in das politische Geschehen zu vertiefen. Auf jeden Fall würde ich meine Wanderung oder zumindest eine der bedeutenderen Etappen durch die verstaubte Schatzkammer der Vergangenheit mit dem Gedanken abschließen, dass jede Zeit ihre Verkünder sucht und braucht – nur dass manchen der Atem sehr bald ausgeht, Martin Krpan aber selbst nach Jahrzehnten, nach dem ganzen Meer an Zeit, das vergangen ist, nicht an Aktualität und Schärfe mangelt; nur die Kontexte haben sich geändert, die Akteure ausgetauscht, das Spiel aber ist, mehr oder weniger, dasselbe geblieben.
Besetzung
Vlado Kreslin – Gesang und Mundharmonika
Jure Hübscher – Keyboards
Robi Vidic – Schlagzeug
Mark Čuček – E-Gitarre
Miro Tomassini – Bass, Akustik- und E-Gitarre
Gastmusiker:
Bratko Ribič – Harmonika
Daniel Kašnar – Schlagzeug, Perkussion
Urban Urbanija – Saxofon
Produktion
Daniel Kašnar & Janez Križaj
Trackliste
- Mali bogovi
- Nocoj bomo mi prižgali dan
- Za ljudi
- Čuden si bil že kot otrok
- Ovce
- Da te ni
- Z glavo v zid
- Napačnega človeka imate