Blutbund im Schatten des Lazarusfeuers

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Autor: Sandi Sadar Šoba

Ort: Ljubljana / Orto bar / Slowenien
Konzertdatum: 20.03.2011
Besucherzahl: 40
Kartenpreis: 8 € (Reservierung) / 12 € (ohne Reservierung)

Sonntage sind nicht der beste Tag für Konzerte, aber diese Thrash-Delikatesse im Ljubljaner Orto – das gemeinsame Auftreten von Verfechtern des alten und neuen Thrash-Ansatzes, den Bands Bonded By Blood und Lazarus A.D. –, war so verdammt verlockend, dass es manchen schlicht scheißegal war, wie sie die folgende Woche mit leichtem Klingeln in den Ohren oder chronischem Schlafmangel beginnen würden. Umso entschlossener zeigte man sich nach der Nachricht, dass nur wenige Tage vor dem Ljubljaner Konzert ein unbekannter Täter die Fahnenträger des neuzeitlichen Thrash höchster Güte, die jungen Lazarus A.D., in England gnadenlos bis auf die Unterhose abgezockt hatte. Die Europatournee bekam dadurch einen leicht bitteren Beigeschmack – angesichts der Tatsache jedoch, dass es sich um die erste Vorstellung des neuzeitlichen Thrash-Hoffnungsträgers in Slowenien handelte und obendrein um die mehr als spektakuläre Rückkehr alter Bekannter des slowenischen Publikums, der Band Bonded By Blood, begann sich gegen neun Uhr abends das Innere des Orto langsam zu füllen. Kurz darauf stellte sich – entgegen der in den Ljubljaner Straßen gesehenen Plakate – das Quartett aus Wisconsin auf die Bühne, und die Wut des Lazarusfeuers konnte unter dem zahlenmäßig überschaubaren, dem Thrash aber gewogenen Publikum ausgesät werden.

Schon nach dem ersten Ausklingen des Standard-Intros und dem Vollgas-Start mit dem Song American Dream wird klar, dass das Motto „Thrash Or Die“ keine Medienente oder Verarsche für die ahnungslosen Massen ist – denn das Duo aus dem lockigen, gut auf seine Frontman-Arbeit vorbereiteten Jeff Paulick und dem sprühenden, überdurchschnittlich guten Gitarristen Dan Gapen harmoniert perfekt; auf der rechten Bühnenseite hält ihnen der an den verstorbenen Dimebag erinnernde Alex Lackner vollständig stand, und hinter den Drums gibt sich der phänomenale und agile Ryan Shutler alles andere als ruhig oder reserviert. Lazarus A.D. gehen vom ersten Riff an aufs Ganze – und es ist ihnen herzlich egal, ob vor ihnen 40 oder 4000 Köpfe stehen! Die Band, die sich nach dem Heiligen Lazarus, dem Schutzpatron der Aussätzigen und Totengräber, benannt hat, hat das Ljubljaner Publikum donnend aufgeweckt. Schon nach dem ersten Song traut sich die große Mehrheit des sonst meist sehr reservierten und anfangs scheinbar snobistischen Publikums an die Bühne heran, und Paulick kündigt die blutige Fortsetzung mit dem grandiosen Song vom Debüt The Onslaught an – Thou Shall Not Fear. Paulick brüllt den Refrain: „No escape, a shrouded slate / The virtue of travesty / United we stand, divided hands / A pact of treachery / A knife in the back, the civil attack / Suppressing fire / How long will it last, the bonded past / Ope fire“, und die Begleitmusik wischt an diesem Tag alle Konkurrenz vom Tisch! Ich stelle mir vor, dass selbst die allmächtigen, in Ljubljana aber allzu reservierten Lamb Of God bei dem, was man hier hört und sieht, eine gehörige Portion verdammt verdienter Komplexe abbekommen würden! Das nächste Album Black Rivers Flow macht gegenüber dem ehrlichen Debüt – dem manche allzu große Ähnlichkeit mit den Thrash-Titanen Testament vorgeworfen haben – einen Evolutionssprung von einer halben Million Jahren; es ist genetisch vollkommen kompatibel mit dem genetischen Code von Metallicas Master Of Puppets und Panteras Far Beyond Driven und inkarniert sich in eine außergewöhnliche Bühnenumsetzung, die alles plattwalzt. Lazarus A.D. gewinnen mit jedem Takt immer mehr Reaktionen und immer mehr Pluspunkte, und das vollständige konzertante Ausrasten mit eminentem, aufgepumptem Thrash-Sound setzt der Song Absolute Power fort. Ich verliere fast das Zeitgefühl, und die Lazarjünger zeigen auch ihre etwas weichere, beinahe balladenhafte Seite mit den Einstiegsriffs des Titelstücks vom Album Black Rivers Flow – das aber schon bald wie ein Maifeuer auflodert, in einer grandiosen Kanonade sich rasend schnell verflechtender Finger an den Gitarrenhälsen. Ultimate Sacrifice, ein Song, der mir wegen seiner verflucht göttlichen Rhythmus- und Melodietextur aus dem Blickfeld entgleitet, setzt sich irgendwo in den Kleinhirnwindungen als tatsächlich gehörte Genusssequenz fest; als letzter aus der neuen Songreihe donnert dann Light A City (Up In Smoke) aus den Boxen. Die Haare fliegen durch die Luft, und die Ohren bluten in vollkommener Harmonie mit dem brennenden Leidenschaftsgefühl in der Brust. Zwei Songs älteres Datums – die blitzschnelle Riff-Explosion Revolution, die, Hand aufs Herz, tatsächlich an die goldene Ära der Pantera-Vorherrschaft erinnert, sowie der abschließende Rebirth –, dann das Zählen der Überlebenden und der möglicherweise von dem Gehörten und Gesehenen unbegeisterten Besucher. Eine Hälfte liegt hinter uns, und die meisten waren bereits höllisch gesättigt mit dem reinen Extrakt aus Qualität und Furor!

Eine kurze Pause für ein kurzes Gespräch vor der Bühne beweist, dass Lazarus A.D. auch jenseits der Bühne außergewöhnliche Kerle sind – in Momenten also, in denen das Scheinwerferlicht des Ruhms und des Sich-Beweisens sie nicht blendet. Auf der Bühne laufen bereits die Vorbereitungen für die angeblich noch bessere Fortsetzung. Bonded By Blood, eine Band, die sich von Exodus neben dem Namen auch das Verständnis von Musik geliehen hat, ist unserem Publikum bestens bekannt. Nach ihrem Auftritt beim Konzertreigen vor zwei Jahren mit Suicidal Angels im Channel Zero haben die Dirty Skunks die Blutsbande noch enger geknüpft und sie erneut in unsere Gefilde gelockt – doch die dem Thrash verschworene Band aus Pomona kam diesmal mit einer neuen Kehle am Mikrofon. Seit 2010 ist Mauro Gonzales für den Mikrofon-Missbrauch zuständig, ein potenter Frontman, der mit der alten Thrash-Definition bestens vertraut ist. Ohne großes Federlesens besetzen sie ihre Bühnenpositionen und versuchen, mit dem Song vom letzten Album Exiled To Earth, Desolate Future, an die erste Konzerthälfte anzuknüpfen. In der Band, die in den letzten Jahren einige Wechsel erlebt (und überlebt) hat – unter den neueren Zugängen ist unter anderem Bassist Jerry Garcia; seit 2006 gewöhnt sich Gitarrist Juan Juarez mit exotischem, in Ljubljana beinahe erschreckendem Aussehen an seine Aufgabe –, legen Bonded By Blood so viel rein, wie ihre Möglichkeiten erlauben, doch der Beigeschmack klanglicher Altbackenheit schneidet nicht so tief wie das Feuer des Heiligen Lazarus. Es folgt eine solide Fortsetzung mit Blood Spilled Offerings, aber das Publikum bekommt das Gefühl, dass Sänger Mauro Gonzales nicht wirklich und mit vollem Herzen dabei ist. Der leerer werdende Saal und die dünn gesäten, aber lärmenden und moshlustigen Zuhörerreihen heben die Stimmung nur ein wenig. Bonded By Blood haben dieses Jahr ihr 6-jähriges Bestehen gefeiert und in dieser Zeit zwei Alben, ein Demo und eine EP aufgebaut. Vom Vorgängeralbum Feed The Beast präsentieren sie einen der eingängigeren Trümpfe, den Song Immortal Life, den sie mit dem Futurismus neuer Prägung und dem Song Episodes Of Aggression verknüpfen; zumindest in meiner Seele bleibt die Flamme überzogener Erwartungen trotz der Schweißbäche auf der Bühne ungestillt und erstirbt zusehends. Das Quintett aus Los Angeles überzeugt irgendwie nicht so recht, weshalb mir die meisten Songs anfangen, wie ein Ei dem anderen zu klingen; ein froher und positiverer Schub für das vorwärtsdrängende Bewusstsein kommt aber beim Abschlussakt des Konzerts, als wir nach der Fütterung des Monsters mit dem Feed The Beast bei einer schnuckeligen Metal-Version des Songs aus dem Ninja-Turtles-Film angelankt sind. Danach ist höchstens noch eine Zugabe drin – und tatsächlich: als Verbeugung und ultimatives Opfer an die Götter des Thrash führen Bonded By Blood den Song auf, nach dem sie sich benannt haben. Exodus auf Bonded-By-Blood-Art verliert seine scharfen Kanten nicht, und es mangelt nicht an guten Gitarren – aber mit beinahe glücklichem Blick in den Augen starrte zumindest ich in Richtung Tür in die Welt, hinaus in die Weiten des etwas weniger beengten, in die nächtliche Kälte gehüllten Ljubljana.

Nach einem Abend gestillter sonntäglicher Versuchung war es Zeit, Bilanz zu ziehen. Auf der Liste der Bands, denen ich mich mit täglichem Ritual konsequenter Verbeugung widmen werde, haben sich die vier Jungs aus Wisconsin mit großen goldenen Lettern eingeschrieben. Lazarus A.D. haben alle Erwartungen übertroffen und gezeigt, wie man den hohen Ansprüchen eines verwöhnten und nur nach dem edelsten Lärm dürstenden Publikums gerecht wird. Bonded By Blood haben den Hunger nach dem Alten gestillt – der aber zumindest in meinem Fall besser durch Originale als durch neuzeitliche Tribute-Bands befriedigt wird. Dessen ungeachtet sind beide Seiten der heutigen Sonntagsmedaille mit reichen Momenten beschrieben, deretwegen dieser Sonntag noch lange in guter Erinnerung bleiben wird. Schließlich braucht es nicht immer Gold, damit man sich reich und erfüllt fühlt – und ja: um den Glauben an die Qualität des neuzeitlichen Thrash zu festigen, musst du künftig sonntags nicht nur in die Kirche oder ins Ausland fahren, sondern es lohnt sich gelegentlich, eine oder zwei Stunden Schlaf zu riskieren und diese Zeit einem Besuch im mit Clubatmosphäre gesättigten Orto oder irgendeinem anderen, weniger bekannten Laden oder Schuppen zu widmen.

Die Reportage entstand in Zusammenarbeit von RockLine und Rock Hard Slovenija.

Fotos: Aleš Podbrežnik

Setliste

BONDED BY BLOOD: 1.Desolate Future 2.Blood Spilled Offerings 3.Prison Planet 4.Immortal Life 5.Episodes of Aggression 6.Prototype Death Machine 7.Mind Pollution 8.MWTO 9.Genetic Encryption 10.Feed the Beast 11.Theme From Teenage Mutant Ninja Turtles —Zugabe— 12.Bonded by Blood LAZARUS A.D.: 1.American Dreams 2.Thou Shall Not Fear 3.Absolute Power 4.Last Breath 5.Black Rivers Flow 6.Light a City (Up in Smoke) 7.Revolution 8.Rebirth

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