Bloated Pigs

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Grrizli Madams
Label: ZARŠ Records
Erscheinungsjahr: 2014
Laufzeit: 25:00
Bewertung: 4/5

Bei all den Entwicklungszweigen und der vielfältigen kreativen Ausdrucksfülle, die das Wort Rock im Sinne des Artismus heute erreicht hat (und zum Glück ist davon kein Ende in Sicht), bleibt eines der Grundaxiome guter Rockmusik unverrückbar wahr! Das Erbe des Rock entfaltet seine Wirkung am stärksten, wenn die energetischen Ausdruckskräfte im Dreieck verteilt werden. In der Formation eines Trios. Die Beispiele »revolutionärer Wirkung« auf dem Entwicklungsweg der Rockmusik häufen sich, sobald das Wort Trio fällt: Motörhead, Rush, Grand Funk Railoroad, The Police, Nirvana,…

Grrizli Madams sind eine Band, die seit gut einem Jahrzehnt existiert, aber erst seit vier Jahren als herausgebende Einheit aktiv ist. Ja, genau. Ein Trio! Mit der EP »V vrtincu vsemogočnega miru« (2010) und dem Studioerstling »SNTNTN« (2012) haben sich Grrizli Madams zu Recht in der wesentlichen Gilde jener Schmiede des alternativen Rock-Undergrounds Sloweniens verankert, die mit ihrer musikalischen Substanz heute faktisch eine der tragenden Gruppen dieses Feldes darstellen. Nämlich jene Gruppen, die den artistischen Entwicklungshorizont des »Underground«-Klangs Sloweniens im neuen Millennium definieren. Daher muss man Grrizli Madams bierernst nehmen – in vielerlei Hinsicht gerade wegen ihres »organischen Unernsts« (aber dazu später mehr in diesem Text). Die Band hat mit beiden Veröffentlichungen unter Beweis gestellt, dass es sich um einen außergewöhnlichen Interpreten handelt, der eine eigenständige, authentische musikalische Materie entwickelt – mit einer Fülle begeisternder Ausdrucksansätze, die dem Trio eine solide Plattform für die Evolution eben dieser Eigenständigkeit in mehrere Ausdrucksrichtungen bieten.

»Bloated Pigs« ist das zweite Studioalbum. Gerade mal 25 Minuten Musik. Schon das ist eine der Ungewöhnlichkeiten – die allerdings von untergeordneter Bedeutung ist, sobald man sich die musikalische Substanz ansieht. Das Trio hat sich auf dem Album noch mehr Experimentierfreude gegönnt als auf »SNTNTN«. Das war zu erwarten. Vor allem wird Gašper Prus am Schlagzeug mehr und mehr zum echten »Trapezkünstler«. Die rohe und ungeschliffene Bitterkeit der schroffen, schneidend dröhnenden Gitarrenriffs – oft stoner-rock-typisch minimalisiert (basierend auf dem Einsatz weniger Töne) – bietet Prus enorm viel Raum, um sein kreatives Genie geschickt einzusetzen und diesen Raum mit allerlei einfallsreichen Lösungen beim »Brechen« der Grundrhythmen zu füllen!  Dem allen wirksam kontrastierend gesellen sich die scheppernden Basslinien hinzu, und das Ergebnis der musikalischen Landschaft des Albums »Bloated Pigs« ist so beschaffen, dass die kreativ-expressiven Kräfte des Trios in einem gleichmäßigen Dreieck verteilt sind. Das Zusammenspiel aller drei Mitglieder wirkt bei der Erschaffung der musikalischen Materie auf dem neuen Album noch überzeugender – ein Beweis dafür, dass die musikalisch-visionäre Verständigung der Trio-Mitglieder mit dem neuen Album noch mehr Ausdrucksfokus erreicht hat. Die Richtung heißt „musikalisches Experiment“ beziehungsweise „das Ausprobieren von noch nicht Ausprobiertem“!

Zwei grundlegende Elemente der neuen Grrizli Madams heben das neue Album entschieden auf ein höheres qualitativ-expressives Niveau als die Vorgängerveröffentlichungen. Ein evolutionärer Schritt nach oben. Das erste Element ist der bereits erwähnte  und entschieden weiterentwickelte schlagzeugerische Experimentiergeist von Gašper Prus, der zweite Faktor ist die Einbeziehung von Vokalparts – ein Novum. Die Band hat entschieden, mit Gesang zu arbeiten! Verglichen mit dem gelegentlichen »Gebrummel« auf früheren Studioarbeiten, das strikt als Würze der musikalischen Formen diente, haben die Stücke diesmal echte Texte. Den Einsatz von Vocals gehen Grrizli Madams jedoch nach wie vor auf ungewöhnliche Weise an. Besser gesagt: auf weniger übliche Weise. Der Gesang übernimmt im Klangbild der Band weiterhin die Rolle einer zusätzlichen Würze und nimmt keine dominante Haltung ein. Die Instrumentalpassagen bleiben vorherrschend und beweisen, dass das Trio in erster Linie immer noch den »spontanen Garagenjam« genießt – und erst dann kommt der Rest! Diese Freude kann ihnen wirklich niemand nehmen. Genau deshalb ist die Rolle von Prus umso größer: Innerhalb der gelegentlichen Riff-Monotonie schafft er mit ausgefeilten Lösungen beim »Brechen« der Rhythmen eine Plattform für ein musikalisches Ergebnis des Albums »Bloated Pigs«, das durchgehend interessant zu hören ist. Mit seinen manchmal geradezu bizarr ausgerichteten, fast »Voivod-mäßig« dosierten Wendungen (Schlagzeug »im Rückwärtsgang«),  fügt er den nötigen Reiz der Unvorhersehbarkeit und Spontaneität hinzu. Das Schlagzeug übernimmt oft die Rolle, die in der Standard-Arrangierungspraxis der Gesang inne hätte – ein besonderes Erlebnis für das Terrain des alternativen Underground-Rocks aus Slowenien. Grrizi Madams haben schon immer einen Sinn für Luzidität gepflegt. Und gerade der Einsatz der Vocals vertieft diese Gefühle luzider Verschrobenheit! Die Vocals sind in den Arrangements bewusst so platziert, dass sie sich mehrfach chaotisch gegenseitig überschreien oder sich zu unerbittlich atonalen Ausrufen einer Horde zusammenfinden, die selbst eine Paviantruppe übertönen würde. Vokale Figuren sind oft Gegenstand klanglicher Experimente und vertiefen die gelegentliche Psychedelik der Stimmungslagen. In diesem Sinne hat auch das einzige Lied in slowenischer Sprache, Emeli – das im Original den Punkern Maze aus Krško gehört –, in den Händen von Grrizli Madams eine äußerst gelungene Bearbeitung erfahren, die durch die experimentelle Freilegung der Punk-Rock-Haltung des Originals in der artistischen Weiterentwicklung der Grrizli-Madams-Formel auf das Sinnvollste in Symbiose mit dem restlichen Klangbild des Albums »Bloated Pigs« koexistiert.

Gerade diese stärker ausgeprägte Seite des experimentellen Abenteuertums vermittelt das Gefühl, dass die Band mit dem neuen Album noch mehr Aufmerksamkeit der Definition einer eigenständigen musikalischen Spur gewidmet hat. Die schroffe Wucht des ungezügelten Dröhnens der Riff-Masse, die in ihrer rohen Haltung mitunter sogar bewusst dissonant hallt, bleibt der erste, nicht zu vernachlässigende Adrenalinkick des Albums. Dieses destruktive Element trägt nun noch mehr von der variablen »Kitzligkeit« der Schlagzeugpassagen sowie des punktuell richtig platzierten Raumfüllens mit dem Element luzider Schelmigkeit der gebotenen Vocals – auch auf inhaltlicher Ebene ihrer Botschaft. »Bloated Pigs« ist ein Album von optimaler rock-expressiver Wirkung, das mit der genau richtigen Dosis potent vibrierender Rock-Schärfe und experimenteller Aufgedrehtheit begeistert!

»Bloated Pigs« ist ein außerordentlich überzeugender Erfolg, mit dem es der Band gelungen ist, den kreativ-entwicklerischen Schwung des Vorgängeralbums zu halten, den eigenen musikalischen Ausdruck auf ein höheres qualitatives Niveau permanenter Veränderung zu heben und darauf aufbauend einige Genre-Schubladen entschlossen zu verwischen (in die Musikkritiker die Band in der Vergangenheit erfolglos einzusortieren versuchten) – bis zu einem Schmelzpunkt, durch den man die neuen Grrizli Madams als eine Band erblickt, die mit diesem Album eine stilistisch eigenständige Musikkultur begründet hat!

Besetzung

Matej Hočevar – Gitarre, Gesang
Miha Vodušek – Bassgitarre, Gesang
Gašper Prus – Schlagzeug 

GASTMUSIKER: 
Vladimir Janc – Gong 

Produktion

Samo Pavlica „Linč“

Trackliste

1. Bloated Pigs
2. Albastron
3. Aj Jabe
4. Cala
5. Emeli
8. Pleasure Porntrance 

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