Blind & Seduced

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Künstler: Shraphead
Label: Metalville Records
Erscheinungsjahr: 2011
Laufzeit: 53:04
Bewertung: 4.2/5

Im Leben begegnen uns viele Überraschungen, doch nur selten sind es solche, die einen mit ihrer Schönheit und Außergewöhnlichkeit schlicht umhauen. Eine absolute Unbekannte in meinem musikalischen Wahrnehmungsspektrum waren bis dieses Jahr auch die norwegischen Jungs aus dem auf der Landkarte kaum sichtbaren Städtchen Eidskog, die aber die lokale Clubszene schon seit 2004 aufmischen. Shraphead sind nach sieben Jahren des Feilens und der Kontemplation zu einer Band gereift, die in der Lage ist, eigenständig ein Album zu veröffentlichen – und das nicht nur, weil es sich für eine Band so gehört, sondern weil sie genug hochwertige Riffs und saftige Ideen im Gepäck haben und der Einzug ins Studio ihnen von gesundem Menschenverstand befohlen wurde, unterstützt von leidenschaftlichen Blutspritzern unter den Gewölben der Herzchakra. Vier Herzen, die wie eines schlagen, haben so ein kompaktes Ganzes gewoben, mit dem sie ohne Schamgefühl mit Namen wie Trivium, Breaking Benjamin, Chevelle, Stone Sour und dem Rest der Armee neuzeitlicher, mit Alternative durchdrängter Metaller konkurrieren können. Shraphead haben nämlich eine ganz eigene Herkunft, und Blind & Seduced ist ein Geysir, aus dem Beweise hervorsprudeln, dass die Haupttugenden der Band vor allem technische Versiertheit, musikalisches Wissen, Eingespieltheit und der Glaube an das eigene Recht sind – ungeachtet des endgültigen Verkaufsergebnisses.

So viel Lob, und ich habe noch nicht einmal damit begonnen, den ekstatischen Reigen von dreizehn Songs zu beschreiben, bei denen das Ohrenschmalz in den Ohren schmilzt und der Schädel sich mit einem surrenden Gefühl von Wohlbehagen und Leichtigkeit füllt. Also fangen wir an: Blind & Seduced platzt aus allen Nähten vor mächtigen Rhythmusmustern, hochwertigem Gitarrensound und ausgefeilten Arrangements, und das Ganze wird auch nicht durch den geschmackvoll rauen Gesang des jungen Sängers getrübt, der auf den Namen Jo Johnsrud hört. Genau diese rau-körnige Patina, mit der das Ganze zu einer hermetischen Einheit verwoben ist, vermittelt das Gefühl von Außergewöhnlichkeit, wegen der wir einst die Platten der Thrash-Giganten glühend verehrten und auf die Knie fielen, und wegen der der Glaube an die Schönheit noch tief ins neue Jahrtausend hinein ätzend und klar brannte. Die Architektur des Aufbaus ist makellos, und statt eines Gefühls handwerklicher Perfektion bekommt man von Anfang an, schon beim ersten Zischen des Songs Welcome, das Gefühl, dass ein organisches Fundament im Vordergrund steht und nicht irgendwas kühl Gekünsteltes. Bereits die Salve des ersten vollblütigen Songs Stolen Trust beweist, dass die vier Köpfe schon zu Beginn in der Lage sind, die Rotoren ihres Schwungs auf Maximum zu drehen, ohne einen zu langweilen oder mit Mustern selbstverliebter Angeberei zu nerven. Die Emotionen der Refrains sind für das Mitgrölen auf der Bühne gemacht, und die dichte Rockatmosphäre dürfte wirklich einem breiten Hörerkreis gefallen. Die erste Assoziation beim Gehörten ist die Erinnerung an die Inspirit der Rijeker Moderatoren außergewöhnlicher Musik, der Band Father – was den jungen Norwegern nur als Pluspunkt anzurechnen ist.

Die Produktion ist makellos und bringt das stramme Stahlseil aus guten Riffs und durchdachten sowie vor allem inspirierten und aufrichtigen Gitarrensoli mit einem Gespür für die Ästhetik der Wendungen in perfekte Balance – und das beweist Gitarrist Nils Stenmyren ebenso wie Schlagzeuger Mo Dyani und Bassist William Fossheim, die keine Handbreit hinter der Topperformance zurückbleiben. Alle Scheinwerfer sind zwar auf den charismatischen und starken Vokalist Jo Johnsrud gerichtet, denn am ersten Gesang entscheidet sich der Erfolg (oder eben nicht). Im Fall von Shraphead stehen die Sterne auf der richtigen Seite des Himmels, denn die knackige und beeindruckende Produktion ist lediglich die Untermauerung des herzlichen Gesangsexkurses des jungen Sängers, der eine intensive Parabel des Bekenntnisses zu entfalten vermag, ohne in die übliche und manchmal schon verfluchte langweilige Dichotomie des vorgeschriebenen Nebeneinanders von Cleansang und Guttural-Massaker zu verfallen. Die Qualität kommt in der Ballade Just Another Fool Who Understands vollständig zur Geltung, in der Jo alle seine Register öffnet und sowohl die weiche als auch die harte Seite zeigt – und die Seele ergießt sich im kathartischen Ausfluss süßen Nektars. Die Jungs geben alles, und mitunter hat man das Gefühl, dass jeder einzelne Song schon so ausgereift ist, dass er für sich allein stehen könnte. Genau diese Außergewöhnlichkeit kann aber auch stören, denn man bekommt irgendwie das Gefühl, nach dem ersten Höhepunkt in einen sich wiederholenden Reigen reiner Ekstase abzutauchen, der ermüdet.

Wenn wir alle Elemente zusammenzählen, stellen wir fest, dass das Album Blind & Seduced – trotz des gelegentlichen Gefühls, abgenutzte Phrasen in eine erfolgreiche und hochoktanige Mischung aus Außergewöhnlichkeit und Durchschlagskraft zu schmelzen – ein hochwertiges Produkt ist, das die Auswahl der Sahnestücke im modernen Alternative Metal sinnvoll ergänzt. Shraphead sind zweifellos talentiert, und ihr Talent sowie ihre Zeitlosigkeit werden sie, so hoffen wir, mit dem Erscheinen einer zweiten Platte beweisen, die hoffentlich das solide Fundament des achtbaren Debüts weiter ausbaut.

Die Rezension entstand in Zusammenarbeit von Rockline und Rock Hard Slovenija.

Besetzung

Mohamed Dyani – Schlagzeug
William Fossheim – Bass und Hintergrundgesang
Nils Christer Stenmyren – Leadgitarre
Jo Johnsrud – Gesang und Rhythmusgitarre

Produktion

Shraphead

Trackliste

1. Welcome
2. Stolen Trust
3. Merry Go Round
4. Blind & Seduced
5. Just Another Fool Who…
6. The Hundred
7. The Life, The Path To Choose
8. Nothingless
9. Revelation
10. The Bond
11. Iconoclast
12. Evilberry Jam
13. Ageless

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