Blind Rage

0 11

Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Accept
Label: Nuclear Blast
Erschienen: 2014
Laufzeit: 58:39
Bewertung: 4.5/5

Die Veteranen des klassisch (teutonisch) ausgerichteten Heavy Metal geben keine Ruhe. Die Alben folgen im Abstand von zwei Jahren, oder gut zwei Jahren aufeinander. »Blind Rage« ist bereits das dritte in Folge, das in einem solchen Zeitabstand entstanden ist. Accept fühlen sich beim Label Nuclear Blast Records und unter der Produktionsregie von Andy Sneap nach wie vor sehr wohl – und was entscheidend ist: Sie halten an der unveränderten Besetzung fest. Die wichtigsten Elemente der musikalischen Vision des heutigen Accept wurden damit genannt, und es besteht daher nicht der geringste Zweifel daran, dass »Blind Rage« stilistisch in irgendeiner Weise vom Charakter der beiden Vorgänger abweichen würde – nämlich »Stalingrad« (2012) und »Blood of the Nations« (2010). Accept hantieren routiniert mit dem Zauberstab zur Erschaffung einer edlen (primordialen) Ästhetik reinblütiger Metal-Phrasen, die in ihrem Fall nichts anderes sind als ein extrem laut aufgedrehter, zerstörerischer Rock ’n‘ Roll-»Stampede«, mit dem kreischend kehligen Gesang des mittlerweile vollständig integrierten Mark Tornillo, der auch diesmal bestätigt, dass man Udo Dirkschneider im Studio wirklich nicht mehr vermissen muss (sein abschließender »Scream« in Bloodbath Mastermind wird dir das Schädeldach wegblasen).

Das Album Blind Rage öffnet sich im Wüten eines äußerst nervösen Stiers, dessen Gesicht – je nach Deutung des Coverartworks – mit etwas Fantasie an Udo erinnert, der längere Zeit keine Rasierklinge gesehen hat. Natürlich ist das der Fantasie geschuldet; die Band würde auf solche und ähnliche Andeutungen sicher antworten, dass es sich dabei um reinen Zufall handelt und um nichts weiter.

Accept behalten in den Texten ihre gesellschaftskritische Haltung bei, ihre friedensstiftende Botschaft, Warnungen vor ökologischen Katastrophen bleiben ein fester Bestandteil. Alles, was das Kapital in dem Irrwahn des Schöpfers namens »Menschheit« braucht, ist Selbstzerstörung und Selbstreproduktion. Wie lange noch? Die Geschichte lehrt uns eben nichts. Die Band hat auf dem neuen Album alles auf die Karte ungeahnter Aggressivität und den Wunsch nach maximalem emotionalem Ertrag des blinden Wütens gesetzt. Der Opener Stampede trägt zwar die typische Rock ’n‘ Roll-Elementarität in der Gitarrenphrase, hat aber einen Hauch mehr Halbtonprothetik, was bei Accept nicht gerade üblich ist; zudem trägt Tornillo die Verse bewusst abgehackt vor, die Melodie auf ein Minimum eingeengt. Akkorde und Töne sind im Song maximal verdichtet, alles ist der Erschaffung eines vernichtend rasenden Blendwerks untergeordnet. Der Song besitzt dabei eines der wesentlichen typischen Accept-Merkmale: jene Rufe männlicher Vocals, die in Harmonien gesetzt sind und wie hallende Rufe einer Menge wirken, wenn sie sich Tornillos grundlegenden Refrainlinien anschließen. Die Accept-Konstante von Tag »Null« an ist also auch auf diesem Album präsent – nicht nur im Opener Stampede, sondern überall. Das bereits ausgezeichnete, mitteltempige Dying Breed holt direkt nach Stampede die Dinge an ihren gewohnten Platz zurück. Der Song evoziert kompositorische Parallelen zum Stück Teutonic Terror vom Album »Blood of the Nations« und ist in seinem bombastischen Ertrag – das heißt gemessen am Grad der eingefangenen Musikalität – ein hervorragender Ausgleich zum aggressiven Opener. Das Album vermittelt als Ganzes das Gefühl, dass es sich um ein vielfältigeres und abwechslungsreicheres Studiowerk handelt als sein Vorgänger »Stalingrad«. Sowohl in den tragenden Gitarrenphrasen, die von Song zu Song mehr Abwechslung aufweisen, als auch im noch biestigeren Detailreichtum der Stücke – mit Gitarrenverzierungen in den Übergängen und in den würzigen »Middle Eight«-Passagen. Im weiteren Verlauf des Albums gibt es einige Momente, die eine Verbindung der neuen Zeit mit dem Glanz klassischer musikalischer Gepflogenheiten der alten Accept-Schule herstellen. Ein solches Beispiel ist etwa der Rock ’n‘ Roller Wanna Be Free, der live besonders gut zünden wird, sollte die Band ihn ins Konzertrepertoire aufnehmen; ihm gesellt sich im Eingangsbereich des Albums Dark Side of My Heart in seiner Ähnlichkeit hinzu. Beide Songs besitzen eingängige, reißerische Refrains. Dann gibt es Songs mit größerem melodischen und atmosphärisch pompösem Ertrag im Sinne typischer Drama-Theater-Effekte, wie From the Ashes We Rise, Fall of the Empire und den Abschlussbereich des Albums mit der »vertieften« Mini-Epik-Suite The Curse sowie dem hervorragenden Abschluss Final Journey. Weiter ist da das in den Leitphrasen klassisch angelegte 200 Years, das das Beste aus der musikalischen Accept-»Numismatik« der goldenen Achtziger herauszieht, sowie das äußerst dramatische und apokalyptische Bloodbath Mastermind. Kurzum: Wenn du dich durch die Songs des neuen Albums bewegst, stellst du fest, dass die zweijährigen Abstände zwischen den letzten drei Alben, die die Gefahr einer ideellen Ausblutung oder kreativen Verödung mit sich bringen könnten, keineswegs zwangsläufig schädlich sind. Der musikalische Ausweis des Albums »Blind Rage« widerspricht dem entschieden.

Offensichtlich ist die Energie beziehungsweise die Chemie in der Gemeinschaft des heutigen Accept jener Faktor, der die musikalische Akte der Band über jeden Zweifel an einem Versinken in abgedroschene Repetition wegen zu schnell herausgegebener Alben erhebt. Accept sind zu erfahren, und befinden sich dazu im reifen Alter in außergewöhnlicher Konzertverfassung, da sie auf dem Planeten praktisch ununterbrochen auf Tour sind. Die mengenmäßig limitierte, inhaltlich aber erweiterte Version dieses Albums enthält eine zusätzliche Konzert-DVD (oder Blu-ray), auf der vollständig ein Konzertauftritt der Band vom 12.04.2013 aus der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile enthalten ist. Herman Frank hat dabei seine Victory wieder zum Laufen gebracht, was nur zur guten konditionellen Vorbereitung der ohnehin trainierten Veteranen des deutschen Metals beiträgt. Viele »Gäule« halten in ihrem Alter ideell deutlich schlechter durch. Von jenen ganz zu schweigen, die Accept einst begeistert haben (nicht wahr, Metallica?). Ein außerordentlich guter Indikator für große Erfahrung und den perfektionierten Sinn fürs Setzen makellos komponierter Stücke, die das Prinzip von Melodie und Schlagkraft optimal verbinden, sind die außerordentlich geschickt angelegten »Middle Eight«-Passagen, in denen Accept die Akkordstruktur wiederholt vollständig verändern, auf diese Weise eine unerwartete Stimmungswende erzeugen und die dynamische Entwicklung des Albums vorantreiben! Hoffmann und Frank zeigen gerade in diesen »Middle Eight«-Passagen die großen Vorzüge ihrer Handfertigkeit im Geflecht außergewöhnlicher Gitarrensoli, an denen dieses Duo auf Anhieb erkennbar ist. Hoffmann bleibt natürlich auch diesmal der erste musikalische Solist der Band – wenngleich Frank kein schlechterer Gitarrist ist, was seine Rolle bei Victory beweist, wo er für die Ausführung der tragenden Soli aller Bandstücke zuständig ist.

Auf dem Album »Blind Rage« sitzt alles genau so, wie es sitzen muss. Ganz in der Tradition der Band. In moderner Produktion und mit der Inspiration von Metal-Veteranen lässt sie nicht locker und hält damit weiterhin ihre volle künstlerische Blüte aufrecht. Auch im reifen Alter der Band. Das Album, das im bösartigen und vernichtenden Schwung seiner Aggression keine Gefangenen macht, ist neues Manna für die Ohren aller Accept-Fans und ein weiteres Schulbeispiel dafür, wie man mit einem prägnant verdichteten Ansatz aus kurzen, einfachen Tricks in einer Metal-Komposition den maximalen Aussageertrag herausholt. Im klassisch angelegten Heavy Metal. Von typischer »Deutschheit«. Accept liefern wieder das Beste, was sie können und vermögen. Und das ist das Wesentliche. »Blind Rage« ist ein neues, ausgezeichnetes Album, mit dem du deine Sammlung der reichen und unsterblichen Diskografie der einzigartigen Accept mit großer Freude bereichern wirst.

Besetzung

Mark Tornillo – Gesang
Wolf Hoffmann – Gitarre
Herman Frank – Gitarre
Peter Baltes – Bassgitarre
Stefan Schwarzmann – Schlagzeug

Produktion

Andy Sneap

Tracklist

01. Stampede
02. Dying Breed
03. Dark Side Of My Heart
04. Fall Of The Empire
05. Trail Of Tears
06. Wanna Be Free
07. 200 Years
08. Bloodbath Mastermind
09. From The Ashes We Rise
10. The Curse
11. Final Journey

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies