Blind Guardian: The God Machine
Label: Nuclear Blast Records
Erscheinungsdatum: 2. 9. 2022
Produktion: Charlie Bauerfeind & Joost van den Broek
Albumlänge: 51.08 min
Genre: Power Metal / Progressive Metal
Wertung: 9.0/10
Blind Guardian, die teutonischen Herren der Ringe des progressiven Power Metals, meldeten sich 2022 mit dem neuen Studioalbum „The God Machine“ zurück an der Spitze des Metal-Olymps. Die hochfliegenden Ankündigungen einer Rückkehr zu den Wurzeln haben sich bewahrheitet: „The God Machine“ ist wieder ein klassisches Blind Guardian-Album, das die meisten Langzeitfans begeistern dürfte. Diese Art von Rückbesinnung auf den Ursprung war schon fast überfällig. Nachdem sie mit dem zwar exzellenten Orchesterprojekt „Legacy of the Dark Lands“ (2019) — an dem von den Mitgliedern dieser Kultband nur Vokal-Donnergott Hansi Kürsch und Leadgitarrist André Olbricht mitgewirkt hatten (und letzterer nur als Komponist) — für nicht wenig Verwirrung, wenn nicht gar Unverständnis und heftige Empörung unter einigen (Power-)Metal-Rechtgläubigen gesorgt hatten, kamen sie auf „The God Machine“ in voller Besetzung zurück und brachten alle ihre unverkennbaren Qualitäten mit: gewaltige Mehrstimmigkeit mit gelegentlichen Operetten-Elementen, verzerrte Gitarrenharmonien, eine feurige Rhythmuslinie, komplexe symphonisch-metal-Arrangements und all jene Klangelemente, die ihre Musik in den vergangenen drei Jahrzehnten im Vergleich zur Masse verwandter Prog/Power-Metal-Bands so interessant gemacht haben.
„The God Machine“ wurde von manchen bei Erscheinen sogar als stilistische Fortsetzung des Klassikers „Imaginations From the Other Side“ (1995) bezeichnet, was nur teilweise stimmt — beide Alben sind doch recht unterschiedliche, eigenständige „Geschichten“ —, aber einige Stücke auf dem Album klingen stilistisch tatsächlich nach bestimmten Blind Guardian-Werken aus den Neunzigern. Gleichzeitig haben sie seit Langem nicht mehr so druckvoll geklungen, was all jene freuen wird, die sich noch gut an ihre Speedmetal-Wurzeln erinnern. Hansi soll vor der Veröffentlichung gewollt haben, dass das neue Album noch druckvoller klingt und sogar vorhatte, Death-Metal-Elemente einzubauen — doch die anderen Bandmitglieder haben solche Ideen zum Glück abgelehnt.
Der Eröffnungstrack, der „supersonische“ Energiekatalysator „Deliver Us From Evil“ — einer der härtesten Blind Guardian-Songs der letzten zwanzig Jahre — wurde lyrisch von dem Drama ‚The Crucible‘ des bekannten amerikanischen Dramatikers Arthur Miller inspiriert, der hierzulande vielleicht eher als dritter und letzter Ehemann von Marilyn Monroe bekannt ist. Auch „Damnation“ ist eine waschechte Blind Guardian-Schöpfung mit epischen Harmonien und gewaltiger Mehrstimmigkeit, die alle Fans von Power, Prog und Speed Metal begeistern wird. Der Text orientiert sich an der Fantasy-Trilogie ‚The Kingkiller Chronicle‘ des amerikanischen Fantasy-Autors Patrick Rothfuss. Das ambitionierte Epos „Secrets of the American Gods“, das auch als Single erschien, gehört zu den herausragenden Stücken auf „The God Machine“. Symphonische Elemente und chorische Mehrstimmigkeit kommen hier stärker zur Geltung, sodass es zeitweise — trotz allgegenwärtiger druckvoller Momente — an einen Filmmusik-Score erinnert. Diesmal diente der Roman ‚American Gods‘ des englischen Autors Neil Gaiman als Vorlage, der vor allem für die Kult-Comicreihe ‚The Sandman‘ bekannt ist.
Die epische Fantasy-Romanserie ‚The Stormlight Archive‘ des amerikanischen Autors Brandon Sanderson war die Grundlage für das rhythmisch kompromisslose, aber dennoch hochgradig epische „Violent Shadows“, auf dem auch ein starkes Gitarrensolo eine wichtige Rolle spielt. Den Text zu „Life Beyond the Spheres“ werden auch alle jene leichter verstehen, die keine Fantasy- und Science-Fiction-Romane lesen, denn er handelt von der Entstehung des Universums bzw. dem sogenannten Big Bang. Die majestätischen Harmonien sind durchgehend geschmackvoll mit chorisch gefärbter Mehrstimmigkeit unter Hansis Kommando verwoben, während auch die instrumentalen Momente hervorragend wirken. Das Endergebnis ist eines der Highlights des Albums. Fans der Science-Fiction-Serie ‚Battlestar Galactica‘ werden feststellen, dass besagte Serie die Hauptinspiration für „Architects of Doom“ war. Letztere hätte sich problemlos auf dem unvergesslichen „Imaginations From the Other Side“ befunden.
„Let It Be No More“ ist eine sehr gute Power-Ballade, die Hansis verstorbener Mutter sowie der amerikanischen TV-Serie ‚The Leftovers‘ gewidmet ist. Eine so gelungene Power-Ballade auf einem neuen Blind Guardian-Album war seit Jahren nicht mehr zu hören. Sie schafft einen hervorragenden Kontrast und bremst das Tempo dieses druckvollen und oft extrem „aufgedrehten“ Albums etwas ein. Beim Hören des exzellenten und äußerst melodramatischen „Blood of the Elves“ wird das Herz aller Fans der berühmten Fantasy-Saga ‚The Witcher‘ — bei uns auch als ‚Hexer‘ bekannt — höher schlagen, die der polnische Schriftsteller Andrzej Sapkowski erschaffen hat, denn der Text ist von ‚Blood of Elves‘, dem dritten Band der Romanserie über den Hexer Geralt von Riva, inspiriert. Geralts Dilemma, als er sich trotz seiner traditionellen Neutralität inmitten eines Konflikts zwischen Elfen und Menschen wiederfindet, wird sehr wirkungsvoll durch kompromisslose Übergänge in epische Sektionen mit gewaltigen Gitarrenpassagen und nahezu feierlichen Vokalharmonien dargestellt.
„Destiny“, das abschließende Stück des Albums, lässt sich von dem ziemlich düsteren und trübseligen Märchen ‚Das Eisjungfrau‘ inspirieren, einem weniger bekannten Werk des berühmten dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen (kein Wunder, dass besagtes Märchen ein trauriges Ende hat). Entsprechend düster und kämpferisch ist auch die Atmosphäre dieses Stücks, das zwar durchaus solide ist, aber sicherlich nicht zu den herausragendsten Albumabschlüssen in Blind Guardians bisheriger Diskographie zählt.
„The God Machine“, entstanden nach dem ambitionierten Orchesterprojekt, war für die deutschen Prog/Power-Metal-Herrscher sicherlich kein einfaches Unterfangen — doch trotzdem ist es sehr gelungen ausgefallen. Ohne Übertreibung lässt es sich zu ihren besten Werken seit dem Ende der klassischen Blind Guardian-Ära mit „Nightfall In Middle-Earth“ (1998) bzw. „A Night At the Opera“ (2002) zählen. Etwas Unmut unter Langzeitfans wird allenfalls das für Blind Guardian-Verhältnisse doch recht unglückliche, etwas generische Cover auslösen. Das erinnert weniger an ein Album der Meister des progressiven Power Metals als an ein alternatives Cover japanischer RPG-Videospiele aus der ‚Final Fantasy‘-Reihe oder an das Cover einer inoffiziellen „Erweiterung“ für das beliebte knallharte Fantasy-Spiel ‚Elden Ring‘, das Hansi und Kollegen vermutlich begeistert zocken, wenn sie gerade nicht im Aufnahmestudio oder auf Konzerttournee sind.
Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik
Tracklist:
1. Deliver Us From Evil (5:21)
2. Damnation (5:20)
3. Secrets Of The American Gods (7:28)
4. Violent Shadows (4:17)
5. Life Beyond The Spheres (6:02)
6. Architects Of Doom (6:20)
7. Let It Be No More (4:48)
8. Blood Of The Elves (4:37)
9. Destiny (6:46)
Besetzung:
Hansi Kürsch – Gesang
André Olbrich – Leadgitarre
Marcus Siepen – Rhythmusgitarre
Frederik Ehmke – Schlagzeug
Gastmusiker:
Barend Courbois – Bassgitarre
Thomas Geiger – Effekte und Keyboards
Joost van den Broek – Keyboards auf „Life Beyond the Spheres“
