Blacklist
Autor: Sandi Sadar Šoba
Interpret: Hatenation
Label: SAOL
Erschienen: 2010
Laufzeit: 43:28
Bewertung: 2/5
Hatenation ist eine Band, die 2007 am dörflichen Rand der multinationalen und multikulturellen Sporthauptstadt Barcelona das Licht der Welt erblickte. Genauer gesagt: im Dörfchen Gavà. Natürlich hat die Band sich von den ersten Tagen bis heute ergänzt, verändert und gehärtet – aus dem Arsenal ihrer früheren Heavy-Metal-Band Rebel Pride wurde überflüssiges Material herausgeschnitten und überflüssiges Gewebe entfernt, vor allem aber wuchs man an Muskeln und Testosteronspiegel. Das entscheidende Element des Übergangs zu einem völlig neuen Stil der brutaleren und vor allem derzeit äußerst angesagten Musik war die Aufnahme eines neuen Mitglieds: Bassist Sting. Die Saiten werden auf D heruntergestimmt, mehr Kraft und Aggression hinzugefügt und die Band in etwas Auffälligeres umbenannt – zumindest meinen sie das selbst: Hatenation ist geboren. Nach dem Experiment mit der spanischen Sprache auf dem letztjährigen EP Afterlife haben sie im Juli dieses Jahres das Studio Wheel Sound in Beschlag genommen und ihr vollständig anglisiertes Debüt Blacklist aufgenommen. Da Geld – wie es sich für jedes Debüt gehört – Mangelware ist, übernehmen sie Produktion und Imagegestaltung selbst, und das Ergebnis ist …
Das Ergebnis ist beim ersten Hören gar nicht schlecht, wenn wir ehrlich sind. Blacklist ist eine durchaus solide Mischung aus Neo-Thrash-Aggression, Death Metal und einem angenehm fließenden Groove-Rhythmus, die jedoch stellenweise zu vorhersehbar ist und zu offensichtlich auf die erstbeste Option setzt. Gleichzeitig setzen sie auf den Überraschungsfaktor und die Möglichkeit, dass du diese Art von Musik erst heute zu hören begonnen hast und dir, schau an, ausgerechnet die Platte Blacklist als erstes in die Hände gefallen ist. Hatenation greifen bis zum Ellbogen und darüber hinaus in die Materie von Hass, brutaler Dominanz und politischem Kollaps und versuchen, daraus so viel wie möglich herauszuholen. Und auf vollen Erfolg setzen die Jungs nur ein Jahr nachdem Neugitarrist Igna Jover in die Band integriert wurde. Kommen wir also zur – hoffentlich konstruktiven – Kritikflut. Dass es Bands, die sich mit den Präfixen Hate und Death schmücken, mehr als genug gibt, pfeifen die Spatzen schon von nahezu jedem Dach auf diesem Erdenrund. Genauso wenig ist mir vollkommen klar, warum man den Ansatz der bereits erwähnten Down und LOG komplett kopieren und jeden ihrer Riffs und rhythmischen Wendungen als das Höchstgebot von allem nehmen muss, was man in der Musik tun darf? Blacklist ist so zwar ein sehr herzlich eingespieltes Bündel an Songchen, die klingen wollen wie …, doch unterschreibt das Ganze als etwas Eigenständiges und Originelles eine Gruppe von Musikern, die bestenfalls im lokalen Umfeld Barcelonas bekannt ist und außerhalb der Grenzen der Heimat sofort im Meer der Interpreten desselben musikalischen Ausdrucks, gleicher Namen und – was noch amüsanter ist – völlig identisch gereihter Akkorde verschwindet. Dem Debüt schadet auch die ziemlich unklare und trübe Produktion, in der das Haupttrumpf – die Gitarren – in der Flut von Bässen und Drums verloren geht, und auch der Gesang klingt recht trocken und zu wenig druckvoll. Dieser ist tatsächlich zu brüchig und kraftlos, um zu überzeugen, und die Monotonie steigert sich vom ersten Moment von Countdown bis zum letzten Atemzug von N.E.P.. Der Rest ist ewiges Verharren im Graubereich und Ähnlichem. Das i-Tüpfelchen auf der doch recht hohlen Vokal-Klangparade ist auch die Tatsache, dass Englisch nicht ihre Muttersprache ist, weshalb sich im Gesamten so einige Ausrutscher und ziemlich empfindungslose Parolen einschleichen. Es könnte ruhig mehr Wut geben – und auf Katalanisch würde sie noch besser klingen? Oder müsste man noch ein bisschen mehr an den Reglern des Mischpults drehen und ein oder zwei (Kilo)gramm nachvertonten Gesang hinzufügen … Auch die gelegentlichen, aber höchst stereotypen Soli überzeugen nicht, weshalb die ursprünglich versprochene Erektion der Sinne auf der Stufe einer schlaffen Nudel stecken blieb. Scheiß drauf – für die vollständige Befriedigung aller Appetit reicht eine wütende Penetration der Gehörgänge allein nicht aus, es braucht etwas mehr. Keine Ahnung – vielleicht Vorspiel oder eine Portion von etwas Männlich-Eigenständigerem und Originellerem. Dazu kommt noch reichlich „Groove Metal“-Stottern und Stoppen fast auf der Stelle, wodurch die wilde Fahrt durch die Abschussliste mehr zu einer routinemäßigen lahmen Nummer wird als zu irgendetwas originell Tiefgründigem.
Lass mich das Geflecht aus versteckten Lobeshymnen und Kritiken im letzten Absatz dieses emotionalen Ergusses mit den Worten zusammenfassen, dass es nicht immer ganz einfach ist, mit fremdem Arsch zu scheißen. Hatenation sind eine (Foto)Kopie einer Kopie des Originals und klingen in ihrer Annäherung an das Ideal von LOG oder Down eher wie die ungarischen Ektomorf, die zwar gute Interpreten der von Max Cavalera geschriebenen Musik sind, auf ihrem eigenen Acker jedoch eigenständige und originelle Ideen gründlich ausreißen. Den Jungs kann man keinen Mangel an Herzblut und Eiern vorwerfen, aber es liegt nicht alles darin, mit Gewalt und um jeden Preis ein Debüt rauszupumpen in der Hoffnung, es werde sich schon was daraus ergeben. Klar findet auch ein blindes Huhn ein Korn, aber … Der Weg in die Vergessenheit kann sich auf den nächsten Alben fortsetzen, ich hoffe und meine dennoch, dass sich diese durchaus vielversprechenden Musiker einer längeren Phase der Kontemplation, des Ideensammelns und weiterer Selektion widmen und nach etwas mehr Knete einen Produzenten engagieren, der aus der großen katalanischen Orange alle Tröpfchen des Safts aus Herzblut, Wut und Musikalität herauspressen und in ein Biest integrieren wird, das überzeugender wäre, uns beim nächsten Mal den Kopf abreißt, alle Bänder zerreißt und uns von sämtlichen heutigen Vorwürfen befreit. Wie man sagt: Die Schlacht hat gerade erst begonnen. Der Krieg ist noch nicht verloren!
Die Rezension entstand in Zusammenarbeit mitRock Hard Slovenija und RockLine.
Besetzung
Carlos Olmedilla – Gesang
Enrique MarÃn a.k.a. Kike – Gitarre
Igna Jover – Gitarre
LuÃs Fontes – Schlagzeug
Juan A. Núñez a.k.a. Sting – Bass
Produktion
Hatenation
Trackliste
1. Countdown
2. Blacklist
3. Internal Sickness
4. Sons of the Shamed God
5. In the middle of nowhere
6. Unknowledge Fields
7. Pain
8. Dread Sky
9. Traces
10. Visions
11. N.E.P.