Blackfield IV
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Blackfield
Label: Kscope
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 31:29
Bewertung: 4/5
Das Projekt Blackfield muss man nicht mehr ausführlich vorstellen. Die Sache ist erfolgreich vom Stapel gelaufen und hat eine beachtliche Anzahl an Unterstützern auf ihre Seite gezogen. Auf der internationalen Bühne. Dank des Namens Steven Wilson. Das hat auch unser Konzertbesuch der Band im April 2011 bestätigt, als Steven Wilson und Aviv Geffen als Hauptträger des Projekts Blackfield mit ihrer Begleitmannschaft in dem kleinen italienischen Städtchen Roncade bei Treviso auftraten. Sie präsentierten damals das aktuelle Album »Welcome to My DNA« (2011).
Kaum zwei Jahre sind seitdem vergangen, und schon ist das vierte Studioalbum des Projekts da, schlicht »IV« getauft. Das Album trägt in jeder Hinsicht die echten Markenzeichen seiner drei Vorgänger. Zugleich unterstreicht es, dass Blackfield immer mehr und mehr zur eigenständigen künstlerischen Visitenkarte von Aviv Geffen wird. Steven Wilson ist die ganze Zeit beschäftigt wie der Teufel höchstpersönlich. Für eine vollständige Konzentration auf das vierte Blackfield-Album hat ihm die Zeit gefehlt. Da wir aber wissen, aus welchem Holz dieser geniale Künstler geschnitzt ist, lautet sein Credo, dass man schaffen, aufnehmen und Alben veröffentlichen muss, solange »die Musik fließt«. So hat Aviv diesmal alle Songs geschrieben und auch den Löwenanteil der Klangproduktion übernommen. Wilson übernahm den finalen Mix.
Da Aviv Geffen ein Perfektionist ist – was auch eine große Charakterstärke seines Weggefährten Steven Wilson ist –, hat der Typ gleich drei Gastvokalisten eingeladen, die ihre Beiträge mit großer Klasse eingebracht haben. Drei Sänger, die jeder für sich ihre eigene musikalische Welt erschaffen, so wie auch die Bands Mercury Rev, Anathema und Suede, denen sie angehören, ihr eigenes musikalisches Universum. Die melancholische Atmosphäre von Geffens musikalischem Minimalismus als pop-orientiertem Komponisten ist diesen Sängern wie auf den Leib geschrieben, denn diese Ausrichtung trägt manche Verwandtschaft mit der ihrer jeweiligen Herkunftsbands. Unter ihnen sticht besonders Firefly hervor, wo die Leadstimme von Suede-Sänger Brett Anderson in einer einzigartigen Mischung aus symphonischen und psychedelischen Elementen fantastisch zündet. Das ist der dunklere Moment auf dem Album!
Lost Souls trägt eine interessante Verdopplung des Gitarrenmotivs in der Harmonie der Basslinie (die sich bewusst in der hohen Lage hält). Die Harmonie erinnert an die Energie von Post-Punk- / Darkrock-Bands wie The Cure oder den ersten beiden The Mission-Alben (Zeitraum 1986–1988), die in Kombination mit dem psychedelischen Mellotron-Hintergrund einen besonderen Moment des Albums kreieren. Der melodisch kompakte Sentiment von Strophe und Refrain verleiht dem Song bei aller Retro-Anmutung die aktuelle Frisur moderner Indie-Pop-Rock-Bands – und diese Musik ist ein ausgezeichneter Kandidat für eine Hit-Single! Das Witzige daran ist, dass Retro-Sound beim MTV stark gefragt ist – du musst ihn nur richtig »neu verpacken«.
Da das neue Blackfield-Album eine weitere Reduktion der progressiven Elemente darstellt – wir gehen dabei vom Ausgangspunkt aus, dass frühe Blackfield »sanft progressiv« war –, nähert sich das Album »IV« im Gegensatz zu den ersten beiden Alben stilistisch und atmosphärisch den Solo-Werken von Aviv Geffen, der in dieser Hinsicht in Israel ein echter nationaler Musikheld ist. Also. »IV« hat fast mehr gemein mit der Melancholie und Pop-Orientierung von Aviv Geffens Solo-Werken als mit den ersten beiden Blackfield-Alben.
Wilson steuerte Vocals für den Eröffnungssong Pills und später für Jupiter bei. In beiden verfehlst du seine Stimmfarbe nicht. Im ersteren wird er in der Strophe vom typischen Old-School-Lennon-Effekt unterstützt (davon strotzt die Musik von Porcupine Tree ohnehin). In Jupiter gesellt sich seiner wunderschönen Stimmfarbe in der eingängigen Refrainmelodie eine psychedelische Keyboard-Begleitung. Wilson verlieh den Gitarrenpassagen mit seiner eigenen Gitarre Farbe (in Pills kommst du an dem Outro nicht vorbei, das »Porcupine-Tree-mäßig« riecht). Was auf dem Album »IV« am meisten verblüfft, ist sein ultrasanfter klanglicher Kontrast, der in seiner ultra-retroartigen Klangwelt authentisch und organisch wirkt. Diese besitzt Klangelemente, auf denen die Pionier-Rockbands an der Schwelle von den Sechzigern zu den Siebzigern ihren Sound aufgebaut haben, als sie sich allmählich aus psychedelischen The-Beatles-Nachahmern zu echten symphonisch-progressiven Rock-Experimentatoren häuteten! Das Mellotron ist überall in Hülle und Fülle zu hören.
Auf der anderen Seite ist genau dieser Moment des Retro-Sounds so raffiniert in den Minimalismus der Arrangements verpackt, der sich den Konturen der Ultra-Hitmaker Coldplay (Song Faking) annähert – und auch U2 (die Feierlichkeit von Sense Of Insanity). Das sind die Momente des Albums, die besonders großzügig auf den Frequenzen kommerzieller Radiowellen klingen. Also ist Album IV in erster Linie ein Indie-Pop-Rock-Album!
Das Album ist vollkommen unprätentiös. Es drängt eher zur inhaltlichen Verdichtung als zur zufälligen Dehnung der Arrangements. Und genau dieser Minimalismus wirkt auf ganzer Linie. The Only Fool Is Me, der zerbrechlich-balladeartige Moment des Albums, ist kürzer als zwei Minuten, vermittelt aber das Gefühl eines Songs von mindestens dreieinhalb Minuten Länge. Die Vocals von Mercury Rev-Sänger Jonathan Donahue wirken darin außerordentlich gelungen. Auch der Abschluss des Albums bietet das äußerst kurze After the Rain, unter das meisterhaft ein programmiertes Pattern gelegt ist, das das rhythmische Gerüst des Songs ausfüllt. Solche Momente hätten das Album durchziehen können, aber offenbar heben Wilson und Geffen derartige kreative Lösungen für zukünftige Zeiten auf.
Das Album »IV.« wirkt wie ein unverschämt gutes Stück Süßigkeit. Kaum hast du es gekostet, dreht es sich schon ins finale Crescendo und zwingt dich, am CD-Player nochmal auf »Play« zu drücken. Und in dem gegebenen Minimalismus, angetrieben vom feinen Gespür beider Musiker für das richtige Maß an inhaltlicher Rationalisierung, sticht die Betonung der melodischen Kompaktheit hervor – und die einzigartige melancholische Atmosphäre, die von früheren Blackfield-Alben geerbt wurde! Ich wiederhole es. »IV.« ist von der ersten bis zur letzten Sekunde angenehm radiogenisch und ansteckend, und zugleich groovt darauf ein außergewöhnliches Zusammenspiel symphonischer und psychedelischer Elemente, aus dem es nicht schwerfällt, einmal mehr herauszuhören – nicht nur anhand der Prinzipien des Arrangierens, sondern auch anhand der Stimmfarbe der Sänger und ihrer Interpretationen –, dass die Schöpfer dieses Albums tief im Herzen große Liebhaber des zeitlosen Schaffens einzigartiger Weiser sind. The Beatles!
Besetzung
Aviv Geffen – Gesang, Gitarre, Keyboards
Steven Wilson – Gitarre, Gesang auf den Songs „Pills“ und „Jupiter“
Seffy Efrati – Bassgitarre
Eran Mitelman – Keyboards, Piano
Tomer Z – Schlagzeug, Perkussion
GASTVOKALISTEN:
Vincent Cavanagh (Anathema) – Gesang auf dem Song „XRay“
Brett Anderson (Suede) – Gesang auf dem Song „Firefly“
Jonathan Donahue (Mercury Rev) – Gesang auf dem Song „The Only Fool Is Me“
Produktion
Aviv Geffen & Steven Wilson
Trackliste
1. Pills
2. Springtime
3. XRay
4. Sense of Insanity
5. Firefly
6. The Only Fool is Me
7. Jupiter
8. Kissed by the Devil
9. Lost Souls
10. Faking
11. After the Rain