Black Sabbath: Seventh Star
Label: Vertigo Records
Erscheinungsdatum: 27.02.1986
Produktion: Jeff Glixman
Albumlänge: 34.55 min
Genre: Heavy Metal
Bewertung: 9 / 10
Die erste Hälfte der Achtziger war ohne Zweifel die chaotischste Phase in der Geschichte der britischen Hardrock-/Metal-Institution Black Sabbath. Auf den großen Aufschwung, den der großartige Ronnie James Dio mit den Kultplatten „Heaven and Hell“ (1980, RockLine Rezension) sowie Mob Rules“ (1981) ausgelöst hatte, folgte nach seinem Abgang ein rasanter Zerfall. Gitarren-Großmeister Tony Iommi, der nach dem Abgang von Bassist Geezer Butler und Schlagzeuger Bill Ward (letzterer kehrte zwischenzeitlich noch einige Male erfolglos zurück) als einziges Originalmitglied der legendären Gruppe übrig geblieben war, versuchte die Sängerlücke irgendwie mit seinem Saufkumpel Ian Gillan (Deep Purple) zu stopfen. Diese, gelinde gesagt, merkwürdige Entscheidung kam Black Sabbath wegen des kontroversen Albums „Born Again“ (1983) und der noch kontroverseren Tournee mit einer Miniatur-Stonehenge-Replik (eines der Hauptelemente der späteren Spinal Tap-Satire) teuer zu stehen und hätte sie am Ende beinahe begraben.
Nach der symbolischen, nur vorübergehenden Wiedervereinigung der Original-Ozzy-Osbourne-Ära-Besetzung beim Live Aid 1985 und einem gescheiterten Experiment mit Sänger David Donatto, einem ehemaligen Männermodel, beschloss Iommi, sein erstes Soloalbum mit dem Titel „Seventh Star“ aufzunehmen. Ihm zur Seite standen Bassist Dave Spitz (später Great White, Impellitteri, White Lion), Schlagzeuger Eric Singer (ex-Lita Ford, später Badlands, Alice Copper, Kiss) sowie Keyboarder Geoff Nichols, langjähriges inoffizielles Mitglied von Black Sabbath, der so endlich den Beinamen „inoffiziell“ abschütteln konnte. Die Besetzung vervollständigte der Kultsänger und Bassist Glenn Hughes (ex-Trapeze, Deep Purple, Hughes-Thrall), nach Gillan der zweite ehemalige Deep Purple-Sänger, der sich den Sabbaths anschloss.
Hughes, der nur für die Gesangsaufgaben engagiert worden war, befand sich damals in einem katastrophalen psychophysischen Zustand — schuld daran waren seine Kokainsucht und der exzessive Konsum von Junkfood, vor allem Mars-Riegeln, auf die er schlechtweg verrückt war. Der aufgedunsene und mürrische Bartträger mit Bundesliga-Frisur erinnerte kaum noch an das aufstrebende einstige Mitglied von Trapeze und Deep Purple. Obwohl er körperlich halb tot war, erledigte einer der besten Rocksänger aller Zeiten seinen Auftrag mit Bravour und impfte dem Album eine ordentliche Dosis seines charakteristischen „White Soul“ ein. Der geläuterte Hughes hat sich bei Iommi später übrigens schon mehrfach für seinen damals unernsten Umgang mit dem „Seventh Star“-Projekt und der Konzerttournee entschuldigt.
Auf Druck des Labels, vor allem dank des damaligen Sabbath-Managers Don Arden (dem Vater von Ozzys Ehefrau Sharon), versank Iommis Soloprojekt im Sand: Man klebte über den Albumtitel den Schriftzug „Black Sabbath featuring Tony Iommi“, damit es sich bei der breiten Masse besser verkaufen ließ. Dabei störte sie das wenig geglückte Cover nicht, das einen etwas wehmütigen, mitten in der Wüste allein stehenden Iommi in einer seiner zahlreichen Lederjacken zeigt. Das Ganze wirkte wie ein Rezept für die totale Katastrophe und der letzte Nagel im Sarg der Legendengruppe — doch der alte Fuchs Iommi ließ sich von den Labelgeiern nicht so einfach austricksen und schuf wider Erwarten ein hervorragendes Album, das den Vorgänger „Born Again“ locker in die Tasche steckt und sich souverän mit den besten Black-Sabbath-Errungenschaften messen kann. „No Stranger to Love“ sowie der Titelsong — beide führt Hughes noch gelegentlich bei Soloauftritten auf — haben sich unter die Sabbath-Klassiker eingereiht.
„Seventh Star“ markierte einen bewussten Bruch mit dem traditionellen „Doom-and-Gloom“-Sound von Black Sabbath — sein Gesamtbild lässt sich am ehesten als Hardrock mit Blues- und Melodicrock-Einflüssen beschreiben. Dennoch finden sich darauf auch gewisse Parallelen zur ruhmreichen Vergangenheit. So ist die Atmosphäre der meisten Stücke auf dem Album recht düster, während sich in den Texten, in denen sonst Liebesgeschichten dominieren, der ein oder andere mystische Moment findet, wie etwa beim Titelsong, der sogar leicht nach der Dio-Ära duftet.
Der Eröffnungsknaller „In for the Kill“ schlägt wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein — mit einem wuchtigen Gitarrenriff, galoppierendem Rhythmus und Hughes an der absoluten Grenze seiner angespannten Stimmbänder. Natürlich darf auch Iommis obligatorisches gastronomisches Solo nicht fehlen. Hughes, vielleicht der vielseitigste Sänger in der Geschichte von Black Sabbath, bewegte sich gleichermaßen souverän in Hardrock, Funk, AOR, Blues, Pop, Soul — und das ist noch längst nicht alles.
Davon zeugt am beredtesten die nostalgische Liebesballade „No Stranger to Love“, das mit Abstand kommerziellste und eingängigste Stück des Albums. Dieser Klassiker, der auch als Promo-Single erschien, ist dank eines etwas lächerlichen Videos, in dem der einsame Iommi vergeblich versucht, einer platinblonden Jägerin auf hohen Absätzen zu entkommen (gespielt von Denise Crosby, später bekannt als Tasha Yar in Star Trek the Next Generation), das bekannteste Stück des Albums. Nach dem einleitenden Mellotron-Einschub setzt eine melodramatische Melodie ein, die ihren Höhepunkt in einem sinnlich-hypnotischen Refrain in bester Hughes-Manier findet, während das königliche Gitarrensolo die ergreifende atmosphärische Weite dieses unvergesslichen Evergreens noch vertieft.
„Turn to Stone“ ist ein ziemlich traditioneller Hardrocker mit einem Hauch Blues, was dazu beiträgt, dass Hughes‘ ausgesprochen aufgeheizter Gesang sich darin besonders wohl fühlt. Das kurze Instrumental „Sphinx (The Guardian)“ dient vor allem als Einleitung zum Titelsong. Das exzellente „Seventh Star“ ist ein mächtiger Epos mit enigmatischer, orientalischer Atmosphäre, einem zornigen Gitarrenriff und einem langsamen, melodramatischen Rhythmus. „Danger Zone“, das strukturell leicht an die Joe-Lynn-Turner-Ära von Rainbow erinnert, ist durchzogen von einem kataklysmischen Gitarrenriff und Hughes‘ unerbittlichem Gesang.
Das bluesrockige „Heart Like a Wheel“ wartet mit einem langsamen Tempo und einem eigenwilligen, ausgesprochen innovativen Gitarrenriff auf, wie ihn nur ein Großmeister vom Format Iommis hervorzaubern kann. Hier bietet sich erneut die Gelegenheit für Hughes, in die Rolle des Blues-Ritters mit gebrochenem Herzen zu schlüpfen. „Angry Heart“ ist ein solides Kreuzprodukt aus Hard- und Melodicrock, bei dem dynamisch gesetzte Orgellinien im Refrain für ordentliche Würze sorgen — im idealen Zusammenspiel mit wuchtigen, aber melodischen Gitarrenfrasen. Die ergreifende Ballade-Elegie „In Memory“, in der Hughes seinen Ausbruch aus den Scherben eines gebrochenen Herzens mit ganz besonderem Pathos singt, bildet einen schönen Abschluss dieses qualitativ äußerst konsistenten Albums.
Das oft zu Unrecht übersehene „Seventh Star“, das verkannte Solo-Debüt des einsamen, von seinem gierigen Label ausgetricksten Iommi, gehört dennoch zu den hellsten Juwelen des mächtigen Black-Sabbath-Vermächtnisses — selbst die glühendsten Ozzy-Ära-Traditionalisten können das nicht bestreiten. Die Albumtournee war erwartungsgemäß eine Katastrophe, da sich Hughes bereits nach wenigen Auftritten in einen völlig artikulationsunfähigen, aufgedunsenen Zombie verwandelt hatte, sodass den Großteil der Gesangsparts stattdessen Keyboarder Nichols aus dem Hintergrund übernahm. Mit Hilfe von Hughes‘ Ersatz Ray Gillen gelang es dennoch irgendwie, die Tournee zu Ende zu bringen. Auch Gillen (später Badlands) hielt es nicht lange aus, weshalb Tony „the Cat“ Martin einsprang und Black Sabbath erfolgreich in ihre stabilste Phase nach dem Ende der Ozzy-Ära führte.
Autor: Peter Podbrežnik
Trackliste:
1. In for the Kill
2. No Stranger to Love
3. Turn to Stone
4. Sphinx (The Guardian)
5. Seventh Star
6. Danger Zone
7. Heart Like a Wheel
8. Angry Heart
9. In Memory…
Besetzung:
Glenn Hughes – Gesang
Tony Iommi – Gitarre
Dave Spitz – Bass
Geoff Nicholls – Keyboards
Eric Singer – Schlagzeug
Gastmusiker:
Gordon Copley – Bass auf „No Stranger to Love“
