Benefit
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Jethro Tull
Label: EMI Records
Release: 1970
Bewertung: 4.5/5
Vor der Veröffentlichung ihres dritten Albums waren Jethro Tull mit den Singles „Sweet Dream“ und „Witch’s Promise“ schon eine der erfolgreichsten und vielversprechendsten Bands des frühen Progressive Rock. „Benefit“ ist jenes für die Band enorm wichtige Album, auf dem sie ihren unverwechselbaren Sound rund um Folk Rock festzurrten und fast alle Blues-Elemente endgültig über Bord warfen. Vor allem dank ihrer einzigartigen Rhythmuslinie, die auf Flöte und Akustikgitarre aufbaute. Die wurde über die Jahre zum Markenzeichen der Band und zum Fundament des gesamten Progressive Folk Rock. Ian Anderson hat sich damals nicht nur als Musiker, sondern auch als Texter enorm weiterentwickelt. Seine Texte wurden immer intelligenter und gleichzeitig ungemein zynisch und bissig. Damit wuchs auch sein Image als herumstreunender Weiser, so eine Art Frank Zappa des Progressive Folk Rock. Auf „Benefit“ nahm Ian erstmals den ewig gleichen Alltag und die falschen Werte aufs Korn, auf denen die britische Gesellschaft bis heute beruht. Gleichzeitig spiegelte der Albumtitel den damaligen Wunsch der Band nach einem festen Zuhause, in das sie sich von Zeit zu Zeit vor den aufdringlichen Medien zurückziehen könnte (der Druck des Ruhms wurde immer größer, und darauf war die Band nicht vorbereitet). Rein musikalisch gesehen bleibt auf „Benefit“ im Gegensatz zu den meisten ihrer Alben spürbar weniger Raum für Ians Flöte, vor allem für seine energiegeladenen Soli. Diesmal hat vor allem die E-Gitarre von Martin Barre Vorrang, die auch für einen viel härteren Bandsound sorgt als noch auf „Stand Up“ (1969). Barre hat auch an seiner Spieltechnik große Fortschritte gemacht, und seine Soli klingen hier völlig anders als auf „Stand Up“. Außerdem strahlt sein Gitarrenspiel mit zahlreichen einfallsreichen und originellen Soli und Riffs viel mehr Selbstbewusstsein aus. Ian wollte offenbar beweisen, dass die Band auch ohne den ständigen Einsatz seiner Markenzeichen-Flöte ein hervorragendes Album hinbekommt. Ein wichtiger Zugewinn war damals die Ankunft des charismatischen Keyboarders John Evans (hier zwar nur als Gastmusiker geführt), dem ehemaligen Frontmann der John Evan Band, jener Gruppe, aus der Jethro Tull hervorgegangen sind. Mit seiner Beherrschung von Klavier und Orgel entlastete er Ian, der solche Aufgaben vorher selbst übernehmen musste. Kurz gesagt: Jethro Tull hatten auf „Benefit“ schon ihr unverwechselbares Gesicht, das über die Jahre nur noch wuchs und sich verfeinerte. Die gesamte Atmosphäre auf „Benefit“ ist im Gegensatz zum Vorgänger viel düsterer und melancholischer.
Das Album eröffnet mit „With You There to Help Me“. Nach dem Flöten-Intro führt Ians Akustikgitarre geschickt die Hauptmelodie, zusammen mit Barres E-Gitarre. Dazwischen wechseln sich die ganze Zeit Ians charakteristische Flötenpassagen ab. Meiner Meinung nach ist das ein extrem übersehener Song, der eigentlich zu den Klassikern der Band zählen müsste. „Nothing To Say“ durchzieht Melancholie und ein Gefühl von Zynismus, das vor allem von Ians ungemein bildhaftem Gesang ausgeht. Barres hardrockig angelegte E-Gitarren-Parts sorgen für zusätzliche Dramatik. Gerade wenn man als Hörer erwartet, dass die Wucht, zu der seine Gitarre beiträgt, noch weiter zunimmt, folgt unerwartet ein wunderschöner Ausklang, geprägt von sehr schöner keltischer Melancholie und herrlichen Wechselspielen zwischen Barres Soli und Andersons Akustikgitarre. Noch so ein vergessener Klassiker. „Alive and Well and Living In“ hat ebenfalls einen extrem zynischen Geist, den die tollen Harmonien zwischen Gitarre, Flöte und Klavier widerspiegeln. Auf Letzterem hören wir erstmals auch das Können des Neuzugangs Evans. Ians Flötenarrangements sind auch diesmal wunderbar. „Son“ beginnt mit einem flotten Gitarrentempo und Ians extrem zynischem, geradezu höhnischem Gesang. Hier merkt man, wie weit sich sein Gesangsstil bis dahin entwickelt hat und wie gut der Kerl mit seiner vielseitigen Stimme spielt. Einen der besten Momente des Albums liefert zweifellos „For Michael Collins, Jeffrey and Me“, einer von mehreren Songs (nach „A Song for Jeffrey“ (This Was, 1968) und „Jeffrey Goes To Leicester Squarre“ (Stand Up, 1969)), die dem späteren Tull-Bassisten Jeffrey Hammond-Hammond gewidmet sind. Der Song ist offenbar auch Michael Collins gewidmet, dem legendären irischen Unabhängigkeitskämpfer. Ians Gesang und der ständige Wechsel zwischen schnellen und ruhigen Tempi zwischen Akustik- und E-Gitarre sind der Hauptreiz dieses wunderbaren Stücks, das alles Zeug zum Tull-Klassiker hat und eines meiner Lieblingsstücke auf dem Album ist. „To Cry You a Song“ ist im Kern Hard Rock mit klassischen Elementen und einem fast metallischen Barre-Riff samt seinem frenetischen Solo in der Mitte des Songs. Im Ausklang begeistert erneut das Zusammenspiel der beiden Gitarren, und stellenweise ist auch ein bluesiger Sound zu hören, den die Band auf den meisten anderen Songs bis dahin abgestreift hatte. Auch das ist eine der besten Kompositionen auf dem Album, die zugleich die meisten progressiven Tugenden vereint. „A Time For Everything?“ beruhigt die Stimmung leicht, auch wenn es immer noch ein ziemlich energiegeladenes Stück ist. Auch diesmal überzeugen die klassischen Tull-Elemente, also Flöte und vor allem Barres Gitarre, die hier noch mehr Raum bekommt als sonst. „Inside“ hat eine etwas leichtere Stimmung und legt sich nach dem wuchtigen Tempo der vorherigen Songs auf dem Album angenehm hin. Von allen Songs erinnert er, vor allem wegen der bluesorientierten Gitarre, noch am ehesten an die frühen Werke der Band. „Play in Time“ hat eine leicht psychedelische Stimmung. Hier gibt es die meisten von Ians energiegeladenen Flötensoli aller Songs auf dem Album. Die abwechslungsreichen Arrangements und ungewöhnlichen Sounds, die die Band hier ihren Instrumenten entlockt, sind hervorragend, und das ist mit Sicherheit der ausgelassenste und positivste Song des ganzen Albums, der damit ziemlich aus dem Rahmen der übrigen Stücke fällt. Ians stimmlicher Zynismus erreicht seinen Höhepunkt dann mit einer weiteren großartigen Komposition, „Sossity; You‘ re a Woman“, wo der kombinierte Rhythmus aus Akustikgitarre und Flöte erfolgreich Bunkers Schlagzeug ersetzt, das diesmal völlig fehlt. Gleichzeitig beweist die Band hier erneut ihr Geschick darin, überaus erfolgreich Elemente klassischer Musik einzubauen.
Auf der Neuauflage gibt es außerdem vier tolle Bonustracks. Die meisten davon sind von der Stimmung her völlig anders als das Originalalbum. Sie wurden nämlich noch vor dessen Veröffentlichung aufgenommen, was heißt, dass sie viel weniger düster sind. Deshalb erzeugen sie beim Hören einen herrlichen Kontrast und fügen sich bestens zu den Originalsongs. „Singing All Day“ ist ein verspielt-leichtes, akustisch geprägtes Stück mit jeder Menge von Ians zauberhafter Flöte. In einem etwas anderen Tempo kommt „Witch’s Promise“ daher, ein Song mit extrem intensiver Stimmung, der auch als Single erschien. Darin mischen sich auf wunderbare Weise traditionelle Elemente aus klassischer Musik, Folk und Hard Rock. Bis heute gilt er als einer der bekanntesten und beliebtesten Songs der Band, obwohl sie ihn schon lange nicht mehr ins Live-Repertoire aufgenommen hat. „Just Tying To Be“ ist ein kürzeres, nettes Stückchen, das vor allem auf Ians Akustikgitarre baut. Ganz am Ende steht noch die britische Version der Single „Teacher“, die der Band den ersten nennenswerten Erfolg außerhalb ihrer Heimat brachte. Ein Hardrock-Klassiker, der vor allem mit Ians Gesang, seinem schnellen Flötenspiel, Cornicks stets markantem Bass und Evans‘ psychedelischen Keyboards begeistert. Man merkt, dass es sich um ein ziemlich untypisches und kommerziell ausgerichtetes Werk der Band handelt, gedacht für den amerikanischen Markt, wo es ihr erster Hit werden sollte.
„Benefit“ ist neben der besseren Produktion vor allem ein viel reiferes Album als sein Vorgänger. Hier hat die Band ihr unverwechselbares Gesicht endgültig geformt. Das gilt auch für Ian Anderson, der damals zum Markenzeichen der Band wurde, nicht nur durch sein Spiel und seine Bühnenpräsenz, sondern auch als einer der besten Songtexter im Rock. Mit seinem härteren Sound kann sich „Benefit“ völlig ebenbürtig mit den damals erschienenen Werken der besten britischen Hardrock-Bands messen. Gleichzeitig stellt es dank spürbar komplexerer Songs den nächsten Schritt in der progressiv orientierten Entwicklung der Band dar. Kurz: Das ist ein Album, an dem sich alle Fans der Band gemeinsam erfreuen können, sowohl die, die ihre härteren Werke lieber mögen, als auch die, die die Band vor allem als eine der führenden Größen des Progressive Rock sehen. Gerade deshalb geht mir überhaupt nicht in den Kopf, warum Jethro Tull so selten einen Song von diesem Album in ihre Konzerte aufnehmen, sodass es auch von der Band selbst eines ihrer am meisten übersehenen Werke bleibt. Nach der Veröffentlichung des Albums folgte eine wichtige Änderung in der Besetzung. Der großartige Bassist Glenn Cornick verabschiedete sich bald nach Ende der Tour von der Band und gründete Wild Turkey. Angeblich war er im Gegensatz zu den anderen Mitgliedern, die inzwischen lieber im Bett Bücher lasen, zu sehr Nachtmensch und Raufbold. Seine Nachfolge trat der bereits erwähnte Jeffrey Hammond-Hammond an, ein weiterer hervorragender und charismatischer Musiker (heh, das hat in dieser Band Tradition), den die Fans der Band bis dahin schon gut aus den ihm gewidmeten Songs kannten. Inzwischen war schon alles bereit für das nächste Album – eines der größten Meisterwerke in der Geschichte der Rockmusik.
Besetzung
Ian Anderson – Gesang, Flöte, Akustikgitarre
Martin Barre – E-Gitarre
Glenn Cornick – Bassgitarre
Clive Bunker – Schlagzeug, Percussion
Gastmusiker:
John Evans Klavier, Orgel
Produktion
Ian Anderson
Titelliste
1. With You There To Help Me (6:17)
2. Nothing To Say (5:12)
3. Inside (3:49)
4. Son (2:50)
5. For Michael Collins, Jeffrey and Me (3:49)
6. To Cry You A Song (6:12)
7. A Time For Everything (2:43)
8. Teacher (3:59)
9. Play In Time (3:48)
10. Sossity, You’re A Woman (4:30)
Spielzeit des Albums: 43:19
Bonustracks der Neuauflage:
11. Singing All Day (3:07)
12. Witch’s Promise (3:53)
13. Just trying To Be (1:37)
14. Teacher (original UK mix) (3:49)