Belgrade Calling 2012 – zweiter Tag!
Autor: Rok Klemše
Fotos: Nina Grad
Ort: Ušće, Belgrad, Serbien
Konzertdatum: 28.06.2012
Besucherzahl: 10.000
Slowenien hat Metalcamp, Metal Mania, Rock Otočec und zahlreiche andere Festivals. Kroatien hat InMusic und das gerade erst aus der Taufe gehobene Metal Fest Croatia (das nächstes Jahr unter dem Namen Burning Sea laufen wird), nur Serbien hinkte im Bereich des Festivalgeschehens (mit Ausnahme des gewaltigen Exit natürlich) hinterher. Auch das hat sich nun geändert, denn Ende Juni dieses Jahres fand auf dem Belgrader Ušće das erste Belgrade Calling Festival statt. Das hat in drei Tagen einige der heißesten Bands des diesjährigen Sommers beherbergt und vor allem mit einem üppigen und (sogar etwas zu) vielfältigen Angebot aufgewartet. Den ersten (musikalisch uninteressanten) Tag gehörte Ušće den elektronischen Rhythmen und dem bescheuerten Pop der britischen Đesi Đej, der zweite Festivaltag aber bedeutete den echten Auftakt mit einem soliden Konzertangebot.
Das Festival fand auf dem Ušće statt, einem Teil des neuen Teils von Belgrad, das direkt an der Mündung von Save und Donau liegt und von manchen Punkten aus einen wunderschönen Blick auf die Festung Kalemegdan sowie den höchsten Wolkenkratzer des Balkans bietet, den Ušće Tower, ehemals CK. Der Park direkt unter dem Wolkenkratzer ist seit Jahrzehnten der Ort massenhafter politischer Kundgebungen und noch massenreicherer Konzerte, seine riesige Fläche vermögen natürlich nur Namen wie Ceca und Zdravko Čolić zu füllen, die vor mehr als hunderttausend Zuschauern gespielt haben. Ušće hat in den vergangenen Jahren auch weltbekannte Musiknamen beherbergt wie The Rolling Stones (2007), The Police (2008) und Metallica (diesen Mai), diesmal aber fand an diesem Ort zum ersten Mal Belgrade Calling statt, das am Donnerstag mit gut über einer Stunde Verspätung seine Tore öffnete, und die holprige Organisation mit den ziemlich heftigen Kinderkrankheiten war auch dafür verantwortlich, dass Satyricon als erste Band die Bühne betraten, als die meisten Leute noch am Eingang drängten.
Ein Stück norwegischen Winters brachten dennoch die Black-Metal-Veteranen Satyricon mit dem legendären Duo Satyr und Frost an der Spitze in das höllisch heiße Belgrad. Die zwei, die bei der Geburt des Biests namens norwegischer Black Metal dabei waren, sind heute Zielscheibe ziemlich häufiger Kritik, dass Satyricon in die falsche Richtung geführt wird und die eigenen Wurzeln vergisst. Aber ob Satyricon nun Black Metal, Post-Black-Metal oder irgendein anderer Genre-Kram sind – es ist ihnen gelungen, in der schlimmsten Sommerhitze ihre Vision von Black Metal im besten Licht zu präsentieren, und das, obwohl Black Metal live im Grunde genommen nur in der Dunkelheit funktioniert. Die Sonne war nur dafür verantwortlich, dass der Totentanz mit Satyricon nicht so transzendental und ritualistisch wirkte wie sonst, aber Satyr versteht es, trotz der prallen Sonne das Publikum in der Faust zu halten und gleichzeitig die Haltung eines Black-Metal-Frontmanns zu bewahren, ohne in die Falle irgendwelcher Spinal Tap-Momente zu tappen. Die Norweger widmeten ihre Aufmerksamkeit diesmal ausschließlich den letzten drei Alben – Now, Diabolical, The Age of Nero und Vulcano – und präsentierten so, mit Ausnahme des Klassikers Mother North, die zweite Phase des Bandschaffens, die trotz der Meinung elitistischer Fans keineswegs schlechter ist als die erste. Der exzellente Sound, der noch an Kraft und Massivität gewann, als Satyr als dritter Gitarrist zur Gitarre griff, schuf den perfekten Eindruck der Monumentalität der Band, den Frosts vernichtendes Schlagzeugspiel (den neuerdings ein ultrakrasser Kriegsschnurrbart ziert) noch zusätzlich in die Höhe trieb. Mit Satyricon hat Belgrade Calling höchst vielversprechend begonnen.
Und mit dem Auftritt der Väter des Doom und Gothic Metal, Paradise Lost, setzte es sich fort! Die Briten nutzten ihren Auftritt in Belgrad zur Promotion des noch ganz frischen Albums Tragic Idol. Von diesem Album spielten sie nämlich nur zwei Songs, während sie aus ihrer Vergangenheit mit je einem Song von früheren Alben zurückkehrten und sogar für einige sehr angenehme Überraschungen sorgten. Die erste war schon, dass sie zu den Klängen von Desolate, dem »Outro« des Kultalbums Gothic, auf die Bühne marschierten, das sich perfekt mit der Neuheit Honesty in Death vermischte. Dieser Song war zusammen mit dem Titeltrack des neuen Albums ein lebendiger Beweis dafür, dass Paradise Lost wie ein guter Wein reifen, dass sie mit den letzten drei Veröffentlichungen wieder ihren kreativen Zenit erreichen und mit Tragic Idol kurz davor stehen. Und noch dazu hat (nach meiner Einschätzung vor allem wegen des phänomenalen Mackintosh, der wahrscheinlich auch unter dem Einfluss seiner neuen Band Vallenfyre die größte Antriebskraft des viel gitarrenbetonteren und aggressiveren neuen Materials ist) Paradise Lost schon lange nicht mehr so gut und beinahe oldschool geklungen. Nick Holmes hatte freilich über die ersten drei Songs hinweg vokal ganz schön zu kämpfen, aber von Song zu Song verbesserte sich seine Form konstant und sichtlich, und mit einem etwas kerniger gesungenen Tragic Idol überraschte er wieder auf schöne Weise. Außerdem sorgte er für einige charmante Ansagen, die er ganz in seinem Stil mit britischem Gentleman-Humor unterlegte. Über Forever Failure mit der wieder anwesenden kontroversen Rede von Charles Manson sowie das mächtige The Enemy beendeten Paradise Lost ihren Auftritt viel zu früh (wohl vor allem auf Kosten der gut einstündigen Verspätung des Festivaltagsbeginns) mit dem Ultra-Hit Say Just Words.
Mit der nächsten Band war erstmals wirklich Festivalatmosphäre in der Luft zu spüren, obwohl die Besucherzahl bei Weitem nicht das erreichte, was ich erwartet hatte. Die Bühne übernahm Ozzy Osbournes ehemaliger Weggefährte Zakk Wylde, und eine gute Stunde Gitarren-Masturbation begann. Wylde vereint in seiner Stammband die Elemente des Heavy Metal, die er kräftig in die schwarzen Farben des Stoner getaucht und mit Litern von Jack-Daniels-durchtränktem, vom amerikanischen Süden inspiriertem Rock übergossen hat. Da auf dem Festival kein Whisky zu haben war, musste man Black Label Society diesmal eben mit Jelen-Bier hinunterspülen, das an gut laufenden Theken ausgeschenkt wurde, das kalte Bier aber kam aus den Händen auf serbisch freundliche Art dreinschauender Kellner, gekleidet in speziell für das Festival angefertigte T-Shirts mit einem Bambi-Motiv und der Aufschrift »Kad porastem biću jelen.« Wylde führte mit seiner dreckigen Mannschaft inzwischen in gut einer Stunde durch die reiche Diskografie der Band, nervte ein wenig mit seinem einförmigen, näselnden Gesang, der sogar an den Gesang seines früheren Chefs erinnerte (während er zeitweise so melancholisch und schwermütig wie Layne Staley klingt und dann wieder so durch und durch südstaatlich wie Phil Anselmo). Schwerer zu verdauen war die endlose Solo-Einlage, während der du Zeit hattest, ein Bier und eine Banjaluška-Pleskavica zu bestellen, das Bier zu trinken, die Banjaluška-Pleskavica zu essen und alles zusammen in Ruhe zu verdauen, sowie die sich wiederholenden Gitarren-Tricks (Zakkos Onanieren mit endlosen Pinch Harmonics, kein Ende in Sicht) des mit einem indianischen Federkopfschmuck geschmückten Wylde. Trotz dieser übertrieben poserhaften Gitarren-Poserei, fast keiner Kommunikation seitens Wylde mit dem Publikum und einem etwas unklaren, matschigen Sound war Black Label Society gut zu verdauen, und dazu hätte statt der Pleskavica vom Grill am besten noch Rippchen mit Zakkos »Berserker«-Hot-Sauce gepasst.
Vor dem Auftritt der Rock-Giganten, der britischen Ikonen The Cult, füllte sich der »Fan Pit« vor der Bühne zum ersten Mal auch wirklich, und die Abenddämmerung, die über das Ušće hereingebrochen war, war wie bestellt für ein Konzert großer Rock-Stars. Die Serben lieben offensichtlich Gitarrenrock (was ein ziemlich interessanter Fakt ist, wenn du dir nur mal das Musikprogramm der serbischen Fernsehsender anschaust, aber das ist schon ein Thema, das einer ernsthafteren soziologischen Studie würdig wäre, hehe), was sie bereits beim Konzert von Judas Priest und Whitesnake in der Belgrader Arena bewiesen haben, wo Letztere die weitaus bessere und lautere Unterstützung genossen. The Cult marschierten unter der Führung des starhaften Ian Astbury (verständlicherweise hinter schwarzen Sonnenbrillen versteckt, in weißen Cowboystiefeln, und trotz der abendlichen Schwüle in eine Jacke mit irgendetwas Pelzartigem um den Hals gekleidet) wie kleine Teufelchen in Belgrad ein, mit Lil‘ Devil vom Kultalbum Electric. Schon der erste Song zeigte, dass The Cult in ausgezeichneter Form sind (was nach Aussagen größerer Bandkenner noch vor einigen Jahren eher die Ausnahme als die Regel war), und wahrscheinlich haben genau sie, qualitativ und insgesamt betrachtet, das beste Konzert des Abends gespielt. Astbury war an jenem Abend gut aufgelegt, wandte sich mehrfach ans Publikum, und es fehlten auch seine typischen Tanzbewegungen nicht, wie er sie im kultigen Video She Sell Sanctuary entworfen hat. Noch schöner war es, den wirklich phänomenalen Gitarrensound von Billy Duffy zu hören. Der war genau laut genug, um die Trommelfelle angenehm zu durchschneiden, vollkommen klar und kristallrein. Als Thrash-Metal-Fan hat mein Herz vor allem wegen des legendären Schlagzeugers John Tempesta höher geschlagen, der sich als Mitglied von Exodus und Testament für immer in die Annalen des Thrash eingeschrieben hat und seit 2006 seinen Lebensunterhalt (wahrscheinlich viel profitabler als im Thrash, hehe) mit The Cult verdient. Die haben in erstklassigem, poliertem Stil, wie es sich für eine Band ihres Kalibers gehört, ihren glänzenden Auftritt unter lautem Jubel des (be)friedigten Publikums mit den Mega-Rock-Hits She Sells Sanctuary und Love Removal Machine zu Ende gebracht.
Den Höhepunkt des zweiten Festivaltages stellte ohne Zweifel der Auftritt des irren Zugverbunds von Ozzy Osbourne mit Freunden dar. Für so ein Pflaster auf die brennende Wunde hatte Ozzy gesorgt, als sich herausstellte, dass aus dem sehnlichst, sehnlichst erwarteten Reunion der klassischen Black Sabbath-Besetzung nichts werden würde. Der Vater des Metal-Riffs, Tony Iommi, hatte sich unglücklicherweise Leukämie zugezogen (von der er aber glücklicherweise Berichten zufolge gut genest), und die Band spaltete sich nach einem Streit mit Bill Ward in zwei Lager. Glückspilze haben Black Sabbath (minus Ward, der am Schlagzeug von Tommy Clufetos, eigentlich Schlagzeuger von Ozzys Soloband, ersetzt wurde) bei zwei exklusiven Konzerten in Birmingham sowie in Donnington erwischt, der Rest von uns musste leer ausgehen. Aber wenn du es geschafft hast, den ganzen Wirbel und den schmutzigen Hintergrund rund um Black Sabbath zu vergessen, war der Auftritt von Ozzy mit Freunden ein reines Heavy-Metal-Vergnügen, von dem Moment an, als der Fürst der Dunkelheit höchstpersönlich auf die Bühne getänzelt kam und »Let the Madness Begin!« schrie. Den Wahnsinn eröffnete Ozzy mit einem Medley seiner größten Solo-Hits, und so feuerte die aktuelle Besetzung seiner Soloband die erste halbe Stunde ultimativen Hit nach ultimativem Hit – Bark at the Moon, Mr. Crowley, Suicide Solution, I Don’t Know und die schöne Überraschung Shot in the Dark. Gespielt wurde natürlich erstklassig, auch wenn Clufetos bestenfalls ein durchschnittlicher Schlagzeuger ist und Gus G nach wie vor ein Gitarrist ist, der meiner Meinung nach überhaupt nicht zu Ozzy passt. Die größere Frage war Ozzys Form, die sich vokal über die ersten fünf Songs wirklich beharrlich verschlechterte und die Legende einige Male richtig erwischt hat, aber man muss sich bewusst sein, dass Ozzy 64 Jahre alt ist und er in den 80ern und 90ern alles gegessen, getrunken, geschnupft und was-auch-immer konsumiert hat, was greifbar war, und mit allem, was er zu sich genommen hat, wahrscheinlich die Erde mehrmals umrunden könnte. Aber nichts ist schöner, als einen agilen Ozzy zu sehen, der auf der Bühne immer noch wie ein Kind wirkt, ein Kind, das ein bisschen Damien in sich trägt und mit ganz besonderer Freude und kindlichem Grinsen sowie bösartig und schelmisch glitzernden Augen das Publikum mit Litern weißen Schaums übergießt. Nach dem Fünferpack Hits folgte für Ozzy eine ausgiebige Pause, denn es war Zeit für den ersten Black Sabbath-Klassiker, das Instrumentalstück Rat Salad, das Gus G und Clufetos mit nicht allzu überzeugenden Solo-Ausflügen verlängerten. Den schönsten Teil des Konzerts bildete das Trio der Black Sabbath-Hymnen, der ewigen stählernen Klassiker des Heavy Metal, Iron Man, War Pigs und N.I.B., und noch schöner war es, die lebhafte und aufgedrehte Legende Geezer Butler auf der Bühne zu sehen, der mit seinen über sechzig Jahren die Basslinien immer noch spielt wie ein zwanzigjähriger Rotzlöffel und dazu hüpft, als gäbe es eine Wette. Für Iommis unsterbliche Riffs sorgte diesmal Ozzys Star-Gast, kein Geringerer als Slash, der überraschenderweise alle Gitarrenparts mit großem Respekt und sehr nah am originalen Sound von Meister Iommi spielte, ohne übertriebene Improvisations-Exzesse. Für Fairies Wear Boots wurde Slash durch Ozzys früheren Angestellten Zakk Wylde ersetzt, und Ozzys unaufhörliche »Louder!«-Rufe befolgte das etwas laue Publikum am meisten beim Konzerthöhepunkt mit dem Hit Crazy Train sowie der abschließenden Mega-Hymne Paranoid, während der die Bühne von allen Ozzys Gästen, Ozzys Band und dem Paten des Heavy Metal persönlich übernommen wurde. Ein bisschen vermisst haben wir die Songs I Don’t Want to Change the World und Mama I’m Coming Home, die Ozzy auf seiner gesamten Tournee überall gespielt hat, und ich weiß nicht genau, woran ihr Fehlen lag. So ist auch das Konzert etwas zu schnell vorübergegangen, aber schön war es, die Legende live zu sehen, bevor sie sich in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. »Ozzy Osbourne is Our God!«
In den Donnerstagmorgen hinein begleiteten die mazedonischen Thrasher Sanatorium das spärliche Publikum, aber ein Uhr nachts war der richtige Zeitpunkt für einen Streifzug durch das nächtliche Belgrad und das Sammeln von Kräften für den nächsten Tag.
Setlist
SATYRICON:
1. Now, Diabolical
2. Black Crow On a Tombstone
3. Possessed
4. The Wolfpack
5. That Darkness Shall Be Eternal
6. Commando
7. Mother North
8. K.I.N.G.
9. Fuel For Hatred
PARADISE LOST:
1. Desolate/Widow
2. Honesty in Death
3. Erased
4. As I Die
5. Tragic Idol
6. Forever Failure
7. The Enemy
8. Say Just Words
THE CULT:
1. Lil‘ Devil
2. Honey From a Knife
3. Rain
4. Lucifer
5. Phoenix
6. Fire Woman
7. The Wolf
8. Wild Flower
9. Rise
10. For the Animals
11. She Sells Sanctuary
12. Love Removal Machine
OZZY OSBOURNE & FRIENDS
1. Bark At the Moon
2. Mr. Crowley
3. Suicide Solution
4. I Don’t Know
5. Shot in the Dark
6. Rat Salad
7. Iron Man
8. War Pigs
9. N.I.B.
10. Fairies Wear Boots
11. Crazy Train
12. Paranoid
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