Bele rože

0 7

Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Via Ofenziva
Label: KUD Nika
VÖ: 2015
Wertung: 4/5

V.I.A. Ofenziva ist eine Kult-Punkrock-Band  aus Ljubljana, die vor 34 Jahren gegründet wurde. Zwischen 1982 und 1983 schickte sich das Quartett in der Besetzung Esad Babačić, Zoran Železnik, Ivo Frančič und Robert Fritsch an, einer glänzenden Karriere entgegenzufliegen, doch nach dem Auftritt im Rahmen des Nova rock Festivals 1983 löste es sich völlig unerwartet auf und stellte seine Tätigkeit ein.

Das Erwachen aus dem langen Winterschlaf kündigte eine 2006 erschienene DVD an sowie vier Jahre später ein Auftritt im Ljubljaner CUK Kino Šiška, als wir den sechzigsten Geburtstag des legendären slowenischen Alternativrock-Förderers Igor Vidmar feierten.  Die Band erwacht schließlich 2011 bei den Izštekanih zu neuem Leben, verjüngt ihre Besetzung mit dem jungen Bassisten Toni Šemerl und beschließt endlich, mit der Aufnahme und Veröffentlichung ihres ersten Albums zu beginnen.

Dafür holte sich die Band den erfahrenen Zvone Kukec zu Hilfe, den Fritsch noch gut aus gemeinsamen Zeiten bei der Band Elektrika kennt. Kukec, selbst ein ausgezeichneter Gitarrist, hat heute großen Spaß daran gefunden, an Studioreglern zu drehen, weshalb man ihn auf der Bühne kaum noch mit einer Gitarre in der Hand sehen wird. Beim Formen des Klangs auf dem Album »Bele rože« griff Kukec aber stellenweise auch selbst im Studio zur Gitarre und färbte damit mit seinem Können einige Songs zusätzlich ein und füllte das Klangbild.

Endlich sind also »Bele rože« da. Das Album liefert zur Hälfte neues, zur Hälfte altes Material. Letzteres ist  in neue, sprich aufgefrischte Arrangements gekleidet. Der grundlegende Ausdruckskern der Band bleibt im Punk Rock verankert. Musikalisch, und das wird in den Songs deutlich, ist die Band in ihrer Melodiewahrnehmung eines „alternativrockartigen Widerhalls“ typisch (was in der gesunden Evolution jeder Band freilich logisch ist) dem slowenischen geografischen Ursprung verhaftet. Ansonsten wirkt die Band auch rustikal-newwave-mäßig. Die Albumeröffnung trägt, vor dem Einsatz von Esad Babačićs Stimme, den fernen atmosphärisch-düsteren Charme eines gewissen The Mission, getaucht in einen modernen klanglichen  Widerhall. Der „New Wave der Achtziger“ festigt sich durch das Arbeiten mit Reggae-Elementen im ansonsten rockig »aufgerauten« und bereits erwähnten Track Ko zaprem oči, was viele Bands an der Wende von den Siebzigern zu den Achtzigern so machten, allen voran The Police.

Schnell einprägsame Alternativrock-Nummern, in denen der Band ein eigenständiger, urwüchsiger Kern und ein unverwechselbares klangliches und stilistisches Profil gelingen, werden durch die markante Poesie von Esad Babačić ergänzt und vervollständigt. Wenn man Babačićs Wesen als Poet und Sänger abwägt, überwiegt der Poet. Schon im einleitenden Ljubim tvojo tišino sind Babačićs dissonante Abweichungen von der „idealen Vokalmelodie“ stellenweise nicht zu überhören – aber das ist natürlich Punk-Energie, die das nicht nur mühelos kompensiert, sondern es in ihrem grundlegend expressiven Stempel der Verweigerung von Konformismus-Stereotypen und des Aufbrechens von Tabus schlicht verlangt.

Wenn der erste Teil subtiler strukturiert ist, musikalisch sogar zugänglicher, liefert der Rest des Albums, der das alte Material der Achtziger umfasst, jenen primordialen Zorn einst junger, ungezähmter, heißblütiger Hengste voller aufmüpfigem Treten, den die Band trotz des aufgefrischten Gewands der Klassiker erfolgreich bewahrt hat. Mitsamt dem kultigen Proleter. Mladi delavci wirkt auch heute noch prophetisch „Trainspotting“-mäßig. Im Track Ne stopaj begegnen sich Gitarrenphrasen mit altmodischem Keyboardklang, bei dem man schnell (irrtümlich) meint, er werde von Borut Činč gespielt. Babačićs Stimme wirkt wie das Echo eines berüchtigten Geistes, der mit Durchdringlichkeit die künstlichen Gesichter falscher Engel durchbohrt, hinter denen wir uns verängstigt und machtlos als gleichgeschaltete Sklaven des Neoliberalismus verstecken.

Die Produktion hat für einen lebendigen, roh-garagenhaft verpackten Klang gesorgt, der natürlich auch etwas künstlerischen Glanz mitbringt, besonders in den subtileren Teilen des Albums (Track Bele rože). Zokis bloßgelegtes, aufgebrachtes Gitarren-Riffing ist schön ausbalanciert durch das kontrastreiche Gegengewicht von Tonis fett rasselnd-schnarrenden Basslines, die im Zusammenspiel mit dem Kanonieren von Fritschs Schlagzeugschlägen wie ein Messer durch Beton auf diesem Album schneiden. Esad ist ein Kapitel für sich. Seine desillusionierte (stellenweise emotional abgestumpfte, sogar geisterhafte),  Art des Vortragens ist augenblicklich erkennbar und bleibt das elementare, unverwechselbare Markenzeichen des einzigartigen musikalischen Ausweises der Band.

Hätten sich V.I.A. Ofenziva in ihrer New-Wave-Energie in den Achtzigern weiterentwickelt, hätten sie ein entferntes slowenisches Derivat eines gewissen The Clash darstellen können – das ließe sich auch über die aufgelösten slowenischen O!Kult sagen, die vom Format her der Energie der frühen V.I.A. Ofenziva nahestehen. Wie auch immer. Das sind nur flüchtige Reflexionen. Denn letztlich zählt nur das, was deine Ohren urteilen. Da ist es also endlich. Nach vielen, vielen Jahren. Das verlorene Studioerstlingswerk der Band V.I.A. Ofenziva.  

Besetzung

Esad Babačič – Gesang 
Zoran Železnik – Gitarre 
Toni Šemerl – Bassgitarre
Robert Fritsch – Schlagzeug 

GASTMUSIKER:
Zvone Kukec – Gitarre 

Produktion

Zvone Kukec

Trackliste

  1. Ljubim tvojo tišino
  2. Cesta
  3. Preveč
  4. Zakaj
  5. Ko zaprem oči
  6. Bjele ruže
  7. 7. Mladi delavci
  8. Ne stopaj
  9. Minimalni ritem
  10. Vsak otrok je lep
  11. Proleter
  12. Bele rože (dodatna skladba)
Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies