Beim Lämmerscheren in Zagreb!
Ort: Tvornica / Zagreb / Kroatien
Konzertdatum: 29.11.2006
Besucherzahl: 700
Ticketpreis: 160,00 HRK
Zagreb, letzter Donnerstag im November, ein paar Stunden vor dem Auftritt der Nashviller „fucked up“-Alt.Country-Truppe schlechthin, Lambchop: Die Stadt ruht ganz still und sorglos in ihrem Vorweihnachts-Look. An der Wand des Clubs Tvornica, gleich neben dem Haupteingang, klebt ein Jumbo-Plakat mit einem Lämmchen, das auch das Ticket der Band ziert. Hinten am Seiteneingang/-ausgang fällt ein kleineres Plakat der Band kaum auf. Gut, dass direkt daneben der Tourbus der Band parkt, der das bis dahin noch nicht ganz erwachte Bewusstsein für dieses große Ereignis erst richtig weckt. Und als ein Typ vorbeischlendert, versteckt unter einer Kapuze, unter der man hauptsächlich nur den Rand einer Baseballkappe und eine Brille mit dunklem Rand sieht, und mit extrem tiefer Stimme „hello“ sagt, stellt sich heraus, dass das niemand anderes ist als Kurt Wagner höchstpersönlich, die treibende Kraft der Band – und sofort ist klar: Lambchop sind wach, auch wenn die Stadt noch ein bisschen verschlafen ist!
Auf der aktuellen Europatour begleitet die Band das Duo Hands Off Cuba, dessen beide Mitglieder, Scott Martin und Ryan Norris, auch zu Lambchop gehören, die diesmal – die beiden eingerechnet – acht Mann stark sind. Davor waren auch noch The Dafo String Quartet dabei, die seit ein paar Jahren treu mit der Band zusammenarbeiten, im Studio wie live. Heute fehlen sie aber, denn die gemeinsamen Auftritte für dieses Jahr haben sie ein paar Tage vor dem Zagreber Gig im schweizerischen Luzern abgeschlossen.
Die Halle des Clubs Tvornica hat sich um neun Uhr abends ruckzuck gefüllt und war schon fast ganz voll, als etwa zwanzig Minuten später plötzlich Sänger und Gitarrist Kurt Wagner und Bassist Matt Swanson auf der Bühne auftauchen. Es stellt sich heraus, dass sie nur den Zustand der Instrumente checken wollten – und ganz sicher auch den des Publikums! So schnell, wie sie gekommen waren, waren sie auch wieder weg, und die Begeisterung in der Halle legte sich wieder ein wenig. Danach folgten bestimmt noch mindestens fünfzehn Minuten Warterei, bis Club-Musik und Hallenlicht endlich dem Geschehen auf der Bühne Platz machten.
Drei junge Burschen stürmen auf die Bühne, jeder schnappt sich sein Instrument, und das instrumentale Klangabenteuer beginnt. Neben den schon erwähnten beiden Hands-Off-Cuba-Leuten, Scott Martin an den Drums und Ryan Norris an Keyboards, Synthesizern und Gitarre, gesellt sich noch das jüngste Lambchop-Mitglied dazu, William Tyler an der Gitarre. Die Musik, die sie die nächsten zwanzig Minuten machen, lebt vor allem von der Intensität des Sounds und weniger von konkreten Melodien, ziemlich im Stil der „Klang-Intros“, die das aktuelle Lambchop-Album „Damaged“ schmücken. Tyler hat unter anderem auch mit einer Zahnbürste Gitarre gespielt! So viel zum Thema Hingabe an die Musik!
Hands Off Cuba haben ihren Auftritt im Grunde so angelegt, dass er am Ende wie ein langes Intro zum Opener des Lambchop-Konzerts wirkte – und die hatten inzwischen ihre Plätze auf der Bühne eingenommen. Paperback Bible, ein intimer Song über die Suche nach dem Glauben und seinen Verlust, war diesmal mehr als nur ein Glaubensverlust zu hören! Der Grund dafür war technischer Natur, es gab nämlich viele Soundprobleme, vor allem der Gesang litt, und Wagner zeigte das großartig, indem er diesen sonst extrem leisen und stimmlich sehr beruhigenden Song in eine regelrecht „zischende“ und zynische Erzählung verwandelte, mit einer Stimme, die man unmöglich überhören kann! Die technischen Probleme waren bald behoben, zum Glück blieb dieser direktere und etwas rauere Zugang zur Interpretation der Songs bei Wagner aber bis zum Schluss. Hier muss man auch erwähnen, dass seine Stimme ein außergewöhnliches Instrument ist, das von tiefem, lautem Gesang in ein zartes Flüstern wechselt, und das alles in einem einzigen Atemzug! Sie machten mit zwei weiteren Songs vom selben Album weiter, nämlich Prepared (2) und The Rise And Fall Of Letter P, dann ging es auf einen Ausflug zu älteren Sachen, vor allem von bekannteren Alben wie „How I Quit Smoking“ und „Is A Woman“; gespielt haben sie auch den Song Let’s Go Bowling von ihrem Debüt „I Hope You’re Sitting Down / Jack’s Tulips“, das schon im fernen Jahr 1994 erschienen ist. Die größte Aufmerksamkeit galt natürlich dem aktuellen Album, das zugleich das Zugpferd dieser Tour ist, „Damaged“. Und sie bewiesen, was für ein außergewöhnliches und herausragendes Stück Musik das auch live ist, trotz der harten Konkurrenz der übrigen sieben bzw. acht Studioalben (je nachdem, ob man „Aw C’mon“ und „No You C’mon“ als ein Doppelalbum oder als zwei verschiedene zählt). Interessant ist, dass sie vom vor allem bei der Kritik sehr geschätzten Album „Nixon“ nur den Song Nasville Parents gespielt haben. Eine weitere Kuriosität: Das Publikum wirkte während des gesamten Auftritts etwas unruhig, als hätte es sich schnellere und lautere Songs gewünscht, am besten kamen aber ausgerechnet die Songs von „Is A Woman“ an, das als leisestes Album der Band gilt.
Den ganzen Gig über war auch für etwas fürs Auge gesorgt: Von der Bühnendecke hingen nämlich riesige weiße Kugeln, die als Leinwand für Videoprojektionen dienten. Auch wenn es nicht wörtlich zusammenhing, zeigte sich, dass Ton und Bild hier Hand in Hand gehen! Bei den textlich eher unbeschwerten Songs sah man Vögel im ruhigen Flug, verschwommene Menschengestalten und gleichmäßig beruhigende Meereswellen, während bei den musikalisch und vor allem textlich „aggressiveren“ und schwereren Songs Aufnahmen von einem Rodeo, einem Drag-Race-Autounfall, Krähen, die aufeinander einhacken, einer Eule in einer klaustrophobischen Einstellung, wahrscheinlich aus einem Nest im Inneren eines Baumstamms, und einem aufgewühlten, extrem unruhigen Meer, das über Klippen bricht, auftauchten. Meine Freundin und ich kamen später allerdings zu dem Schluss, dass diese visuellen Extras nicht im ganzen Saal gleich gut funktionierten; im hinteren Teil der Halle, wo sie stand, sah man offenbar nicht alles so gelungen wie direkt vor der Bühne. Auch beim Sound war es hinten etwas schlechter bestellt, und man hörte leider viel zu viel das allzu gesprächige Publikum.
Zwischen den einzelnen Songs werden uns nach und nach auch alle Bandmitglieder vorgestellt: Tony Crow am Klavier, der sich offenbar schon den Ruf des gesprächigsten Bandmitglieds erarbeitet hat und bei jedem Auftritt das Publikum – und natürlich auch die Band – mit einem Witz beglückt; hier erzählte er einen über „fucking french toast“, der irgendwie in der Luft hängen blieb und vor allem wegen der Empörung der übrigen Bandmitglieder lustig war. Außerdem bot der inzwischen gut aufgewärmte Tony jedes weitere vorgestellte Bandmitglied, außer Wagner, treu den Zagreber Mädels an. Also, der schon erwähnte William Tyler, Ryan Norris und Scott Martin, dann Sam Baker am Schlagzeug; bei ein paar leiseren Songs spielte er nur mit den Händen, ohne Sticks!; dann Matt Swanson am Bass, das am besten versteckte Mitglied der Band, Alex McManus an der Gitarre und natürlich an Gesang und Gitarre Kurt Wagner. Eine eingespielte und energiegeladene Truppe äußerst talentierter und vor allem sehr teamorientierter Musiker.
Während der Mittelteil des Auftritts etwas leiseren und auch stimmlich ruhigeren Songs gewidmet war, kehrten sie gegen Ende wieder zu den schärferen Nummern zurück, und Wagners Gesang wurde wieder wütend und regelrecht furchteinflößend, wie man es auf den Alben sonst nur selten hört. Gegen Ende des Konzerts brach er sich (Wagner) einen Fingernagel an der linken Hand ab, was das weitere Greifen der Gitarrensaiten sichtlich störte, und genau das war der Grund, warum sie in der Zugabe den Song The One ausgelassen haben, hat er mir nach dem Konzert anvertraut. Den offiziellen Teil beendeten sie mit einer außergewöhnlichen Version von Decline Of Western Country And Civilization. Überzeugend in jeder Hinsicht, weshalb das Publikum natürlich lautstark eine Zugabe forderte, und nach ein paar Minuten kommen tatsächlich alle Mitglieder zurück auf die Bühne.
Alle kehren (zumindest dem Anschein nach) so zurück, wie sie die Bühne vorher verlassen hatten, außer Kurt Wagner, der als ein völlig anderer Mensch wiederkam! Jekyll den ganzen Auftritt über und Hyde in der Zugabe! Mit einer brennenden Zigarette in der Hand schlendert er über die Bühne zu seinem Stuhl und lässt sich irgendwie halb darauf nieder. Die Band „legt los“ mit einer Coverversion von Corrosion, im Original von Sisters Of Mercy, und „legt los“ deshalb, weil Lambchop zumindest heute noch nie mit so viel Wucht, fast schon Rohheit gespielt hatten! Wagner wirkte den ganzen Song über wie besessen, von etwas Unfreundlichem und geradezu Grauenhaftem! Irgendwo zwischen sitzender und halb stehender, verkrümmter Erscheinung, der man nach Sonnenuntergang lieber nicht begegnen will, stieß er den Mikroständer in Richtung des inzwischen ebenfalls manischen Publikums, als wolle er einen Kampf mit ihm (mit uns), einen Kampf, in dem es trotz zahlenmäßiger Überlegenheit keine Chance auf den Sieg hätte. Und er wusste das! Sind an alldem wirklich ein paar technische Probleme vom Anfang des Auftritts schuld?
Der zweite und wirklich letzte Song dieser Zugabe und des Konzerts war Give It, zu finden auf dem Album des Projekts X-Press 2, für das Wagner die Stimme beisteuerte. In der Lambchop-Version setzte er die schon zuvor ordentlich frenetische Stimmung nur fort und steigerte sie sogar, sie sprengte alle Erwartungen, offenbar sowohl die der Band als auch die des Publikums, und als Wagner mit dem Text am Ende war, seufzte er, als wäre er gerade einen Marathon gelaufen oder als wäre er endlich von etwas befreit, das ihn diese paar Minuten teuflisch besessen hatte. Er verbeugte sich vor dem Publikum, schnappte sich sein Heftchen, vermutlich mit den Texten, und verließ die Bühne. Die übrigen Bandmitglieder blieben noch ein paar Momente und brachten den Song und den Abend zu Ende. Ein paar Dankesworte und Verbeugungen, und schon stand die Bühne leer im Dunkeln. Die Energie, die in der Luft lag und wirkte, als hätte ein Blitz in die Bühne eingeschlagen, hielt sich aber noch ein paar Minuten, und das Publikum war jetzt wirklich aufgeheizt. Donnernder Applaus hallte fast noch zehn Minuten durch die Halle! Langsam zeichnete sich aus dieser überschäumenden Euphorie aber die Erkenntnis ab, dass sich so eine Zugabe unmöglich noch toppen lässt. Großartig und unglaublich!
Das Tüpfelchen auf dem i setzte Kurt Wagner, der in dem Raum Autogramme gab, wo die Shirts und die „tour only“-CD der Band verkauft wurden (Succulence, für 100 Kuna – am nächsten Tag habe ich nachgeschaut, ob man sie auf eBay findet, und ja, für runde 100 $!!!). Nach ein paar Worten und einem Händedruck wurde dieser ohnehin schon außergewöhnliche Abend zu dem Stoff, aus dem Träume gemacht sind! Bis zum nächsten Mal!
PS: Und liebe Grüße an Petra und nochmals danke für die Mandarine!
Setlist
01. Paperback Bible
02. Prepared (2)
03. The Rise And Fall Of Letter P
04. Nothing But A Blur From A Bullet Train
05. Nashville Parents
06. I Would Have Waited Here All Day
07. The New Cobweb Summer
08. Let’s Go Bowling
09. My Blue Wave
10. Caterpillar
11. We Never Argue
12. The Daily Growl
13. Smuckers
14. Crackers
15. Fear
16. Militant
17. Decline Of Country And Western Civilization
—Zugabe—
18. This Corrosion
19. Give It
Besetzung : LAMBCHOP
Kurt Wagner . Gesang, Gitarre
William Tyler . Gitarre
Tony Crow . Klavier
Sam Baker . Schlagzeug
Matt Swanson . Bass
Alex McManus . Gitarre
Scott Martin . Synthesizer
Ryan Norris . Keyboards, Synthesizer
Besetzung : HANDS OFF CUBA
Scott Martin . Schlagzeug
Ryan Norris . Keyboards, Gitarre, Synthesizer
William Tyler . Gitarre