Beautiful Tragedy
Autor: Sandi Sadar Šoba
Künstler: In This Moment
Label: Century Media
Veröffentlichung: 2007
Nur wenige Bands haben schon beim Debüt einen so ausgereiften und durchgefeilten Zugang zur Materie musikalischer Reife und eine so kristallklare Vision. Das Problem kann sein, dass Musiker, die zusammengekommen sind, um die Köpfe zusammenzustecken und mit vereinten Kräften die reinsten kreativen Impulse zu etwas Gemeinsamem und ihnen Heiligem zu pressen, sich zum Beispiel noch nicht gut genug kennen – oder dass jeder unter dem Druck, ein Debüt aufzunehmen, zeigen will, was er alles draufhat. Zu viel kann störend und erdrückend sein. Weniger lässt dem Stoff mehr Luft, einfach und entspannt zu atmen. All diese Aspekte sind bei der südkalifornischen Band In This Moment von Anfang an, seit ihrer Geburt im Jahr 2005, zu einem ganz natürlichen Gemisch aus musikalischer Erotik und stimmiger Schönheit verschmolzen.
Und erst zwei Jahre nach dem Start des gemeinsamen Traums machte sich das Quintett junger Enthusiasten auf, um seinen Ausdruck endgültig im Studio zu meißeln. Die Unterstützung und der Glaube des Labels Century Media sowie die geschickten Finger und das feine, erfahrene Ohr von Produzent Eric Rachel, der vorher schon Platten von Größen wie Atreyu, The Dillinger Escape Plan und God Forbid produziert hatte, konnten nur Verbesserungen bringen. Beautiful Tragedy, das Debüt von In This Moment, ist tatsächlich das Beste, was Los Angeles uns dieses Jahr zum Anhören angeboten hat. Das Gespann aus einer charismatischen, tätowierten Schamanin mit kompromisslosem Bühnenauftritt, unverkennbarem Gesang und Strahlkraft – Maria Brink –, dem Gitarrenduo Chris Howorth und Blake Bunzel, Bassist Jesse Landry und Schlagzeug-Vollstrecker Jeff Fabb konnten wir im Sommer auf Festivalbühnen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft erleben (in Erinnerung bleibt vor allem, wie sie beim Nova Rock das Festivaleis gebrochen haben). Schon damals war klar, dass die Jungs und das Mädel dieses gewisse Etwas haben, weshalb ich ruhigen Gewissens behaupten kann: Von denen werden wir noch hören.
Metalcore ist ein Genre, mit dem sich heute so mancher nicht wirklich anfreunden kann, als wäre es das Szene-Highlight schlechthin – aber wenn eine Band es schafft, schreiendes Eingeweide-Auskotzen und Melodik ungezwungen zusammenzubringen, ist der Erfolg schon einen Schritt näher. Schon nach dem ersten Hören kann ich sagen, dass mit dem Quintett aus der Stadt der Engel alle Fans von Bands wie AFI, My Chemical Romance, 36 Crazy Fists und Sworn Enemy zufrieden sein können. Zwischen den sabbernden Kolonnen von Emos und Metalcore-Wannabes findet sich dann auch noch irgendein verlorener Arch-Enemy-Fan, der glaubt, dass das gutturale Gebrüll tausender Furien nur Angela Gossow draufhat. Leute: In der heutigen Zeit gibt es viel zu viele Frauen, die mehr Eier haben als die ganze Truppe testosterongesteuerter Primaten, denen in letzter Zeit entweder viel zu kalt ist oder bei denen die Hoden noch nicht ganz runtergerutscht sind …
Beautiful Tragedy beginnt mit Flüstern, Regenrauschen und einer unheimlichen Elfe. Oder vielleicht nur einer einzigen Elfe, die mitten im Donnergrollen mit gedämpftem Gesang Interesse zu wecken beginnt. ‚Whispers Of October‘ ist die Spannung vor der Explosion. ‚Prayers‘ legen deshalb in medias res mit vollem Karacho los. Die Aufmerksamkeit des zufälligen Hörers an die Boxen fesselt ein solides Gitarrenriff, das an eine Mischung aus dem erinnert, was ihr bei Iron Maiden, Atreyu und God Forbid verfolgt habt – und In This Moment stehen trotz ihrer Jugend der erstgenannten Schwergewichtsklasse in nichts nach. Der gutturale Gesang der wilden Maria ist nur ein Teil des Spektrums, das wie ein Schnellzug über die Schienen der japanischen Einschienenbahn rast.
Etwas ruhiger und raffinierter zieht dich dann die Fortsetzung in ihren Bann: zurückhaltende Gitarren, die nach chorusgesättigtem Zupfen in einer fetten Explosion dicker, warmer Verzerrungen hochgehen, über die sich ein kristallklarer Clean-Gesang zieht, rein wie Wasser aus einem Bergtümpel. Sensibel und Balsam für Herz und Ohren. Ein Hit für alle Feministinnen und ein Überraschungsfaktor für all die unreifen Burschen, die die unterbrochenen Träume und Idealisierungen ihrer älteren Brüder weiterführen wollen, die ihren Kelch der Vollkommenheit schon mit dem schwarzen Album von Metallica geleert haben. In This Moment sind auf ungefähr die gleiche Weise hitverdächtig.
Weiter geht es mit einer Mischung aus Donner und Melodik. ‚Ashes‘ streut die Asche verbrannter Opfer, die es gewagt hatten, sich dieser Hochoktan-Bestie in den Weg zu stellen. Zum ersten Mal seit langem spüre ich die ästhetische Schönheit dämonischer Vocals und engelhaften Gesangs. Das höllische Duo verzauberter Gitarren webt einen Schleier aus stählerner Decke zersplitterter Rhythmen, die das Bass-und-Drums-Gespann Landry – Fabb mit Sektionspräzision würzt, und die chirurgischen Schnitte haben neben der Präzision auch noch die elementare Fülle des Gefühls und genau die richtige Portion Energie. Die Beruhigungsmomente sind sorgfältig durchdacht. Nach dieser Konfrontation wird es keine Gefangenen zum Zählen geben.
Für mich ist der energischere Tritt in den Schritt der Song ‚Daddy’s Falling Angel‘, der die zurückhaltende Familienidylle als höllische Agonie aus Leid und Missbrauch entlarvt. Schmerz und Leid sind in Aufstand umgeschlagen. Götter sind gefallen, und neben ihnen auch Engel mit Kindergesichtern. Am dunklen Himmel haben sie nur eine feurige Spur aus Funken und blauen Flammen schreienden Verglühens hinterlassen. Der Eintritt in die Atmosphäre ist gewaltsam und fatal.
Und schon sind wir zur Hälfte durch, ohne auch nur einen Moment Langeweile gespürt zu haben! Danach folgt eine balladeske, epische Erzählung von Zartheit und weiblicher Fatalität. ‚The Legacy Of Odio‘ ist ein Klavier-und-Violine-Gegengewicht zum Lärm. Evanescence könnten aus dieser Schlichtheit neuen Schwung schöpfen. Und auch Naio Saion, unsere heimischen Musik-Rhapsoden, die in Deutschland und Österreich deutlich mehr Gehör und Verständnis gefunden haben als daheim, könnten sich aus dem bisher Gehörten einen etwas feineren Ausdruck holen. Diesmal geht es um eine völlig vergleichbare Vignette, in der Maria Bilder aus Grau und blutigem Rot zu einem perfekten Geflecht aus Asche und ihrem Herzblut webt. Mich begeistert genau diese Zurückhaltung zumindest ein bisschen weniger.
‚This Moment‘ fährt mit Akustikgitarre über die Lücke eines endlosen Meeres aus Tränen und Tragik zurück in den alten Zustand von Auflehnung und gereckten Mittelfingern. Es fehlt nur ein bisschen mehr von der anfangs gehörten Wut, dafür wirken wenigstens die Drums wie ein Kultivator der musikalischen Vielfalt. Das innere Metronom des immer schneller schlagenden Herzens setzt immer wieder aus und presst im Herzrhythmus-Aussetzer des Moments die letzten Tropfen Adrenalin in die entlegensten Winkel des eingeschläferten Körpers.
Als hätten die Jungspunde mit Metalcore-Gesinnung gespürt, dass man es mit dem Pathos nicht übertreiben sollte, ist das Auftischen des nächsten stählernen Kelchs voll brennender Lava deutlich wütender. ‚Next Life‘ beißt dich mit frisch polierten, zum Reißen gemachten Kiefern genau dort, wo du am meisten gebissen werden wolltest.
‚He Said Eternity‘ ist eine Überraschung eigener Art, die aber, dank der Tatsache, dass die erste Kehle der Band diesmal einer jungen Dame gehört, völlig verständlich wird. Eine Liebesgeschichte über unglückliche, enttäuschte Liebe, verspielte Hoffnung und bittere Tränen der Erkenntnis ist das Stück süßer Torte, das sich diejenigen, die gerne an Diabetes sterben würden, mehr als nur gewünscht haben. Nach dem Nachhall der Ewigkeit ist es Zeit, Wut und Rache zu besingen. Es ist nicht alles Gold, was glänzt, und nicht alles Zucker, was dich gleich am Anfang auf den aufs Naschen gemachten Geschmacksknospen zu streicheln beginnt.
Die perfekte Form von Kugel und Kreis hat schon die alten Griechen inspiriert. ‚Circles‘ ist der balladeske Erguss eines Engels, der durch den Nebel irrt. Maria legt die letzten Trümpfe offen, die ihr einen Platz unter den größten Hoffnungen der Gegenwart verdienen. Sie zieht alle Register und zerfetzt auch die letzten unversehrten Fetzen ihrer Stimmbänder. Man spürt den Schweiß und sieht die Anstrengung. Dazu kommen Gehör, Sinn für Melodik und ästhetisch ausbalancierte Akrobatik auf der Schneide einer stählernen Rasierklinge, von der schon zu viele Sängerinnen gefallen sind. In This Moment sind nicht verdorben und verlogen. Hier geht es um Verismo der Gefühle und echten Glauben an das, was sie tun.
Nach dem Kreisen verzieht sich der Sturm. ‚The Storm Subsides‘ ist eine rundum raffinierte Schlussphrase, derentwegen das Debüt tatsächlich den Namen Beautiful Tragedy verdient, wobei die Betonung auf dem ersten Teil der Wortverbindung liegt. Ich würde fast schwören, dass der leicht deutsche Akzent im Englischen Maria Brink besser steht als die deutlich gewöhnlicheren Salven erbärmlichen Gekreisches aus der Kehle der Frontfrau von Guano Apes. Sandra – über dem großen Teich hast du Konkurrenz bekommen! Das akustische Dramolett fließt in die Stille. Fürs erste Mal war damit alles gesagt. Und es wurde gerade genug gesagt, dass du beim nächsten Mal noch mehr willst.
Talent, Funkensprühen, Erotik und Vision habe ich schon am Anfang erwähnt. Genau deshalb finde ich, dass In This Moment eure Aufmerksamkeit zu Recht verdienen. Nicht alles ist perfekt. Es gibt Lücken, die so manche auch nach zehn Platten auf dem Schotterweg ihres holprigen musikalischen Werks nicht stopfen können. In This Moment sind deshalb eine vielversprechende junge Blüte und vielleicht sogar neue Sterne am ziemlich überfüllten Himmel des Metalcore oder auch des Emo. Trotzdem bleibt ihnen immer noch genug Stoff, den sie in die Verpackung des zweiten Albums gießen können, und das Jahr 2007 wird ihnen zweifellos in schöner Erinnerung bleiben, denn sie haben bewiesen, dass man schönere und elegantere musikalische Unschuld kaum verlieren könnte. Beautiful Tragedy ist trotz seiner Jugend etwas so Reifes, dass im Mund deutlich mehr Wohlgefühl zurückbleibt, als man von einer vorher unschuldigen süßen Sache erwarten würde. Fazit: ein dickes Ja!
Besetzung
Maria Brink – Gesang
Chris Howorth – Gitarre
Blake Bunzel – Gitarre
Jesse Landry – Bass
Jeff Fabb – Schlagzeug
Produktion
Eric Rachel
Tracklist
1. Whispers Of October
2. Prayers
3. Beautiful Tragedy
4. Ashes
5. Daddy’s Falling Angel
6. The Legacy Of Ofio
7. This Moment
8. Next Life
9. He Said Eternity
10. Circles
11. When The Storm Subsides
LAUFZEIT: 41:51