Bang Your Head!!! „warm up“ Show (2009)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Volksbank Messehalle / Balingen / Deutschland
Konzertdatum: 25.06.2009
Besucherzahl: 4500
Kartenpreis: 25,00€
Das Jahr hat sich gedreht, die Zeit für ein neues Bang Your Head Festival ist gekommen, das jedes Jahr im deutschen Städtchen Balingen in der Region Baden-Württemberg, recht nahe bei Stuttgart, stattfindet. Wie es schon Tradition ist, haben die Veranstalter auch dieses Jahr für eine „warm-up“ Show gesorgt, die sich jedoch im Unterschied zum Vorjahr, als das Aufwärmkonzert im nahen Hechingen mit den Bands Frobidden, Breaker und Firewind stattfand, diesmal in der brandneuen Halle Voklsbank Messehalle direkt auf dem Festivalgelände selbst ein Zuhause gefunden hat.
| Snake Ride Rodeo (20.00-20.50): |
Es hat acht Uhr geschlagen. Abends, nur damit das klar ist. Die Leute vor der Bühne hätte man an einer Hand abzählen können, und trotzdem mussten Snake Ride Rodeo auf die Bühne. Das ist eine Band, die vor fünf Jahren gegründet wurde, aber aus erfahrenen deutschen Musikern besteht. Fans von Running Wild kennen das Wort Preacher sicher in- und auswendig. Der ehemalige Running-Wild-Mann schraubt heute seine Gitarre bei Snake Ride Rodeo. Die Band setzt auf die aggressive Karte eines giftig lebendigen Riff-Schmiers der Gitarren, der eher nach einer sauflaunig-lärmigen Version von Rock ’n‘ Roll riecht als nach irgendwas, das man Metal nennen könnte. Bei Snake Ride Rodeo quietscht und brutzelt alles an den Gitarren, wenn die Jungs ihr Material antreiben. Das dreckige Grummeln wird von einem tiefer intonierten, rauen, kehlig-scharfen Gesang unterstützt. Stellt euch das Näseln eines erkälteten Mat Sinner (Sinner, Primal Fear) vor. Klang und Energie tragen den Zuhörer stellenweise in Richtung Black Label Society. Songs wie Ashes, Ultimate Fear oder Bleed haben die Band dem Publikum unter anderem vorgestellt. Das Quartett stieß leider auf ein lauwames Echo in einer ohnehin ziemlich leeren Halle, die gut und gerne 5000 Menschen fasst. Angesichts der Tatsache, dass die Band in erster Linie auf die Energie des rockig-ursprünglichen Instinkts setzt, den die Kraft des Riffs erzeugt, war der stark verzerrte Klang, bei dem die Bässe die Qualität des Klangbilds unterminierten, noch nicht mal wirklich störend. Störend war nur die Erkenntnis, dass die Band gerade so viel von sich gegeben hat, wie die Routine es ihr gebot, um den Anschein von Korrektheit zu wahren. Für mehr hätte die Halle schlicht besser besucht sein müssen.
| Evile (21.00 – 21.50): |
Die britischen „old school revival thrasher“ Evile traten als Zweite auf die Bühne. Das ist durch und durch solider Thrash Metal, der einem straffen rhythmischen Galopp verschrieben ist, der die Anwesenden entflammte, als die Truppe in der Besetzung Matt Drake (Gitarre, Gesang), Ol Drake (Gitarre), Mike Alexander (Bass) und Ben Carter (Schlagzeug) Faust für Faust Dynamit in wutentbrannten Songs wie Bathe In Blood zündete. Das ganze Ding ist zwar neu, trägt aber einige Züge der frühen Slayer (Anfangsphase), mit dem obligatorischen Einbau gründlicher (auch mehrteiliger) Gitarrensoli, die giftig schnell runtergezogen werden, dem Halbtonakzent verschrieben, wie es auch das Riffing der ambitionierten Thrash-Revivalisten verlangt. Der Gesang nervt nicht, ist „angenehm röhrend“ und dosiert genau das richtige Gewicht eines sturmartigen Charakters!
Das Outfit, also die Bühnenkluft der Band, erinnert stark an die Achtziger, als Metallica enge schwarze Hosen und hohe „Puma“-Sportschuhe trugen. Solange die Jungs solche großartigen Songs stampfen, die in allem überzeugend mit Aggression und Wut vollgepackt sind wie Thrashers, We Who Are About To Die oder Armoured Assault, muss man sich um die Zukunft des europäischen Thrash Metal wirklich keine Sorgen machen. Ein ausgezeichneter, kompakt ausgeführter, eng eingespielter Auftritt, der stellenweise trotzdem etwas durch zu wenig klar hörbare Soli gelitten hat. Evile sind mit voller Kraft ran, souverän, und haben ihren Besuch mit einem gehäuften Maß an Enthusiasmus und ungezähmter rebellischer Energie versiegelt, die das unerbittlich aggressive Thrash-Metal-Riff-Gewalze entfachte. Gutes neues Zeug, das nach dem Alten riecht – und nach Qualität! Die Band, die im September 2009 ihr zweites Studioalbum mit dem Titel „Infected Nations“ herausbringen wird, hat mit ihrem Auftritt definitiv begeistert, und bereits rund 1000 Neugierige vor der Bühne haben sie herzlich begrüßt!
| Jon Oliva’s Pain (22.05 – 23.15): |
Jon Oliva’s Pain haben es geschafft, dass sich die Halle endlich füllte. Die Band, die im vergangenen Jahr ihr drittes Studioalbum „Global Warning“ veröffentlicht hatte, hatte offensichtlich genug vom Spielen ihres eigenen Repertoires und behielt daraus nur den Song Walk Upon The Water. Der Rest des Materials war der Darbietung der einen und einzigen Savatage gewidmet.
Dabei kamen Fragen auf. Warum zum Teufel stellt Jon Oliva Savatage nicht wieder zusammen? Generell wurde die Suche nach einer passenden Antwort noch quälender, nachdem das Publikum buchstäblich ausgerastet ist bei Savatage-Klassikern wie Chance, Edge Of Thorns, Tonight He Grins Again, Gutter Ballet, Sirens, Believe, Jesus Saves und dem abschließenden Hall Of The Mountain King. Diese Frage wurde besonders durch das derangierte Erscheinungsbild von Jon Oliva’s Pain untermauert, deren Hauptschuldiger Gitarrist Matt Laporte war. Der Mann hatte nicht mal einen ordentlich vorbereiteten Bühnensound, geschweige denn, dass er das Savatage-Repertoire engagiert gespielt hätte. Wo die Gründe dafür liegen, weiß ich nicht. War er betrunken, oder trügt mich vielleicht das Gefühl nicht, dass die Jungs es kaum erwarten können, bis die Tour vorbei ist und Jon sie heimschickt. Ich rede von einem Gefühl – lasst euch nicht täuschen!
Chris Caffery hat man wirklich sehr vermisst. Laporte hat nicht nur unengagiert gewirkt, er hat sich sogar einige grobe Fehler bei den Soli erlaubt, ebenso bei den führenden Gitarrenmustern und Gitarrenornamenten. Generell wirkten die giftigen „Tremolo-Zieher“ schändlich mangelhaft – eigentlich gab es sie gar nicht, genau wie keinen echten Drive in den Riffs selbst. Komplett abgestumpft, uninspiriert und mit einer ordentlichen Portion Schlamperei angerichtet – so lässt sich Laporte zusammenfassen.
Die ganze Sache hat der große Jon Oliva gerettet, der großartig gesungen und mit seiner enormen Charisma das Publikum auf sich umgelenkt hat, sodass dieses vielleicht den „mitgenommenen“ Laporte und sein Bühnenschummeln überhört und übersehen hat. Für Oliva ist das ein Klacks. Er saß ganz vorne, spielte Keyboards und sang. Dabei hat er das Publikum die ganze Zeit mit ausgelassenen Grimassen, Zungezeigen usw… unterhalten.
Trotz dieser Anmerkung ist das Konzert von Jon Oliva’s Pain, die in der Besetzung Jon Oliva (Gesang, Keyboards), Matt Laporte (Gitarre), Tom McDyne (Gitarre), Kevin Rothney (Bass), John Zahner (Keyboards) und Christopher Kinder (Schlagzeug) aufgetreten sind, unglaublich schnell vergangen. Es war im Handumdrehen vorbei. Vor allem dank des Publikums, das mit den Savatage-Klassikern verschmolz und sie lautstark mit Jon mitsang. Vor allem die Refrains – so dass man eine gewisse Magie im Raum spürte. Ein einzigartiges Gefühl, ein Gefühl, das man auf der Bühne nur dann wahrnimmt, wenn der einzigartige „Mountain King“ bei uns ist. Also, nach diesem Erlebnis kann man nur eines sagen: Es ist Zeit für ein Savatage-„Reunion“.
| Kreator (23.30 – 01.00): |
Anderthalb Stunden für die Legenden des deutschen sogenannten teutonischen Thrash Metal sind etwas knapp für alle, die nach der einzigartigen Energie dieser heute sehr respektierten und nicht zuletzt großen europäischen Metal-Band hungern – erst recht was ihre zähe Ausdauer betrifft! Die Band hat Mitte Januar dieses Jahres ihr neues Studioalbum „Hordes Of Chaos“ herausgebracht und sich entsprechend in ihr Repertoire verbissen, indem sie den Auftritt direkt mit dem Titeltrack des neuen Tonträgers eröffnete. Deutscher Perfektionismus, reiche Erfahrung und der Heimvorteil haben zu einem fantastischen Klangbild beigetragen, das durch den Kreator-Auftritt einen ausgezeichneten Sound erzeugte. Definiert wurde er durch klar hörbare Elemente. Vor allem spürte man das im giftig scharfen Schnitt des Riffings beider Gitarren. Das war im Sound hervorragend ausbalanciert, und besonders diese so konstruierte massive Klangwand hat die Halle auf den weit geöffneten Flügeln der ultra-thrasherischen Predigt der Band emporgetragen. Miland „Mille“ Petrozza, der große Anführer von Kreator, überrascht in seinem Spiel nicht mehr wirklich. Eigentlich wäre es sogar falsch, wenn das passieren würde. Mille verwendet gerne seine Lieblingsphrasen in den Ansagen vor den Songs, die Metaller, die Kreator-Konzerte besuchen, auswendig kennen. Kreator sind auch im neuen Jahrtausend häufige Bühnengäste – man hat das Gefühl, dass sie den Großteil ihres Lebens auf der Bühne verbringen und nicht versteckt in irgendwelchen Löchern, wo sie neues Material schmieden.
In der Kreator-Predigt dreht sich alles um die eigene Existenz, die Rettung des Selbst, die Bewahrung des Selbst inmitten der Pest des massenkonformistischen Verderbens. Die Band hält durch, gibt nicht nach und ist entsprechend geschärft. Ohne abgestumpfte Formel, in bester Schussform, die ihr Ziel kaum verfehlt. Intensive Mosh Pits, äußerst gefügige und treu mitbrüllende Publikumsmassen reihten sich aneinander. Gut 3500 Besucher haben mit „deutscher“ Treue durchgehalten und die Band durch den Auftritt bis zum letzten Atemzug angetrieben – und der Energiefluss zwischen Band und Publikum war grandios, greifbar und die Gefühle dabei sehr intensiv!
Kreator haben ihren Auftritt von Minute zu Minute gesteigert, und dieser erlebte seine maximale Blüte bzw. seinen Höhepunkt im Schlussteil, als wir erwartungsgemäß zwei Bomben vom Debütalbum der Band „Endless Pain“ bekamen! Beim ersten, Flag Of Hate, winkte Mille dem Publikum mit einer speziellen „Kreator“-Fahne, danach ergossen sich Kreator noch ein letztes Mal mit ihrer Wut über Balingen und mähten das Publikum im abschließenden Tormentor nieder. Den Auftritt haben neben den Neuheiten vor allem die immergrünen Coma Of Souls sowie Pleasure To Kill, Betrayer, Terrible Certainty und Extreme Agression veredelt. Die Art, wie Kreator sie auch heute noch mit verbissener Hingabe abfeuern, beweist, wie unerschütterlich der Geist der Band ist und wie ihr Glaube auch heute noch in allem voll und einer einzigen Vision verschrieben ist! Der Vision von Anführer Mille Petrozza, der großartigen Gesang bot, mit typisch schroffen Akzent, unerbittlich dirigierender Charisma und Vocals von außergewöhnlicher Kraft – wie die Kirsche auf der Torte hat er dafür gesorgt, dass Kreator durch eine hervorragende Arbeitschemie höchster Eingespieltheit des Teams einen fantastischen Auftritt zauberten!
Der Vorabend des Bang Your Head 2009 Festivals hat uns gründlich die Knochen und Glieder aufgewärmt. Vollgepackt mit ursprünglicher, purer Metal-Energie haben wir uns nach dem Konzert zu einem stärkenden Kebab aufgemacht, und die ausgelassene Vorfreude auf den ersten Festivaltag zog sich noch bis tief in die Nacht.
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setliste
EVILE: 1. We Who Are About To Die 2. Armoured Assault 3. Man Against Machine 4. Killer From The Deep 5. Demolition 6. Thrasher 7. First Blood 8. Bathe In Blood 9. Enter The Grave 10. Schizophrenia KREATOR: 1. Choir Of The Damned (Intro) 2. Hordes Of Chaos (A Necrologue For The Elite) 3. Phobia 4. Terrible Certainty 5. Betrayer 6. Voices Of The Dead 7. Enemy Of God 8. Destroy What Destroys You 9. Pleasure To Kill 10. The Patriarch 11. Violent Revolution 12. Extreme Aggression 13. Coma of Souls 14. Warcurse 15. Flag Of Hate 16. Tormentor
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