Bang Your Head!!! festival 2018 (erster Tag) – Legendäre Europe als krönender Abschluss des ersten Tages!

ALEŠ PODBREŽNIK
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Ort: Balingen /Messegelände / Deutschland
Datum: 12.07.2018


Es war der erste Tag des neuen Bang Your Head!!! Festivals. Des Jubiläumsfestivals. Das zwanzigste in Folge. Alte Bekannte am alten Ort. Alles eigentlich gleich. Alles bleibt gleich. So wie jedes Jahr. Zwei Bühnen: eine riesige im Freien, die andere in der Halle Volksbanksmesse, die direkt daneben liegt. Um halb zwölf ging es richtig los. Auf der Bühne standen die Schweizer Hardrocker Black Diamonds, die buchstäblich in letzter Minute ins Programm gesprungen waren – und zwar als Ersatz für Kickin‘ Valentina. Das war auch die einzige Änderung im gesamten Programm der diesjährigen Ausgabe des Bang Your Head!!! Festivals. Die Schweizer sind dafür bekannt, im Laufe der Geschichte einige äußerst interessante Bands hervorgebracht zu haben – von Celtic Frost bis Coroner –, und es sieht beim Hard Rock nicht viel anders aus. Auch dort konnten und können sie glänzen (Krokus, Gotthard, China, …). Black Diamonds wandeln auf demselben Hard-Rock-Erbe, geben sich einen Hauch Glam – doch was zählt, ist die Musik. Das Quartett funktioniert hervorragend; vielleicht hat die große Bühne sie etwas »geschluckt«, da Sänger Mich auch mit einer Gitarre bewaffnet ist und durchgehend den Rhythmus im Auge behalten muss. Wie dem auch sei: Gitarrist Dee und Bassist Andi brachten mehr Bühnenaktivität durch ständiges Herumrennen und Anheizen des Publikums und kompensierten damit die statische Position des Sängers. Die Band, die noch nicht lange existiert, hat zwei Studioalben in der Tasche – und, man glaubt es kaum, bereits auch ein Livealbum. Das Repertoire bestand also aus den Alben »Perfect Sin« und dem aktuellen »Once Upon A Time«, von der Bühne hallten We Want to Party, Romeo & Juliet, Judgement Day, I’ll Be Ok, Love, Lies, Loneliness, Pieces of a Broken Dream, Thrillride, Vampires of the Night und Hands of Destiny. Zum Abschluss würzten Black Diamonds die äußerst überzeugende und souveräne Vorstellung noch mit Chuck Berrys Rock N‘ Roll Music. Wer zum Beispiel auf Crazy Lixx gewartet hatte, bekam mit Black Diamonds schon ein wunderbares Eröffnungsgeschenk mitgegeben.

Besonders attraktiv fiel die nächste Band aus. Burning Witches aus der Stadt Brugg. Ebenfalls Schweizerinnen. Das rein weibliche Quintett ist seit 2015 aktiv und hat im letzten Jahr das gleichnamige Debüt-Studioalbum veröffentlicht, das es auch ausgiebig in seinem dreiviertelstündigen Auftritt präsentierte. Was Frauen aus sich herausholen können, wenn sie Heavy Metal spielen, beantwortet ein Besuch eines Burning-Witches-Konzerts. Spandex, giftige Frisuren und natürlich die Pose und das Bühnenbild. Sängerin Seraina Telli dominierte mit ihrer Explosivität buchstäblich alles. Sie entfaltet eine unglaubliche Stimmkraft, mit der sie in jedem Moment der Show autoritär das Kommando übernimmt. Die Bühne war mit ihnen bis zum Rand gefüllt. Die Band hat sich genau in diesem Jahr mit Gitarristin Sonia Nusseldwer verstärkt, die nicht umsonst wegen ihres Aussehens und ihrer Statur »Anubis« genannt wird. Ein schlankes, großgewachsenes Mädel, mit Fingern wie eine Spinne und unglaublicher technischer Verfeinerung und Perfektion. Burning Witches spielten: Metal Demons, We Eat Your Children, Creator of Hell, Creatures of the Night, Bloody Rose, Save Me, Black Widow, Holy Diver (orig. DIO) und schlossen das Konzert mit dem Song Burning Witches ab. Außergewöhnliche Harmonie, hervorragender Sound, Darbietung. Alles. Die Mädels gehen im Winter 2019 auf gemeinsame Tournee mit Grave Digger. Nach einer solchen Show, wie wir sie in Balingen erleben durften, ist es keine Übertreibung vorherzusagen, dass sie auf der Tournee die Shows stehlen werden.

Eclipse sind alte Bekannte des Bang Your Head!!! Festivals. Sie sind hier schon letztes Jahr aufgetreten. Sie sind seit fast zwanzig Jahren aktiv, brauchten aber eine ganze Weile, um auf der internationalen Bühne erfolgreich durchzubrechen. Ihr Durchbruchsalbum »Blead And Scream« setzte sie 2012 endgültig auf die Landkarte. Sie gelten als große Perfektionisten und halten am AOR-Revivalismus fest, genauer gesagt am melodischen Rock auf »skandinavische« Art – aber dabei sparen sie nicht an Dezibel. Die meisten Riffs sind extrem hart aufgezogen und blinzeln schamlos in Richtung Heavy Metal. Die Mannschaft wird angeführt von dem überragenden Komponisten, Produzenten, Multi-Instrumentalisten, Sänger und nicht zuletzt Arrangeur Erik Martensson. Seit der Bandgründung dabei ist der hervorragende Gitarrist Magnus Henrikkson; am Schlagzeug sitzt Magnus Ulfstedt, der früher bei der Band Bass spielte, und die Stelle des Bassisten belegt seit 2015 Phillip Crusner. Erwartungsgemäß. Eine hervorragende Show. Energie, Souveränität, Harmonie. Die Zügel hielt erwartungsgemäß Vocalist Erik Martensson in den Händen, der erneut mit seiner durchdringenden Charisma und seiner Fähigkeit begeisterte, das Publikum so mitzureißen, dass es ihm folgt. Kurzum: mit seiner Ansteckungskraft und natürlich seinem überzeugenden Vokalcharakter. Die Band hat in ihrem Arsenal unglaublich starke Songs mit hypnotisch ultra-ansteckenden Refrains, und Eclipse haben wieder vollblütig gezündet. Sie widmeten sich den letzten drei Alben und spielten nacheinander folgende Songs: Never Look Back, Blood Enemies, The Storm, Wake Me Up, Stand On Your Feet, Jaded, Black Rain, Battlegrounds, The Downfall of Eden und I Don’t Wanna Say I’m Sorry.

Party und gute Stimmung überall. Die hielt auch beim Auftritt der nächsten Band auf der Bühne an. Nach den Schweden war es Zeit für die Finnen. Reckless Love. Erstklassige Glam-Metal- und Glam-Rock-Revivalisten aus der Stadt Kuopio. Wie ihre Landsleute Santa Cruz aus Helsinki. Gute Kumpels, eine gemeinsame Tournee haben sie hinter sich, und Reckless Love hatten zu der Zeit ihr viertes und zugleich letztes Studioalbum »InVader« veröffentlicht. Das Quartett ist klug herausgeputzt, aber kein Spaß. Scharf gemeißelt. Auf den Punkt gebracht. Wieder gehörte die dominierende Rolle dem Sänger. Olli Herman mit üppig aufgetürmter Frisur. Giftiges Zwinkern, ständiges Kokettieren. Ganz vorne eine Reihe seufzender Mädels, die sich an den schlanken Burschen delektierten. Auch Reckless Love hielten mit aller Vehemenz das hohe Niveau der bereits absolvierten Konzertshows aufrecht und rechtfertigten ihre Position im Lineup. Der Revivalismus vollendet und verfeinert. Reichlich Dank für die Inspiration gebührt auch Def Leppard; wenn ihr aber Fans von Bands wie CrashDiet, H.E.A.T. usw. seid, werdet ihr auch Reckless Love schnell ins Herz schließen. Die Band stellte die Setlist aus allen vier Studioalben zusammen und spielte: Animal Attraction, So Happy I Could Die, We Are the Weekend, Monster, Beautiful Bomb, Edge of Our Dreams, Scandinavian Girls, Badass, Born to Break Your Heart, On the Radio, Night on Fire – und schloss das Konzert mehr als heiß ab, nämlich mit dem Hit Hot.

Die Schotten Alestorm sorgten für eine kräftige Wendung auf dem Festivalgelände. Sie haben eine stattliche Fangemeinde. Aber das ist nicht vergleichbar mit dem, was Alestorm zum Beispiel beim Publikum in Tolmin (Metaldays festival) herausholt. Auf dem Bang Your Head!!! ist die etwas ältere Klientel tonangebend, daher gab es nicht so viele halsbrecherische Kamikazeaktionen, auf jeden Fall auch ohne aufblasbare Requisiten, mit Ausnahme eines Schwertes oder einer Axt… Obwohl es gerade Alestorm waren, die mit einer aufblasbaren Ente einen Teil der Tolminer Folklore auf ihre aktuelle neue Tournee »No Grave But Sea« übertrugen. Im Grunde ist die Band ziemlich selbstparodistisch geworden, aber ihre stellenweise schon geradezu bizarre Albernheit zündet immer wieder. Und dabei halten sich Alestorm eben nicht zurück, denn das bringt ihnen immer neue Anhänger. Im Hintergrund der Bühnenkulissen hängt ein Transparent mit Bananen, aus dem zwei Gänseköpfe herausschauen. Ihre »betrunkene« Expedition nach Balingen lieferte diesmal ein Repertoire mit folgenden Songs: Keelhauled, Alestorm, Mexico, The Sunk’n Norwegian, Nancy the Tavern Wench, Rumpelkombo, Hangover, Captain Morgan’s Revenge, Drink in Fucked With an Anchor. Klischeehafter Power Metal mit gelegentlichen Folk-Ornamenten kurbelte den Bierverkauf auf dem Gelände an. Aber Alestorm sind wirklich ungebremst. Ihnen stehen überall die Türen offen; sie haben eine unglaubliche Bandgeschichte und entsprechend viel Erfahrung. Besonders was die Bühnenkontrolle angeht. Die Figur des Frontmanns und Sängers Christopher Bowes, der sonst die Keyboards bei GloryHammer bedient, ist allein schon Grund genug für ausgelassenes Lachen. Der Mann erregte Aufmerksamkeit auch mit einem weißen T-Shirt mit der Aufschrift »I Got Lost in the Gay Dolphin«; ansonsten reizte er immer wieder mit Keyboards à la »Modern Talking«, die ihn aber gelegentlich so sehr behindern, dass er beim Singen gerne mal einen Ton verpasst oder manchmal aus der idealen Vocallinie rutscht. Aber das ist nicht wichtig. Das ist eben Teil der »Folklore« der Band, und so muss es sein. Im Jahr 2018 sieht es aus, als könnte der Band so gut wie nichts schiefgehen. Sie reiten auf riesigen Wellen und steigen noch höher. Das bestätigten sie zehn Tage später, als sie beim Metaldays Festival im slowenischen Tolmin auftraten.

Die überwiegend soften Töne bis fünf Uhr nachmittags des ersten Festivaltages wurden endgültig und gnadenlos von den amerikanischen Legenden des San Francisco Bay Area Thrash Metal unterbrochen: Exodus. Mit Rückkehrer Zetro am Mikrofon sind Exodus endlich wieder die wirklich Echten. Na ja. Gary Holt fehlt natürlich, der aber als Teil von Slayer schon seit geraumer Zeit keine Zeit mehr für seine alten Kameraden hat. Wie dem auch sei – das Gitarrengespann Kragen Lum und Lee Altus (mit Scorpions-T-Shirt – was für eine »Profanation« für einen echten Thrash-Metal-Hardliner) weckt allein schon die Vorfreude. Nach dem aufgenommenen Intro Call to Arms wechselte die Band zu einer teilweisen Darbietung von Funeral Hmyn und ließ dann den Eröffnungsteil in Blood In, Blood Out aus dem gleichnamigen und insgesamt zehnten Studioalbum übergehen, das 2014 erschien. Die Zeit vergeht schnell, Jungs – wann nehmt ihr ein neues auf? Aber das ist nicht mal wichtig – die Band, die einst im fernen Jahr 1979 gegründet wurde, hinterließ in den Achtzigern ein unauslöschliches Erbe mit dem Album »Bounded By Blood« und bestückte das Repertoire eben mit Songs genau dieses Albums: A Lesson In Violence, And Then There Were None, Deliver Us To Evil und dem abschließenden Schrapnell Strike of the Beast. Dazu kommen Parasite vom Album »Pleasures of the Flesh« und der »Fabulous Disaster«-Klassiker, der auf keiner echten Exodus-Setlist fehlen darf – nämlich Toxic Waltz –, und alle Antworten liegen auf der Hand. Exodus sind eine unzerstörbare Festung der orthodoxesten Schule des Thrash Metal und bleiben seine ersten Verteidiger auch im Jahr 2018. Zetro ist ein unglaublicher Komiker, kann aber gleichzeitig auch seinen echten »Badass«-Charakter eines ungezügelten Lausbuben zeigen. Stimmtechnisch funktionieren die alten Songs perfekt mit Zetro. Die Leute drehten durch, und klar ist, dass es sich um ein Konzert handelte, bei dem auch ernsthafte Verletzungen unter den Teilnehmern möglich sind. Einige Leute suchten nach dem Konzert nach Kleidungsstücken und Schuhen; der Autor dieses Beitrags hingegen nicht nach Plektren, sondern nach seiner Uhr. Mosh Pit auf Mosh Pit. Zetro verlangte es. Es verlangte die Energie der außergewöhnlichen Riffs, der außergewöhnlichen Aggression, die Exodus wie Streubomben voller Napalm durchgehend über Balingen schütteten. Die Band ließ auch das äußerst gute Studioalbum »Tempo Of The Damned« (2004) nicht aus und spielte Blacklist. Wie gesagt: Legenden, die auch auf der Bühne große Legenden bleiben. Giftiger Walzer und Expresslieferung, direkt in die Hölle! Kompromisslos. Hoffen wir auf ihre baldige Rückkehr nach Europa. Auf Klub-Shows natürlich!

Es ist keine Neuigkeit mehr, dass am Vortag hier eine Warm-up-Show stattfand. Mit ihrem Konzert eröffneten Blood God diese Show. Am nächsten Tag jedoch wechselten ebendieselben Bloodgod in der Halle Volksbankmesse die Klamotten (das Outfit) und den Musikstil und verwandelten sich so in das Trio Debauchery. Die Old-School-AC/DC- und Accept-Riffs wurden durch eine Art Death Metal ersetzt, natürlich mit klarer Verankerung in Old-School-Rhythmen und auch Riffs. Death’n’Roll. Die Bühne voller Totenköpfe, das Trio mit Rot bestrichen, was natürlich das Gefühl totaler Bluttrieferei, Nekrophilie, Zombifizierung und des Verwesungsgeruchs evoziert. Die Band übernimmt in ihrer Aufmachung irgendwie auch das Outfit von Rammstein. Sie vermitteln ein Gefühl von Bizarrheit. Das Stuttgarter Trio also, das für eine außergewöhnliche Abwechslung mit einer hervorragenden Show sorgte, beginnend mit Warmachines at War, danach Wampire Holocoust, Zombie Blitzkrieg bis hin zum äußerst überzeugenden und unerbittlichen Wüten durch den Abschlussteil des Konzerts, wo sich Blood for the Blood God, Thunderbeast und Demonslayer reihten. Das Konzert haben wir nur teilweise gesehen, da es sich mit den Finnen Amorphis überschnitt.

Amorphis haben in diesem Jahr das hervorragende neue Studioalbum »Queen of Time« veröffentlicht, und ihre einstündige Show war zugleich eine ausgezeichnete Möglichkeit, es zu promoten. So spielten sie insgesamt fünf Songs davon. Tatsächlich verdient dieses Album eine ordentliche Präsentation. Die Band bewahrt auf der Bühne Exzellenz, Professionalität und Darbietungsperfektion. Nichts geht ihnen schief. Alles ist genau durchdacht und vollendet. Essa Holopainen erregte auch mit einem Rush-»2112«-Shirt einige Aufmerksamkeit, obwohl der Hauptfokus natürlich auf Vocalist Tomi Joutsen gerichtet war, der ein Grave-Shirt trug. Am meisten störte vielleicht noch die Poser-Attitüde des Rückkehrers und Bassisten Oppus, aber ansonsten keine Einwände gegen die erneut äußerst überzeugende Show der Band. Joutsen meisterte die Growls und die Clean Vocals in ihrer Gesamtheit brillant; die Band lieferte hervorragende Abstimmung, super Sound und bereits fast routinemäßige Bühnenpräsenz und Kommunikation. Amorphis spielten beim Konzert folgendes Repertoire: The Bee, The Golden Elk, Sacrifice, Silver Bride, Bad Blood, Wrong Direction, Heart of the Giant, Against Widows, The Castaway, Daughter of Hate, Death of a King und House of Sleep.

Bei den Namen Peter „Peavy“ Wagner (Gesang, Bass), Manni Schmidt (Gitarre), Christos Efthimiadis (Schlagzeug) würde ein Kenner der deutschen Heavy-Metal-Szene sagen: Das sind Rage in der Ära zwischen 1988 und 1994. Tatsächlich haben Rage nie aufgehört zu bestehen. Sie spielen durch, aber Peavy hat in Rage eine ganz andere Besetzung um sich. Mit seinen alten Weggefährten Manni Schmidt und Christos Efthimiadis tritt er aber immer noch gemeinsam auf die Bühne. Gelegentlich zwar, aber doch. Als Refuge. Und dieses Team spielt das Erbe der Band Rage durch, vom Übergang der Achtziger in die Neunziger. Aber das ist nicht alles. Ebendieselbe Mannschaft hat in diesem Jahr auch ein Album mit völlig neuem Material veröffentlicht: »Solitary Men«. Die Band erhielt eine ordentliche Spielzeit: eine Stunde und zwanzig Minuten. Sie traten in der Halle auf. Vor allem war es schön, den hervorragenden Gitarristen Manni Schmidt wieder auf der Bühne zu sehen, der auch ein Jahrzehnt seiner Karriere bei Grave Digger verbrachte und stets mit einfallsreichen Gitarrenphrasen und besonders ausgezeichneten Soli beeindruckte. Das war in diesem Jahr einer der seltenen Konzertauftritte der Band – und überhaupt der erste. Daher war es eine echte Exklusivität. Dass dir Rage-Klassiker gespielt werden – Shame on You (als Opener), dann Solitary Man, Invisible Horizons, Baby, I’m Your Nightmare, Power and Greed, Mind Over Matte, die Rage heute eigentlich nicht mehr spielen, und weitere Rage-Tracks wie The Missing Link, Nevermore und natürlich das bekannteste, nämlich Don’t Fear the Winter –, das ist für jeden echten Rage-Fan eine wahre Mini-Fantasie. Die Halle war richtig voll. Man merkte ein wenig, dass die Band nicht regelmäßig auftritt – der eine oder andere Patzer war zu hören –, aber insgesamt ein wunderschönes Abenteuer zurück in die Zeiten der alten Rage. Die Band ließ natürlich auch das völlig neue Material nicht aus und spielte: Summer’s Winter, The Man in the Ivory Tower, Hell Freeze Over und From the Ashes, die keinerlei stilistische Abweichung von den klassischen Rage-Tagen mitbringen, weshalb sie sich brillant an das Repertoire der eisernen Rage-Herkunft anschlossen.

Leider überschnitt sich der Auftritt von Refuge mit dem von Doro, die (interessanterweise) sogar fünfzehn Minuten weniger Spielzeit bekamen als Refuge, und man musste zur Hauptbühne eilen, wo sich das Publikum drängte. Die deutsche Metal-Königin Doro Pesch, die mit ihrer Begleitband im letzten Jahr beim Metaldays Festival auftrat, ist ohnehin ein häufiger Gast des Bang Your Head!!!. Diesmal spielte sie eine fast 100{3b444c4401662b81bcc31e7c37f77191607db8c9c69c7ad9c1e637a8af67ed0e} Setlist aus reinblütigem Warlock-Material und fügte irgendwo in der Mitte des Konzerts zwei eigene Songs ein: All For Metal (aus dem kommenden neuen Studioalbum) sowie das ältere Burn it Up. Ansonsten Warlock bis auf die Knochen, von der Eröffnung Earthshaker Rock., über I RTule the Ruins, Burning the Witches, True As Steel, East Meets West, F’ur Imnmer, Hellbound, dem Cover Breaking the Law (Judas Priest) und dem abschließenden Höhepunkt mit All We Are und Metal Tango. Doro ist Doro. Charisma ohne Beispiel. Mit ihrer Erscheinung und ihrem besonderen Auftritt stieß sie erneut auf außerordentliche Unterstützung des Publikums, das durchgehend mitmachte und die Texte mitsang. Ein ekstatisches Gefühl erzeugt das deutsche Publikum. Immer. Deshalb gilt irgendwie die Regel, dass man deutsche Bands eben in Deutschland sieht. Denn dort erreicht die Stimmung bei einem Konzert ihr größtes Ausmaß. Doro nutzte diese Zuneigung und unglaubliche Unterstützung zusätzlich aus, und die Band spielte auch Raise Your Fist in the Air aus dem eigenen Album »Raise Your Fist« (2012). Party! Doro ist zuhause in Balingen!

In der Halle gehörten anderthalb Stunden Spielzeit den hervorragenden Death-Thrash-Metallern aus den USA, Skeletonwitch. Die Band, die seit fünfzehn Jahren auf der Szene ist und sechs Studioalben in der Tasche hat, hat sich in die Herzen der Fans erstklassiger Riffs, hervorragender Soli – für die das Gitarrenduo Scott Hendrick und Nate Garnette sorgt –, qualitativ hochwertiger Alben und Shows gespielt. Kürzlich tauschten sie Sänger Chance Garnett gegen Adam Clemans aus, und viele dachten, Skeletonwitch wären nicht mehr die Richtigen. Das neue Album »Devouring Radiant Light« erschien interessanterweise genau in der Zwischenzeit. Also in den Tagen nach dem Auftritt beim Bang Your Head!!! Festival und kurz vor dem Auftritt der Band beim Metaldays Festival, wo wir die Band in diesem Sommer also gleich zweimal auf Bühnen erwischten. Die Band steckt also bereits tief in der Präsentation des neuen Albums, des ersten mit dem neuen Sänger – und was am wichtigsten ist: Eines sehr guten neuen Albums, das eine sinnvolle Fortsetzung der EP »The Apothic Gloom« ist, mit der sie das Konzert eröffneten (Song Red Death, White Light). Besagtes frisches Material machte dabei den Großteil des Gesamtrepertoires aus, aber die Band ließ auch den Vorgänger »Serpents Unleashed« nicht aus: Gleich am Anfang spielte sie I Am of Death und schloss das Konzert ebenfalls mit diesem Album ab (zum Abschluss This Evil Embrace, Beneath Daed Leaves). Hervorragende Kommunikation, unglaubliche Schärfe, Fokus, Souveränität und Kraft. Großartig und genau das Richtige war es, dass sich im Programm endlich wieder eine amerikanische Band fand, die sich stärker auf die alten Richtlinien des Thrash Metal stützt und ihn mit düsteren Death-Metal-Strukturen befruchtet. Die Band ließ auch die älteren Beyond the Permafrost, The Horryfying Force (Desire to Kill) sowie Gorge Upon My Soul und Crushed Beyond Dust nicht aus. Verderblich und durch und durch toxisches Brodeln (und Brutzeln)!

Europe haben im letzten Jahr das fantastische neue Studioalbum »Walk the Earth« veröffentlicht, das dem Autor dieses Artikels einfach nicht und nicht aus dem CD-Player weichen wollte. Auch Europe sind bereits alte Bekannte des Bang Your Head!!! Festivals. Diesmal kamen sie in der Rolle der Headliner des ersten Festivaltages. Sie hatten auch eine Festival-Setlist vorbereitet. Nur der Eröffnungsteil gehörte den beiden neuen Songs Walk The Earth und The Siege; dann aber der Umstieg auf den Mega-Hit Rock the Night und die Sensation Scream of Anger, der nach Last Look At Eden noch ein weiterer »Wings Of Tomorrow«-Song Gesellschaft leistete: Wasted Time.

Joey Tempest dominiert klar – die ganze Bühne ist von ihm erfüllt. Auch wenn der Hauptscheinwerfer auf John Norum gerichtet ist (während der Soli), stellt sich Tempest schnell neben Norum. Eine quirlige Figur, die vor Energie übersprudelt. Eine amüsante Begebenheit ereignete sich gleich zu Beginn, als Tempests Mikrofon den Geist aufgab – und zwar genau in dem Moment, als er auf dem Catwalk war. Da lief ein Techniker zu Tempest, der gar nicht bemerkt hatte, dass sein Mikrofon nicht mehr funktionierte, und stellte sich buchstäblich vor ihn hin. Als Tempest begriffen hatte, was vor sich ging, und mit dem Techniker die Mikrofone getauscht hatte, nahm er sich den fürsorglichen Mann noch vor: Er ließ ihn theatralisch nicht mehr in die Kulissen und versperrte ihm alle Zugänge, sodass der Techniker nicht an Tempest vorbeikam. Wieder eine hervorragende Show – nicht nur von Tempest, der mit seiner Charisma und seinem ansteckenden Charme punktet, sondern der gesamten Mannschaft unglaublich erfahrener alter Hasen und Protagonisten der feinsten Version des klassischen skandinavischen Hard Rocks, der in die Fußstapfen von Deep Purple, Thin Lizzy und Rainbow getreten ist. Norum ist der König der Hard-Rock-Gitarre. Erneut verblüffte er mit seinem Perfektionismus, seiner unglaublichen Feinfühligkeit bei der Ausführung von Soli und anderen kleinen Details, die sein Spiel schmücken und ihn unter den Gitarristen der Welt auf einen besonderen Platz stellen. Europe sind eine Band, die dich sofort in den Bann zieht. Neben der außergewöhnlichen Bühnenpräsenz und -charisma gibt es natürlich auch den Musikkatalog außergewöhnlicher Hits, unter die sie diesmal auch die Ballade Carrie einbauten – Gesellschaft leisteten: Superstitious, Cherokee und natürlich das unvergessliche und heiß ersehnte The Final Countwdown, mit dem Europe die Konzertshow beim Bang Your Head!!! Festival abschlossen. Vom berühmten Album »The Final Countdown« tat auch die Einbindung des Songs »Heart of Stone« sehr gut. Aus den neueren – also »Rag Of Bones« und »War Of Kings« – reihten sich noch Firebox, Hole in My Pocket und War of Kings. Die Band hat die Setlist mit großer Geschicklichkeit und Raffinesse zusammengestellt. Clever ausgefuchst. Sie war voller Mini-Höhepunkte und natürlich mit dem finalen Crescendo ganz am Schluss – bei der Darbietung der Riesenhits. Eine außergewöhnliche Show. Exzellent. Eine Band, von der wir hoffen, dass sie noch lange auf den Bühnen regiert – und bei solchem Elan, wie ihn das aktuelle »Walk the Earth« zeigt, auch weiterhin neue Studioalben aufnimmt. Europe haben also mühelos ihre Rolle als Favoriten des ersten Festivaltages gerechtfertigt.

Aber der Abend war noch lange nicht vorbei. Die Party zog in die Halle um. Dort standen Amaranthe auf der Bühne. Irgendwie das hässliche Entlein des Metals (?), wo man alles in einem hört. Ein regelrechtes Sammelsurium. Von Metalcore über Death Metal bis hin zu (ihr wollt es nicht lesen) Pop. Mit drei Sängern und sogar Hip-Hop-Tricks. Der weibliche Gesang bringt Operetten-Qualitäten rein, dann gibt es noch zwei männliche Vocals. Einer ist clean, der andere growlt. Als würde man ins Eis etwas Öl rühren oder in den Salat Alkohol. Wie gesagt. Jede Menge musikalisches Durcheinander, das den Autor dieses Beitrags endgültig so verwirrt hat, dass er aus der Halle flüchtete. Man wundert sich nur, wie die Masse auf solche billigen Tricks in der Musik hereinfällt.

Wesentlich mehr greifbare musikalische Substanz boten danach die finnischen Melodic-Death-Metal-Champions Insomnium, die allerdings erst um ein Uhr morgens die Bühne betraten. Sie spielten das gesamte aktuelle Album »Winter’s Gate« und fügten der Setlist ältere Stücke hinzu: The Primeval Dark, Mortal Share, Revelation, Where the Last Wave Broke, The Killjoy, One for Sorrow und While We Sleep. Insomnium hatten freie Hand, bis halb drei Uhr morgens zu spielen. Der Donnerstag war ideal für alle, die diese Band mögen und gerade im Urlaub sind. Also Schüler und Studenten. Tatsächlich die junge Garde der Metaller. Und diese Garde unterstützt die Band mehrheitlich. Mein Gehirnprozessor zeigte zu dieser Zeit erste Fehlfunktionen, weshalb eine Regenerationschirurgie in Form von erfrischendem Schlaf und dem Hören des ELP-Albums »Brain Salad Surgery« nötig war. Ich bin überzeugt, dass es bei Insomnium sehr heiß war; der Band werden wir uns mit dem erstmöglichen Bericht revanchieren, sobald das möglich ist. Bis dahin könnt ihr euch aber mit dem aktuellen Bericht trösten, als Insomnium Ende März dieses Jahres in Ljubljana auftraten.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


1 Kommentar
  1. Dusica sagt

    Mr Tempest ima veliko karizmo, ki te začara in potegne vase, zato so tudi Europe uspeli v svetu Rock and Rolla. Mogoče ima samo Mr Jagger večjo karizmo. Oba sta za vedno zapisana v svetu Glasbe.

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