Bad Times For Bedtime Stories

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Puzzled, The
Label: Celinka
Erschienen: 2013
Laufzeit: 55:51
Wertung: 4.5/5

Mitglieder der Bands Katalena, Kombo Zlatka Kaučiča, Trus!, Miusow Quartet, Avtomobili und noch einiges mehr bringen ein Werk auf die Bühne, in das auch die anspruchsvollsten Musikgourmets reinbeißen werden – jene nämlich, die sich selbst kaum noch zu überraschen wissen, wenn sie durch unentdeckte musikalische Horizonte stöbern, so viele davon für sie auch noch unentdeckt geblieben sein mögen. The Puzzled: eine neue, farbenfrohe Landkarte des slowenischen Musikhorizonts von einzigartiger inhaltlicher Natur.

Stell dir den urbanen Trubel einer der größeren slowenischen Städte vor, sagen wir Ljubljana oder Maribor. Die Euphorie des Alltags, das ewige Muster, Tag für Tag zu überleben – hermetisch abgeschirmt von der Außenwelt, vorhersehbar und kontrolliert. Das Schicksal des Einzelnen, versklavt den Prinzipien des liberalen Kapitalismus, mit dem Reagan und Thatcher in den Achtzigern verhängnisvoll paktiert haben. Dieses alltägliche Lebensraster »Zeit ist Geld« wird dosiert mit kurzen Zeitintervallen der Sehnsucht nach innerer Erfüllung, dem verzweifelten Klammern an jeden Strohhalm, mit dessen Hilfe man in jene Welt fliehen könnte, die einem von Geburt an versprochen wird – die man aber nie findet. Dann ist da sie, deine Partnerin, die dir mit ihrer Liebe den Sinn gibt, im Suchen dessen auszuharren, wonach das Herz sich sehnt. Und trotzdem bewegt sich nichts. Man bleibt eben Gefangener eiserner Zeiten, in denen eine Handvoll auf Kosten der Mehrheit prosperiert. Der Reichen sind weniger, aber weil sie reich sind (im materiellen Sinne), können sie die Herde manipulieren, die nur still und demütig schuftet. Wunderbar. Schöne neue Welt. Die Identität des Einzelnen ist in tausend kleine Stücke zersplittert, und ihr Besitzer ist nicht in der Lage, sie so zusammenzufügen, dass er seinen wahren Sinn der Existenz findet.

Im Licht einer solchen inhaltlichen Botschaft, die sich über den musikalischen Horizont spannt, ist auch das Album »Bad Times For Bedtime Stories« ausdrucksmäßig fragmentiert. Und genau das ist seine größte Attraktivität. Ein avantgardistischer Experimentalismus, dessen Form sich stets effektiv dem Angleich an die Reaktionen des Protagonisten auf seinem Weg durch seinen Alltag bedient. Vollendete Form, die keine Form verträgt. Die Musik von The Puzzled wird von erstklassigen Musikern gespielt, die in jedem Moment alles spielen können, was ihre Fantasie ihnen diktiert.

Das Album »Bad Times For Bedtime Stories« ist ausgeprägt düster. Schon der erste Song des Albums namens Time Without Her Is Wasted skizziert in drei Akten höchst gelungen den Kern des musikalisch-künstlerischen Charakters von The Puzzled. Fangen wir bei der vokalen Interpretation an. Stell dir eine flüchtige Johnny Cash-Interpretation des Nine Inch Nails-Originals Hurt vor. Mit etwas mehr Tiefe in der vokalen Intonation, angenähert an das Morrison-Cave-Prinzip – unter Slowenen kommt dir vielleicht auch der Gesang des The Tide-Sängers Tomaž Štular teilweise nahe. Ungefähr so funktioniert der düsterer tiefer intonierte, dabei aber authentische und deshalb überzeugende Gesang des Bassisten Tibor Syed Mihelič.

Schubladendenken nach Genres wäre fast eine Beleidigung für den künstlerischen Wert dieses Werkes. Irgendwo nach vier Minuten alternativen Düster-Sounds beginnt sich die Geschichte zu entfalten. Es folgt nämlich ein harmonisierter Melodiengesang im Stil indianischer Predigt, darunter zerlegt die Band den Song buchstäblich – von hier an geht es um die Schaffung einer Abfolge scheinbar kaum vereinbarer Leitmotive. Bald folgt totales musikalisches Chaos  des avantgardistischen Experimentalismus, nichts anderes als eine zerhackte Jazz-Variation auf die Variation. Diese werden durch Einsatzpunkte harmonisierter Melodien entlastet. Das Akkordeon ist ein wichtiges Element, das die Spannung der düster-chaotischen Atmosphäre dramatisiert. Der erste Song ist auch der anspruchsvollste, durch den sich der Hörer hindurchkauen muss.

Wrong Waltz For Ingorant People bietet mehr Kompaktheit. Das Akkordeon bildet den Hauptteil der Begleitkulisse für einen vokalen Ansatz, der in den Schoß einer Theatervertonung gehören würde. Die Rhythmuslinien sind bewegt im Einklang mit der freigeistigen Logik des Jazz.

Eine neue, abgeschlossene Einheit bringt eine absolut hörenswerte Entwicklung mit, die aber nach wie vor die absolute Unvorhersehbarkeit des Songs Black Cat With Bionic Legs aufrechterhält. Ein außerordentlich vielschichtig gestalteter Song, gewürzt mit Tango-Rhythmen und der zündenden Integration des Akkordeon-Melos – die rhythmischen Wendungen progressiv gebrochener Rhythmen folgen stürmisch aufeinander, die Gruppe dosiert die Klanglandschaft sorgfältig mit der Anzahl der Noten. In erster Linie sorgt sie für die Schaffung wirkungsvoller Atmosphären. Eine raffinierte Fusion scheinbar kaum vereinbarer Motive, die die Meister aber meisterhaft ohne größere Schwierigkeiten überbrücken und eine einzigartige musikalische Delikatesse bieten, die nicht aufhört, mit ihrer einzigartigen Energie zu begeistern. Teile dieses Songs würden sich perfekt als musikalische Untermalung für ein Spaghetti-Western-Drama eignen.

In the Name Of Go(o)ds ist einer der dramatischsten Songs des Albums. Der Rhythmus eines träge schaukelnden Cowboy-Rittes und eine gebrochene Vokalhaltung sind erst ihr Anfang.  Bald wird die Dramatik durch den Dialog zwischen Keyboards und Gitarre mit einer gehörigen Portion eines fast avantgardistisch zurechtgeschnittenen Blues-Psychedelismus ausgebaut – eine Umgebung also, in der sich auch die artistische Präsenz der dissonanten Vokalhaltung von Nick Cave perfekt zurechtfinden würde. Beim Hören ist unterschwellig das Gefühl präsent, dass im Refrain problemlos ein Gospel-Chor im Hintergrund einsetzen könnte. Schwärzer geht’s kaum.

Die Spannung entlädt das folgende Instrumental Katharina Blum, das deutlich subtiler funktioniert und die Klanglandschaft mit weicheren Klangnuancen einfärbt – erneut rückt  der Akkordeon-Sound in den Vordergrund. Der melancholische Moment lässt aber auch in diesem Song keineswegs nach.

Wenn es irgendwo auf dem Planeten eine vernünftige Radiofrequenz mit Musik für reife (lies: musikalisch erleuchtete) Hörer gäbe (was natürlich eine völlige Illusion ist), wäre World Of Nothing ideal zur Bereicherung eines solchen Radioprogramms. Der eingängigste Song des Albums, mit der meisten Kompaktheit. Die Kontur des Alternative Rock ist angenähert, mit einer Beimischung einer experimentellen artistischen Ader, die eigentlich Garant der einzigartigen klanglich-expressiven Verdichtung dieses exzellenten Studiowerks ist. Die düstere Refrain-Melodie wird im Ausgangspart meisterhaft durch Jazz-Gitarrensoli aufgelockert, was das Element des einzigartigen Inhalts dieses Werks zusätzlich aufwertet.

Auf Rootless wartest du eigentlich die ganze Zeit. Du erwartest ihn irgendwie unbewusst, obwohl du nicht weißt, wo er sich auf dem Werk befindet. Wie gerufen. Es ist der letzte Song des Albums. Das ist ein Instrumental mit der meisten Fragmentierung  musikalisch-expressiver Inhalte. Das meiste an frei kreisender Rhetorik des scharfsinnigen musikalischen Visionärstums à la The Puzzled. Ein progressives Instrumental mit der größten Reichweite unvorhersehbarer Entwicklungen und einer neuen starken Dosis musikalischen Experiments. Dazu gesellt sich klar auch ein Ethno-Melos, das in diesem außerordentlichen Klimax avantgardistischer Fusion hervorragend koexistiert. Der Song ist knapp zehn Minuten lang, ist aber im Nu vorbei.   Das ist der Song, der dich dazu bringt, automatisch den Knopf am CD-Player zu drücken mit dem Befehl »nochmal abspielen«. Das gesamte Album natürlich.

The Puzzled ist ein außergewöhnliches musikalisches Abenteuer, das die scheinbar unüberwindliche Genre-Grenze überbrückt. Worte reichen in dieser Rezension bei weitem nicht aus. Grenzenlose Freigeistigkeit vollblütigen musikalischen Experiments, Ethno-Melos, Anklänge an Alternative Rock, Blues, sogar Psychedelisches – fast schon Floyd-artige Würze, Impulse der Jazz-Rock-Fusion,… All das kreiert eine starke Note des eigenwilligen künstlerischen Ausdrucks der Gruppe, die natürlich avantgardistisch wirkt.  Man muss in all dem keine große Philosophie suchen.  Du schaust dir die Stammbands an, aus denen die Musiker des The Puzzled-Projekts stammen, und bekommst eine Annäherung an das, was du auf dem Album  »Bad Times For Bedtime Stories« erwarten kannst. Selbst wenn man den integralen Begriff »avantgardistisch-progressive Jazz-Alternative« verwenden würde (brrrr….), hätte man fast nichts gesagt. Es geht schlicht um ein Werk, in das du entspannt hineinbeißen musst, offen für unerwartete Wendungen, auf der Suche nach der schroffen Eigenwilligkeit einer Musikkultur. Die Botschaft des Albums »Bad Times For Bedtime Stories« wirst du noch lange entdecken. Du wirst es Stück für Stück enthüllen. Es ist ein komplexes Werk, das nicht für den Konsum des durchschnittlichen zerebralen Kortex bestimmt ist, da es vom Hörer ein Höchstmaß an Geduld und Aufmerksamkeit verlangt. Das ist ein Album der brillanten Kommunikation der Mitglieder des The Puzzled-Projekts, in der der musikalisch scharfsinnige Reiz großer Talente in vollem Glanz funkelt und sich gegenseitig verstärkt. Die Musiker kennen sich seit langer Zeit und haben gemeinsam schon viele musikalische Abenteuer durchgespielt. Auch das ist ein wichtiger Faktor, der die ausgeprägt eigenwillige Haltung dieses urwüchsigen musikalischen Werks aufbaut – von dem wir hoffen, dass es in Zukunft auch seinen künstlerischen Nachfolger bekommen wird.

Besetzung

Tibor Mihelič Syed – Bassgitarre, Gesang, Gitarre, Saz, Maultrommel
Marko Brdnik – Konzert- und MIDI-Akkordeon, Keyboards
Marko Lasič – Schlagzeug, Klanginstrumente
Peter Šavli – Gitarre
Matevž Kolenc – Gitarre
Blaž Celarec – Perkussion

Produktion

Blaž Celarec & Tibor Mihelič Syed

Trackliste

1. Time without Her is wasted
– The Quarrel
– He’s out
– He’s back, vomiting.
2.Wrong Waltz for Ignorant People
3. Black Cat with Bionic Legs
4. In the Name of G(o)ods
5. Katharina Blum
6. World of Nothing
7. Rootless

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