Bad Magic
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Motörhead
Label: UDR
Erscheinungsjahr: 2015
Laufzeit: 42:36
Wertung: 4/5
Und da ist er – das 22. Studioalbum der ewigen Rock’n’Roll-Bastarde Motörhead. Obwohl Lemmy vor wenigen Tagen seine Show wieder abbrechen musste – im US-Bundesstaat Utah, wegen plötzlicher Atemprobleme –, gilt bei Motörhead nur eines. Sieg oder Tod – Victory or Death! Genau das verkündet die Albumeröffnung mit dem ersten Schrei! Keine Kapitulation.
Der eiserne Kanzler hat also offenbar mal wieder dem Tod getrotzt und noch einen Sieg errungen – die Band hat nach einigem unerwarteten Zögern das Album »Aftershock« (2013) aufgenommen und veröffentlicht, das eine Vielfalt bietet, wie sie die Eintönigkeit und Vorhersehbarkeit des Sounds und Stils der Band bis dahin nicht kannte. Nach zwei Jahren kommt nun der Nachfolger »Bad Magic«. Und? Eine Rückkehr zum typischen Getöse und Radau, wie er für die gesamte Post-»Fast« Eddie Clark-Ära charakteristisch ist – oder genauer gesagt, ab »Overnight Sensation« (1996), als die Band wieder zum Trio-Format zurückkehrte. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Band wieder alle Regler im Studio auf maximale Lautstärke gedreht und das Material erneut im höchsten Gang angegangen ist. Den Lärm und die Geschwindigkeit von »Bastards« sollte man zwar nicht erwarten, doch den extrem metallisierten Sound jener Ära hat Campbell nach Burstons Abgang schnell und effektiv durch eine extrem fette Groove-Riff-Wand ersetzt. Zu den schnellsten Krachern zählen diesmal das extrem aufgewühlte Thunder And Lighting und sein »Blutsbruder« Teach Them How To Bleed. Das ist Stoff, der euch den Schädel garantiert aufmischt!
Da wir den Stil und Sound der Band über die Jahre bestens kennengelernt haben und uns eigentlich jedes kommende Studioalbum dieser ikonischen Rockband schon im Voraus in den Ohren klingt – also noch bevor wir es wirklich hören konnten –, gilt auch für »Bad Magic«, dass es keinerlei Abweichungen von der Spur der Band bringt, die das Produzenten-Amt wieder Cameron Webb anvertraut hat. Dieser arbeitet mit der Band bereits seit dem Album »Inferno« (2004) zusammen.
Die »Kehlen-Drehmaschine« dient dem eisernen Kanzler nach wie vor verblüffend überzeugend. Es geht um seinen unverwechselbaren Gesangsansatz, dem es nirgendwo in der ganzen verrückten Galaxis ein Gegenstück gibt. Nach der Predigt unerbittlich, geerdet, verheerend, verwoben mit dem Okkultismus und der Magie dunkler Mächte. Kein Licht am Ende des Tunnels. Wir alle sind dem Untergang geweiht. Sünder – und die finale apokalyptische Katharsis ist unvermeidlich. Egal, wie man es dreht und wendet: Lemmy hat (immer) recht. Shoot Out All Of Your Light ist dabei der passende Titel für diese schwarzen, aber realen Gedanken. In der Strophe tanzt bloß nicht zu diesem Song – der reißt euch beide Beine ab. Der Sound ist wieder so fett geölt wie nur möglich. Abgerockt, zerfetzt, im Garage-Gewand verpackt. Bastard-punkig.
Da das Biest wieder frei ist und ungezähmt tobt und akustischen Terror verbreitet, gibt es die erwähnte Sonic-Geschwindigkeit und den ohrenbetäubenden Krach wieder im Überfluss! Unglaublich gut wirken die Gitarrenphrasen, wo die Band etwas aus dem höchsten Gang rausnimmt – wie im Song The Devil mit seinem extrem packenden Eingangsriff –, wo die Kanonenschläge von Mikkey Dee eine extrem kontraststarke Gegenwucht schaffen. Und das ist noch nicht alles. Besondere Gefühle weckt auch der mittlere Teil des Songs, in dem das Solo niemand anderes als der strahlende Brian May (The Queen) als Gastmusiker des Albums einspielt.
Electricity könnte das Album problemlos eröffnen. Stilistisch ist er nach dem Vorbild von Songs geschnitten wie etwa We Are Motörhead. Also nichts Neues, aber ein einzigartiges Bonbon, wieder geschickt neu verpackt und zur frischen Konsumation serviert. Selbst-Replikation ist bei Motörhead nicht nur willkommen, sondern geradezu eine Pflicht der Band gegenüber sich selbst und natürlich den Fans. Der Rock’n’Roll-Anteil steigt in der Albummitte an. Nach Electricity folgen nämlich noch das extrem düstere Evil Eye (im Pre-Verse greift Lemmy zum »Leichen«-Gesang) und danach der (bereits erwähnte) typische Rock’n’Roll-»Vielfraß« Teach Them How To Bleed mit einem der schnellsten Tempi des Albums.
Till the End bringt das, was die Fans bei frühen derartigen Experimenten gestört hat – aber es ist ein weiterer Song der Motörhead-Karriere mit ruhigerer Note, und Lemmy nähert sich ihm mit reinem Gesang, was im Gesamtbild (ganz besonders) Gänsehaut verursacht. Der Song wird von akustischen Arrangements getragen und das Maß an Musikalität steigt darin extrem an. Ein Song über verlorene Unschuld (Jugend), der dich mit klassischer Lemmy-Poesie packt und erschüttert. Überhaupt wegen der Emotionalität, die das Trio – mit Lemmys Stimme obenauf natürlich – aufzubringen vermag.
»Bad Magic« ist ein neues, hervorragendes Album der Band. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Ein typisches Motörhead-Album, geschmiert mit allen Charakteristika der unverwechselbaren Spur des dreckigsten Rock’n’Roll der Galaxis. Ans Ende des Albums hat die Band eine witzige Coverversion der The Rolling Stones in eigener Ausführung gesetzt: Sympathy For The Devil. Auf jeden Fall fügt sie sich nicht in das Konzept des Albums ein, weshalb sie auch ans Ende gesetzt wurde – aber es ist ein gelungener Moment großen Spaßes des Trios im Studio und eine willkommene Bereicherung des Materials. Genial. Lemmy singt (beim Lesen dieses Verbs könnt ihr ein breites oder enges »O« und »E« verwenden, ganz wie ihr wollt) Jagger!
Das Biest hat also überlebt (zumindest im Studio)! Genau 40 Jahre sind seit der Bandgründung vergangen, und Dave Brock zerbricht sich immer noch den Kopf, weil er sich bis heute nicht verzeihen kann, dass er Lemmy aus Hawkwind rausgeworfen hat! So haben wir also Motörhead bekommen! Und sie sind immer noch da und treten unerschütterlich weiter! Hoffen wir, dass das Biest auch auf den langen Kilometern und Meilen immer neuer Konzerttourneen überlebt – bis zu unserem nächsten Konzert-Wiedersehen mit den ersten und authentischsten Ikonen des Rock’n’Roll-Krachs und darüber hinaus! Keine Kapitulation und kein Halt! Wo Sieg ist, ist auch Tod! Nichts mehr, nichts weniger!
Besetzung
Ian „Lemmy“ Kilmister – Bass, Gesang
Phil Campbell – Gitarre
Mikkey Dee – Schlagzeug
GASTMUSIKER:
Brian May – Gitarre in Song Nr. 5
Produktion
Cameron Webb
Tracklist
1. Victory or Die (3:09)
2. Thunder & Lightning (3:06)
3. Fire Storm Hotel (3:35)
4. Shoot Out All of Your Lights (3:15)
5. The Devil (2:54)
6. Electricity (2:17)
7. Evil Eye (2:20)
8. Teach Them How to Bleed (3:13)
9. Till the End (4:05)
10. Tell Me Who to Kill (2:57)
11. Choking on Your Screams (3:33)
12. When the Sky Comes Looking for You (2:58)
13. Sympathy for the Devil (The Rolling Stones Cover) (5:35)