Back From Reality
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Jazoo
Label: Celinka
Erschienen: 2013
Laufzeit: 63:22
Wertung: 3/5
Jazoo sind eine slowenische Experimentalband aus Slovenj Gradec, die in ihrer Karriere sowohl auf der heimischen als auch auf der internationalen Szene deutliche Spuren hinterlassen hat. Das neue Album »Back From Realitiy« ist für die erfahrene Truppe das zweite beim Label Celinka und insgesamt das fünfte. Wie der bedeutungsvolle Albumtitel schon andeutet, ist es ein Werk, das mehr Experiment enthält als alles andere in ihrer Karriere. Oder anders gesagt: Jazoo kehren mit dem neuen Album ins Jenseits zurück, in eine Welt jenseits der Realität. Im Studio erneut komplett live eingespielt. Wie ein Konzertauftritt.
Das Album enthält fünf lange Stücke, und in der ersten und letzten Nummer lässt die Band am meisten los — beide sind dem Experiment am stärksten ausgesetzt. Der Opener Orange Green — der Titel würde mühelos zu einer psychedelischen Band vom Ende der Sechziger passen, die damals auf den britischen Inseln »schwärmten« — gibt sofort einen Einblick in die allgemeine musikalische Substanz des neuen Werks. Das eigentlich unschuldige Hauptmotiv auf dem Klavier, das das Grundgerüst des Anfangsteils der Komposition bildet, ist in vielfache Wiederholungen eingebettet; im ersten Teil versucht ein vokal-improvisatorischer Einschub, dieses aufzubrechen, bevor er in eine längere Flötenimprovisation übergeht. Aufgrund der multiplen Motivwiederholungen wirken manche musikalischen Formen nach den Prinzipien des Post-Rock. Entscheidend ist der letzte Teil der Komposition, wo sich die Bläserschichten atonal übereinandertürmen, das Stück vollständige Fragmentierung erreicht — die Form geht verloren, Motive lösen sich auf —, musikalisches Chaos ausbricht und der Track am Ende im Chaos »zerfällt«. Dieses Stück ist eine schnelle Ansage: Hier kommt ein Jazoo-Album, das beim Hören etwas fordernder ist, als man anfangs erwartet hätte.
Danach kommt 11/8 (Elven Eight) — die Bezeichnung leitet sich vom rhythmischen Takt ab, der das Stück prägt. Das ist der Punkt, der die anfängliche Spannung auflöst. Eine Komposition, die trotz Anspruch und Komplexität mehr »Ordnung« ins Arrangement bringt — besonders gelungen ist das Einflechten von Melodien auf arabischen Tonleitern, was natürlich gut zusammenpasst mit dem gewählten orientalischen Rhythmus, auf dem das Stück »segelt«. Es folgt Far Away From Us, wo die Rhythmussektion richtig aufblüht, während darüber abwechselnd Bläser (Saxofon, Posaune) und warme Keyboard-Flächen die Melodie formen. Ein Stück, in dem die Rhythmussektion in der Improvisation klar das Sagen hat. Die anderen Instrumente halten nur das musikalische Gerüst, in das Schlagzeug und Bassgitarre mit ihren Improvisationen regelrecht »hineinpreschen«. Alone Together gilt als das düsterste Stück des Albums — der lange, improvisatorisch-schizoide Flöteneinschub verlangt vom Hörer besonders dicke Haut, um sich durch seine Komplexität durchzukämpfen.
Etliche Minuten des Albums stehen ganz im Zeichen eines einzelnen Instruments, das so sehr in den Vordergrund gestellt wird (die anderen Instrumente steigen an diesen Stellen gar nicht erst ein), dass du das Zusammenspiel der ganzen Band kaum spürst. Paradebeispiel dafür ist Alone Together, wo über zwei Drittel des Stücks alles ums Klavierspiel kreist — das aber mit seinen Einfällen und abgestimmten Motiven, oft repetitiv und auf dem langsamen Austausch weniger Töne aufgebaut, nicht wirklich voll überzeugt. Zum Glück stoßen im abschließenden Teil Saxofone, Flöte und Rhythmussektion dazu, die den minimierten musikalischen Rahmen, in dem das Klavier viel zu lange allein dreht, konkret auffüllen und beleben. Das größte Experiment aber spart sich die Band für den Albumabschluss auf: Endless Source, aufgebaut aus einem streng experimentell, beinahe avantgardistisch angelegten Zusammenfluss vieler Instrumentallinien, die im atonalen Chaos versuchen, Ordnung herzustellen. Das Stück mit dem meisten Experiment ist auch die anspruchsvollste Komposition des Albums und verlangt vom Hörer bei weitem die meiste Aufmerksamkeit sowie stählerne Nerven, absolute Geduld und flexible Bereitschaft, sich an »musikalischen Wunderlichkeiten« zu erfreuen. Post-Rock-Elemente fehlen dabei nicht.
Alles in allem ist das Album mit dem bedeutungsvollen Titel »Back From Realitiy« das experimentellste der Bandgeschichte. Ein schönes und interessantes Werk auf jeden Fall — eine so erfahrene Truppe von Instrumentalisten wie Jazoo kann ihr musikalisches Visionärtum nicht verleugnen. Trotzdem hätte man sich etwas mehr Gewicht bei der Definition einiger Schlüsselmotive gewünscht, die mehr Kompaktheit in den Kompositionen erhalten hätten. So haben wir ein Album, das extrem fragmentiert ist und streng genommen nur all denen gefallen wird, die grenzenlose Komplexität in der Musik — verankert im Geist des freien Experiments — ungemein anzieht. Klar ist: Das Album »Back From Reality« ist eine weitere Stufe in der musikalischen Evolution von Jazoo. Das nächste Album wird garantiert ein völlig anderes Gesicht der Band zeigen. Diesmal wollten die Mitglieder von Jazoo ein Album schaffen, das so wenig rationale Herangehensweise wie möglich und so viele direkte Übergänge von Ideen enthält — die im Kopf entstehen und sofort in die Sprache der Instrumente fließen.
»Back From Reality« ist im Grunde ein live eingespieltes Konzert-Studioalbum, entstanden nach dem Prinzip »auf den ersten Ball spielen« — was auch der elementare Sinn musikalischer Improvisation ist, dem der Jazz verschrieben ist. Deshalb ist es ein ehrliches und durch und durch authentisches Musikwerk, das nur die eigene musikalische Formel der Band zusammenbringt — und niemand sonst. Ein Album also, das beim Hören »auf der langen Strecke« nur die beharrlichsten Musikgourmets belohnt.
Besetzung
Dani Hartman – Schlagzeug, Darabuka
Katja Stare – Flöte, Tenorsaxofon, Gesang, Keyboards
Matjaž Mlakar – Saxofon (Tenor, Sopran), Klarinette, Monotron, Gesang
Nejc Haberman – Bassgitarre
Tomaž Pačnik – Klavier, Keyboards, Akkordeon
Produktion
Tomaž Pačnik & Jazoo
Trackliste
1. Orange Green
2. Eleven Eight
3. Far Away From Us
4. Alone Together
5. Endless Source