Away From The Safety Zone
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: ZircuS
Label: ZARŠ Records
Erscheinungsjahr: 2012
Laufzeit: 45:10
Wertung: 4/5
ZirkuS, der Underground-Musikstamm aus Slovenj Gradec, echte Klangterroristen, die das musikalische Universum vor zwei Jahren mit dem Studio-Debüt »Epic Tribe« (2010) aufgeweckt haben, melden sich nach gerade mal zwei Jahren mit dessen Nachfolger namens »Away From The Safety Zone« zurück. Schon der Titel allein deutet darauf hin, dass sich die Band diesmal noch mehr kreative Freiheit beim Verschmelzen scheinbar unüberwindbarer Genre-Grenzen nimmt, aus dem sicheren Schutz des »Bewährten« ausbricht und sich auf das Terrain neuer Dimensionen musikalischer Provokation begibt.
Mit »Epic Tribe« hat die Besetzung zweifellos auf ihr Potenzial aufmerksam gemacht. Obwohl stellenweise noch naiv arrangiert, wirkte das Album andererseits durch seine Eigenart provokativ und frisch. Es trug eine Menge vielversprechender Ansatzpunkte in sich, auf die sich die Band künftig effektiv stützen kann, wenn sie ihre musikalische Wiedererkennbarkeit, ihr artistisches Unikat, weiter schärft. Und tatsächlich.
»Away From The Safety Zone« ist der um eine ganze Stufe weiterentwickelte Nachfolger des Debüts »Epic Tribe«. Der Band ist es gelungen, neun Songs zusammenzubringen (der zehnte ist ein Remix des Tracks Symbiosis), die überzeugend beweisen, dass ZircuS in Bezug auf eine noch effektivere Verbindung führender Motivstrukturen und das Arrangieren der Songs selbst gereift sind. Alle Songs können mit einem deutlich größeren Anteil an dynamischem Theater der Ereignisentwicklung aufwarten, einem erheblich höheren Grad an Eingängigkeit bei der Wahl griffiger Melodiekombinationen, die in der Regel mit der Hypnose tribaler – und sogar »Trance«-Hybrid-Tanzrhythmen – unterlegt sind. Natürlich ist ein sehr wichtiger Faktor bei alldem die zusätzlich aufgewertete Produktion im Klangbild selbst. Auf dieser Grundlage werden die Bausteine der einzelnen Songs zusätzlich kontrastiert, das Klangspektrum des so aufgebauten Bildes trägt eine ausgezeichnete Mittellage zwischen lebendiger aggressiver Attacke, die die Band vor allem durch die eruptive Reaktionsfähigkeit des rhythmischen Fundaments erschafft (auch der Einsatz des Doppelbassdrum-Pedals wird nicht gescheut), das den Kern der Songs antreibt, dem autoritativen, entfremdet extraterrestrischen Vortrag der Verse in der eiskalten Farbe des Lead-Vocals und der Kombination aus Synthesizer und Gitarrenriff, die die Wand der Begleitung halten.
Die Band hat diesmal wirklich einige höchst provokante Züge gezogen, die ihr aber vollkommen gelungen sind. Das Glück ist bekanntlich den Mutigen hold. Der unzweideutige Beweis, der den Verlauf der Ereignisse vom Anfang bis zum Ende des Albums treffend ankündigt, ist gleich sein Eröffnungstrack True American, der das sprichwörtlich Unmögliche zu einem völlig stilvollen Konglomerat musikalischer Symbiose verschmilzt. Der heulende Delta-Blues-Griff der »Slide«-Gitarre, den die dänischen Volbeat in einer anderen Geschichte völlig anders eingesetzt hätten, saugt im Handumdrehen das Programm-Sampling auf! Ein Kunstgriff, der buchstäblich schockiert. Blues ist nämlich ein Genretyp, der Experimente im Sinne der Integration anderer Genreformen extrem schlecht verträgt. Er erträgt nur echte, rohe Ursprünglichkeit, die »Blues« ist und nichts sonst. Und trotzdem haben ZircuS diesmal diese Regel gebrochen und gleich zu Beginn den Höhepunkt des neuen Albums geliefert. Ausdrucksstark provokativ. Der Track True American bietet neben dem beschriebenen Lead-Delta-Blues-Sliding eine ausgezeichnete Dosis abwechslungsreicher Farbigkeit vereinter Motive. Der Track trägt sogar eine Note unvorhersehbarer Ereignisentwicklung, während die Band durchgehend für klare Kompaktheit sorgt. Wunderbar eingewoben ist der Übergangspart, der nach 4 Spielminuten des Tracks einsetzt und im Melodie-Sog der Hypnose eine echte Mini-Explosion in Richtung Post-Punk-bis-Shoegaze-Gemisch bietet, zu dem du noch einen Hauch von Depeche Modes ureigenem Sound beimischst, bevor er sich wieder in das reibungsstarke Fusionieren von Blues mit dem tribalen Feuer programmatischer Rhythmik ergießt.
Der Track Fantasy, wo die dunklen Eröffnungsriffs des Albums durch das Licht feierlicher »fanfare«-Keyboards ersetzt werden – ebenfalls als Einführungssingle des Albums veröffentlicht –, entlastet die weitere Albumreise hervorragend. Das zusätzliche rhythmische Pattern vertieft ein Gefühl, das Frankie Goes To Holywood Mitte der Achtziger in ihrer Vision mühelos hätten nutzen können. Ein ausgesprochen willkommener Kontrast, der im artistischen Sinne beweist, dass die Band sich diesmal wirklich keinerlei ideelle Schranken gesetzt hat. In Stanaic Bluies ist der Effekt des »Kugelechos« meisterhaft in einer rhythmischen Schleife dargeboten, der eine üppig düstere, gedämpfte Atmosphäre des Tracks in Korrelation mit dem einfühlsamen Vokaltheater erschafft. Die Band entlastet auch hier meisterhaft den trüben Anfang in der Mitte, der in eine hypnotische Techno-Fortsetzung überfließt. Symbiosis trägt bereits den echten Charakter von Trance-Musik (der in der Remix-Version generell vertieft wird), Like A Lion lässt die Sau raus und legt die primitive, bestialische Aggression der Stammes-Rhythmik frei, in It’s All On The Surface wiederum beschäftigt sich die Band mit den Impulsen des alternativen Hip-Hops. Die Tracks It Was Raininig und Gold In The Ground tragen sogar einige Splitter milder Depeche Mode und No Order Sinthpop-Kultur-Ästhetik in sich, was das aggressive Gesicht der Ereignisse, die sich davor auf dem Album abspielen, auf höchst angenehme Weise entspannt. Einmal mehr sinnlich, großartig und vor allem geschmackvoll arrangiert, was in dem so dargebotenen Reichtum ausdrucksstarker klanglicher Pracht den Hörer mühelos bei sich hält.
Ebenso hervorzuheben ist die gesteigerte Ausdruckskraft des Gesangs. Dieser wirkt auf dem neuen Album deutlich selbstbewusster, noch einfallsreicher in der Melodiegestaltung der Verse und bindet sich dadurch deutlich effektiver an die Arrangementform aller neun Songs. Auch das Element der Theatralik sticht heraus, was bedeutet, dass der Gesang von Aleš Gangl diesmal deutlich variabler und experimentierfreudiger ist. Daher wirkt er noch überzeugender, wenn es gilt, in die Rolle des Predigers zu schlüpfen und einen bestimmten Stimmungszustand wirkungsvoll herauszuarbeiten. Der Gesang agiert aber, wie bereits erwähnt, in der Produktion bewusst kalt und entfremdet, was Sinn und Grundtrick der Schaffung des Ausdrucksbildes einer Band ist, die auf der Hypnose der Fusion von Elektronik mit organischer Klanglichkeit aufbaut.
»Away From The Safety Zone« ist der reifungsmäßig weiterentwickelte Nachfolger des Debüts »Epic Tribe«. Die Band ZircuS hat mit dem neuen Album das Fundament eines ausdrucksstark provokanten Gesichts definiert, das die Andersartigkeit vertieft. Den Look der Eklektik also. Es ist die neue, produktions- und klangreifungsmäßig weiterentwickelte Geschichte der Band, die auch mit einer gründlichen Ausarbeitung der Arrangementstrukturen aufwarten kann, mit einem noch höheren Grad an Dynamik und flüssiger Ereignisentwicklung, die sie auf Schritt und Tritt überzeugend von der Atmosphäre eines echten hypnotischen Effekts begleitet. Der Band gelang eine witzige Verbindung einiger Genre-Meilensteine, sogar retro-klingender Sinthpop-Strukturen der Achtziger, und sie präsentierte das Ganze in Form eines interessanten und ungewöhnlichen musikalischen Bilderbuchs. Dieses antwortet mit dem einzigartigen Bild des Personalausweises einer eigengewachsenen Haltung alternativen Musikcharakters. Letzteren kann die Band künftig stets nach Belieben und unbeschwert vertiefen und erweitern. Und das ist das Prinzip gesunder musikalischer Kreativität.
Besetzung
Aleš Gangl – Gesang, Keyboards
Max Gregor – Gitarre, Bassgitarre, Keyboards
Uroš Bračič – Schlagzeug
Tomislav Gangl – Video
Rok Bricman – Gitarre
Aleš Krevh – Keyboards
Marko Štruc – Schlagzeug, Djembe
Produktion
Peter Penko & Zircus
Trackliste
1. True American
2. Fantasy
3. Satanic Blues
4. Safety Zone
5. It’s All On The Surface
6. Like A Lion
7. Symbiosis
8. It Was Raining
9. Gold In The Ground
10. Symbiosis (remiks)