Ave

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Venom Inc.
Label: Nuclear Blast
Erscheinungsjahr: 2017
Laufzeit: 62:01
Wertung: 4/5

Bei solchen Alben weiß man gar nicht genau, wo man mit dem Schreiben anfangen soll. Das Album »Ave« von Venom Inc. ist eigentlich ein Album von Venom Inc., obwohl es gleichzeitig auch eine Gruppe namens Venom gibt, und so wie Venom Inc. ist diese kein bisschen weniger Venom als jene, die sich bloß Venom nennt, also ohne den Zusatz »Incorporated«. Könnt ihr noch folgen? Damit die »scheinbare Verwirrung« noch größer wird: Die drei Musiker, die sich als Venom Inc. zusammengefunden haben, sind alte Kameraden, die gemeinsam drei Venom-Alben eingespielt haben, nämlich »Prime Evil« (1989), »Temples of Ice« (1991) und »The Waste Lands« (1992).

Wie auch immer. Venom Inc. entstanden 2015, nachdem zwei originale Venom-Mitglieder nach langer Zeit – das heißt nach mehr als zwanzig Jahren – völlig unerwartet ihre Kräfte auf der Bühne vereinten: Gitarrist Mantas und Schlagzeuger Abaddon. Und wie kreuzten sich ihre Wege? Mantas trat 2015 mit der Band M-pire of Evil, in der neben ihm auch das ehemalige Venom-Mitglied Tony »The Demolition Man« Dolan spielte, beim Keep It True Festival auf. Als M-pire of Evil für die obligatorische Zugabe erneut die Bühne betraten, holten sie für die Darbietung des Songs Countless Bathory (das Original stammt natürlich von Venom) niemand anderen als Abaddon als Spezialgast auf die Bühne. Den Rest kennt die Geschichte. Dieses Trio wurde also zu Venom Inc.

Venom Inc., die nebenbei  beim diesjährigen Metaldays Festival aufgetreten sind, haben also ihr Studio-Debüt eingespielt, obwohl man es problemlos direkt in die Venom-Diskografie einreihen und als weiteren in der Reihe der Studioalben der legendären Venom zählen könnte. Das Album dauert über eine Stunde. Was zum Teufel? Woher haben die Jungs bloß so viel Musik zu spielen? Wenn man in die Zeiten naiver Aufrichtigkeit, abrasiver Rudimentarität und manchmal schon schmerzhaft klingendem Schund zurückblickt, der in seinem Minimalismus beinahe primitiv wirkte und dem es an Fehlern nicht mangelte – wir reden natürlich von den allerersten Schritten von Venom und vor allem den ersten beiden Alben –, dann ist es geradezu erstaunlich, wie sehr Mantas, Abaddon und Dolan über die Jahre musikalisch gereift sind. In ihrer vielschichtigen Wahrnehmungsfähigkeit, in technischer Hinsicht und als Komponisten. Das Wichtigste dabei ist, dass Mantas in technischer Hinsicht ein außerordentlich versierter Solist geworden ist und gleichzeitig seine enorme Treffsicherheit beim Einbringen von Gitarrenphrasen mit stark ausdrucksvollem Charakter und eingängigem Charme bewahrt hat.  Jeder einzelne Song auf dem Album »Ave« besitzt eine außerordentliche Kompaktheit sowie eine lebendige, konzerttaugliche Eingängigkeit, die dieses Trio in hervorragender Arbeitschemie erzeugt. All das wäre ohne die sprühende und kraftvolle Rhythmuslinie nicht möglich, für die der entfesselte Dolan und der nicht minder animalische Abaddon sorgen. »Die alten Herren« geben wirklich nicht nach. „Ave“ klingt altmodisch vertraut, und dennoch ist es in Momenten so gewaltig, zerstörerisch und rhythmisch donnernd, dass die Riffs einmal in Richtung der primordialen Form des Thrash Metals rasen (Dein Fleisch, Ave Satanas, War), nicht minder in Richtung Speed-Metal-Schmutz  (Metal We Bleed) sowie auch in eine gelungene Kombination von beidem (Time To Die), dann wiederum betten Venom Inc. in ihrer Elementarität auf  raffinierte Weise Rock’n’Roll-Elemente ein und beschwören so in ihrem unnachgiebigen Brummen beinahe den Geist von Motörhead aus den Zeiten, als diese noch ein Quartett waren (The Evil Dead, Black N‘ Roll). Durch das famose I Kneel to No God, mit einem der einfallsreichsten Riffs des Albums, ist sogar die alte Schule von Black Sabbath aus der »Ozzy-Ära« herauszuhören.

Venom Inc. haben mit ganzer Vehemenz und gegenüber Cronos ohne jeden Funken Respekt sowie absolut kompromisslos die bekannte satanische Ikonografie von Venom auch auf »Ave« übertragen, und Dolan ist in seiner Interpretation von Gotteslästerung und Anstiftung zur Lasterhaftigkeit  mit seiner Darstellung stets (zum richtigen Zeitpunkt) am richtigen Ort.

Die Band hat auf diesem Album wirklich viele verschiedene musikalische Ideen erprobt und dabei gleichzeitig meisterhaft die gesamte Essenz und den Geist von Venom übertragen.  Die Ideen auf diesem Album wurden über längere Zeit gehärtet. Einige stammen aus früherer Zeit und sind natürlich konkret überarbeitet und aufgefrischt. Dolan reißt in seiner ganzen Besessenheit Stahlbetonwände ein, wenn er mit seinem kehlig grollenden und enorm durchdringenden Gesang wütet. Man kann sich Tony lebhaft vorstellen, wie er das Publikum bei Konzerten mit seinen spöttischen Grimassen und dem Herausstrecken der Zunge aufheizt. Das Album »Ave« ist als Ganzes auf außerordentlichem Niveau eingespielt. Unnachgiebig. Seine zerstörerische Kraft ist der Garant dafür, dass dir die Ohren bluten! Es reitet auf den Schwingen unglaublichen Schwungs, brennender Hingabe, stürmischer Ungeduld und vollblütig lodernder Entfesselung ungezügelter Leidenschaften. Als wären Mantas, Abaddon und Dolan am Beginn ihrer Karriere, also im Jahr 1979, und nicht in der Gegenwart.

Alles in allem lässt sich als abschließendes Fazit ziehen: Venom haben mit Cronos schon lange kein so urwüchsiges Venom-Album mehr veröffentlicht wie Venom Inc. mit »Ave«. In dieser Hinsicht sind Venom Inc. drei Kumpels ihrer Generation, während Cronos in seiner neuen Besetzung eben allein dasteht. Vielleicht liegt schon allein in dieser Tatsache die schlichte Antwort, warum »Ave« so authentisch »Venom-typisch« funktioniert – die letzten drei Alben der »echten« Venom tun das jedenfalls nicht. Venom Inc. haben Cronos also den Fehdehandschuh hingeworfen und ihn herausgefordert! »Ave« drückt das blutrünstige Toben einer blutgierigen Bestie aus, die in ihrem rasenden Wahn gerade ihre Fesseln gesprengt hat und sich in ihrer ganzen Unersättlichkeit mit allem menschlichen Blut vollsaugen will! »Ave« ist ein außerordentlich aufrichtiges Werk, das die elementare Rhetorik von Venom auf hervorragende Weise vereint und dabei brillant in die klangliche Produktionsästhetik der neuen Zeit gekleidet ist. Etwas, das man von den »alten Recken« wirklich nicht erwartet hätte. Genau deshalb ist es umso reizvoller und sein Wert umso größer, da es außerordentliche Qualität geliefert hat, die niemand erwartet hatte. »Ave« ist ein perfekter Treffer ins Schwarze, den alle echten Venom-Fans begeistert aufgreifen werden! Es ist ein so starkes und besonderes Album, dass es mühelos auch das Interesse von Metal-Fans der neuen Generation wecken kann – sodass diese beginnen, nach und nach auch die ältere Ära des reichen Diskografie-Opus dieser farbenreichen, in vielerlei Hinsicht besonderen und (mittlerweile geradezu sprichwörtlich) wegweisenden Gruppe des Metal-Universums zu entdecken. 

Besetzung

Tony „Demolition Man“ Dolan – Gesang, Bassgitarre
Jeff „Mantas“ Dunn – Gitarre
Anthony „Abaddon“ Bray – Schlagzeug

Produktion

Venom Inc.

Trackliste

01. Ave Satanas 
02. Forged In Hell 
03. Metal We Bleed 
04. Dein Fleisch 
05. Blood Stained 
06. Time To Die 
07. The Evil Dead 
08. Preacher Man 
09. War 
10. I Kneel To No God 
11. Black N Roll

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