Avatarium

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Autor: Rok Klemše

Künstler: Avatarium
Label: Nuclear Blast
Veröffentlichung: year_month
Laufzeit: 49:36
Wertung: 4.5/5

Als die Nachricht kam, dass sich die Doom-Metal-Urväter und Patriarchen Candlemass verabschieden, zog sich einem das Herz zusammen und man hatte einen dicken Kloß im Hals. Zwar ist der Rückzug nur ein studiomäßiger, doch der Gedanke, dass Psalms For the Dead die letzte Studioplatte der großen Candlemass ist, macht klar, dass das Ende nahe ist. Gründungsmitglied und Bandkopf Leif Edling hat seiner Stammband den Scheiterhaufen angezündet, doch aus deren Asche ist ein kleiner, böser Funke aufgestiegen, der das Feuer weiterglimmen lässt. Unerwartet loderte er erstmals im September dieses Jahres mit der EP Moonhorse auf, seine volle Kraft zeigt er aber auf dem Debüt von Avatarium.

Die frischgebackene schwedische Band hat vor weniger als einem Jahr angefangen zu arbeiten, und schon liegt das Ergebnis vor – aber wenn man einen kurzen Blick auf die Mitglieder wirft, war auch nichts anderes zu erwarten. Edling (Candlemass, Krux) hat alte Hasen der schwedischen Metal-Szene ins Boot geholt – an der Gitarre gesellt sich Marcus Jidell (Evergrey, ex-Royal Hunt) dazu, hinters Schlagzeug setzt sich Lars Sköld (Tiamat), und an den schwarz-weißen Tasten hämmert Carl Westholm (Jupiter Society, Krux). Erfahrene Musiker bilden also Avatarium, ein komplettes Rätsel war hingegen der Name der Sängerin Jennie-Ann Smith, für die dies die erste (bekannte) Band überhaupt ist.

Die Befürchtung, dass Jennie-Ann wie eine Operettendiva trällern würde, gab es durchaus, aber Edling bestätigt erneut, dass sein erfahrenes Gehör nicht daneben liegen kann. Das Debüt von Avatarium ist nämlich eine waschechte Odyssee urtümlichsten, erstklassigen Doom Metals, der der Bitterkeit, dem Schmerz, der Trauer und dem Leid des Scheiterhaufens nahesteht, aus dem ein neues Feuer aufloderte und den er zugleich übersteigt und umformt. Wenn Candlemass die Revolution des Doom waren, sind Avatarium seine Evolution. Auf ihrem Debüt schöpft die Band alle düsteren Eigenschaften des Doom vollständig aus und breitet sie vor uns aus – Melancholie, vernichtende Riffs und eine unheilvolle Atmosphäre –, hüllt sie aber gleichzeitig in eine dicke Schicht bislang Ungehörtem. Avatarium schweben brillant zwischen traditionellem Doom Metal, Einflüssen des (psychedelischen) Rocks der Sechziger und Siebziger sowie Stoner Rock. Doch dabei lässt sich Edling nichts vormachen – Avatarium sind nicht bloß noch eine Stoner-Band, von denen es heute so viele gibt wie Sand am Meer, sondern eine Gruppe, die geschickt zwischen dem vernichtend massiven Sound des Doom Metals und einer psychedelischen, »gotischen« Atmosphäre navigiert.

Edling und Jidell finden in der scheinbaren Einfachheit große Komplexität. Das Dröhnen ihrer Riffs ist gewaltig und walzt mit seinem majestätischen Mid-Tempo alles vor sich nieder. Ihr drohendes Riffing führt geradewegs in die Verzweiflung, die wunderbar mit dem hypnotischen Gesang der außergewöhnlichen Smith harmoniert. Genau sie ist es, die Avatarium auf ein neues Level hebt – ihr sirenengleicher Gesang unterstreicht die psychedelische und okkulte Natur der Texte, und mit ihrer glänzenden Interpretation verleiht sie der Band den Einfluss von Gruppen wie Rainbow und Jethro Tull sowie ihrer Vokalisten (stellenweise besonders auf Dia!). Smith ruft mit ihrem sinnlichen Gesang geradezu fleischliche Begierde hervor, und wenn sich Janis Joplin in jemandem reinkarniert hat, dann sicher in Jennie-Ann. Nur dass diese zu weit größerer Bandbreite, Klarheit und Kraft fähig ist. Smith beschwört mit ihrer außergewöhnlichen stimmlichen Darbietung ein ganzes Spektrum schmerzlicher Gefühle herauf, das die zerbrechliche Schönheit von Jidells Gitarrenzügen auf eine völlig andere Wahrnehmungsebene trägt. Westholm wiederum verstärkt das Unheilvolle und Beängstigende mit dem genau richtigen Maß an Keyboards, Theremin und Mellotron noch weiter.

Avatarium ist zweifellos eine der schönsten und unerwartetsten Überraschungen dieses Jahres. Leif Edling setzt mit seiner neuen Band den Weg fort, den er mit Candlemass vorgezeichnet hat, vereint darin aber zur Perfektion unheilvolle, morbide Texte, rollenden, vernichtenden Doom, klassischen Rock und die gotische Atmosphärik von Type O Negative.

Besetzung

Leif Edling – Bass
Lars Sköld – Schlagzeug
Marcus Jidell – Gitarre, Gesang
Carl Westholm – Keyboards
Jennie-Ann Smith – Gesang

Produktion

Leif Edling

Tracklist

1. Moonhorse
2. Pandora’s Egg
3. Avatarium
4. Boneflower
5. Bird of Prey
6. Tides of Telepathy
7. Lady in the Lamp

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