Attahk

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Künstler: Magma
Label: Seventh Records
Veröffentlichung: 1978
Bewertung: 4.7/5

Attahk ist nach Udu Wudu das nächste Album, das die Geschichte vom Planeten Kobaia nicht weitererzählt. Einige Stücke spielen zwar auf diesem erfundenen Planeten, sind aber trotzdem nicht als Teil eines größeren Opus gedacht. Auf diesem Album hat sich Vander lieber einer konventionelleren Art des Komponierens und standardmäßigeren Grundideen gewidmet. Songs wie Dondai, Maahnt und Lirik spielen tatsächlich auf Kobaia, und auch die übrigen Stücke sind in Vanders erfundener Sprache gesungen, trotzdem hat sich der Komponist von der ursprünglichen Philosophie entfernt.

Eines der verbindenden Elemente zwischen diesem Werk und den bekannten Teilen des größeren Opus ist das Cover. Gestaltet hat es der berühmte H. R. Giger, der vor allem dafür bekannt ist, das Cover des Albums Brain Salad Surgery von Emerson, Lake and Palmer entworfen zu haben, und der außerdem die Figur aus den Alien-Filmen mit Sigourney Weaver erschaffen hat. Auf Attahk sind zwei „Dickerchen“ mit Sonnenbrillen-Clips zu sehen. Es sind typische Bewohner (vielleicht Soldaten) des Planeten Kobaia, die mit der Zeit dicke Freunde werden (sie heißen Ourgon und Gorgo), und ihre Abenteuer werden auch in Lirik Necronomicus Kant beschrieben.

Viele Leute meinten, mit Udu Wudu habe Magmas Abstieg begonnen. Bei Udu Wudu und Merci würde ich zustimmen, aber Attahk, das dazwischen kam, hat diesen Eindruck wieder geradegerückt. Attahk ist auch für Magma-Anhänger ein etwas ungewöhnliches Album, und gerade deshalb fanden es viele nicht ganz so gut. Persönlich ist mir Attahk eines der liebsten Alben, und ich höre es immer noch gern und oft.

Nach langer Zeit setzte sich wieder ein ehemaliges Mitglied hinters Produzentenpult: Laurent Thibault. Seine Anwesenheit ist beim Sound deutlich zu hören, der nämlich etwas klarer ist als zuvor. Mehr Gewicht liegt auf Bass und Vocals, aber auch die anderen Instrumente kommen nicht zu kurz. Auch das verleiht dem Album einen ganz eigenen Charakter, weil es produktionstechnisch anders klingt als die Vorgänger. Ich will nicht behaupten, dass Thibault der bessere Produzent ist als Gomelsky, jeder hat einfach seinen eigenen Ansatz.

Das Album beginnt mit ziemlich untypischem Fusion, doch schon bald setzen die Vocals ein und das Bild ist wieder das der guten alten Magma. Auch ein Klavier ist mit dabei, das dem Fusion neben seinem elektrischen Bruder noch eine klassische Note verpasst. Beim Gesang dominiert Vander, während seine Frau Stella und Klaus im Hintergrund bleiben. Wenn du Vanders Stimme kennst und sie dir nicht gefällt, sage ich dir gleich: Dieser Song und das Album werden dir nicht gefallen, denn Vander dominiert. Außerdem zeigt Vander in diesem Intro, dass sein Schlagzeugstil vielleicht fast besser zu Jazz passt als zur fast klassischen Musik mancher früherer Alben, aber die Tatsache, dass er mehrere Stile spielen kann, beweist nur, was für ein außergewöhnlicher Musiker er ist. Beim Jazz kann er sich eben mehr austoben und zeigen, was er draufhat.
Spiritual ist Magmas Version des amerikanischen Gospels. Vander packt Jazz, Klassik und seine einzigartige Stimme in den Gospel und schafft so wieder etwas Originelles.
Nach Kohntarkosz ist bei Rinde zum ersten Mal auch ein östlicher Einfluss zu hören. Schon der Untertitel (Eastern Song) deutet an, welche Art von Musik einen erwartet. Vor allem japanische und chinesische Einflüsse sind zu spüren, auch wenn sie so schön ins Ganze eingebunden sind, dass sie in der Mischung aus Klassik und Rock fast unbemerkt bleiben.
Zum Abschluss des ersten Albumteils folgt noch ein starker Track, der allerdings etwas durchgeknallter und experimenteller ist als sonst. Es gibt jede Menge Vocal-Experimente von fast Zappa-artigem Ausmaß, die über der Fusion-Basis richtig spannend wirken – fast wie ein zusätzliches Instrument (Trompete) und nicht wie eine Stimme.
Maahnt setzt einige der experimentelleren Aspekte fort, man hört sogar ein Knurren und Rülpsen. Für eine Band, die so viel Wert auf die Ästhetik der Musik legt, ist das ein ziemlich gewagter Zug. Sobald die Experimente aber vorbei sind, steuert die Komposition wieder in fusionlastigere und klassische Gewässer. Das irre Tempo (wie beim Opener und bei Lirik) ist hier wieder der Schlüssel.
Es folgt eine Liebesode mit dem Untertitel To An Eternal Love (Der ewigen Liebe), in der Vander über klassische Motive seine vielseitige Stimme legt, von schönem Tenor bis zu sinnlichem Falsett. Am Ende gesellt sich zum Klavier ein ziemlich untypisches Instrument – die Chamberlin, die den symphonischen Effekt noch verstärkt. Magma hat zwar lieber Klaviere benutzt, aber schon auf diesem und dem vorigen Album war ein Zustrom von Synthesizern zu spüren, und jetzt kommt auch noch ein Verwandter des mächtigen Mellotrons dazu.
Nono ist noch so ein Stück, in dem sich viele Parallelen zur symphonischen Musik zeigen, besonders im Instrumentalteil, wo die Synthesizer ein wunderbares Klangspektakel von fast religiösem Ausmaß erschaffen.

Attahk ist ein Album, auf dem reiche Vocals dominieren. Die Hauptrolle hat diesmal der Chef persönlich, Christian Vander. Für mich persönlich gehört er zu den besten Sängern überhaupt, aber vielen geht sein Stil auf die Nerven. Überzeug dich lieber vorher, ob dir sein Stil liegt, bevor du irgendein Album kaufst. Auf diesem Werk fallen seine Vocal-Experimente besonders auf. Er packt fast alle seine Tricks aus – vom Kreischen über Falsett bis zum „normalen“ Gesang. Stella und Klaus haben eher Nebenrollen, aber die sind so fein ausgearbeitet, dass die beiden auf diesem Album unverzichtbar sind. Klaus meistert seine Aufgabe besonders stark bei Nono, bei einem der seltenen Solo-Gesangsauftritte. Neben den Vocals gibt es natürlich auch noch die anderen Instrumente. Der Bass ist diesmal noch jazziger und dröhnender. Oft spielt er mehrere Bässe gleichzeitig, und manchmal klingt es sogar wie eine Gitarre. Dieses Instrument bildet hier nicht nur die rhythmische Grundlage, sondern ist stellenweise auch das führende Glied. Die Keyboards auf diesem Album sind sehr üppig und abwechslungsreich. Zum Einsatz kommen verschiedene Arten von Klavieren, Synthesizern, die Chamberlin … Sie sorgen dafür, dass die Kombination aus Fusion, Klassik, Rock und Oper noch reicher und frischer klingt. Hin und wieder tauchen auch Bläser auf, die (wie schon nach MDK) wieder für kriegerische Stimmung sorgen, wie es sich für ein Album mit so einem Titel gehört. Das Schlagzeugspiel des Chefs selbst ist wieder erstklassig. Fusion liegt ihm genauso wie Klassik, Rock und das eine oder andere andere Genre. Es gibt nichts, was Herr Vander nicht draufhätte. Hier hat er mich noch mehr davon überzeugt, dass er wirklich einer der besten Schlagzeuger überhaupt ist.

Vanders Kompositionsweise ist hier spürbar typischer. Keine langen, repetitiven Melodiebögen, die Stücke sind deutlich dynamischer und energischer. Weil die Songs ziemlich kurz sind, passiert in dieser begrenzten Zeit mehr als in der gleichen Zeit auf manch anderer Magma-Schöpfung. Außerdem ist es das Album, das von allen die meisten verschiedenen Elemente in die Musik einwebt, von östlicher Musik, Gospel, Avantgarde und Symphonic Rock bis hin zur obligatorischen Oper, Klassik und zum Jazz-Rock. Es ist also eine Art Gegensatz – gewöhnlichere Rockstrukturen in Kombination mit vielversprechenden Arrangements, die voller neuer Einflüsse stecken.

Mit Attahk hat Magma wieder ein Werk geschaffen, das sich ziemlich von den vorigen unterscheidet. Es steckt viel Jazz-Rock drin, natürlich auch noch viel Klassik und Oper, ohne die Vander einfach nicht kann. Schon wegen der kürzeren, melodischeren Stücke mit einfacheren Strukturen ist es ein etwas zugängligeres Album. Auf der anderen Seite ist es wegen der vielen Vocal-Experimente (und anderer) ein Album, das viele abschrecken wird. Vander hat eben nur daran gedacht, etwas zu schaffen, mit dem er selbst zufrieden ist. Aber genau das ist ja der Sinn echter Kunst – etwas zu erschaffen, das dich selbst glücklich macht, und nicht etwas, das diejenigen zufriedenstellt, die sich schon an einen bestimmten Stil aus deiner Vergangenheit gewöhnt haben. Keine Kompromisse, keine Grenzen, nur ein unerbittlicher Angriff auf die Sinne. Attahk!

Besetzung

– Christian Vander (Dëhrstün): Leadgesang, Schlagzeug, Percussion, Konzertflügel, Rhodes, Chamberlin
– Guy Delacroix (Ürgon) und (Gorgo): Bass
– Klaus Blasquiz: Gesang
– Benoit Widemann (Kahal): Konzertflügel, Rhodes, Mini-Moog, Oberheim polyphonic
– Stella Vander (Thaud): Gesang
– Lisa Bois (Sïhnn): Gesang
– Tony Russo: Trompete
– Jacques Bolognesi: Posaune

Produktion

Laurent Thibault

Tracklist

1. The Last Seven Minutes — 7:32
2. Spiritual — 3:15
3. Rinde — 3:05
4. Lirik Necronomicus Kanht — 5:04
5. Maahnt — 5:28
6. Dondai — 8:00
7. Nono — 6:43

Spielzeit des Albums 39:07

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