Atomic Rooster
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Atomic Rooster
Label: Sanctuary Records
Erschienen: 1970
Laufzeit: 40:14
Wertung: 3.5/5
Atomic Rooster, eine der rätselhaftesten Prog-Rock-Bands aller Zeiten, war in ihrer Geschichte durch zwei unterschiedliche stilistische Phasen geprägt (eine frühe Prog-Rock-Phase und eine spätere, überwiegend Heavy-Rock-Phase), während die Band die ganze Zeit über vom brillanten, leider schon verstorbenen Organisten und Pianisten Vincent Crane (1943-1989) angeführt wurde. Crane, der an chronischen Schizophrenie-Anfällen litt — was sich durch sein gesamtes tragisches Leben bis hin zu seinem vorzeitigen Tod zog — verließ 1969 nach einem weiteren Anfall seiner heimtückischen psychischen Erkrankung zusammen mit dem jungen, gerade mal 19-jährigen Schlagzeuger Carl Palmer die Kultband The Crazy World of Arthur Brown, wo er im Duo mit dem legendären Sänger Arthur Brown auf dem gleichnamigen Debütalbum den unvergesslichen psychedelischen Rock-Hit »Fire« schuf.
In seine neue Band, die er nach dem chinesischen Jahr des Hahns (1969) benannte, holte er noch Bassist und Sänger Nick Graham (der später u.a. mit Skin Alley, David Jackson und Jim Capaldi zusammenarbeitete). Ursprünglich hätte auch der verstorbene Brian Jones (Rolling Stones) mit Atomic Rooster zusammenarbeiten sollen, doch den hatte inzwischen bereits der Tod ‚überrascht‘, sodass Crane, Palmer und Graham das gleichnamige Atomic Rooster-Debütalbum ohne Gitarristen aufnehmen mussten. Nun, nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung der Platte verließ Graham die Band, und an seiner Stelle kam Gitarrist und Sänger John Du Cann (1946-2011) aus der Band Andromeda. Du Canns Gitarrenlinien wurden auf der später veröffentlichten amerikanischen Version des Albums verwendet, die dadurch deutlich anders klang (besser) als die originale britische Ausgabe.
Atomic Rooster wurden — was besonders interessant ist angesichts ihrer im Laufe der Karriere überwiegend düsteren und vom Okkultismus geprägten Texte und musikalischen Atmosphären — ausgerechnet an einem Freitag, dem Dreizehnten, im Jahr 1969 gegründet, wovon auch der knackige Opener ihres gleichnamigen Kultdebüts zeugt. »Friday The Thriteenth« ist geprägt von Cranes mächtigen, massiven Hammond-Orgel-Passagen — eine der wenigen Konstanten durch ihre gesamte Karriere — sowie von den brillanten, völlig unberechenbaren Schlagzeug-Eskapaden des jungen Palmer, der damals schon sein unschätzbares Talent demonstrierte. Gleichzeitig hört man durchgehend Grahams solide Basslinie, während sein vorwiegend bluesig ausgerichteter Gesang variabel genug war für das komplexe Klangvokabular von Atomic Rooster, die schon bei den ersten Schritten in härtere Gewässer zogen — was sich auf der amerikanischen Version des Albums mit Du Canns wuchtigen Gitarrenpassagen noch besser heraushört. Gesanglich wurden Graham später sowohl Du Cann als auch (vor allem) Chris Farlowe übertroffen.
»And So The Bed« ist von einer rauschenden Hammond-Orgel-Linie geprägt. Grahams leicht exzentrischer Gesangsansatz ist hier über die gesamte Dauer ideal auf den hedonistisch gefärbten Text abgestimmt, während Palmers Schlagzeugübergänge abermals brillant sind. Eigentlich war der größte Verlust für Atomic Rooster — wenn man von Cranes viel zu frühem Tod und dem damit verbundenen Bandende 1989 absieht — gerade der Abgang dieses jungen Schlagzeug-Juwels zur Prog-Rock-Supergruppe Emerson, Lake & Palmer. Die knapp sieben Minuten lange, von pastoraler Stimmung durchdrungene Ballade »Winter« ist unter der Mehrheit der Band-Fans das beliebteste Werk dieses Albums. Hier ist Grahams ‚engelhafter‘ Gesangsansatz, der schon fast an Falsett grenzt, völlig anders als auf den meisten übrigen Stücken, während sein feinfühliges Flötenspiel sich wunderbar in die ruhige, romantische Atmosphäre der funkelnden Klavierklänge einfügt. Nach und nach setzt eine komplexe Instrumentalpassage mit zahlreichen solistischen Einlagen auf Klavier, Schlagzeug und Flöte ein, ohne dabei auch nur einen Moment die schöne zentrale Pastoralmelodie zu gefährden. »Decline And Fall« ist überwiegend aus dramatischen Orgellinien und unberechenbaren Schlagzeug-Eskapaden mit zahlreichen solistischen Momenten aufgebaut. Interessanterweise setzt Grahams aufgedrehter Gesang erst im abschließenden Teil ein.
»Banstead« ist eine von mächtigen Orgelpassagen und Grahams untröstlichem Gesangsansatz durchdrungene Ballade, die Brücken zwischen Hard Rock und Progressive Rock schlägt — also genau das, was Atomic Rooster die meiste Zeit ihrer Karriere beherrschten. Das mit einem rätselhaften Kürzel betitelte »S.L.Y.« ist ein weiterer lebhafter Höhepunkt mit Blues-Rock-entfesseltem Gesang und zahlreichen cleveren Schlagzeugübergängen, während das Ganze wie gewohnt durch Cranes meisterhafte Solo-Experimente an der Orgel zusammengehalten wird.
Das von bluesrockigem Gesangscharm durchdrungene »Broken Wings«, eine schmerzhafte Liebeserklärung, enthält einen grandiosen orchestralen Einstieg und massive Crane-Eskapaden an der Hammond-Orgel, während bei ausladenden Schlagzeugübergängen durchgehend ein langsames Tempo herrscht. Das komplexe Instrumental »Before Tomorrow« (auf der britischen Albumversion alternativ »Shabooloo« betitelt), auf dem erneut Cranes temperamentvolle Orgel-Meisterwerke dominieren, hat eine ungewöhnlich ausgelassene Atmosphäre und eine Reihe komplexer Schlagzeugmotive, mit deren Hilfe ein energisch-dynamischer Rhythmus aufrechterhalten wird. Besonders gut kommt die amerikanische Version dieses Stücks mit Du Canns für damalige Verhältnisse brutalen Gitarrenphrasen. Crane und Palmer waren wirklich ein hervorragendes Duo, und es ist schade, dass ihr Miteinander so kurz war — doch der junge Schlagzeuger hatte in dieser Zeit vieles von seinem oft depressiven Orgel-Kumpan gelernt, was ihm später in der Gesellschaft des noch größeren Keyboard-‚Megalomanen‘ Keith Emerson zugutekommen sollte.
Auf manchen Neuauflagen der CD »Atomic Rooster« findet sich auch Du Canns Werk »Play The Game«, das dank seiner rasiermesserscharfen Gitarrenriffs und seines kompromisslosen Gesangsansatzes stilistisch das härteste Stück der gesamten Veröffentlichung ist.
Das Debütalbum von Atomic Rooster war ein würdiger Anfang und ein guter Vorbote dafür, wohin sich diese Kultband — für die Entwicklung von Progressive Rock und Heavy Rock gleichermaßen bedeutend — stilistisch die meiste Zeit ihrer Karriere bewegen würde, eine Band, die im Laufe ihrer Karriere ständig von düsteren Prophezeiungen, Tragödien und Besetzungswechseln geprägt war. Du Canns Ankunft, Palmers Abgang zu ELP und der Einstand seines Nachfolgers Paul Hammond näherten ihren Klangansatz bereits auf dem nächsten Album »Death Walks Behind You« (1970) noch mehr Heavy-Rock- bzw. Proto-Metal-Gewässern an, weswegen manche sie — auch wegen der düsteren Texte — mit Black Sabbath und Black Widow zu vergleichen begannen, obwohl all diese Bands außer dem Interesse am Okkultismus untereinander nur sehr wenig gemein hatten.
Besetzung
Vincent Crane – Hammond-Orgel, Klavier, Backgroundgesang
Carl Palmer – Schlagzeug, Perkussion
Nick Graham – Bassgitarre, Gesang, Flöte
John Du Cann – Gitarre und Gesang auf den neu aufgenommenen Stücken für die amerikanische Ausgabe
Produktion
Atomic Rooster und Tony Colton
Tracklist
1. Friday the 13th
2. And So to Bed
3. Winter
4. Decline and Fall
5. Banstead
6. S.L.Y.
7. Broken Wings
8. Before Tomorrow aka Shabooloo