Anoraknophobia
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Marillion
Label: Intact Records
Veröffentlichung: 2001
Laufzeit: 63:40
Wertung: 4/5
»Anoraknophobia« war das zwölfte Studioalbum der britischen Artrockgrößen Marillion und ihr erstes für das Label Intact. Nach der erfolgreich abgeschlossenen US-Tournee, die durch die großzügige finanzielle Unterstützung treuer Fans ermöglicht worden war, wandten sie sich erneut an diese und riefen sie nach »Marillion.com« (1999) wieder zur Mitfinanzierung eines neuen Albums auf. Der Zuspruch übertraf erneut alle Erwartungen, und die Band bedankte sich bei den Fans, die Vorbestellungen aufgegeben und damit die Finanzierung des Albums noch vor dessen Aufnahme ermöglicht hatten, mit einer Sonderausgabe als Doppelalbum von »Anoraknophobia« – und druckte ihre Namen ins Booklet des Albums. »Anoraknophobia« war das erste Marillion-Album, das es nicht in die britischen Charts schaffte, obwohl es inhaltlich in jeder Hinsicht hochwertiger war als beide Vorgänger, also »Radiation« (1998) und »Marillion.com« (1999).
Der ungewöhnliche Titel ist ein Wortspiel auf die Arachnophobie (Angst vor Spinnen) und setzt sich aus den Wörtern ‚Anorak‘ und ‚Phobie‘ zusammen. Laut Sänger Steve ‚Mr. H‘ Hogarth bedeutet der Titel eigentlich ‚anorak no phobia‘ – also: keine Angst vor Anoraks. Für eine Band, die nun wirklich nicht für ihren Humor bekannt ist – wobei Mr. H und der alte Schlagzeug-Haudegen Ian Mosley noch die größten Spaßvögel unter den Bandmitgliedern sind –, war »Anoraknophobia« zweifellos ein ungewöhnliches Experiment: Sowohl in bestimmten Texten (»Separated Out«) und dem Albumtitel als auch im originalen Cover mit bunten ‚Kennys‘ (der Figur aus der beliebten amerikanischen Zeichentrickserie South Park) war deutlich zu erkennen, dass Marillion diesmal nicht allzu ernst wirken wollten. Vielleicht war das auch ein weiterer Versuch, jegliche Verbindung zur Genrebezeichnung ‚Neo Prog Rock‘ abzuschütteln, die ihnen gewisse Medien noch immer gerne anhefteten – obwohl sie mit diesem Begriff und dieser musikalischen Ausrichtung mehr oder weniger schon 1989 abgeschlossen hatten.
Der Opener »Between You And Me« wurde als einzige Single des Albums ausgekoppelt. Trotz seiner ziemlich kommerziell ausgerichteten Melodie und dem ansteckenden Refrain schaffte er es nicht in die Charts. Das ist eigentlich schade, denn Marillion zeigten als die großen Experimentalisten, die sie sind, schon am Albumanfang, dass sie noch immer ein außergewöhnliches Gespür für das Schmieden hypnotischer Melodien mit Hitpotenzial hatten. Sein Britpop-Puls und das lebhafte Tempo werden von H’s rundum engagierter Gesangsdarbietung begleitet, in der eine gehörige Portion aufmüpfiger Energie und eine feine rhythmische Wechselwirkung zwischen Mosley und Bassist Pete Trewavas spürbar ist.
Ein ganz eigenes Kapitel für sich ist das grandiose und zugleich innovative »Quartz«, das zu den einzigartigsten Schöpfungen ihrer gesamten Karriere zählt. Hier glänzt ganz besonders Keyboarder Mark Kelly, der mit außerordentlicher Leichtigkeit zwischen dem Auftragen farbenfroher Synthesizer-Texturen hin- und herpendelt – ob es sich nun um das Weben elektronisch gewürzter digitaler Muster oder orchestral angereicherte Keyboardteppiche handelt. Letztere erinnern sogar an den guten alten Mellotron. Trewavas‘ satte Basslinie hilft dabei, den verschmitzten Jazzpuls stets aufrechtzuerhalten. Innerhalb dieses wunderbaren, leicht verträumten und enigmatischen Stücks wandelt sich die komplexe Atmosphäre quasi von Sekunde zu Sekunde, während Mr. H mit seinem Gesang – begleitet von den aufgekratzten Gitarrenpassagen des stets brillanten Steve Rothery – für den energetischen Antrieb des Stücks sorgt. Irgendwo in der Mitte, nach einer kurzen Gitarrenimprovisation und H’s zornig-grantigem Gesangsausbruch, kommt eine unerwartete, aber höchst wirkungsvolle Wendung in eine ätherische, fast spacerockartige Sektion, in der die Kombination aus Kellys digitalen Mustern – mit dem Höhepunkt in einem spezifischen Weltraumeffekt –, Rotherys wohlklingenden Gitarrenpassagen und H’s hochfliegenden Vokalfrequenzen begeistert.
»Map Of the World« ist mit seinem triumphalen Refrain und der positiv gestimmten Atmosphäre ein perfektes Beispiel für die solide Brücke zwischen Pop-Rock und Art-Rock – kein Wunder, dass er sich schnell als beliebter Konzertklassiker etabliert hat. Zeitweise klingt er wie ein vergessener Marillion-Klassiker aus der ersten Hälfte der Neunziger, und beim ultramelodischen Refrain sind auch Trewavas‘ begleitende Vokalharmonien deutlich herauszuhören. Die üppigen orchestralen Texturen verleihen dem Stück zugleich einen grandiosen Anstrich. Die Serie exzellenter Schöpfungen wird mit dem kontemplativen Klassiker »When I Meet God« fortgesetzt, der mit zarten akustischen Gitarrenpassagen, sinfonischen Keyboardteppichen und H’s herzzerreißender Gesangsdarbietung als einer der berührendsten Momente auf »Anoraknophobia« daherkommt. Besonders interessant ist die subtile instrumentale Schlusswendung. Die Texte, die abgesehen von sozialkritischen Themen mehr oder weniger von Frauenproblemen erzählen, gehören nicht gerade zu den stärksten Seiten dieses Albums – doch ausgerechnet dieses Stück kann mit einem der besseren Beispiele für H’s Lyrik aufwarten, in dem er seinen Gott als weibliche Person anspricht. Marillion hatten sich nach dem Abgang von Fish 1989 ohnehin redlich abmühen müssen, damit ihre Texte, die größtenteils deutlich weniger persönlich geworden waren, zumindest gelegentlich das frühere hohe Niveau erreichten – und selbst dabei musste ihnen oft der externe Mitarbeiter John Helmer helfen, der an »Anoraknophobia« nicht beteiligt war.
Das funkig aufgelegte »The Fruit Of the Wild Rose« hat einen langsamen Einstieg und einen recht durchsichtigen Liebestext, doch schon das Einsetzen von Kellys Hammond-Orgeln kündigt an, dass das hier keine gewöhnliche Klischeeballade sein wird, mit der Marillion allen Besitzern gebrochener Herzen eine Träne entlocken wollen. H’s außergewöhnliche Gesangsdarbietung, in der eine ordentliche Portion verschiedenster Emotionen klar spürbar ist, bewegt sich wieder auf beneidenswertem Niveau, während die eklektische Struktur dieser Komposition durch das Zusammenspiel modernistischer Synthesizer-Texturen und subtiler Gitarrenpassagen zusammengehalten wird. Das eigenwilligste, aber dennoch kurzweilige Experiment ist zweifellos »Separated Out« mit seinem psychedelisch-hardrockmäßigen Ambiente und dem verschmitzten Text, mit dem die Band allen treuen Anhängern ihren Respekt zollen wollte. Im Text werden nämlich ‚Freaks‘ erwähnt – die liebevolle, langjährige Bezeichnung für alle Marillion-Anhänger bzw. Mitglieder ihres Fan-Clubs. Der aufgedrehte rhythmische Puls wird von fetten Schichten Hammond-Orgeln und aufgekratzten Gitarrenpassagen begleitet, während H’s Gesang geradezu vor Verschmitztheit und jugendlichem Aufbegehren platzt. Einige stilistische Kombinationen sind reichlich bizarr – etwa die Vermischung von zirkushaften Melodien, grotesker Narration, die amerikanischen bereits vertonten, aber noch schwarzweißen Burlesken entliehen zu sein scheint, und Rotherys keltisch gefärbten Gitarrensoli.
Das ausgesprochen düstere und dystopisch ausgerichtete »This Is The 21st Century« steht, was die Atmosphäre betrifft, in scharfem Kontrast zum Großteil der Stücke auf »Anoraknophobia«, die mehrheitlich positiv gestimmt sind. Mr. Kelly glänzt hier erneut mit dem Mischen eindringlicher, komplexer elektronischer Muster und unheilvoller orchestraler Teppiche, mit denen er eine eisige Stimmung des nahenden Endes der Welt, wie wir sie kennen, erzeugt. Der sozialkritische Text erzählt von den letzten Tagen einer modernen, dekadenten Zivilisation, wenn der Moment naht, in dem der schizoide Mensch des 21. Jahrhunderts sich schließlich selbst vernichtet. Hier kommt man nicht umhin zu spüren, dass die Mitglieder von Marillion ihre Inspiration für dieses Stück beim Hören bestimmter Songs des legendären David Bowie schöpften – des Meisters eben dieser eisigen Dystopie und Postapokalyptik. Damit ist das Experimentieren mit verschiedenen Stilen und Ambiance-Nuancen auf »Anoraknophobia« aber noch nicht vorbei, wovon das abschließende Klangrabenteuer in Gestalt von »If My Heart Were a Ball It Would Roll Uphill« zeugt – noch eine betont eklektische Schöpfung, die sich aufgrund ihrer Komplexität und ungewöhnlichen stilistischen Wendungen erst nach mehrmaligem Hören in Ohren und Herz festsetzt. Hauptdarsteller ist wieder Mr. H mit seinem exzellenten Gesang, der selbst einen durchschnittlichen Liebestext hörenswert zu machen versteht, während die Fülle an Improvisation dafür sorgt, dass zahlreiche Artrock-Gourmets beim Hören voll auf ihre Kosten kommen.
Das artpoprock-orientierte »Anoraknophobia« war klanglich ein modernes Album, wie es sich Marillion schon seit einigen Jahren gewünscht hatten – genauer gesagt seit der zweiten Hälfte der Neunziger –, doch irgendwie fehlte ihnen stets die richtige Inspiration und der Wille dazu. Alles in allem ist dieses sehr gute, wenn auch nicht spektakuläre Werk genau richtig ausbalanciert zwischen kommerziell verführerischen Pop-Momenten und eklektischem Artrock-Experimentieren, bei dem die Bandmitglieder die Nerven jener Fans auf die Probe stellen, die Marillion vor allem wegen ihrer Hits aus den Achtzigern verehren oder sie auf dem Höhepunkt ihres kommerziellen Erfolgs kennengelernt haben. Es ist irgendwie bizarr, dass ausgerechnet »Anoraknophobia« das erste Marillion-Album war, das es nicht in die britischen Charts schaffte – klingt es doch dank seiner Produktion von allen ihren Studioalben abgesehen von »Holidays In Eden« (1991) noch am meisten kommerziell, und das auf eine moderne Weise. Offenbar waren sie für die breite Masse aber immer noch zu klanglich eklektisch. Dabei half auch nicht, dass das Album für den breiteren britischen Markt vom Label Liberty herausgebracht wurde, einem Ableger des Verlagsriesen EMI, mit dem Marillion 1996 ihre Vertragsbeziehung beendet hatten.
Besetzung
Steve Hogarth – Gesang
Steve Rothery – Gitarre
Mark Kelly – Keyboards
Pete Trewavas – Bass
Ian Mosley – Schlagzeug
Produktion
Dave Meegan
Tracklist
1. Between You and Me
2. Quartz
3. Map of the World
4. When I Meet God
5. The Fruit of the Wild Rose
6. Separated Out
7. This is the 21st Century
8. If My Heart Were a Ball It Would Roll Uphill