Angling Feelings

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Kaipa
Label: Inside Out Records
Veröffentlichung: 2007
Bewertung: 3/5

 “Angling Feelings“ ist das neunte Studioalbum der schwedischen Kult-Symphonic-Proggies Kaipa und das vierte aus ihrer zweiten Phase, die nach 2002 begann. Gleichzeitig ist es insgesamt das dritte Album ohne Roine Stolt, den Gitarristen von The Flower Kings, der in den 70ern genau bei Kaipa seine Musikkarriere gestartet hat. Roine hat sich nämlich entschieden, sich ab jetzt ausschließlich den Flower Kings zu widmen. Sein Ersatz ist Per Nilsson, bislang vor allem als Mitglied der Metalband Scar Symmetry bekannt.

Bei diesem wichtigen Wechsel drängt sich natürlich die unvermeidliche Frage auf, was für ein Wind mit dem neuen Gitarristen aus einem so ganz anderen Genre in den Sound der Band gekommen ist. Der Unterschied fällt im positiven Sinn schon beim ersten Hören auf, und Roine-Fans haben null Grund zur Panik. Nilsson ist nämlich ein hervorragender Gitarrist, sowohl technisch als auch beim Erzeugen guter Stimmung. Ohne die außergewöhnlichen Fähigkeiten seines viel profilierteren Vorgängers in Frage stellen zu wollen, würde ich sagen, dass er der Musik der Band einen völlig neuen Zugang verpasst hat – mit atemberaubenden Soli und melodischen Passagen, die viel näher am Jazz als am Metal sind. Obwohl er sich auf komplett neues musikalisches Terrain begeben hat, fühlt er sich dort wie ein Fisch im Wasser und ist der Hauptgrund für die mehr als nötige Frische, die er in ihren schon etwas ausgelutschten und repetitiven musikalischen Ausdruck gebracht hat, der sich stark auf das Erbe des symphonischen Progs der 70er stützt, mit Jazz-, Folk- und Pop-Einlagen dazwischen. Nilsson ergänzt sich außerdem bestens mit dem Chef der Truppe, Keyboarder Hans Lundin, der wie üblich am liebsten elektronische Keyboards benutzt. Zu den Fähigkeiten von Bassist Jonas Reingold (The Flower Kings, The Tangent) habe ich keinen weiteren Kommentar, denn seine außergewöhnliche Technik ist den meisten Hörern des modernen Prog Rock gut bekannt. Am Schlagzeug sitzt auch diesmal Meister Morgan Ǻgren, der in seiner Karriere mit Namen wie Frank Zappa, Steve Vai, Glenn Huges, Tony Iommi, Terry Bozzio, Mike Keneally und Dweezil Zappa zusammengearbeitet hat. Wer in seiner Karriere mit Zappa gespielt hat (der ihn mit zwanzig in seine Band geholt hat), bei dem muss man an den musikalischen Fähigkeiten wirklich nicht zweifeln. Ǻgren ist übrigens auch für sein eigenes Projekt Matts/Morgan bekannt.

Auf „Angling Feelings“ sind zwar alle typischen Elemente der Band nach wie vor präsent – also jazzige Rhythmen, orchestrale Arrangements, komplexe Instrumentalpassagen, Folk-Rock-Gewürze und melodische Gesangslinien mit Wechselspiel zwischen männlichem und weiblichem Gesang –, aber sie werden diesmal deutlich entspannter gespielt und mit weniger Zurschaustellung solistischer Virtuosität. Die Jazz-Improvisationen sind spürbar kürzer als früher und entfernen sich nicht von der zentralen Melodie, wie sie es in der Vergangenheit so gern getan haben. Das war oft einer der Hauptgründe, warum ihre symphonisch und folk-rockig angelegten Melodielinien sich häufig in der Flut der unterschiedlichsten instrumentalen Abenteuer verloren haben.

Der zweite Grund, der Kaipa meiner Meinung nach immer runtergezogen hat, ist der Gesang, den sie auch auf diesem Album noch nicht so einzusetzen gelernt haben, wie es sein sollte. Die solide Aleena Gibson, die ohne Zweifel eine der besseren Sängerinnen im modernen Prog ist, wird auch diesmal zu wenig eingesetzt, obwohl es überhaupt nichts auszusetzen gäbe, wenn sie das ganze Album allein singen würde. Ihre samtige, warme Stimme fließt nämlich viel besser in die Musik von Kaipa ein als der technisch kompetente, aber klanglich völlig ausdruckslose Patrik Lundström (Ritual), der bei Wutausbrüchen oft wie eine drittklassige Version von Freddie Mercury (Queen) klingt. Aleena dagegen glänzt mit einer klar wiedererkennbaren Klangfarbe, die sich hervorragend mit den melodischen Teilen ergänzt. Wenn die beiden im Duett singen, ergänzen sie sich dafür wiederum gut und sorgen für die emotionalen Höhepunkte des Albums.

Kaipa haben auf „Angling Feelings“ vor allem an Melodiösität gewonnen und auch die Sensibilität gesteigert, die durch einzelne „Pop“-Motive entsteht. Das heißt, nur das über 12-minütige „The Fleeting Existence of Time“ und das folk-rockig gewürzte „Path Of Humbleness“ (bei dem auch Fans von Mostly Autumn und Heather Findlay auf ihre Kosten kommen) nähern sich der alten Schule komplexer Symphonic-Prog-Epen an. Dafür fehlt es nicht an kürzeren und sofort zugänglichen Nummern wie der verträumten Halbballade „Liquid Holes In The Sky“ und dem fast völlig geradlinigen Pop von „Pulsation“, was auch Liebhaber anderer melodieaffiner Prog-Revivalisten wie Spock’s Beard freuen wird. Unter den einzelnen Stücken stechen vor allem jene heraus, in denen sich das Erbe der klassischen Prog-Meister leicht ausmachen lässt, die ihre besten Werke schon geschaffen hatten, als Kaipa gerade erst geboren wurde (also 1975). Das gilt vor allem für den Titeltrack, der in vielem dem Vermächtnis von Yes verpflichtet ist, für „The Glorious Silence Within“, das keltische Arrangements auf Gitarre, Keyboards und Pfeife enthält, mit denen sich einst Mike Oldfield einen Namen machte, und für „The Fleeting Existence Of Time“, wo die perfekten Harmonien zwischen Gitarre und Keyboards auch klanglich auf dem musikalischen Stempel von Genesis beruhen. Kaipa haben trotzdem genug eigene, wiedererkennbare virtuose elektronische und jazzige Finessen auf den Keyboards und im Rhythmus, untermauert von einem einzigartigen Gesangsansatz, dass man sie nicht mit The Flower Kings oder anderen skandinavischen Prog-Revivalisten verwechseln kann – dafür sorgen alte Hasen wie Lundin, Reingold und Ǻgren. Ein schönes Beispiel für diesen klassischen Kaipa-Fusion ist das solide „Broken Chords“, wo es nur Lundströms Gesang verhunzt, in einem seiner „Ich wär so gern Freddy“-Momente, der sich einfach nicht in den allgemeinen Puls der Komposition einfügt.

Mein Gesamteindruck von „Angling Feelings“ ist ziemlich gemischt, auch wenn es ohne Zweifel eines ihrer besten Alben ist (einschließlich der aus den 70ern). Es gibt darauf durchaus einige sehr gefällige Stücke, die dafür sorgen, dass man mehr als die Hälfte des Albums richtig gut genießen kann. Anders als die meisten ihrer in technische Überlegenheit verliebten skandinavischen Kameraden haben Kaipa Sinn für Poesie und für das Erzeugen vielfarbiger Stimmungen, die vor allem aus dem guten weiblichen Gesang und der gelungenen Verbindung von Melodiösität und Virtuosität strahlen. Auf der anderen Seite erreichen manche instrumentalen Experimente ihre gewünschte Wirkung überhaupt nicht, und nach mehrmaligem Hören hat der verwöhnte Liebhaber von klassischem Symphonic Prog und Jazz-Fusion sie schnell satt. Hätten Kaipa auf dem ganzen Album weiblichen Gesang eingesetzt, hätte es sich bestimmt eine deutlich höhere Bewertung verdient, denn es ist ihr reifstes Album nach der Wiederauferstehung, das sie endlich wieder als kompetente Band präsentiert, die sich vor allem dank Erfahrung und Melodiegespür völlig ebenbürtig mit den jungen Prog-Revivalisten rund um Spock’s Beard messen kann.

Besetzung

Hans Lundin – E-, Akustik- & virtuelle Keyboards,
Backing Vocals
Per Nilsson – E-Gitarre
Jonas Reingold – Bass
Morgan Ågren – Schlagzeug
Patrik Lundström – Gesang
Aleena Gibson – Gesang

GASTMUSIKER:
Fredrik Lindqvist – Flöte & Whistle (1, 2, 8-10)

Produktion

Hans Lundin

Tracklist

1. Angling Feelings (6:43)
2. The Glorious Silence Within (7:17)
3. The Fleeting Existence Of Time (12:37)
4. Pulsation (4:01)
5. Liquid Holes In The Sky (4:42)
6. Solitary Pathway (4:05)
7. Broken Chords (6:26)
8. Path Of Humbleness (9:29)
9. Where’s The Captain? (4:23)
10. This Ship Of Life (4:40)

Spieldauer: 64:23

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