Ammonia Avenue
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Alan Parsons Project, The
Label: Arista Records
Erschienen: 1984
Laufzeit: 40:10
Bewertung: 4/5
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Ammonia Avenue“ befanden sich die legendären britischen Art-Rocker The Alan Parsons Project auf dem Höhepunkt ihrer Popularität. Mit dem vorangegangenen Album, dem megaerfolgreichen „Eye in the Sky“ (1982), hatten sie die Spitzen der Radiocharts erobert und waren zu einer der beliebtesten Rockbands der Achtziger geworden. Nicht schlecht für ein Projekt, das in den letzten Zügen des goldenen Zeitalters des Progressive Rock geboren wurde und von dem damals kein einziger Kritiker vorhersagen konnte, dass es nach dem Ende der Siebziger noch auf der Bühne überleben würde – geschweige denn, dass es die Spitzen der Musikcharts stürmen würde. Beide Väter der Band, Produzent/Keyboarder Alan Parsons und Sänger/Keyboarder Eric Woolfson, hatten viele Gründe zur Zufriedenheit, ruhten sich jedoch nicht auf ihren Lorbeeren aus und schufen ein weiteres Werk, das bis heute Liebhaber von Art Rock und AOR begeistert. Die Idee für den Albumtitel und das Cover bekam Eric, nachdem er eine zentrale Chemieindustrieanlage besichtigt hatte, wo ihn beim Anblick der endlosen Unmenge an Rohren die extreme Künstlichkeit und die völlige Abwesenheit von allem Natürlichen zutiefst erschütterte.
Wie jedes Album von The Alan Parsons Project enthält auch „Ammonia Avenue“ ein Konzept – wenn auch diesmal ein recht abstraktes. Es basiert auf der stets aktuellen Problematik des Grabens zwischen der übermäßigen Industrialisierung der Umwelt durch wissenschaftliche Errungenschaften und den ‚gewöhnlichen‘ Menschen, deren Lebensweise durch diesen ‚Fortschritt‘ grundlegend verändert wird und die das nicht einfach so hinnehmen wollen. Der Schöpfer des Konzepts, Eric Woolfson, versucht dieses Unverständnis zwischen Fortschritt und Tradition von beiden Seiten zu beleuchten – aus wissenschaftlicher Sicht und aus der des ‚einfachen Volkes‘. Dem Album gelingt es wunderbar, genau jene Atmosphäre einzufangen, die ständig zwischen dem Futurismus des aufkeimenden digitalen Zeitalters und altenglischem Idealismus und Nostalgie pendelt. Dazu hat der gezielte Einsatz der für damalige Verhältnisse fortschrittlichen Synthesizer-Technologien wesentlich beigetragen, in Verbindung mit dem gleichzeitigen Festhalten an der Prog-Rock-Tradition, die bis in jene Tage zurückreicht, als Alan Parsons noch Toningenieur bei Pink Floyd war.
Auch diesmal spielte das bewährte Team erstklassiger Instrumentalisten eine Schlüsselrolle auf dem Album, begleitet von Gesangsgrößen wie Chris Rainbow, Lenny Zakatek, Colin Blunstone und natürlich Eric Woolfson. Unter den namhaften Gastmusikern sticht diesmal der legendäre Saxophonist/Flötist Mel Collins (ex-King Crimson, Camel) heraus, dem es wohl am meisten zu verdanken ist, dass Rainbow sich kurzzeitig den Prog-Rock-Giganten Camel anschloss. Das Philharmonische Orchester hat auch diesmal seine Aufgabe hervorragend erfüllt und dafür gesorgt, dass die Prog-Rock-Wurzeln von TAPP jederzeit spürbar bleiben.
„Ammonia Avenue“ enthält eine Reihe von Hits, darunter auch der Opener „Prime Time“, wohl das bekannteste Stück des Albums. The Alan Parsons Project waren stets ein Symbol für produktionstechnische und instrumentale Raffinesse, und dieses Stück macht da keine Ausnahme. Der ausgeprägt melodische Refrain, bei dem Woolfsons unverkennbar melancholischer Gesang eine Schlüsselrolle spielt, wird durch hypnotische Mehrstimmigkeit und außerordentlich feine Synthesizer-Linien untermauert. Die Gitarrenphrasen des legendären Ian Bairnson sind ausgesprochen knackig und wahren wunderbar die melodische Kohäsion zwischen dem verträumten Refrain und dem in den mittleren Lagen zementierten Rhythmus.
Das kampflustig gestimmte „Let Me Go Home“ hat eine deutlich ausgeprägtere Hard-Rock-Komponente, wofür vor allem das Zusammenspiel von Zakateks energischem Gesangsansatz und klassisch rockigen Gitarrenpassagen sorgt. „One Good Reason“ ist eine typische TAPP-Kreation mit ausgeprägten Synthesizer-Linien und Woolfsons melancholischer Gesangsakrobatik. Dennoch gehört sie aufgrund ihrer Repetitivität zu den weniger interessanten Stücken des Albums. Die AOR-Ballade „Since The Last Goodbye“ folgt ebenfalls der langjährigen Tradition melodischer Rock-Balladen, mit denen sich die Band den Ruf ewiger Sentimentalisten erarbeitet hat. Chris Rainbows Gesang ist wie gewohnt exzellent, während auch die gut ausgeführten orchestralen Arrangements ihren Teil beitragen.
„Don’t Answer Me“, das auch als Single erschien, war der nächste Mega-Hit dieses Albums. Natürlich muss man nicht extra erwähnen, dass es dank der gelungenen Mischung aus Melancholie und Melodie zu den beliebtesten Evergreens der Gruppe zählt. TAPP waren Meister hypnotisch-melodischer Refrains und erzielen auch diesmal in diesem Bereich einen klaren Sieg, während Collins‘ Saxophon-Solo die wunderbare Atmosphäre noch zusätzlich bereichert. Der interessante Art-/Melodic-Rock-Hybrid „Dancing On a High Wire“, auf dem Colin Blunstone vokalisch glänzt, wird durch melodramatische bluesige Gitarrenpassagen und eine treibende Basslinie unter der Regie von David Paton untermauert.
„You Don’t Believe“ war ein kleinerer Hit, was keine Überraschung ist, da es alle nötigen Zutaten für einen AOR-Erfolg enthält: markante, melodische Synthesizer-Linien und eine energische Kombination von Gitarrenphrasen, begleitet von einem epischen Refrain. Dieses Stück tauchte ursprünglich erstmals auf der Veröffentlichung „The Best of the Alan Parsons Project“ auf, ein Jahr später. Das dramatische Instrumental „Pipeline“ wird getragen von den Wellen jazziger Melancholie in Collins‘ Saxophon und den mächtigen orchestralen Arrangements des Philharmonischen Orchesters. Dem Brauch entsprechend enthält der Titeltrack (der gleichzeitig das abschließende Stück ist) Woolfsons Gesang und melodramatische orchestrale Arrangements. Der balladenhafte Eröffnungsteil wandelt sich im weiteren Verlauf in einen Prog-Rock-orientierten Instrumentalabschnitt, der jedoch zu kurz dauert, um ihn zu den komplexeren Momenten in der Geschichte der Gruppe zählen zu können. Ungeachtet dessen sorgt die intensive Atmosphäre für einen triumphalen und beinahe feierlichen Abschluss des Albums.
„Ammonia Avenue“ ist ein mehr als würdiger Nachfolger des legendären „Eye in the Sky“. The Alan Parsons Project hat sich endgültig unter den qualitativ hochwertigsten und erfolgreichsten Rockbands der Achtziger etabliert, obwohl es bis heute nicht gelungen ist, den langen Schatten des Vorgängers loszuwerden. Das Wichtigste ist, dass man durch das gesamte Album hindurch den Ehrgeiz und das kreative Feuer spüren kann, das damals noch in beiden Köpfen der Gruppe glimmte. Damit wagten sie sich zwar noch einen Schritt weiter aus dem Prog Rock in Pop-Rock-Gewässer, doch diese stilistische Transition meisterten sie außerordentlich erfolgreich und sind aus dieser Perspektive noch immer ein Vorbild für so manche andere Band. Alan, Eric und ihre begleitende Truppe haben ein weiteres klassisches Album hinterlassen, das die besten Elemente von Prog Rock und AOR in sich vereint, und als solches sollte es in keiner Sammlung von Liebhabern beider genannter Genres fehlen.
Besetzung
Alan Parsons – Keyboards, Programmierung, Hintergrundgesang
Eric Woolfson – Gesang, Keyboards
Ian Bairnson – Akustikgitarre, E-Gitarre
Colin Blunstone – Gesang
Mel Collins – Synthesizer, Saxophon
Stuart Elliott – Schlagzeug, Perkussion
David Paton – Bassgitarre, Gitarre, Hintergrundgesang
Chris Rainbow – Gesang
Lenny Zakatek – Gesang
Christopher Warren-Green – Dirigent des Philharmonischen Orchesters
Produktion
Alan Parsons
Trackliste
1. Prime Time
2. Let Me Go Home
3. One Good Reason
4. Since the Last Goodbye
5. Don’t Answer Me
6. Dancing on a High Wire
7. You Don’t Believe
8. Pipeline
9. Ammonia Avenue