Altered State
Autor: Primož Novak
Künstler: TesseracT
Label: Century Media
Veröffentlichung: year_month
Laufzeit: 50:41
Wertung: 4/5
Mit ihrem Debütalbum One (2011) hat TesseracT klar gemacht, dass moderne Progressive- bzw. sogenannte Djent-Bands, die Meshuggah verehren, auch auf dem alten Kontinent vertreten sind. Amerikanische Bands verknüpften Djent vor allem mit Metalcore und Deathcore, doch TesseracT gingen das Ganze ganz anders an. Dieser andere Ansatz zeigte sich bereits bei der Band Fellsilent, in der der aktuelle TesseracT-Gitarrist Acle Kahney aktiv war.
TesseracT hatten in den letzten Jahren vor allem Probleme mit ihren Sängern. Der aktuelle Sänger Ashe O’Hara ist bereits der fünfte Vocalist, der zunächst beweisen musste, dass er in die Fußstapfen des ehemaligen Sängers Daniel Tompkins (Skyharbor) treten kann, mit dem TesseracT ihren eigenen Stil definiert hatten.
Altered State knüpft zwar an die Musik des Debüts One an, ist dabei aber als Konzeptalbum konzipiert, das in vier Teile gegliedert ist: Of Matter, Of Mind, Of Reality, Of Energy. Altered State beginnt langsam mit dem Stück Of Matter – Proxy, in dem ein sanfter Gesang und eine hypnotische Gitarre zu hören sind. Dem Hörer wird schon vor den verzerrten Parts klar, dass die Band wieder auf eine starke Atmosphäre setzt, die sich mit der typischen Djent-Musik ergänzt. Wenn die Band keine komplexen Rhythmen, Wucht und Groove liefert, tauchen ruhige Passagen auf – eigentlich ambientale Suspensionen. Das Rezept erinnert nicht an Periphery, die mehr auf markante Refrains und Soli aus sind. TesseracT zeigen im Teil Of Matter, der die Stücke Proxy, Retrospect und Resist umfasst, dass sie eine ziemlich unkonventionelle Band sind, die durch ihre Strukturen immer wieder überrascht. Durch das gesamte Album hindurch beweisen sie, dass die Songs nicht erzwungen klingen, sondern durch echte Ausgefeiltheit punkten.
Of Mind, bestehend aus den Stücken Nocturne und Exiled, zeichnet ein etwas anderes Bild des Albums. Nocturne, das als erstes Stück mit dem neuen Sänger vorgestellt wurde, vermittelt einen Eindruck von Repetitivität, weil sich die Gitarren zu sehr wiederholen. Gerettet wird das Stück wiederum durch die ruhigen Abschnitte und die Rhythmussektion, die zweifellos dynamisch ist. In Exile läuft die Sache besser, mit unberechenbareren Abschnitten.
Mitunter wirkt das Album etwas zu ausgedehnt und ohne wirkliche Ideen. Die verträumten Ambient-Parts erzielen zwar einen atmosphärischen Effekt, aber wenn diese Parts zu lang werden, geht auch dieser Effekt ein wenig verloren. Im Vergleich zum Debüt One fehlt diesem Album die Aggressivität. Der Gesang ist durchweg melodisch, von Schreien keine Spur. Aber genau damit haben TesseracT das Album definiert. O’Haras Gesang dürfte nicht jedem gefallen. Zum einen ist er zu sanft, die Linien sind langsam und etwas vorhersehbar. Zum anderen fehlen markante Betonungen innerhalb der Linien. Aber der Gesang trägt auch nicht die eigentliche Essenz des Albums. TesseracT sind instrumentell mehr als auf der Höhe. Die Gitarren zeigen zwar nichts besonders Neues, aber man muss betonen, dass die Picking-Hand des Gitarrenduos Kahney und Monteith extrem präzise ist. Die Rhythmussektion insgesamt ist mehr als gut. Der Bass von Amos Williams ist klar hörbar, hat eigene Linien, und besonders heraus sticht der Einsatz der Slap-Technik. Das Schlagzeug ist ein Kapitel für sich. Schlagzeuger Jay Postones ist zweifellos das starke Rückgrat der Band. Sein Rhythmusgefühl ist außergewöhnlich. Hier haben wir es definitiv mit einem erfahrenen Mann zu tun, der sich wohl an Tomas Haake (Meshuggah) und Gavin Harrison (Porcupine Tree) orientiert hat.
Positiv ist, dass TesseracT tatsächlich versucht haben, etwas Neues einzubringen. Im Teil Of Reality gibt es einen Abschnitt mit Elektronik, was bei Djent-Bands zwar häufig vorkommt, aber auch TesseracT selbst haben die Elektronik hervorragend integriert – sodass sie diese in Zukunft noch häufiger einsetzen könnten. Im Instrumentalstück Of Reality – Calabi-Yau ist außerdem ein Saxofon zu hören, was im Djent nicht gerade alltäglich ist. Das Saxofon taucht auch am Ende des Albums auf, im Stück Of Energy – Embers, womit der Abschluss des Albums das gewisse Tüpfelchen auf dem i bekommt.
TesseracT haben beim zweiten Anlauf nicht enttäuscht. Alle vier Teile des Albums ergänzen sich zu einem sinnvollen Ganzen. Der Band sind die Ideen noch lange nicht ausgegangen – beim nächsten Werk müssen sie allerdings bestimmte Segmente etwas nachschärfen, auch wenn das Album produktionstechnisch auf einem sehr hohen Niveau ist. Am Ende muss man nur betonen, dass die Band ein anderes Album als das Debüt abgeliefert hat. Sie halten an ihrem Stil fest, aber man hat nicht das Gefühl, dass sich die Muster übermäßig wiederholen.
Besetzung
Ashe O’Hara – Gesang
Acle Kahney – Gitarre
James Monteith – Gitarre
Amos Williams – Bass
Jay Postones – Schlagzeug
Produktion
Acle Kahney, Amos Williams
Tracklist
01. Of Matter – Proxy
02. Of Matter – Retrospect
03. Of Matter – Resist
04. Of Mind – Nocturne
05. Of Mind – Exile
06. Of Reality – Eclipse
07. Of Reality – Palingenisis
08. Of Reality – Calabi-Yau
09. Of Energy – Singularity
10. Of Energy – Embers