Als Till das Ventil öffnet… (2013)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Nina Grad

Ort: Arena Stožoce, Ljubljana
Konzertdatum: 30.04.2013
Besucherzahl: 15.000
Kartenpreis: 49,00€ (Parkett) / 45,00€ (grüner Ring) / 39,00€ (rote Tribüne) / 70,00€ (Fan Pit) / 90,00€ (Logen)

»Wir  halten das Tempo« – so heißt die neue Tour der deutschen Industrial-Konane Rammstein! Die Tickets gehen weg wie warme Semmeln. Die Konzerte sind in der Regel schon lange im Voraus ausverkauft. Nach dem sechsten Album »Liebe Ist Für Alle Da« (2009) erleben Rammstein einen exponentiellen Aufstieg. Weil sie geschäftlich denken, wissen sie, dass jetzt der richtige Moment ist, um in ihrer Karriere Berge von Geld zu scheffeln. Deshalb sind sie ständig auf Tour. Daher auch der bezeichnende Titel der aktuellen »Wir halten das Tempo!«, mit der sie nach acht Jahren wieder Ljubljana besucht haben.

Wer sich noch an den Rammstein-Besuch 2005 in der Hala Tivoli erinnert, kann davon berichten, wie die Bühnenproduktion in den letzten Jahren einen katapultartigen Aufstieg erlebt hat. Rammstein gelten heute als weltbekannter Musikname, der zur Handvoll der »Bestverkauften« gehört. Sie sind eine Maschine, die konsequent alle Kräfte auf die Vermarktung der eigenen Marke ausgerichtet hat. Und dabei mehr als offensichtlich vollen Erfolg hatte.

Rammstein in der Besetzung Till Lindemann (Gesang), Richard Z. Kruspe (Lead-Gitarre, Hintergrundgesang), Pail H. Landers (Rhythmusgitarre, Hintergrundgesang), Christian »Flake« Lorenz (Keyboards, Samples, Synthesizer), Oliver Riedel (Bassgitarre) und Christoph Schneider (Schlagzeug, elektronisches Schlagwerk, Perkussion) haben mit ihrem angekündigten Besuch in Ljubljana eine wahre »kleine Völkerwanderung« ausgelöst. Horden in Schwarz! Auf dem Weg zu den Stožice. Aus allen Ecken und Richtungen. Die Lokale in Bežigrad und rund um die Stožice waren voll mit »Durstigen«. Selbst der Besitzer des bosnischen Restaurants in der Sofra hat geklagt, er habe seinen Arbeitstag verlängern müssen – in einer Zeit, für die er sich bereits Urlaub genommen hatte. Alles wegen dem Geld! Alle wegen dem Geld! Slowenen, Österreicher, Ungarn, Kroaten,….

Es ist 11 Minuten nach neun Uhr abends. Die Arena verdunkelt sich, das Volk in der Luft! Wie erwartet. Rammstein servieren wenig, aber alles bis ins kleinste Detail zu einer erstklassigen Bühnenattraktion ausgearbeitet! Deutsche Perfektion. Der Vorhang fällt also mit dem Eröffnungsstück Ich Tu Dir Weh. Der neu (wieder) »Blonde« Lindemann senkt sich auf einem Gestänge von der Decke bis auf den Bühnenboden herab. Ein Song, der wie gemacht für den Eröffnungsslot ist! Sein hymnischer Refrain ist hypnotisch ansteckend, die Halle verfällt in kollektiven Delirium – der marschartige Beat, unterlegt mit dem Hall von Fabrikdrehbänken, hat im Verlauf des Konzerts als wichtiger Teil von Auftritt und Klang der Band immer wieder die unverwechselbare Vibration eines Rammstein-Konzerts erzeugt! Aller Augen richteten sich hauptsächlich auf den »Pyromaniker« Lindemann, der für jede Menge inszenierter Bühnenexzesse sorgte, wobei ihm der »Welpe«, sprich Keyboarder Flake, eine große Hilfe war. Letzterer hat während des Konzerts eigentlich nicht viel zu tun, weshalb seine Funktion schon seit Längerem die eines Versuchskaninchens ist – das man auch schon mal im Topf kochen kann. Der Höhepunkt seiner Hingabe an die Rammstein-Rituale war diesmal nicht das Gleiten auf den Händen des Publikums in einem Gummiboot. Den lieferte der Song Bück dich. Hier torkelte Flake »verloren umhertaumelnd« auf allen vieren, an eine Hundeleine gefesselt, die natürlich der (in allem) dominante Lindemann gekonnt führte. Im großen Finale des Songs wurden beide mit einem Lift hoch über die Bühne gehoben und gaben eine kurze Einlage als warme Brüder. Na ja. Eine Provokation erster Güte, die die Menge füttert, die nach Brot und Spielen lechzt. Geld kauft alles. Jede Provokation, jede noch so gut geschützte Menschenwürde, den noch so festen und scheinbar unbeugsamen Willen des Einzelnen. Es lohnt sich nicht, weiter zu moralisieren. Wir wissen, wohin wir den Planeten getrieben haben – wegen der Zerbrechlichkeit des Verstandes und seiner Ohnmacht gegenüber materiellen (nicht unbedingt) Gütern.

Lindemann hat seine offizielle Lizenz als »Pyromaniker« in vollen Zügen genutzt.  Wenn Agropopovs Franček Piromanček Chemikalien abbrennt, öffnet Rammsteins Till lieber das Ventil und lässt die Stožice in Schutt und Asche fallen! In Du riechst so gut überschüttete er die Halle mit Funken des Lichtbogens, da war auch die berühmte Rammstein-Ode an die fossilen Brennstoffe (Benzin), bei der erneute Feuerausbrüche nicht fehlen durften,…. und dann ist da noch dieser gigantische Mixer mit dem »weißen Schaumwein«, mit dem Lindemann im großen Finale des Konzerts großzügig die erhitzten Köpfe des Fan Pits bespritzt und übergießt, als die »Liebe ist für alle da«-Single Pussy den Konzertspektakel beschließt. 

Es ist schwer, den Sound zu beurteilen, wenn man einen Platz irgendwo in den Höhen der Halle zugeteilt bekommt, direkt unter der Decke. Was die Akustik angeht, hat alles tadellos funktioniert. Für alle, die bei den aktuellen Nachrichten noch nicht auf dem Laufenden sind: In der Halle hallt es nicht mehr. Nach dem Debakel beim Sting-Konzert 2011 hat man diesen Mangel endlich behoben. Warum gibt es also keine Konzerte mehr in der Halle? Die Antwort liegt nicht mehr in der teilweisen Unbrauchbarkeit der Konstruktion, sondern muss aller Wahrscheinlichkeit nach wieder in Gründen gesucht werden, die mit Geld zusammenhängen. Der Mietbetrag für die Halle ist mit ziemlicher Sicherheit unvorstellbar überhöht. Eine andere Erklärung für die Nichtauslastung der Halle lässt sich kaum finden.

Die Kombination aus mächtigen Scheinwerferstrahlen und der Bühnenkonstruktion selbst, die hinter den Kulissen einen Blick ins Innere eines Eisenhüttenwerks von Jesenice bot, passt in jeder Hinsicht wie gegossen zum musikalischen Erbe der Gruppe Rammstein. Die extrem banalen, aber gerade deswegen umso direkteren und hochpenetrativen Riffs, unterstützt von kanonenlaut verstärkten Rhythmen eines tödlichen unterirdischen Marschs, sowie der unverkennbare Gesang des Frontmanns der Gruppe – des charismatisch entgleisten Anführers Till Lindemann –, dem die Menge aus der Hand fraß, haben die Halle mit spielerischer Leichtigkeit überrannt! Die Gesangsmelodien Lindemanns – eigentlich eindringende Ansagen im harten Klang des Deutschen – sind auf maximale Wirkung ausgelegt. In abgehackten, grob aufpeitschenden Ausrufen erzeugen sie durch vielfache Wiederholung des Motivs einen Zustand atmosphärischer Gier, der dich in eine Phase mentaler Entrücktheit zieht. Du kannst der Gier des Rammstein-Spektakels und dem Mahlen der gigantischen Maschine nicht entkommen. Bei Rammstein ist alles so robust, so ruppig, in der Grobheit so maßlos übertrieben,…. Wenn ihre Show auf der Bühne zum Leben erwacht, wirkt das Ganze so, als wäre aus der Asche ein riesiger stählerner Troll auferstanden, der alles vor und unter sich zermalmt. Mit der filigranartigsten Geste fegt er jede Ameise vom Antlitz des Planeten. Raffinesse kennt Rammstein nicht. Und wenn sie sich daran versuchen, steht es ihnen auch nicht. So erlebten wir im Zugabenteil die Darbietung von Mein Herz brennt, und das in einer Balladeninszenierung, die nur Till und Flake (am Klavier) ausführten. Keineswegs ein falscher Zug im Darbietungssinne, aber einer, der im Herzen den lebhaften Wunsch weckte, dass die übrigen Bandmitglieder schnell auf die Bühne springen und die »normale« Version dieses Rammstein-Standards hinhauen mögen.

Die Banalität des musikalischen Erbes wird kompensiert durch die Entwicklung der szenischen Kulissen einer gigantischen Bühnenproduktion, den Exzess einer Pléiade gespielter theatralischer Bühnensketche, die dem Besucher keine Sekunde zum Atemholen lassen. Jede Sekunde, jeder Bruchteil der Minute in dieser Stunde und dreiviertel trägt ihre versiegelte Funktion in diesem tosenden Bühnenspektakel. Eine gigantische Struktur, die bei all diesen Kulissen, intensiviert durch die Feuereinsätze, vollständige Sicherheit gewährleisten muss.

Wie präsentiert man eine extrem banale Musiksprache so attraktiv wie möglich? Rammstein wissen das und verstehen diese Philosophie bis ins kleinste Detail. Während des Konzerts schweifte der Gedanke immer wieder zu Laibach ab. So war es nicht schwer, den Schluss zu ziehen, dass eigentlich an der Stelle von Rammstein heute die slowenischen Pioniere des Industrials stehen sollten. Aber die Berge von Geld haben statt Laibach eben Rammstein eingestrichen. So dreht sich die Welt!

Beim scheinbar perfekt gelungenen Konzertspektakel braucht man keine Haare in der Suppe zu suchen. Rammstein haben die Sache routinemäßig abgeliefert. Professionell – obwohl sie sich auf Kosten der errungenen Macht und des Status einer der größten Bands der Welt (im kommerziellen Sinne) schon längst von den Besuchern ihrer Konzerte entfremdet haben. Aber das – oh, wie schauderhaft ist diese Erkenntnis – lässt sich auch über Roger Waters und sein überproduziertes »The Wall Live«-Abenteuer sagen.

Beim Konzert gab es nur eine einzige Sache, die einen wunderte! Das Parkett füllte sich erst irgendwo in der Mitte des Konzerts! Anfangs hätte man beim Beobachten des Geschehens von der Tribüne aus denken können, dass man die Parkett-Kapazität aus Sicherheitsgründen absichtlich nicht voll ausverkauft. Warum nicht alle Besucher pünktlich zu Konzertbeginn im Parkett sein konnten, bleibt ein Rätsel – aber höchstwahrscheinlich hat der Konzertveranstalter das Publikum durch irgendein enges Einlassnadelöhr in die Halle »geschleust«… Ich sage: mutmaßlich. Das arme Volk. Zahlt zu viel für die Karte, um einen Platz im Parkett zu ergattern, und verpasst dann 20 Minuten oder mehr vom Konzert. Wohl kaum aus eigener Schuld.

Setliste

  1. Ich tu dir weh
  2. Wollt ihr das Bett in Flammen sehen?
  3. Keine Lust
  4. Sehnsucht
  5. Asche zu Asche
  6. Feuer frei!
  7. Mein Teil
  8. Ohne dich
  9. Wiener Blut
  10. Du riechst so gut
  11. Benzin
  12. Links 2-3-4
  13. Du hast
  14. Bück dich (Rammstein intro)
  15. Ich will
    —Zugabe—
  16. Mein Herz brennt
  17. Sonne
  18. Pussy

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