Als Erstis zu „echten Studenten“ werden (2013)
Autor: Sandi Sadar Šoba
Ort: Gospodarsko razstavišče, Ljubljana, Slowenien
Konzertdatum: 06.11.2013
Besucherzahl: 2.000 – 3.000
Eintrittspreis: 7 € (Vorverkauf) / 12 € (Veranstaltungstag)
Ich weiß nicht, vielleicht irre ich mich und befinde mich tatsächlich in jener Phase des Alterns, in der man jeden Erfahrungsbericht mit dem Vergleich »als ich damals so alt war …« beginnen kann; aber ich glaube, dass auch diesmal eine solche Ouvertüre zur »größten Nachtprüfung im Leben der Studentenschar« angebracht ist – ich meine natürlich das Event namens Bruc 2013, das mich an das mittlerweile schon recht weit zurückliegende Jahr 1996 erinnerte, als ich selbst in den Studentenbänken saß und die Initiation in die Welt der Studienjahre mit einem konkreten Ereignis ähnlichen Namens erlebte. Und was ist der Unterschied zwischen den Milchgesichtern von heute und denen von vor, ufff, ich will gar nicht zählen wie vielen Jahren? Vor allem darin, dass im Zeitalter der Internet-Übersättigung Informationen schneller die richtigen Ohren und Augen erreichen, und man würde erwarten, dass die nach Spaß lechzende Jugend heutzutage auf den Veranstaltungen deutlich zahlreicher wäre als früher – in meiner Steinzeit-Ära, als wir eben zum Flyer griffen und uns zu dem Ort aufmachten, wo sich Vergnügen versprach. Früher waren auf solchen Events mehr Menschen – von 10.000 aufwärts –, doch von Jahr zu Jahr lässt sich der Trend zur Rezession und zum Rückgang, sowohl bei den Besucherzahlen als auch bei der Anzahl der Bühnen und Auftretenden, fast überall beobachten, bei den Bruc-Feiern umso mehr. Weniger indianische Beratungsrunden Junger und etwas Jüngerer mit dem Liter billigstem Wein oder Bier auf öffentlichen Flächen. Weniger Lachen und Optimismus. Weniger von jener Antriebsenergie, derentwegen man noch hoffen konnte, dass wenn die Welt in die Hände jüngerer Generationen übergeht, eine Veränderung zum Besseren vielleicht doch möglich wäre. Ich will keine Illusionen zerstören, aber Teil dieses vorhersehbaren Stroms der Ereignisse und Gedanken war auch der diesjährige Fluchtversuch weit weg von den Sorgen – ein Event, das eigentlich vom feierlichen Schwur junger Mädchen und Jungen hätte gekrönt werden sollen, die gerade erst in den Apfel des Hochschulstudiums gebissen und ihn kaum angeknabbert hatten. Den Grund dafür muss man vielleicht im doch recht konkreten Eintrittspreis suchen (sieben Euro im Vorverkauf und zwölf Euro am Tag des November-Abschaltens auf dem Gospodar), der für manch eine Brieftasche heutzutage entschieden zu viel ist. Mehrere versprochene musikalische Genüsse wurden auf zwei Bühnen angekündigt. Auf der kleineren Bühne versprachen DJs, Meister der Mischpulte und Plattenteller, ihren Anteil für Fans synthetischer Klänge und des Tanzes: Gramophonedzie, Sharkastique Tunes alias Shark, Jaka & Sylvain, Angel Anx, Alex Cvetkov und Daniel Greenx; auf der Hauptbühne des berüchtigten Kocke sorgten Preprosto Črni, Da Phenomena, der zungenfertige Meister Trkaj, der immer partybereite Big Foot Mama, die Dolenjska-Poeten breiter Emotionen Dan D, die unverwüstlichen Pero Lovšin in Španski Borci, und zum Abschluss noch die Band, die einen an die POP TV-Werbung erinnert, die Truppe Muff, für ihren Anteil an organischerem Vergnügen. Gründe für einen Ausflug in die Novemberkälte gab es also für alle, die nicht durch Arbeitszeiten, leere Geldbörsen, Zeitmangel oder familiäre Verpflichtungen eingeschränkt werden, genug; aus purer Neugier und dem Wunsch nach empirischer Überprüfung der Frage, ob man sich heute noch amüsieren und entspannt und glücklich sein kann, machte auch das Team unseres Portals seine Schritte in Richtung Gospodarsko razstavišče.
Um halb neun, als die Party beginnen sollte, war der Bereich vor der Kocke-Bühne völlig leer; unter den Brettern, über denen im Hintergrund die Werbelogos der Bruc-Sponsoren leuchteten, lag ein seltsames Gefühl in der Luft, dass das Ganze statt einem Spektakel eher dem Begriff einer traurigen Prozession seltener Nüchterner und zahlreicher betrunkener junger Männer und Frauen nahekommen würde – was auch die Bühnenkünstler mit Kilometern auf dem Tacho, die eingeladen worden waren, um das Volk zu unterhalten und aufzuheitern, hätte demotivieren können. Zeitpläne müssen eingehalten werden, und so bestieg – fast auf die Minute pünktlich, um halb neun – als erste die junge, von guter Musik infizierte Truppe von Štajerern (und einer schmucken Štajerin), die auf den Namen Preprosto črni hört, die Bühne vor einer völlig leeren Halle (es sei denn, man zählt die Bar, den Tontechniker und drei Vertreter der vierten Gewalt zum Publikum). Die junge Band, die Soul, Funk, Pop und alten Rock in ihr Klangspektrum verwebt, war mir zuvor völlig unbekannt – doch das vollständige Vakuum vor der Bühne brachte das Quintett nicht in die Knie. Die Chemie zwischen den verspielten Jazz-Keyboards von Pavle Fužir, den windleichten rhythmischen Bassläufen von Jure Kladnik und dem Schlagzeug von Luka Venek, den Gitarren-Einlagen des etwas weniger bekannten Nejc Robida – das i-Tüpfelchen ist die dominante Dame, die musikalische Amazone Lucija Fužir, die mehr als drei Wände des Klanggebäudes der Band trägt. Sie klingen eingespielt und gut aufgestellt; zwischen die Konturen von Neca Falk (wohl dank Lucijas starker Stimme, die die öde Depri-Note mit einem klangvollen Vokal und gutem Gespür für Humor und Tanz übertönt) mischt sich auch eine Schicht der dunklen Schwärze von Ella Fitzgerald, der Rauheit von Ike und Tina, über der noch etwas Fremdartiges dahinfließt. Neben Eigenkompositionen, die auf ihre sympathisch-emotionale Art so vertraut nah klingen, sich beim ersten Hören aber nicht tief ins Gedächtnis brennen, erklangen von der Bühne auch SAZAS-Herausforderungen wie der Song aus dem Film Babica gre na jug I Want All Of You, der immer willkommene Ray Charles, Tracy Chapman – am meisten aber hebt die gut und qualitätvoll gespielte Version von Mr. Cabdriver, den Lenny Kravitz ordentlich gewürzt in die Welt schickte, die Energie im leeren Auditorium. Die übrigen Lichtblicke an Positivität, Wärme, Liebe und Glück waren, sarkastisch gesagt, für die unsichtbaren Massen bestimmt, die sich unter der Bühne nur so drängten (falls ihr das glaubt). Schade, denn Preprosto črni sind eine durchaus sympathische Band, die einen nicht langweilen würde – sie brauchen aber noch etwas Zeit, um in ihr Klangkompendium mehr Dreck, Rauheit, Schmalz einzuweben, die auch ein an anspruchsvolleres Publikum gerichteter Pop Rock braucht. Die einstudierte Schulmetrik ist zwar korrekt und konsequent, die Musik auf Niveau gespielt – aber es fehlt der Funken Leidenschaft, der einen sagen ließe, dass man den Liebesliedern selbst erlegen ist.
Auf die Fortsetzung hatte ich mich wegen persönlicher, ich weiß nicht wann eingeschlichener Vorurteile nicht besonders gefreut. Da Phenomena waren mir im Gedächtnis als Name geblieben, der nur Pop-Musik verspricht, dazu etwas vorgetäuschtes Rastafari-Gehabe und eine Menge Melodien, die mir schon aus dem Radio zu den Ohren raushing – aber es stellte sich heraus, dass in fünf Jahren Abwesenheit so einiges an Entscheidendem und Publikumswirksamem passieren kann. Das Duo aus Mate Brodars Gitarre und Anže Langus Petrovićs Bass, den beiden tragenden Säulen der Band, hatte ein drittes Mitglied aufgenommen: Jure Rozman, der in der Pause und Vorbereitung auf den Konzertstart hinter dem Schlagzeug Platz nahm, sich warmfuhr und mit hundertprozentiger Präzision das massivere Tandem von Bros Strat und Anžes Jazz-Bass unterstützte. Die treibenden Klänge dreckigeren Funks, die konkretere Rhythmik des Songs Pelji me locken mehr neugierige Köpfe vor die Bühne – abgesehen von leichtem Mitwippen mit dem Fuß und verhaltenem Folgen der Parabel qualitätvoll gespielter Musik, die Anže mit etwas sarkastischen, bissigen Kommentaren über die »Menschenmasse« in der Halle begleitet. Da Phenomena klingen live druckvoller als bei den wirklich bis auf Hochglanz polierten Radio-Versionen ihrer Liebessongs, die nur so von ziemlich linearen und konkret abgenutzten Träumerei-Standards und süßlichen Reimen dampfen – aber was soll’s, das verkauft sich halt. Die Jungs sind aber daneben auch in der Seele funky-dreckig und verräuchert vom Nebel der Reggae-Musik und Haile Selassie (so sehr wie Sting und seine Police mit der jamaikanischen Note resonieren) – und es ist auch Platz für die Tanzbarkeit von Jamiroquai und Prince sowie für die treibende Ska-Note von Rancid mit Hendrix-Beimischungen. Da Phenomena sind qualitätsvolle Musiker, die aus ihren Herzen noch mehr herauspressen können als die durchschnittliche radiokonforme Eingängigkeit – aber die schöne Dreckigkeit kommt beim Hall und Echo des klanglich katastrophalen Kocke nicht vollständig zur Geltung. Die schöne assoziative Klanganbindung an Kravitz mit dem Song Do sonca wird nach ein paar Interludien und einer funkoid verlängerten Version von Punce in fantje, in der Bro den Text dem Besucherandrang entsprechend anpasst, mit dem punkoid frechen Song Nočem te nazaj weitergebaut, der diesmal schärfer und kompromissloser klingt – und Da Phenomena gewinnen zumindest auf meiner Seite Punkte eher mit dem dreckigen Sound als mit dem glitzernden Kitsch wirklich diabetischen Pops. Balsam für die Seele sind zweifelsohne die Ausflüge ins Unbekannte mit den schmeichelnden Rhythmen von Walking On The Moon der legendären The Police, noch mehr aber das Hineingleiten in Hendrix‘ Träumerei aus der Ära der Platten Are You Expirienced oder Axis Bold As Love – und am Ende noch eine Portion der süßen Neunziger mit Timebomb der legendären Ska-Punker Rancid, weswegen Da Phenomena nicht billig und sich an prominentere Namen von der anderen Seite des Teichs hängend klingen, sondern eher wie Männer, die unter ihrer Oberfläche noch mehr Kraft verbergen, als sie bisher bereit waren preiszugeben. Dann das Finale auf eher pop-idiome Art mit dem Song Pejdap. Es kann nur aufwärts gehen – und wenn’s bisher noch kein Tanzen gab: wartet auf die Fortsetzung!
Als die größte Überraschung, was Partystimmung und Textintelligenz betrifft, entpuppte sich der junge, zungenfertige 30-jährige Wunderkind des slowenischen Raps – der unverwüstliche, niemandem hörige Trkaj, der eine ganz konkrete Menschenmasse vor die Bühne zog. Rok teilte diesmal die Bühne mit zwei jungen Seelen, die wissen, wie man gute Musik serviert. Das Eröffnungsstück Fantom iz opere kündigte eine theatralische Rückkehr nach dreijähriger Abwesenheit an; nur eine Handvoll Menschen statt der erwarteten endlosen Besuchermasse konnte die kinetische Antriebsenergie spüren, die im Kern der dynamische, mikrofon- und auftrittserprobte Trkaj und DJ Dey hinter den Turntables bilden – doch als dann noch die junge Sängerin mit gewaltigem Sopran, die für viele bisher weder zu fühlen noch zu hören gewesen war, Patricija Selan, mit Kapuze auf dem Kopf die Bühne betrat, wurde das Zünglein an der Qualitätswaage zwei oder drei Stufen höher auf der Erwartungsleiter gesetzt. Trkaj beherrscht die Masse – noch mehr aber weiß er, seinem Namen entsprechend, an die Seele und das Bewusstsein der Anwesenden zu klopfen, mit der Feststellung, dass die Zeiten für niemanden allzu rosig sind und dass man effektiver und aktiver zusammenkommen muss, um die Welt von der toten Stelle zu bewegen. »Gruß an die positive Energie, die unter uns ist – und sei es nur im Glas,« stellte der junge Rap-Freestyle-Champion seine Kritik am vernunftlosen Eskapismus vor der Realität hübsch aus; woraufhin man nur noch ein- und ausatmen konnte in der mit der Elektrizität des Songs Dihi z mano aufgeladenen Luft; nach dem Unicef-engagierten Song Some Of Them (Letzteren nahm Trkaj mit einer kleinen Truppe slowenischer Talente auf, darunter Zlatko, King, B Fine, T-Set …) dröhnte dann im Gospodar der immergrüne Gesang über die versnobten Zicken Ljubljanas – Ljubljančanke. Trkaj nimmt kein Blatt vor den Mund und parkiert seine Kritik direkt bei den rechtmäßigen Adressatinnen und Adressaten; da das Balzritual ohne neuen Audi oder irgendein anderes Auto und ohne angesagte Klamotten bei den Ljubljančanke sowieso fast unmöglich ist, war auch Nov avto goldrichtig. Der herrliche Groove setzt sich mit Vse kar mam fort. »Alles was ich habe ist meine Musik, meine auf Papier gegossenen Gefühle,« bekennt der barfüßige Trkaj, der berechtigt so manchem die Socken auszog, der zum Bruc eher für eine Dosis Maligane und Rock gekommen war, stattdessen aber ein bisschen intelligenten Umgang mit dem Slowenischen bekam. Svet je moj, dann Pleš und eine Annäherung an Nirvana, zumindest mit einem Interlude – dazwischen der Beweis geistiger und klanglicher Dominanz über die Ljubljaner Lethargie und den Status quo, mit guter Unterstützung der jungen Patricija und des wunderbar inspirierten Dey, und über allem der außergewöhnliche Rok mit festem Zungen-und-Stimmband-Kontakt auf der Membran des Mikrofons. Der junge Orator der Positivität und gedanklichen Revolution hat dieses Jahr die Platte Vse je OK veröffentlicht, die der junge Mann aber nicht in der klassischen Form des Verlagstanzes nach Unternehmensregeln anbietet – stattdessen plant Rok, sie über freiwillige Fan-Spenden zu finanzieren. Kühn und druckvoll – und man ist wirklich gespannt, wie viele Spenden und tatsächliche Mittel der talentierte Künstler auf seine Mail ([email protected]) tatsächlich erhalten wird. Nach dem Ausklang von Armstrongs Hymne an die Welt What A Wonderful World verlässt Trkaj die Bühne; das Gospodar setzt nach dem kurzen und wenig überzeugenden musikalischen Spielchen dreier junger Frauen und eines jungen Mannes, die für den Weg nach Budapest mit dem Collegium nur den Refrain irgendeines der Abendssongs hätten singen müssen, fort – bis auf zwei dürftige Versionen von Črni tulipan und Voda von Dan D bleibt mir in der Erinnerung nichts konkret mit dem Begriff der Melodiosität der nächsten Auftretenden verbunden, aber das ist natürlich eine Frage der persönlichen Sichtweise.
Die Erstis in ihren Maliganen brauchen ein bisschen mütterliche Fürsorge der Großfußmama – und das jedes Jahr; daher überrascht es nicht, dass sich bei der Ankündigung des Auftritts von Big Foot Mama, die beim Bruc wirklich jedes Jahr spielen, die Halle bis fast in den letzten Winkel füllte und die Jungs und Mädels begannen, wie Vieh auch die ersten Reihen des Auditoriums zu stopfen, ohne darauf zu achten, ob vor ihnen jemand steht oder nicht. Die Ljubljaner Veteranen des gut unterstützten Party-Rocks begannen das Konzert mit einem treffend betitelten Song – Slab spomin –, doch von Senilität keine Spur bei der Phalanx, die neben dem unverwüstlichen Gregor Skočir noch den Drummer Jože Habula, den langhaarigen Alen Steržaj am Bass sowie die gut gestimmten Gitarren in den Händen von Daniel Gregorič und dem ehemaligen Verteidiger Majk, Zoran Čalić, umfasst. Die Halle kam vom Hall und dem Kontakt der BFM-Klänge mit den Trommelfellen nicht zur Ruhe, und die Menge fraß den Stars, wie es bei BFM so Brauch ist, aus der Hand. Und letztere entfachten Iskre, kokettierten mit Mala nimfomanka, legten den Oklep ab und gaben zu, vieles zu sein – wie Gregor sagt, kann er selbst Nor sicher nicht sein … Big Foot Mama haben einige Hits auf Lager, und angesichts der Tatsache, dass die Halle zum ersten Mal Puls und Lebenszeichen zeigte, dass die Jugend fröhlich bei jedem Fingerknipsen Skočirs mitsang und es an guter Unterhaltung nicht mangelte, war ein Aufstand fast schon vorauszusehen, hätten BFM die Länge ihres Sets konsequent eingehalten – das sie übrigens absichtlich um mehr als eine halbe Stunde verlängerten. So bekamen wir wenigstens Užitek na replay, erinnerten uns an die guten alten Zeiten oder erweckten zumindest die verblasste Erinnerung an den Vorjahresbesuch in den Križanke oder einen der Konzerte der Tour zur Platte Izhod. Es fehlte auch nicht Nekaj sladkega – das i-Tüpfelchen nach einem so langen und anstrengenden Tag –, und immer wichtig und unverzichtbar ist Važno da zadane sowie Led s severa. Als hätten Big Foot Mama ihr eigenes Drehbuch geschrieben und ihren eigenen Film gespult – ihrer Bühnendominanz wagte sich niemand zu widersetzen oder zu widersprechen; nach der Ankündigung des letzten Stücks des Abends, das im Zeichen der für Rocker und Metaller immer modischen Düsternis stand (Črn tulipan), war die Euphorie auf dem Höhepunkt, und die Veranstalter ein bisschen in der Klemme, denn es blieben nur zwei Szenarien – entweder würden die Übrigen ihre Auftritte kürzen, oder die Party würde bis zu unmenschlich späten (oder frühen) Morgenstunden dauern. Sie entschieden sich für Ersteres …
Nach dem Abgang der Großfußmama schwor die neue Generation frischgebackener Studenten ihren scheuen Schwur zu all den Gelöbnissen, alles Mögliche auszuprobieren. Im Schnellverfahren und sichtlich nervös nahmen dann die südostslowenischen Botschafter eines Meeres an Emotionen ihre Positionen auf der Bühne ein. Das Quintett aus Dolenjska plant bald eine neue Platte zu veröffentlichen, die aber nicht vor nächstem Jahr erscheinen wird; die Herren der musikalischen Formation nehmen sich diesmal statt Hast etwas mehr Zeit für nüchternen Überlegung und die Wahl der richtigen Trümpfe für die Fortsetzung ihrer Erfolgsgeschichte – was für manche in der Halle eben kein Konzertauftritt beim Bruc war. Ich selbst bin diesmal auf der Seite der Band, denn die Konfrontation mit dem Klangbild der Halle kam einem Horrorfilm oder einer katastrophalen Vision davon am nächsten, was man mit guter Musik und guten Musikern nie tun sollte. Manche würden den Ärger mit noch mehr Niedrig-Auflösungs-Lärm ausdrücken. Dan D setzten sich mit dem Dröhnen der Kocke auf andere, weniger laute Art auseinander als ihre Vorgänger – so folgte nach längeren träumerischen Dialogen von Tokac mit dem leicht ausgedünnten Publikum die A-cappella-Komposition Rekli so; die nächste war dann die erfolgreiche, aber diesmal wegen der Echos nicht so kristallklar reine Voda, die das Publikum in einen ruhigeren Zustand des Konzert-Zen wiegte. Das Novo-Mesto-Quintett ausgezeichneter Musiker, das neben Tomislav Jovanović – Tokac am Gesang auch den ehemaligen Demolition Group-Mann Nikola Sekulović am Bass, den außergewöhnlichen Sensualisten Boštjan Grubar an den Keyboards, Dušan Obradinović – Obra am Schlagzeug sowie Marko Turk – Tučot an der Gitarre aufweist, beschloss, die Herzenswendungen zu beruhigen. Dem verlangsamten Dahingleiten gut, aber wirklich langsam gespielter Songs – wie treffenderweise Počasi und Jutranja – folgte dazwischen etwas gitarristische Dramatik für alle aneinandergekuschelten Männer und Frauen. AC/DC sind ein echtes Ass (You Shook Me All Night Long passte prima in den Kontext der durchgefeierten Nacht), ebenso Divje Jagode (warum denke ich dabei immer sofort an den Song Motori, der dann mit der suggestiven Modulation des außergewöhnlichen Turk durch den Raum dröhnt?). Nun ja – jedenfalls wäre das eine gute Wegzehrung für Ljubljana; aber als Dan D in die Gesamtheit ihrer eigenen außergewöhnlichen Songs (nach Roke, Moj problem und dem neuerdings wieder aktuellen Offline-Lamento Google kam der mittlerweile schon etwas betagte, aber immer süße Hit Plešeš …) noch Lep dan za smrt einflechten, denke ich, dass sich da etwas Negatives und Pessimistisches in die Geschichte eingeschlichen hat. »In der Luft liegen verbotene Gedanken, jemand kennt unseren wahren Zustand. / Findest du nicht, dass es immer weniger Menschen gibt? / Gefährliche Spiele an der Grenze des Geschmacks, Auserwählte tanzen über uns. / Findest du nicht, dass alles immer weniger wehtut? / Vom lokalen Phänomen …« grübeln Dan D schwermütig; viele der jungen Männer und Frauen, erschöpft vom Alkohol, von übertriebener Fröhlichkeit, Euphorie oder schlicht von der späten Stunde, begannen unter dem Druck des Čas zu knicken und sammelten sich vermehrt vor den Hallentüren – nach der recht kontemplativen und zen-ruhigen Atmosphäre in der Halle zeichneten sich nach dem Prinzip »wie sie gekommen, so gingen sie« lautere Zeiten in Gesellschaft von Španski Borci und des teflonbeschichteten Pero an.
Den vorletzten Auftritt des Abends begleitete nur die Hälfte des Rockline-Teams, weil manche von uns wegen der wirklich inhumanen Spätzeit um halb drei Uhr morgens noch die morgendliche Arbeit zum Lebensunterhalt vor sich hatten. Pero Lovšin, in den letzten Jahren gestärkt durch die Begleitband Španski borci, ist beim Bruc schon aufgetreten; nach einer mehrjährigen Pause und neben seiner letzten Platte Še en krog ist die wackere Legende des Ljubljaner Punks, Gesicht und Stimme der Pankrti, der Sokoli und des engagierteren Aufstands, mit der Zeit kommerziell stärker an die Vergangenheit gebunden – alles andere als Nostalgie aber wärmte die Jugend diesmal: gute Atmosphäre und die Umarmung der Alkoholdämpfe, die unter der Bühne nur so dufteten. Ko so češnje cvetele, Čist nor, Hiša nasprot sonca, Marija pomagej mi – auch Bandiera Rossa darf natürlich nicht fehlen; eine gute Party ist so garantiert, sowohl durch die starke Bühnenshow des sichtlich aufgelegten Pero als auch durch die Eingespielt-heit der Mannschaft von Musikern, die ihn in den letzten Jahren begleiten. Nach dem vorletzten Ausklang der raueren, kratzigen Vokale und der ungeschliffenen Suche nach der richtigen Intonation, die sowieso Perotov Markenzeichen ist, war es Zeit für den Sprint, den Fotosprint und den Abschluss mit der letzten Band mit dem bedeutsamen, sanft-haarigen Namen Muff; nach der Truppe männlicher Frontmänner präsentierte vor knapp 300 Besuchern die stattliche Sängerin Senidah, die man bereits vor zwei Jahren gesehen hatte, ihren Charme. Die Ljubljaner Band, die man natürlich mit der POP TV-Werbung verbindet, weil sie mit ihrem eingängigen Song Naj sije v očeh zur musikalischen Untermalung der Werbung für den größten kommerziellen Fernsehsender Sloweniens geworden sind. Melodiöser Pop – neben den sanft angeschlagenen Untertönen der süßen Gitarre von Tadej Košir, dem Bruder des Toronto Drug Bust-Frontmanns Izak, dem genau dosierten Bass von Gregor Robič und dem Schlagzeug von Doriand Grande sowie den Klavierschreien von Miha Goršet – der Haupttrumpf der Band ist die reizende und trotz der späten Stunde gut gelaunte und frische Sängerin Senidah, die mit ihren Vocals ein bisschen an Anastacia oder Pink erinnert. Ohne Cover-Versionen ging es auch diesmal nicht, und mit dem weiblichen, leicht gedämpften Ton der Sängerstimme erklangen vor der Bühne Bruno Mars (Locked Out Of Heaven), Rudimental (Waiting All Night), Pink (Funhouse), Lady Gafa (Just Dance), Chaka Khan (Ain’t Nobody), und zum Abschlussakt noch Kings Of Leon (Use Somebody). Die Frage, die trotz der völlig korrekten Ausführung berechtigt ist: Warum so viel Einkleiden in fremde Federn? Wer ein bisschen Kreativität besitzt, kann aufrecht mit seinen eigenen Gedankenprodukten auftreten – geliehene Sachen dagegen sind …
Die meisten intelligenten Zeilen und Verse verloren sich im Hall des grotesk nicht funktionierenden Auditoriums – daher fragt man sich berechtigt, warum die Veranstalter so hartnäckig auf der Buchung desselben Veranstaltungsorts, derselben Beschallung bestehen und warum das Rezept der Auswahl der Haupttrümpfe trotz des sonst guten Anklungs Jahr für Jahr dasselbe ist. Die von Jahr zu Jahr immer dünneren Reihen vor den Bühnen sind keine gute Wegzehrung für ein Event, das nicht Selbstzweck werden darf – was sich in den letzten Jahren leider hartnäckig wiederholt. Das Klangbild der Bands ist dabei genauso wichtig wie die Bühnenlichter und die Songs – daher würde ich appellieren, dass die Zuständigen auch einmal darüber nachdenken, dass nicht alle, die ein paar Groschen von der Studentenorganisation und anderen in die Taschen geflattert bekommen, mit ihrem beschnittenen Bühnen-Klangbild einverstanden sind. Alles bleibt auf demselben Niveau, und das Niveau verschlechtert sich von Jahr zu Jahr sogar noch. Das kann auch die Folge meiner persönlichen, subjektiven Sichtweise sein, des Übergangs in reifere mittlere Jahre – aber vielleicht steckt im Ganzen doch auch ein Körnchen Wahrheit? Wie auch immer – der ermüdende Marathon aus Maliganen, Alkoholdämpfen, erzwungenem Spaß, verzweifeltem Sound und bewährten Rezepturen entpuppte sich als Event, das man als etwas Megalomanisches, aber keineswegs Vollendetes bezeichnen kann. Die Mängel lassen sich entdecken und in Zukunft sogar beheben. Ich bin kein Negativist und glaube an positive Wenden zum Besseren – diesmal aber kann ich sagen, dass alles unerschütterlich klang und aussah, ohne Überragendes, aber mit einigen außergewöhnlichen Zusätzen, die dem Abend einen etwas durchschlagenderen Klang und eine besondere Note gaben. Meinen Glückwunsch an alle Auftretenden, die sich mit dem berüchtigten Fluch der Kocke auseinandergesetzt und ihn überlebt haben, ihre Bühnenprofessionalität bewiesen und aus dem wenig auf dem großen Raum etwas gemacht haben, das man auch als Ereignis, Happening bezeichnen kann – was auch immer es diesmal gewesen ist.
Setliste
PREPROSTO ČRNI:
1. Peljem – PREPROSTO ČRNI
2. Stari bar – PREPROSTO ČRNI
3. I want all of you – BABICA GRE NA JUG
4. Pravljica – PREPROSTO ČRNI
7. Halleluyah i love him so – RAY CHARLES
8. Kadar sva sama – PREPROSTO ČRNI
9. Prišla je z vzhoda – PREPROSTO ČRNI
10. Mr.caB driver – LENNY KRAVITZ
11. Give me one reason – TRACY CHAPMAN
12. Ljubimec – PREPROSTO ČRNI
DA PHENOMENA:
1. Guantanamo Bay
2. Pelji me
3. Skupaj sva
4. Do sonca
5. Iznad neba
6. Punce in fantje
7. Nočem te nazaj
8. Nov dan
9. Jočem
10. Timebomb
11. Pejdap
TRKAJ:
1. Fantom iz opere
2. Dihi z mano
3. Some of them
4. Ljubljančanke
5. Nov avto
6. William Tell
7. Vse kar imam
8. Sam
9. Dobro jutro
10. Svet je moj
11. Pleš
12. Nirvana interlude
13. Outro
BIG FOOT MAMA:
1. Slab spomin
2. Iskre
3. Mala nimfomanka
4. Oklep
5. Nor sigurno ne
6. Lepa laž
7. Sam prjatla
8. Pomlad
9. Neki sladkega
10. Užitek na replay
11. Važn da zadane
12. Led s severa
13. Rola se
14. Vrn se k men
15. Črn tulipan
16. Nisem več s tabo
DAN D:
1. Voda
2. Počasi
3. Za naju punca
4. Jutranja
5. Oblaki
6. Lep dan
7. Roke
8. Moj problem
9. Love Song
10. Google
11. Plešeš
12. Čas
PERO LOVŠIN & ŠPANSKI BORCI:
Keine Setliste
MUFF:
1. Locked Out Of Heaven (Bruno Mars)
2. Naj sije v očeh
3. Nov dan
4. Waiting All Night (Rudimental)
5. Funhouse (Pink)
6. Povej mi
7. Just Dance (Lady Gaga)
8. Ain’t Nobody (Chaka Khan)
9. Use Somebody (Kings Of Leon)
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