Against The World

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Künstler: Winds of Plague
Label: Century Media
Erscheinungsjahr: 2011
Laufzeit: 38:37
Wertung: 4/5

Wunder geschehen, und hin und wieder findet sich in einer Tonne Dreck noch etwas Genießbares! Nach fast einem Jahrzehnt des wütenden Eingießens von Zorn und Ideen in die Kelche einer hartnäckig generischen Mischung aus Metal, HC und verdunkelten seelischen Abszessen überrascht einen gelegentlich ein Produkt, das ein bisschen mehr Ideen und Musikalität aufweist als das graue, erbärmliche Mittelmaß einer verwässerten Söldnertruppe von Klonen. Das könnte ein passender Aufhänger sein, um die Neuigkeit in die Welt zu schicken, dass das vierte Album der südkalifornischen Brutalos Winds Of Plague bereits seit April 2011 erhältlich ist. Der Name ruft euch irgendwie kein klares Bild einer Starband ins Gedächtnis, und ihr fühlt dabei auch keine übermäßige Erleuchtung? Macht nichts, denn das Quintett aus dem Städtchen Upland ist mit seiner symphonischen Deathcore-Dunkelheit erst seit 2002 auf der Szene (oder wäre es passender, das Wörtchen „erst“ durch „schon“ zu ersetzen?). Das diesjährige Album Against The World ist bereits ihr viertes in Folge, diesmal tritt jedoch neben der Faszination für Samurai-Kodizes und das Erbe einer mörderischen und gnadenlosen Doktrin aus dem Land der aufgehenden Sonne vor allem ein bunt gemischtes und hauptsächlich gar nicht so unbekanntes Aufgebot an Starnamen in den Vordergrund, die dem Produkt mit ihren Gastauftritten etwas mehr Glanz und vor allem genussvolleren Schimmer verleihen. Aber lassen wir die Gäste beiseite und widmen wir uns der Originalität des Kerns der Band Winds Of Plague. Der Maßstab, an dem wir sie diesmal messen, richtet sich nach ihrem neuen Meisterwerk.

Schon nach dem ersten Durchlauf des Albums Against The World wird kristallklar, dass sich im Inneren der Deathcore-Bestie ein Gespür für Symphonisches verbirgt, das wir eher von Abigail Williams, Cradle Of Filth, Dimmu Borgir und ähnlichen Allianzen theatralischer Metal-Überraschungen kennen, dennoch ist unter einer Tonne hervorragend produzierter Klänge eine Fülle hymnischer Klavier-Melodien zu hören, die weit mehr sind als bloße Nachahmung von Pentagramm-Zirkusanten und höllischer Dunkelheit. Winds Of Plague sind in ihrem Kern jedoch deutlich simpler und generischer ausgerichtet. Das lässt sich bereits am Ursprung des Bandnamens selbst ablesen, der seine Wurzeln ins weiche Gewebe des Metalcore-Erbes und der Band Unearth treibt (der Name Winds Of Plague entstammt ihrem Song Endless von der gleichnamigen EP aus dem Jahr 2002). Nach der von Tim Burton und seinem Gespür für die Anziehungskraft von Dunkelheit und Tod inspirierten Symphonie Raise The Dead bietet euch der Track One For The Butcher einen ursprünglicheren HC-Sound und eine natürlichere Kontur eines fließend dahinstürmenden Rhythmus. Die methodische Neigung zu mystischen Konturen östlicher Tonalitäten reicht solidem Riff-Gewitter und Streichsequenzen die Hand, die atmosphärisches Mithalten-mit-dem-Zorn und obligatorisches Bekenntnis zur Schlagkraft transportieren. Es gibt reichlich Film-Momente, durch die das Gefühl unablässigen Zorns gebrochen wird und sich verliert. Der Gesang des verbitterten Orators der Vernichtung, des Gemetzels und der Kriegszüge, Sänger Johnny Plague Cooke, ergänzt sich energisch mit mitunter wirklich einfallsreichen Gitarrenpassagen des Gitarren-Duos Eash–Piunno und den Schlagzeug-Einlagen des vorhersehbaren Art Cruz. Mehr als die tiefen Frequenzen des Basses von Andrew Glover (der auf dem ganzen Album kaum klar zu hören ist) tritt der mit Effekten und hymnischen Klängen vollgepackte Klaviersektor des Schlachtfelds von Alana Potocnik (mutmaßlich Nachkommin der zweiten oder dritten Generation slowenischer Einwanderer) in den Vordergrund.

Der unheilvolle Kinderchor singt das Mantra: „Peel away the earth and raise the dead. / Back from the grave to strike again. / We have come as children of the night. / Sworn to drain everything of life“ und bald wiegt das hypnotische Wiederholen der Melodie euch in einen Zustand kathartischer Abkopplung des Gehirns von den Hörzentren. Die Formel bleibt auch im weiteren Verlauf beim Song Drop The Match unverändert, die naive Hymnik des Songs Built For War hingegen füllt euch mit einem Erguss von Zärtlichkeit und den Worten „A day without blood is like a day without sunshine / All I need is this firepower at my side / I write to you from this recon to hell / Never had a chance / Here we go, kill, kill, kill“ mit dem Gas vollständigen Wahnsins – natürlich nur, wenn ihr oberflächlich seid und auf die erste Anmache hereinfallet … Die vokale Ergänzung des dämonischen Johnny-Gesangs durch den eher altmodisch dem HC verschworenen Hatebreed-Veteranen Jamey Jasta ist nur die Ouvertüre zum Exzess der Gaststimmen. Als Nächster in der Reihe beweist sich bereits beim Song Refined In The Fire der Sänger der Band For Today, Mattie Montgomery, den beim Song Monsters Drew York zu übertrumpfen versucht, der ansonsten Sänger der in Slowenien weniger bekannten Band Stray From The Path ist.

https://www.youtube.com/watch?v=nNYykMMo328

Das ziemlich vorhersehbare Steigern und Ejakulieren in Strudel eruptiver Pomposität wird, den Göttern des unheiligen Pantheons sei Dank, durch den weniger prätentiösen und vor allem von Gastauftritten befreiten Track Most hated unterbrochen, der auf symphonische Art einer Kreuzung aus Death Metal, Black Metal, Bachschen Fugen und Musik für den Mordfeldzug eines bionischen Samurai-Kriegers auf mit aufgespießten Jazz-Musikern besäten Feldern ähnelt. Ein Meisterwerk, das schwer zu übertreffen ist? Dann habt ihr noch nicht der zarten Ouvertüre des unerwarteten Gitarren-Klavier-Stücks Only Song We’re Allowed To Play In Church Venues gelauscht. Trotz des Witzes auf eigene Kosten zeigt gerade dieses Stück all die Kunstfertigkeit und musikalische Versiertheit, die das musikalische Gerüst der Band zweifellos in Hülle und Fülle besitzt. Das hochoktanige Destillat wilder Energie bricht einem beim Song California mit der Wucht von Katrina ins Gesicht, auf dem sich den Plagues noch der markante Sänger der Band Terror Martin Stewart, sonst ehemaliges Mitglied der legendären Bad Manners, sowie Josh Mishima zur Seite stellen. Nach dem abschließenden Akt Strength To Dominate, bei dem ich die Energie von Sick Of It All auf Metal-Steroiden spüre, ist es unmöglich, irgendetwas hinzuzufügen, vieles davon wäre hingegen mit Freude wegzunehmen und zu vergessen.

Genau genommen ist das Album Against The World vollgestopft mit Ambitionen und dem Wunsch nach Selbstbeweis, was ihr in jedem klanglich dokumentierten Moment des wirklich gut produzierten Albums ahnt. Die Band hat zweifellos Talent, belastet sich aber übermäßig mit bloßer Form und Genre-Vorgaben. Das Produkt ist solide und reichhaltig, theatralisch und auf seine eigene Art pompös und genial. Genau deshalb lässt es sich vielleicht leichter anhören als Bands wie etwa Carnifex, The Red Chord, Emmure und bedingt auch Whitechapel, dennoch ist noch reichlich Raum für Verbesserungen des Sounds, der Beschreibungen wie „brutal“, „episch“ oder „aufgeblasen“ nicht entkommen kann. Das Produkt ist solide und rechnet gnadenlos mit Zweiflern ab, dennoch fehlt ihm eine Prise von etwas, weshalb ihr sie noch nicht auf den Altar der Verehrung neben The Black Dahlia Murder stellen könnt, wenn euch natürlich ein klanglich-akustisches Schlachthaus am Herzen liegt. Auf jeden Fall können wir noch auf eine sehr abwechslungsreiche Fortsetzung des Opus aus den Händen von Handwerkern hoffen, die dem Genre einen Hauch größerer Vielfalt und Abwechslung verleihen. Winds Of Plague schaffen es, das Gefühl der Generik mitunter geradezu hervorragend abzuwaschen und zu mildern!

Besetzung

Jonathan „Johnny Plague“ Cooke – Gesang
Nick Eash – Gitarre
Nick Piunno – Gitarre
Andrew Glover – Bass
Art Cruz – Schlagzeug
Alana Potocnik- Keyboards

Gastmusiker:
– James Jasta – Hintergrundgesang auf 4
– Mattie Montgomery – Hintergrundgesang auf 5
– The Ultimate Warrior – Hintergrundgesang auf 6
– Drew York – Hintergrundgesang auf 8
– Martin Stewart – Hintergrundgesang auf 11
– John Mishima – Hintergrundgesang auf 11

Produktion

Matt Hyde

Trackliste

1. Raise the Dead
2. One for the Butcher
3. Drop the Match
4. Built for War (feat. Jamey Jasta)
5. Refined in the Fire (feat. Mattie Montgomery)
6. The Warrior Code (feat. The Ultimate Warrior)
7. Against the World
8. Monsters (feat. Drew York)
9. Most Hated
10. Only Song We’re Allowed to Play in Church Venues
11. California (feat. Martin Stewart & John Mishima)
12. Strength to Dominate

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