Affinity
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Haken
Label: Inside Out Records
Erscheinungsjahr: 2016
Spielzeit: 61:26
Wertung: 4.5/5
Die Briten von Haken haben mit »Mountain« eines der besten Progressive-Rock-Alben des Jahres 2013 geschaffen – dem auch Jordan Rudess und Mike Portnoy, aktuelles bzw. ehemaliges Mitglied der berühmten Dream Theater, ihre Lobeshymnen sangen, sowie seine ‚durchgeknallte‘ Majestät Devin Townsend, der sie vor einer seiner Konzerttourneen als Vorband einlud. Zu Recht, denn mit »Mountain« haben die Londoner Prog-Enthusiasten, die überzeugend Brücken zwischen Prog Metal und Prog Rock bauen, ihren Newcomer-Status in der Progressive-Rock-Szene längst hinter sich gelassen und bereits mit ihrem dritten Studiowerk ein Meisterwerk von ungeahnten klanglichen Dimensionen erschaffen. Eine solche Leistung wie »Mountain« lässt sich normalerweise nur schwer wiederholen. Anstatt auf das bewährte Erfolgsrezept zurückzugreifen, haben Haken diesmal einige mutige und größtenteils lobenswerte Züge gemacht. Auch wenn es ihnen mit ihrem vierten Studioalbum, dem Nachfolger der EP »Restoration« (2014), nicht gelungen ist, ein weiteres Meisterwerk in Folge zu erschaffen (dazu fehlt dem Album ein wenig), ist es dennoch eine ausgesprochen feine Hörerfahrung und einer der ersten und gleichzeitig heißesten Kandidaten für das beste Prog-Rock-Album des Jahres 2015.
Passend zum minimalistischen Cover, das aussieht, als wäre es direkt aus einer ‚vorhistorischen Ära‘ – irgendwo aus der Mitte der Achtziger – gezogen, kehren Haken auf »Affinity« zum Teil zu ihren kantigeren Prog-Metal-Wurzeln zurück, überraschen dabei aber mit einigen Experimenten, die man so nicht erwartet hätte: Statt in den Siebzigern suchen sie ihre Inspiration diesmal in den Achtzigern. Die Bandmitglieder schätzen nämlich neben der goldenen Prog-Ära (die Siebziger) genauso die für den Prog turbulenten Achtziger. Gentle Giant-Einflüsse, die »Mountain« maßgeblich geprägt haben, sind diesmal weniger präsent – dafür lassen sich stellenweise sogar New-Wave- und Art-Pop-Rock-Elemente ausmachen. Deren Verbindung mit Prog Metal und symphonischem Prog Rock, der auf einigen Tracks die Oberhand gewinnt, hat auf »Affinity« einige überaus interessante und lobenswerte Ergebnisse hervorgebracht, während die Grenze zwischen den brutaleren und ätherischen Momenten diesmal klarer gezogen ist als auf »Mountain«.
Auf das kurze elektronische Intro »affinity.exe«, das an die Klänge eines ZX Spectrum oder Commodore 64 erinnert, folgt die Lead-Single des Albums: »Initiate«. Dank komplexer rhythmischer Nuancen, ätherischer Mehrstimmigkeit und druckvoller Gitarrenpassagen – spürbar unter dem Einfluss von Dream Theater und King Crimson – lässt er sich als typischer Haken-Song bezeichnen, der mit Sicherheit zum festen Bestandteil ihrer Konzert-Setlists werden wird. Dass das Album offensichtlich immer wieder von den Retro-Sounds der Achtziger zehrt, wird erstmals bei »1985« deutlich, das ein Gitarrenriff enthält, das dem Yes-Klassiker »Owner Of A Lonely Heart« verwandt ist, während die Synthesizer-Arrangements stellenweise an die Originalbesetzung von Asia erinnern. Der rote Faden des Tracks ist allerdings nach wie vor progmetalisch – mit aggressiven Gitarrenpassagen, obskuren Basslinien und leidenschaftlichen Drum-Fills –, während Sänger Ross Jennings wie immer mit seiner stimmlichen Vielseitigkeit begeistert. Natürlich fehlen auch zahlreiche wilde, technisch makellose Improvisationen mit einer Fülle unvorhersehbarer Wendungen nicht – kein Wunder also, dass sie sogar die Aufmerksamkeit eines musikalischen Außerirdischen wie Devin Townsend auf sich gezogen haben.
Im melancholischen »Lapse« beweisen die englischen Meister, dass sie auch subtilere Momente beherrschen, in denen das Gitarrenriffing nicht im Vordergrund steht – anders als bei den meisten Prog-Metal-Bands –, wodurch Jennings‘ Gesangskünste und die symphonische Pracht umso besser zur Geltung kommen. Das fünfzehnminütige »The Architect« ist das einzige Epos auf dem Album und überzeugt erwartungsgemäß mehr als nur – auch wenn es einige riskante Klangexperimente enthält, die jedoch überaus gut funktionieren. Hier dominieren neben einer Fülle subtiler Momente komplex gefärbtes Gitarrenriffing, intelligente Übergänge und obskure rhythmische Nuancen, was schnell für eine energische und gleichzeitig düstere Atmosphäre sorgt. Der mittlere, instrumentale Teil erinnert ein wenig an King Crimson – und zwar an deren »Discipline«-Variante aus den Achtzigern. Was folgt, ist noch ungewöhnlicher: Im abschließenden Teil übernehmen Halbton-Rhythmik, Double-Bass-Pedal und brutaler Gesang die Herrschaft. Dieses kurze Thrash/Death-Metal-Experiment wirkt ein wenig aufgesetzt und unnötig, dürfte aber ihren Metal-Fans sicher gefallen. In den letzten zwei Minuten ‚kommen die Dinge wieder an ihren Platz‘, und Haken liefern einen überaus epischen Abschluss.
Nicht minder überzeugend gelingt Haken die experimentelle Verbindung von Progressive Metal und New Wave/Pop/Art Rock mit starkem Achtzigerjahre-Einschlag auf dem exzellenten »Earthrise«, wo die Einflüsse von Kultbands der Achtziger wie der Trevor-Rabin-Ära von Yes, The Buggles und The Alan Parsons Project kaum zu übersehen sind. Zwischen einzelnen Übergängen und Refrains dominiert zwar das typische Haken-Prog-Metal-Riffing mit komplexen Gitarren-Keyboard-Passagen, doch die Synthesizer-Texturen, der Gesangsansatz und sogar die Produktion haben einen reinen Retro-Puls – als hätte die Band kurz eine Zeitmaschine eingeschaltet. »Red Giant« ist mit seinem langsamen Aufbau einer angespannten Atmosphäre ein anschauliches Beispiel für einen Track, der etwas Zeit braucht, bevor er die gewünschte Wirkung auf den Hörer entfaltet: Nach einer anfänglichen ‚Zähheit‘ ändert er seinen Charakter auf clevere Weise und wird zu einem überaus angenehmen Erlebnis.
Der Prog-Metal-Energiekatalysator »The Endless Knot« ist wieder etwas stärker am Dream Theater-Kompositions- und Improvisationsrezept orientiert, doch die beträchtliche Komplexität mit zahlreichen wilden Improvisationen und obskuren Effekten bleibt trotzdem schön den melodischen Arrangements untergeordnet. Haken überraschen zum Abschluss positiv mit der ausgezeichnet gesungenen und herrlich klingenden ätherischen Power-Ballade »Bound By Gravity«, in der sich rund um die zauberhaften Arrangements besonders die betörenden Mehrstimmigkeiten prächtig entfalten – ein echter Volltreffer. Manche werden dieser emotionalen, dabei aber intelligenten Power-Ballade Überlänge vorwerfen, doch sie vergeht eigentlich wie im Flug, und Haken sorgen damit für einen wirklich fantastischen Albumabschluss.
Haken beweisen auf »Affinity«, wie man auf innovative Weise scheinbar unvereinbare Klangelemente aus der Welt des Progressive Metal, des symphonischen Prog Rock und des New Wave/Art Rock der Achtziger erfolgreich miteinander verbinden kann. Für diesen erfrischenden Ansatz – bei dem viele Anhänger eine Anlehnung an Old-School-Prog erwartet hatten, die Band sie aber ‚verarscht‘ hat und sich zur Abwechslung bei den bei Prog-Liebhabern weniger beliebten Achtzigern bedient hat – verdienen Haken aufrichtiges Lob. »Affinity« fehlt gar nicht mehr viel zum Meisterwerk-Status, und vielleicht hätte es das Album erreicht, wenn es noch mehr Kreuzungen von Prog Metal und dem New Wave/Art Rock der Achtziger gegeben hätte – was sich als überaus unterhaltsames und selten erprobtes Experiment erwiesen hat, das man in naher Zukunft noch weiter verfeinern sollte. Genau wegen solcher erfrischender Experimente unterscheiden sich Haken deutlich von ihren Prog-Metal-Kollegen, die allzu oft an immer derselben Klangformel festhalten.
Besetzung
Ross Jennings – Gesang
Charlie Griffiths – Gitarre
Richard Henshall – Gitarre und Keyboards
Diego Tejeida – Keyboards
Conner Green – Bassgitarre
Ray Hearne – Schlagzeug
Produktion
Jens Bogren
Tracklist
1. affinity.exe (1:24)
2. Initiate (4:16)
3. 1985 (9:09)
4. Lapse (4:44)
5. The Architect (15:40)
6. Earthrise (4:48)
7. Red Giant (6:06)
8. The Endless Knot (5:50)
9. Bound By Gravity (9:29)