Aerosmith im olympischen München
Ort: München, Deutschland
Konzertdatum: 14.06.2007
Besucherzahl: 11000
Ticketpreis: 65 Euro
Jedes Mal, wenn es mich in die Hauptstadt der malerischsten aller deutschen Landschaften zieht, nach Bayern, überkommen mich immer wieder nostalgische Gefühle. Mitten in der Hauptstadt dieses alten Ländles, bekannt für Lederhosen, Bierhallen, Würste und die ganze restliche Pflichtausstattung jedes stolzen Speer-Kameraden, liegt nämlich eine der schönsten Olympiastätten der Welt – der Olympiapark in München. Ein Ort von außerordentlicher historischer Bedeutung, an dem Gerd Müller 1974 mit seinem berühmten Tor im Liegen alle Weltmeistertitel-Träume von Cruyffs hochfliegenden holländischen Total-Fußballern zerstieben ließ. Neben dem obligatorischen Fußballzirkus passiert dort natürlich noch einiges andere. Die Bayern langweilen neben der sportlichen Nutzung der Anlagen auch nicht mit trockener Kost, sondern bieten ein buntes Programm an Events aus der Welt der Musik. In den letzten dreißig Jahren hat sich in dieser grünen Oase jede Menge Riesen der Musikwelt getränkt. Kein Wunder, dass Stars von Weltformat immer wieder hierher zurückkehren, denn für ihre Bedürfnisse, genau wie für die all ihrer Anhänger, ist auf Schritt und Tritt bestens gesorgt.
Ähnliches gilt für unsere alten Bekannten Aerosmith. Es ist schon eine ganze Weile her, seit die fliegenden Schmiede aus Boston zuletzt die alte Welt verwüstet haben. Ganze acht Jahre, um genau zu sein. Einiges hat sich inzwischen verändert. Neben den überall sichtbaren radikalen Klimaveränderungen meine ich hier vor allem Tyler und Kompanie, die – das muss man sagen – ihren heute nicht mehr gerade taufrischen Jahren nach Kräften ziemlich erfolgreich trotzen. Diese haben schon vor Jahren endlich auch den unverwüstlichen Aero-Gesichtern die Spuren ihres Berufs aufgedrückt. Wir dürfen nämlich nicht vergessen, dass die Herren ihr letztes Album vor „ewigen“ sechs Jahren veröffentlicht haben (neben Just Push Play ist Honkin‘ On Bobo vor allem eine bunte Palette unterhaltsamer alter Blues-Coverversionen). Seitdem mussten wir „Flugzeug-Enthusiasten“ uns nur noch mit einer weiteren in der Reihe ziemlich überflüssiger Best-of-Sammlungen begnügen, die bei ständig wachem Warten auf irgendwelche konkreteren Aero-Lebenszeichen natürlich alles andere als ein Pflaster auf die Wunde ist.
Wenn man all diese Fakten zu lange unter dem Dach seiner eiförmigen Rübe beherbergt, ist man am Ende wirklich nicht mehr sicher, worauf man sich da einlässt. Nun, im Fall von Aerosmith ist diese Angst unnötig. Die Herren mögen wirklich alt sein; trotzdem haben uns diese „Greise“ am Donnerstagabend mit einer eigenwilligen und energiegeladenen Demonstration von gutem altem amerikanischem Rock n Roll „plattgemacht“, um die sie die meisten heutigen Bands beneiden könnten. Der routiniert abgespulte Auftritt, den die ganze Zeit über Tylers charismatische Akrobatik zierte, hielt so manche Überraschung aus der Aero-Schatzkammer der Siebziger bereit. Steven selbst wirkt nach all den Jahren noch immer wie ein ungezogener Jugendlicher ( so haben wir ihn natürlich auch am liebsten, deshalb ist hier jede Debatte völlig überflüssig). Wahrscheinlich ist er das auch, ein Ungezogener natürlich.. wie auch immer, die Jahre des unkontrollierten Gebrülls merkt man dem Herrn vor allem an der Stimme deutlich an, die leider nicht mehr so souverän klingt wie früher. Trotzdem reicht es für eine völlig zufriedenstellende Interpretation der aufregenden Mischung aus junger und etwas weniger frischer Aerosmith-Küche, für deren sehr angenehmen Einstieg die phänomenal gespielten Love In An Elevator und Falling In Love (Is So Hard On Knees) sorgten. Natürlich fordern solche lebhaften und ehrlich bluesig aufgelegten Interpretationen ihren Tribut in Sachen Energie und Herzblut, ohne die ähnliche Songs völlig kalt und verlassen wirken. Zum Glück besitzen Aerosmith allen Jahren zum Trotz beides noch immer in Hülle und Fülle. Die Wucht ihres Antriebs und ihrer Entschlossenheit konnte nicht mal das von mir längst vergessene Cryin‘ dämpfen, das die fast volle Olympiahalle aber mit tosendem Beifall aufnahm. Die hellsten Perlen, und seien sie noch so weinerlich, lassen Aerosmith jedenfalls nicht aus ihrem Repertoire, was sich letztlich auch als richtiger Zug erwies. Wenn Cryin‘ völlig normal erscheint, muss ich zugeben, dass ich Don’t Wanna Miss A Thing ganz sicher nicht erwartet hätte, das zusammen mit einem weiteren „Singalong“-Refrain, Jaded, diesen weicheren, aber trotzdem sehr willkommenen Teil des Abends abschloss.
Für mich kleinen Wicht begann der Abend der echten Aerosmith-Teufeleien, die zwei Eröffnungssongs natürlich ausgenommen, mit Perrys Slide-Improvisationen, die schelmisch das Erscheinen der abgerissenen Rag Doll ankündigten. Ihrer Perversionen sind die Alten nach ganzen zwanzig Jahren, seit sie sie zum ersten Mal von der Leine gelassen haben, offenbar immer noch nicht überdrüssig, zumindest nach Baby, Please Don’t Go zu urteilen nicht. Die glänzende Version des alten J.L.-Williams-Klassikers hat im Duett mit dem ähnlich unerwarteten Stop Messin‘ Around von Green den Abend bis zum Anschlag angeheizt! Die Liste hervorragend umgesetzter Klassiker endet damit aber noch lange nicht. Da waren noch SOS (Too Bad) mit einem bravourösen Solo von Brad Whitford, das mir sicher noch lange im Hirn herumspuken wird, das gute alte Janie’s Got A Gun, die glänzend gespielte Jam Session von Sweet Emotion und vor allem die stark stimmungsvolle Seasons Of Wither, deren ergreifende akustische Version eines der Highlights des Abends war. Den Abend beendeten für uns alle nach einer Stunde und fünfunddreißig Minuten sicher viel zu früh noch zwei unvergessliche Aerosmith-Perlen, Draw The Line und Walk This Way, woraufhin wir langsam, zufrieden und mit einem Lächeln im Gesicht zurück in die Umarmung des warmen Münchner Sommerabends marschierten. Da gibt’s nichts: Aerosmith galten schon immer als die Verkörperung des Rock n Roll im besten Sinne des Wortes, was sie am Donnerstagabend auch bewiesen haben. Bei einem so souverän durchgezogenen Auftritt kann man wirklich nichts mehr hinzufügen außer: Alle Ehre, die Herren, und ich hoffe, wir sehen uns wenigstens noch einmal..
Text: Daniel Pavlica
Foto: Jani „Brežnjev“ Lah
Setlist
1.Love In An Elevator 2.Fallin‘ In Love ( Is So Hard On Knees) 3.Cryin‘ 4.Eat The Rich 5.Don’t Wanna Miss A Thing 6.Jaded 7.Rag Dol 8.Janie’s Got A Gun 9.Baby, Please Don’t Go 10.Hangman Jury 11.Seasons Of Wither 12.Dream on 13.Sos (Too Bad) 14.Livin‘ On The Edge 15.Stop Messin‘ Around 16.Sweet Emotion 17.Draw The Line 18.Walk This Way