Ænima

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Autor: Sandi Sadar Šoba

Interpret: Tool
Label: ZOO entertainment / Volcano Records / BMG Music
Erscheinungsjahr: 1996
Laufzeit: 77:23
Bewertung: 4.9/5

Wenn es darum geht, die Grundlagen moderner musikalischer Idolverehrung zu legen – zumindest was die Außergewöhnlichkeit von Inhalt, Ästhetik, Klang und subversiver Philosophie betrifft –, kommt man an der Gruppe TOOL nicht vorbei, noch weniger aber an einer der wichtigsten Platten der modernen Alternative, des Metals oder, wenn ihr eher Anhänger neutralen Schubladendenkens seid, unglaublich progressiver Musik – dem Album Ænima. Als drittes Album in Folge stellt es – angesichts der Tatsache, dass es kaum im Radio gespielt wurde – einen wichtigen Meilenstein dar, der das Quartett aus Los Angeles auf den strahlenden Thron echter Despoten künstlerisch inspirierten Musizierens hob. Mehr als drei Millionen verkaufte Exemplare sind wirklich nur nackte statistische Technikalia, und ebenso wenig sagen die zahlreichen Auszeichnungen (etwa der Grammy für das beste Metal-Produkt des Jahres 1998) oder die ewig zitierte außergewöhnliche Wirkung auf ein ganzes Meer von Musikern – zum Teufel, auf eine ganze Generation von Fans saftiger musikalischer Ausdrucksformen – über die Bedeutung der Platte aus. Reden wir also über die Platte selbst.
 

https://www.youtube.com/watch?v=07pLGIgyfjw

Anima oder Enima? Es besteht keine Notwendigkeit, zwischen dem seelischen Substrat und der Idee der Lebensenergie einerseits und der jungschen Methode der medizinischen Behandlung andererseits – die in der Fachliteratur Einlauf heißt – zu wählen. Die Thematik der Platte greift erneut tief in die Tümpel der mystischen Weltwahrnehmung und des Heiligen, und neben den Landschaften des geheimnisvollen ägyptischen mythologischen Universums verflechten sich in die genetische Anlage der modern konzipierten Welt auch Elemente Babylons, der Sakralgeometrie und einer (post)apokalyptischen Welt, die sich so verdammt mechanistisch einfach dem Rand ihres Untergangs und der entscheidenden Offenbarung des Moments der bedingungslosen Auslöschung nähert – ob man nun vom Jahr 2012 oder einem anderen Datum unserer (Selbst-)Auslöschung spricht. Und die Reflexion über diesen terminalen Moment muss mit einer Prise Humor gewürzt werden, wobei der Heilungsfaktor dieser perfiden Traumata, die uns fressen und vernichten und in die Grube unseres Verderbens stoßen, das heilende Bild des Humoristen und Allroundkünstlers Bill Hicks sein kann, zu dem die Band zu jener Zeit besondere (posthume) Affinitäten hegte. All das und noch mehr enthüllt sich sowohl im Design der Platte, wo euch bei den ersten Pressungen die Welt zersplitterter sequenzieller Verschiebungen durch die Linsen auf dem Plattencover mit überragender Ästhetik auf die erste Stufe der kosmischen Erleuchtung hebt – entweder bei der amerikanischen Ausgabe der Platte oder mit dem Set fiktiver Cover bei der europäischen Ausgabe. Das Design stellt eines der Fenster in die Welt der mentalen Manipulation dar, die zweite Schicht, noch mächtiger, brennt sich aber noch tiefer über die Gehörkanäle in eure Seelenplatte ein.

 

https://www.youtube.com/watch?v=32FVi7SpQDk

Aenima ist ein absolutes Prog-Werk, das die Fäden subtil empfindsamer Texturen von King Crimson mit einem eigenständigeren, einfallsreicher originellen musikalischen Ausdruck verwebt. Das Klangbild ist noch robuster und brutal vollendeter als bei den Vorgängern, die leicht klaustrophobische Produktion aus den Fingern von David Bottrill, dem kanadischen Produktionsmagier, der klanglich bereits mit Dream Theater, Robert Fripp und Mudvayne gearbeitet hat – bei neueren Entdeckungen verdient zweifellos die fruchtbare Zusammenarbeit mit der jungen und wirklich talentierten Truppe Fair To Midland Erwähnung. Die Klangcollage ergänzt sich von Moment zu Moment, der eiserne Griff der Vollstrecker des schamanischen Tanzes und der musikalischen Hypnose – des unglaublich talentierten Schlagzeugers Danny Carey, des Gitarrenmagiers Adam Jones, des Bass-Priesters Justin Chancellor und des obersten Druiden der vokalen Verhexung, des nonchalant eigenwilligen und so süß anziehenden Orators Maynard James Keenan – lässt keinen Augenblick nach. Trotz der Anlehnung an das fruchtbare Erbe von Drogen und Visionen sowie die sanften Klänge der progressiven Vergangenheit ist das Werk auch heute noch, nach 15 Jahren Bewährungstest, verdammt süffig und hörbar – und was noch wichtiger ist: aktuell auch für neue Generationen von Hörern. Es fehlt nicht an verborgenen Momenten, brillanten Klangeinschüben, komplexen Ausflügen ins Unbekannte, und die Veredelung der Geschichte frisst sich mit zurückgehaltener Aggression durch und meißelt eure Gehirne vom ersten eröffnenden Einspannen in die Parabel des linearen Entfaltens des Erzählfadens an. Es gibt viele Elemente narrativer Erschütterung, die nur dazu da sind, damit ihr euer lakrimologisches Werkzeug zur Hand nehmen, euch vom Gehörten ein eigenes Bild machen, euren eigenen Tempel der Verehrung errichten und euch dem Moment der Aufhebung der Prämissen von Zeit und Raum hingeben könnt.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=SUDgtt-f5h0

Das Album eröffnet der melodiöse und höllisch süchtig machende Song Stinkfist, der die Grenze aus Melodie und verborgener Aggression setzt, die euch in der nächsten guten Stunde des Hörens überwältigen werden. Die Geschichte hat zwei Seiten: die körperliche Seite des harten Fistings zweier Liebhaber, die sich Lust mittels der Hand in Körperöffnungen verschaffen, oder aber die vollständige Vereinigung und das Verschmelzen zweier Hälften in einem einzigen Kelch. Beides wird brutal direkt und ohne Beschönigung in einer Reihe subtil gesungener Worte enthüllt: „Blend and balance / Pain and comfort / Deep within you / Till you will not have me any other way“. Der Körper wogt, und im Moment der Wollust erscheint die Hommage an den verstorbenen Helden Bill Hicks. Das Mantra des rhythmischen Spielens und der vokalen Bearbeitung eurer Gehirne durch das Sezieren des Bühnenauftritts eines Menschen, der die Grenze zwischen der Grauheit der Masse und den eigenen falschen Beschränkungen überschritten hat und durch die Auslöschung des physischen Wesens zur zentralen Figur des Songs Eulogy wurde, ist einer der hellsten Momente der Platte. Eulogy ist ein Aufruf zum Nonkonformismus und zum Widerstand gegen den Uniformismus der Massen. „To ascend you must die. / You must be crucified / For your sins and your lies. / Goodbye…“ Eine geheimnisvollere Note bietet das verzerrte und verfremdete Musikexperiment – der Song H., der in seiner Penetration langsam und fettig verzerrt ist, ausgezeichnet durch den sehr kathartischen Klang des schweren Basses und kognitiv verträumter Gitarrenklänge, mit einem Höhepunkt, der im erhabenen Refrain eskaliert. Die Sinnlichkeit des melancholischen Gleitens von der Extremität der Stille in den Zustand elektrisch aufgeladener Wellenbewegung in den Flammen der Läuterung. „And the snake is drowned and / As I look in his eyes, / My fear begins to fade /Recalling all of those times.“ beruhigt Maynard, woraufhin nach dem statischen Knistern der Zustand erneuter Steigerung eruptiver Gefühle mit dem Song Forty-six & 2 einsetzt. „My shadow’s / shedding skin and / I’ve been picking / Scabs again. / I’m down / Digging through / My old muscles /Looking for a clue.“ ist nur die Ankündigung einer großen Metamorphose. Die alte Haut trägt der wellige Tsunami der seelischen Durchlüftung davon. Die Veränderung tritt aus den dunklen Ecken des Unbewussten hervor und dunkle Materie überflutet unheilverkündend die friedlichen Felder der hypnotisch verträumten Welt des matten Daseins. Maynard verschmilzt mit Jones‘ Gitarren. Der Ausbruch des vollen Fühlens schneidet mit wütendem Nachhall in die Granitpflastersteine ein, um dann verträumt über den kühlen Reiz des Songs Message to Harry Manback zu schlendern, der nur ein orales Entleeren ehrlicher Wutgefühle ist, und nach Hooker With A Penis bleibt keine Zeit mehr für Schönreden und das Einwickeln von Litaneien in scheinbar weiche Zellophan-Folie. Die konsumistische Obszönität ist ein herrlicher Aufhänger für die Entfaltung der apokalyptischen Erzählung über das verdiente Ende der Welt, das sich andeutet und mit Fanfaren ankündigt. Bald wird der Fall des neuen Babylon eintreten und mit ihm eine neue Sintflut, denn „All you read and / Wear or see and / Hear on TV / Is a product / Begging for your / Fatass dirty / Dollar“. Der nächste wahre Moment der Chakren-Reinigung nach der etwas repetitiven, dabei aber phänomenalen Strophe des Songs Jimmy und nach der psychedelischen Stoner-Rezeptur von Die Eier Von Satan ist die höllische Brut des Songs Pushit. „I will choke until I swallow… / Choke this infant here before me. / What is this but my reflection? / Who am I to judge and strike you down?“. Ein Schuldgefühl oder Übelkeit? Keineswegs, denn die Himmel der Klärung oder der Schlund der Hölle öffnen sich mit dem Titelsong Aenima. „Some say the end is near. / Some say we’ll see armageddon soon. / I certainly hope we will. / I sure could use a vacation from this / Bullshit three ring circus sideshow of / Freaks / Here in this hopeless fucking hole we call LA / The only way to fix it is to flush it all away. / Any fucking time. Any fucking day. / Learn to swim, I’ll see you down in Arizona bay.“ Brillant und absolut zeitgemäß. Vor den Augen dreht sich der Film von New Orleans nach Katrina. Es ist Zeit für eine globale Reinigung etwas weiter nördlich und zu Recht umfassend – ohne Ausnahme hinsichtlich Hautfarbe, verlogener Religiosität oder politischer Verblendung im eigenen unendlichen ewigen Recht. Die dysfunktionale Welt soll in Tonnen von Dreck versinken, singt Maynard, und dabei könnt ihr gar nicht anders, als euch in die glühende Predigt hineinzuversetzen und jedem einzelnen Wort zuzustimmen. Tool dreht euch um und verwandelt euch metamorphisch vom grauen Entlein des Konformismus in den glühenden Schwan der neuen gereinigten Welt. Und aus der Asche des Alten kann etwas Neues und Besseres geboren werden, oder? Genau vom Öffnen neuer Horizonte und von knallharter Provokation handelt das abschließende Statement des Songs Third Eye. Das Denkmal für Drogen, Halluzinationen und die Illusion namens Leben verwandelt sich in einen langfristigen Marathon-Showdown mit den letzten Überresten eures unbefleckten Bewusstseins. Nach dem Kontakt mit der Essenz von Tool und der Aussetzung hochintellektueller Strahlung öffnen sich alle Chakren und die Seele leuchtet auf. Nach dem Ausbrennen ist nur das unwiderrufliche Ende möglich und die Aussicht auf eine baldige Rückkehr auf die Schienen der erneuten Wiedergeburt mit den nächsten Platten.

 

 

 

Tool sind Evolution und Revolution – sowohl des Klangs als auch der vertieften Reflexion in mystisch mehrdeutigen Texten. Kein Begreifen ist einfach und keine Lösung eindeutig, doch was ausgelöst wird, ist eine Lawine von Gefühlen und Gedanken, die wie das effektivste Klistier alle eure Grundwässer gründlich reinigt, den Willen zur Bewegung und zum Fühlen weckt, und die Musik als ein genau auf euch zugeschnittenes Werkzeug trägt zu eurem eigenen Gleiten aus den Hüllen des abgetragenen, verbrauchten und nutzlosen Selbst in ein neues astrales Dasein bei. Aenima ist ein Abführmittel für die Seele und eine Methode der leichteren Anpassung, Tool aber sind die Boten eines neuen Begriffs des Menschen des 21. Jahrhunderts. Die Außergewöhnlichkeit des Gehörten aber, meine Lieben, muss man auf dem eigenen Set von Ohren und Gehirnhälften erleben. Abkürzungen gibt es nämlich nicht, und das ist auch gut so!

Besetzung

Justin Chancellor – Bass
Danny Carey – Schlagzeug und Perkussion
Adam Jones – Gitarre
Maynard James Keenan – Gesang

Gastmusiker:
•Marko Fox – Gesang auf dem Song Die Eier von Satan
•Eban Schletter – Orgel
•Chris Pitman – Synthesizer

Produktion

Tool & David Bottrill

Trackliste

1. Stinkfist
2. Eulogy
3. H.
4. Useful Idiot
5. Forty Six & 2
6. Message to Harry Manback
7. Hooker with a Penis
8. Intermission
9. Jimmy
10. Die Eier von Satan
11. Pushit
12. Cesaro Summability
13. Ænema
14. (-) Ions
15. Third Eye

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