Acoustic/Electric

0 8

Künstler: Gibonni
Label: Dallas Records
Veröffentlichung: 2007
Bewertung: 3/5

Gibonni ist ein Typ, der keine Vorstellung braucht – es sei denn, diese Albumkritik wäre in irgendeiner Fremdsprache für Leser außerhalb des ehemaligen Jugoslawiens geschrieben. Der Herr, der die Spitzen des Mainstream-Pops im benachbarten Kroatien aufmischt und den auch slowenische Hörer massenhaft verehren, hat eine ganz besondere Auswahl seiner Hits zusammengestellt, die er auf seiner letzten ausgedehnten Balkan-Tour zur Unterstützung des Albums „Unca Fibre“ (2006) gespielt hat.

„Acoustic/Electric“ ist eine Mischung aus Live-Auftritten, die sowohl Besuche in kleineren Clubs umfassen, die Gibonni für akustische Neukleider seiner Songs genutzt hat, als natürlich auch größere Hallen mit echtem Arena-Flair, das ausschließlich die zweite, „elektrische“ Scheibe festgehalten hat (RockLine-Reportage vom Konzert in Ljubljana, 12.11.2006, HIER).

Gibonni krönt mit seiner Band auch auf diesem Doppel-Livealbum wieder einmal erfolgreich sein angeborenes Talent als Texter und Schöpfer zeitloser Melodien, und zwar mit einer erprobten Auswahl sorgfältig vorbereiteter Arrangements, mit denen er den Grundumfang der Studiovorlagen der einzelnen Songs erweitert hat. Live sind alle Songs nämlich mit einer reichen Farbpalette an Arrangements aufgerüstet, mit dem stimmigen Zusammenfließen von Gibonnis stets warmer, sinnlicher, mittellagiger Stimme, die wie geschaffen ist, um Harmonien der Backing-Vocals anzukleben, was der Typ auch diesmal geschickt ausnutzt. Der Höhepunkt der ersten Scheibe ist ganz sicher der Song Posoljeni zrak i razlivena tinta, wo die vielfältigen Gesangsansätze von Gibonni und seinen Gästen Damir Urban und Maya Azucena zu einer Aneinanderreihung außerordentlich vertiefter, betonter Stimmungszustände führen, bis hin zu einem besonderen Punkt einzigartiger Unwiederholbarkeit. Das ist eine magische Kombination aus Pop und dalmatinischen Meeresbrisen, die eine besondere Mischung aus leidenschaftlicher, sinnlicher Intensität erzeugt, die mit ihrer Süße so anzieht Die allererste „Unplugged“-Scheibe, die in der Umsetzung besondere Vorsicht verlangt, bestätigt die hohe Qualität und Profilierung der Musiker als Einheit, die sich durch präzises Spiel und geschicktes Steuern in den neuen Kleidern der erweiterten Arrangements der einzelnen Songs auszeichnet. Die Musiker fühlen sich mehr als bestens, wenn sie noch sanfter, subtiler und mit noch klarerem, natürlicherem Ausdruck herangehen können, und genießen den zusätzlichen Spielraum, den dir eine akustische Umgebung bieten kann. Natürlich reden wir hier von einer phänomenalen Erweiterung der Grundformen durch Soul-Improvisationen im Gesang, Jazz-Einsprengsel und Ausflüge in latino-lastige Melodik und Rhythmen. Farbenfroh inspiriert, und in der Produktion ist die echte Clubatmosphäre der authentischen Beziehung Publikum – Band eingefangen.

Interessant, dass ausgerechnet der Auftakt der zweiten Scheibe mit dem Song Ovo mi je škola nicht das Gefühl vermittelt, Gibonni sei diesmal ans Stromnetz angeschlossen. Der einzige wirkliche Unterschied zwischen den beiden Scheiben, den du von der Umsetzung her wahrnehmen kannst, liegt im Gitarrensound, der aber auf Distanz bleibt und sich im Vergleich zur reichen Palette des gesamten eingesetzten Instrumentariums nie in den Vordergrund drängt. Das Zünglein an der Waage, das ein neues Gefühl bringt, ist die komplett andere Atmosphäre der „elektrischen“ Scheibe, die eben nur die Arena-Stimmung heraufbeschwören kann, in der das Publikum Gibonni treu folgt, stellenweise buchstäblich in hypnotisch entrücktem Zustand. Natürlich ist es nicht schwer, in den Salven der delirischen Rückkopplungs-Euphorie des Publikums zu erraten, dass sich da mehrere Tausend Köpfe die Seele aus dem Leib schreien, in der großen Mehrheit Angehörige des zarteren Geschlechts. Eigentlich ist es schwer, einen einzelnen Moment herauszugreifen, aber Platz eins dieser intensiven Verbindung zwischen Publikum und Künstler geht an den Song Libar. Die Kommandodressur, mit der Gibonni die Masse geschickt lenkt und handhabt und die auf diesem Tonträger dokumentiert ist, ist nur das Tüpfelchen auf dem „i“ der außergewöhnlichen Ausstrahlung, die der Junge besitzt. Wieder tritt diese Süße in den Vordergrund, die Gibonni so gut zu servieren weiß und der sich das Publikum im Nu sündhaft hingeben kann. Sie ist schlicht, aufrichtig und für die Masse zugänglich, zugleich aber überhöht durch die bereits erwähnte unmissverständliche musikalische Qualität des Ansatzes und die außergewöhnliche Synergie der einzelnen Glieder der gesamten Besetzung. Das ist ein richtiges Orchester im Kleinen, für dessen unfehlbares Funktionieren du ein enormes Eingespieltsein und eine raffinierte, sorgfältige Herangehensweise beim Aneinanderreihen der einzelnen Elemente zu einem Gesamtbild brauchst.

Das Minus dieser Veröffentlichung ist natürlich das Schneiden, Auswählen und erneute Zusammenkleben der Originalaufnahmen. Im Streben nach Perfektion hat die Aufnahme natürlich ein paar Punkte bei Dynamik, Spontaneität und echter Authentizität eingebüßt. Das zweite Minus ist die Knauserei beim Material. Ich bin überzeugt, dass Gibonni bei seinem Status als Megastar problemlos (mindestens) eine Dreifach-CD hätte herausbringen können. Auf zwei CDs wäre das komplette „elektrische“ Konzert gelandet, auf der dritten (Bonus-)CD zusätzliches akustisches Material. Eine Variante wären auch getrennte Doppelveröffentlichungen gewesen, akustisch und elektrisch. Der bestehende Zug ist eben marktstrategisch am besten optimiert und bietet Häppchen des Besten in ausgewählten Aufnahmen. Garantierter Verdienst, der dem Hörer zugleich ein Qualitätsniveau bietet, das trotzdem noch völlig akzeptabel ist (aber nicht unbedingt gefordert, doch das ist Geschmackssache).

Der Preis ist (für eine Doppel-CD) völlig verträglich, und die beiden CDs stecken in einer ansprechenden (ungewöhnlichen) Kartonhülle in Holzimitat, die auf den ersten Blick aussieht wie ein Krašev Bajadera-Schokobonbon. „Acoustic/Electric“ ist ein Livealbum, das Gibonni als Musiker zeigt, der den Reifezenit seines Ausdrucks erreicht hat. Es ist wie eine Krönung seines bisherigen Schaffens, mit dem der Star heute in Kroatien unangefochten in der Popularität regiert und seinen Status großer Beliebtheit auch in den anderen Ländern des ehemaligen Jugoslawiens festigt und bestätigt. Ein Produkt, das genau rechtzeitig fürs Weihnachts- und Neujahrsgeschenke-Fest erschienen ist.

Besetzung

Gibonni – Gesang
Marijan Brkić – E-Gitarre, Akustikgitarre
Marko Ramljak – Violine, Akustikgitarre, Backing-Vocals
Kristijan Terzić – Klavier, Hammond
Teo Brajčić – Backing-Vocals
Brankica Brodarić – Backing-Vocals
Matko Petrić – Percussion
Marko Reljanović – E-Bass, Akustikbass, Backing-Vocals
Dalibor Marinković – Schlagzeug

Auf CD 1. wirkten außerdem folgende Musiker mit:
Dražen Bogdanović – Saxofon
Nino Nimac – Mandoline
Nebojša Lakić – Akkordeon
Daria Hodnik Marinković – Backing-Vocals
Vlado Pavelić – Backing-Vocals
Linda Morogoić – französischer Gesang auf Track Nr. 8

GASTVOKALISTEN:
Damir Urban
Maya Azucena
Zorana Balov
Goran Bare
Klapa Iskon

Produktion

Marijan Brkić

Tracklist

CD 1. (acoustic):
1. Činim pravu stvar
2. Dvije duše
3. Mirakul
4. Posoljeni zrak i razlivena tinta
5. Tempera
6. Sve ću preživit
7. Šta će meni moja dica reć?
8. Svi moji punti kad se zbroje

CD 2. (electric):
1. Ovo mi je škola
2. U ljubav vjere nemam
3. Anđeo u tebi
4. Libar
5. Oprosti
6. Vrime da se pomirim sa svitom
7. Tija bi te zaboravit
8. Hodaj

Spieldauer: 88.19

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies