Achtköpfiger Progrock-Angriff von King Crimson in Wien (2018)

ALEŠ PODBREŽNIK
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Ort: Wien / Wiener Stadthalle, Halle F / Österreich
Datum: 23.06.2018


Die bedeutendste Band in der Geschichte des Progressive Rock, King Crimson, die am 30. November dieses Jahres ihr fünfzigjähriges Bestehen feiert, besuchte in achtköpfiger Besetzung mitten auf der ‚Uncertain Times‘-Tour die Wiener Stadthalle. Die kürzlich neu formierten englischen Progrock-Pioniere unter der ewigen Führung des exzentrischen Gitarrengenies Robert Fripp – die seit der Rückkehr des Schlagzeugers Bill Rieflin als Oktett agieren, da Rieflins ursprünglicher Ersatz Jeremy Stacey als dritter Schlagzeuger neben Pat Mastelotto und Gavin Harrison in der Band verblieb – erleben eine neue Blütezeit und meldeten sich in Wien für zwei aufeinanderfolgende Konzerttermine. Rieflin, von Haus aus Multiinstrumentalist, hat zur allgemeinen Überraschung inzwischen auf die Keyboards ‚umgesattelt‘, wo ihm gelegentlich Stacey auf einem Zusatzsynthesizer sowie Fripp am Mellotron Gesellschaft leisten.

Beim Betreten der Halle empfing uns beim Blick auf die Bühne wieder das bekannte Bild früherer King Crimson-Konzerte: In der linken und rechten Ecke der Konzertbühne standen Warnschilder mit dem Hinweis, was während des Konzerts verboten ist. Darauf folgte Fripps Bitte in seinem charakteristischen Oxford-Englisch, jegliches Fotografieren und Aufnehmen des Konzerts sei aufs Strengste verboten – bis zum Ende des Auftritts seiner Band, wenn Bass-Grandmaster Tony Levin eine Kamera herausholt und beginnt, das Publikum zu fotografieren. Solche exzentrischen Einlagen kennen wir vom ewigen King Crimson-Kapitän zur Genüge – doch es sollte sich später herausstellen, dass seine langjährige sarkastische Haltung gegenüber dem Publikum, das in erfreulicher Zahl erschienen war, auch wenn das Konzert im Gegensatz zu etwa italienischen Konzertlocations nicht vollständig ausverkauft war, noch einige neue Dimensionen hinzugewonnen hatte.

Die ‚Purpurkönige‘ eröffneten das Konzert mit dem dreifachen Schlagzeugangriff des Traumgespanns Mastelotto/Harrison/Stacey, der kürzlich von »The Hell Hounds of Krim« in »Drumsons of Wonder« umbenannt wurde. Fans aller drei Schlagzeuggrößen kamen wieder voll auf ihre Kosten, und ihre Kunststücke beflügelten noch lange nach dem Konzertende die Fantasie der meisten Besucher. Nach der dreifachen Schlagzeugkanonade folgte der Übergang in den Jazzrock-Brecher »Pictures of a City« vom Album »In the Wake of Poseidon« (1970), wo besonders der Saxofon-Zauberer Mel Collins begeisterte – neben Fripp der einzige Vertreter der ‚alten Garde‘, die Anfang der Siebziger Progrock-Geschichte schrieb – sowie der Gesangs- und Gitarrenausnahmekünstler Jakko Jakszyk, der für die aktuelle Besetzung von King Crimson geradezu der ideale Sänger ist, da er in seiner Stimmfarbe an beide verstorbenen Gesangslegenden erinnert: Greg Lake und John Wetton.

Die stark neu arrangierte, chaotische Mixtur »Neurotica«, auf Jakszyks Gesangsansatz zugeschnitten, vom Album »Beat« (1982), war die erste Überraschung des Abends. Für die Darbietung seiner Achtziger-Stücke griff Fripps Crew auf einige Umarrangierungs-Moves und Impro-Tricks zurück, da Jakkos Stimme sich erheblich von der seines Vorgängers Adrian Belew unterscheidet. Die nächste Überraschung war die Darbietung des Balladenklassikers »Moonchild« vom legendären Debütalbum »In the Court of the Crimson King« (1969). Erwartungsgemäß spielten sie nur den schönen, balladenhaften Abschnitt namens »The Dream«, während die lange Improvisationssektion durch eine kürzere rhythmische Improvisation zwischen Levin und Stacey ersetzt wurde. Levin wechselte zwischen den einzelnen Nummern meisterhaft zwischen Bassgitarre, Chapman Stick und elektrischem Kontrabass, während der dreiköpfige Schlagzeugkoloß mehrmals aufregende Solomomente hatte, wie etwa beide Teile von »Radical Action«.

»The Court of the Crimson King«, neben »21st Century Schizoid Man« eine der beiden zentralen King Crimson-Klassiker, wurde etwas überraschend bereits im frühen Teil des Auftritts gespielt und enthielt zahlreiche farbenfrohe, zusätzliche Flöten-Einlagen von Collins. Nach der Rückkehr mit der Zeitmaschine ins Ende der Sechziger bzw. den Anfang der Siebziger wechselte das Oktett wieder in die Gegenwart und begeisterte mit zwei neuen Stücken, »Suitable Grounds for the Blues« und »Meltdown«, die vorerst nur in Konzertform existieren, da die Chancen auf ein neues King Crimson-Studioalbum derzeit ziemlich mager sind. Im Abschluss des ersten Konzertteils brachten die ‚Purpurkönige‘ das ‚Eisen‘ zum Glühen mit mächtigen Versionen der apokalyptischen Instrumentalstücke »Level Five«, das auf der Setlist kürzlich in »Larks‘ Tongues in Aspic – Part V« umbenannt wurde, und »Larks‘ Tongues in Aspic – Part IV«, während die schönste Überraschung die außergewöhnlich emotionale Darbietung der ätherischen Klassikerin »Islands« vom gleichnamigen Album darstellte. Letztere wurde mit zusätzlichen Arrangements angereichert und erweitert und so sogar in einer Version präsentiert, die die Studioaufnahme von 1971 übertrifft – wobei sicher auch half, dass Jakszyk der bessere Vokalist als der verstorbene Boz Burrell ist.

Nach stürmischen Ovationen des Publikums folgte eine fünfzehnminütige Pause, die von unablässigem Ticken und Schlagen eines Uhrenpendels geprägt war – was mit wütendem, wiederholtem Alarmklingeln endete, mit dem das Publikum gewarnt wurde, umgehend auf die Plätze zurückzukehren, sonst würde ihm der Rest des Konzerts durch die Lappen gehen. Fripps Sarkasmus und Unberechenbarkeit kennen wirklich keine Grenzen. King Crimson eröffneten den zweiten Teil mit einem neuen dreifachen Schlagzeugangriff namens »Devil Dogs of Tessellation Row« bzw. »Drumsons of Joy«, wie der neue Titel dieser dreifachen Schlagzeug-Katastrophe lautet, die vor allem durch die unglaubliche Eingespieltheit, Harmonie und Präzision aller drei Schlagzeugmeister geprägt war, sodass es unmöglich ist, einen ‚Gewinner‘ unter ihnen zu küren. Denn jeder der drei Schlagzeuger trug mit seiner spezifischen Technik seinen Teil zur triumphalen Kombination bei.

Nach diesen Schlagzeuger-Kunstwerken folgte die Rückkehr in die Zeitmaschine, zurück zu den frühen Siebzigern, und eine bravouröse Darbietung der »Lizard« (1970)-Klassikerin »Cirkus«. Damit war das Wiederbeleben der besten Momente des oft übersehenen Albums »Lizard«, das heutzutage zu den größten Meisterwerken des Progressive Rock zählt, noch nicht vorbei – denn King Crimson spielten diesmal, im Gegensatz zur vorherigen Tour, auf der sie nur den Abschnitt »Dawn Song« gespielt hatten, mehr als die Hälfte der epischen Suite »Lizard«, die diesmal auch die Abschnitte »The Peacock’s Tale« und »The Battle of Glass Tears« enthielt. Diesmal hatte vor allem Stacey auf den Keyboards viel zu tun, auf denen er ein ganzes Orchester simulierte, während ihm Rieflin und gelegentlich auch Fripp vor allem mit Mellotron-Arrangements zur Seite standen. Mit dem Eröffnungsabschnitt »Prince Rupert Awakes« kämpfen sie verständlicherweise noch immer, da ihn 1970 der ehemalige Yes-Sänger Jon Anderson sang, der eine völlig andere Stimmfarbe als Jakszyk hat. Vielleicht wird er ja irgendwann bei einem besonderen Konzertanlass als Special Guest auftreten können.

Es folgte noch eine große Überraschung mit der brillanten Darbietung der unvergesslichen »In the Wake of Poseidon«-Ballade »Cadence and Cascade«, die Jakko mit außerordentlichem Feuer sang, während die symphonischen Arrangements zusätzlich durch Collins‘ Flötenkünste veredelt wurden. Dann kam der Zeitsprung in die Achtziger mit der Darbietung zweier miteinander verbundener Stücke, »Discipline« und »Indiscipline«, vom Album »Discipline« (1981), wo uns vor allem Levin mit seinem eklektischen Einsatz des Chapman Stick begeisterte. Im abschließenden Teil des Auftritts kehrte das Oktett zurück ins Jahr 1969 und spielte das postapokalyptische Epos »Epitaph«, das auf der aktuellen Tour kein regulärer, selbstverständlicher Bestandteil des King Crimson-Repertoires mehr ist. Die Wetton-Ära kam an diesem Abend erst ganz am Schluss des Auftritts dran, als wir phänomenale Versionen der Klassiker »Easy Money« – mit starker antikapitalistischer Botschaft – und des weißglühenden Instrumentals »Larks‘ Tongues in Aspic – Part Two« zu hören bekamen.

Als Zugabe spielten die Purpurkönige eine phänomenale Version des »Red« (1974)-Meisterwerks »Starless«, womit der erste Konzertabend ihres Wiener Gastspiels zu Ende war. Fripp, der uns wieder mit seinen außergewöhnlichen Gitarrenmeisterleistungen, charakteristischen obskuren Klängen und einer unglaublichen Kombination aus Geschwindigkeit und nahezu mathematischer Disziplin begeisterte, war an diesem Abend offenbar nicht in bester Stimmung – er beraubte uns trotz Setlist-Ankündigung der unverzichtbaren Klassikerin »21st Century Schizoid Man«, was ungefähr so ist, als würden Yes »Roundabout« nicht spielen oder Jethro Tull »Locomotive Breath« weglassen. Ebenso fehlten »Lament«, »One More Red Nightmare« und »Fallen Angel«, die auf der ‚Uncertain Times‘-Tour gelegentlich auf der Setlist auftauchen – doch das störte uns nicht allzu sehr, da wir in jeder Hinsicht Zeuge eines Konzerterlebnisses wurden, wie es nur King Crimson bieten können. Das Fehlen von »21st Century Schizoid Man« war das einzige Minus in einer ansonsten rundum perfekten Konzertdarbietung, die von einer verblüffenden Kombination aus außergewöhnlichem technischem Können, höllischer Eingespieltheit, rhythmischer Disziplin, spezifischer Erstklasse-Ambient-Magie und hervorragendem Sound geprägt war.

Jedes King Crimson-Konzert ist seine eigene Geschichte für sich, und so war es auch beim traumhaften Wiener Auftritt des kultigen Oktetts, das einmal mehr eindrücklich demonstrierte, warum es sich um die bedeutendste, wenn nicht gar größte Band in der Geschichte des Progressive Rock handelt. Allen acht Mitgliedern gebührt ein besonderes Kompliment für die außergewöhnliche Konzertmagie und die exzellente Darbietung einiger zentraler Werke aus dem King Crimson-Studioschatz, mit denen sie nahezu alle ihrer Studioalben streiften. Die aktuelle Besetzung von King Crimson ist bei Live-Auftritten so brillant, dass sie nicht einmal Fripps gelegentliche exzentrische Marotten trüben können, wie etwa sein häufiges Beäugen der Finger eines Mitmusikanten beim Gitarrespiel. Nach dem Ende des Auftritts fotografierte er, wie immer, das ekstatische Publikum – doch in diesem Moment durfte das Publikum auch ihn fotografieren und so wenigstens eine fotografische Erinnerung mit nach Hause nehmen.

Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


Setlist:
Erster Teil:
1. The Hell Hounds of Krim (auf der Setlist mit dem neuen Titel „Drumsons of Wonder“)
2. Pictures of a City
3. Neurotica
4. Moonchild
5. The Court of the Crimson King
6. Suitable Grounds for the Blues
7. Radical Action III
8. Meltdown
9. Radical Action II
10. Level Five (auf der Setlist mit dem neuen Titel „Larks‘ Tongues in Aspic (part V.)“)
11. Islands
12. Larks‘ Tongues in Aspic (Part IV)
Zweiter Teil:
13. Devil Dogs of Tessellation Row (auf der Setlist mit dem neuen Titel „Drumsons of Joy“)
14. Cirkus
15. Lizard
(b) Bolero – The Peacock’s Tale
(c) The Battle of Glass Tears
(i) Dawn Song
(ii) Last Skirmish
16. Cadence and Cascade
17. Discipline
18. Indiscipline
19. Epitaph
20. Easy Money
21. Larks‘ Tongues in Aspic (Part II.)
—Zugabe
22. Starless


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