Accepts Marsch auf Stalingrad (2012)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Kempten / Big Box / Deutschland
Konzertdatum: 10.04.2012
Besucherzahl: 2000
Kartenpreis: 35,00€
Die wiedererwachten Accept, urwüchsige Heavy-Metaller holzfällerdeutscher Herkunft, eine euch belämmert direkt in die Stirn geraketete Version von Judas Priest »auf Germanisch«, machen nach der Auferstehung mit »Blood Of The Nations« aus dem Jahr 2010 keine Pause. Anfang April dieses Jahres haben Accept ihr neues Studiowerk namens »Stalingrad« auf den Markt geworfen. Darauf pflügen und röhren sie mit unverminderten Eifer — man kann sagen, dass die Legenden in ihrer langen und reichen Geschichte des Metal-Terrors, die sich bereits über gut dreißig Jahre erstreckt, noch nie so scharf und unnachgiebig gerasselt haben.
So haben Accept noch im April dieses Jahres eine kurze Promo-Tour durch Europa zusammengestellt — nennen wir sie ruhig den ersten Teil der längeren neuen Welt-»Stalingrad«-Tour —, die in Frankreich (Paris) begann und über eine deutsche Epoche von Konzertterminen in Russland (Moskau) endete. Die Tour hätte ihre volle Bedeutung erlangt, wenn Accept auch die Stadt Wolgograd (das frühere Stalingrad) auf ihre Konzertliste gesetzt hätten — aber das sind schon Kleinigkeiten.
Die Zusammenarbeit zwischen Andy Sneap und der Band ist hinlänglich bekannt. Andy Sneap ist ein großer Fan der Accept-Musik und hat sich für die Produktion von »Blood Of The Nations« kurzerhand selbst bei der Band als Produzent angeboten. Die freundschaftlichen Bande zwischen diesem hervorragenden Produzenten und der Gruppe sind gewachsen. Mehr noch: Andy Sneap, als Gitarrist der klassischen N.W.O.B.H.M.-Glaubenswächter Hell, der 2008 aus seinen Sabbat in die Band eingestiegen ist, hat es geschafft, nicht nur einen Vertrag für die Veröffentlichung des in den Achtzigern unrühmlich abgebrochenen Debütalbums herauszuholen — das als »Human Remains« im vergangenen Jahr endlich über Nuclear Blast Records erschienen ist —, sondern auch dafür zu sorgen, dass Accept diese legendären britischen Metal-Bannerträger als Vorband auf ihrer neuen Tour mitgenommen haben.
Um halb sieben war es vor dem Eingang zur Big Box in Kempten schon schwarz vor Menschen. Das deutsche Publikum bleibt Accept treu und ergeben. Der Anblick des Geländes versprach wirklich Großes, und es war klar, dass es gar nicht anders sein konnte! Wir waren wieder Zeugen eines neuen unvergesslichen Metal-Spektakels — echtes, old-school-gestimmtes Handwerk.
Um acht Uhr standen Hell bereits auf der Bühne und präsentierten ihr klassisches Repertoire in der Manier, wie man sie vom Album »Human Remains« kennt. Von den Originalmitgliedern der Hell-Besetzung sind heute noch drei Kameraden dabei: Kev Bower an der Gitarre, Tim Bowler am Schlagzeug und Bassist Tony Speakman. Rotes Licht, stimmungsvolle Kulissen und vor allem der Dornenkranz auf dem Kopf des Sängers, dazu die aufwendige Aufmachung des restlichen Teams, das in leichenfarbigem Teint einen wirklich schaurigen Gruß aus der Hölle von der Bühne sandte — das alles ergab erwartungsgemäß ein echtes Mini-Spektakel vor dem Hauptact. Tradition, Handwerk, Erfahrung! Die aktive Bühnenpräsenz der Musiker, das echte Bühnentheater von Sänger David Bower (seit 2010 bei der Band), der mit Dornenkranz und Ziegenbart tatsächlich an den Antipoden Christi erinnert — den Herrn der Fliegen, eine der teuflischen Inkarnationen eben. Die Band nutzte ihre 40 Minuten Repertoire mit Bravour zur Selbstpräsentation. Nicht nur des Albums wegen, sondern vor allem und über allem um des Namens Hell willen — und der begeisterte in jeder Hinsicht. Den fossilen Relikten, die wieder stolz über den Metal-Parcours marschieren, wünschen wir möglichst viele erfolgreiche Konzerterlebnisse und vor allem, dass sie sich für ihre langen Jahre der Dormanz weiterhin erfolgreich einlösen und bald einen Nachfolger zu »Human Remains« veröffentlichen. Der Sound beim Hell-Konzert war von ausgezeichnetem Charakter.
Neun Uhr. Die Bühne wird plötzlich weit. Geschmückt wird sie von Stefan Schwarzmanns hoch aufgetürmten Drums auf einem zusätzlichen Podest; links und rechts davon eine Reihe gigantischer Lautsprecher in zwei Reihen gestapelt, die wie eine undurchdringliche Mauer der heranrückenden eingegrabenen Accept-Panzerdivision wirkten. Im Hintergrund tauchte der Kopf eines roten Löwen auf, aus dessen Äuglein es mehr als einmal böse aufleuchtete. Nebel und Stroboskope fallen über die Bühne her. Vor dem Schlagzeug auf dem zusätzlichen Podest stehen von links nach rechts Herman Frank (Gitarre), Peter Baltes (Bassgitarre) und Wolf Hofmann (Gitarre). Die zweitausendköpfige Menge begrüßt sie lautstark — die Jungs aber fliegen nach dem theatralischen Einleitungsteil von Hellfire noch theatralischer über die Bühne auseinander und nehmen jeder seine Position ein. Sänger Mark Tornillo stößt kurz vor dem ersten Gesangsvers zur Truppe, und dann ist alles bereit für den totalen Abgang! Das erstarrte deutsch-metallische Regieprinzip natürlich.
Was bei Accept immer so mitreißend wirkt, ist ihre außergewöhnliche Bühnendynamik und das Gefühl, dass alles, was sie in der Ausführung angehen, auf der Bühne mit ungezähmtem Eifer echter Leidenschaft erledigt wird — durchdrungen von einem Übermaß an Testosteron-Adrenalin-Tempo hochoktanigen Treibstoffs. Dieser unglaubliche Kinetismus, die Bühnenagilität und Gewandtheit von Legenden, die ihre taufrischen Jahre längst hinter sich haben, erzeugt eine Atmosphäre bewährter Metal-Hypnose, in der man sich für gut zwei Stunden augenblicklich als Sklave wiederfindet!
Das Schulter-an-Schulter-Stehen, das Heruntergehen in die Hocke, das synchrone Gitarrenschwingen — davon gibt es beim Konzert der Band im Überfluss, und die Festung Accept lässt dich in dieser verdammten Intensität buchstäblich nicht atmen. Deutsche sind nie so laut und ausgerastet wie die temperamentreichen Bewohner der Mittelmeerländer — und trotzdem torkelte beim Konzert ein schöner Haufen kräftig betrunkener Köpfe vergnügt umher, die die Nase ein Stückchen zu tief in die Alkoholdämpfe getaucht hatten. Nach jedem Song löste sich eine tosende Publikumsreaktion aus, die Accept in einem Zustand hochhaltbarer und stramm aufgerichteter Erektion hielt. Dass sich an der großen Treue des deutschen Publikums gegenüber Accept überhaupt nichts geändert hat, bewies das dreifache »saltatio mortis« bei der Exekution der Eisenrepertoire-Klassiker Restless And Wild, Breaker und Living For Tonite, das im Eröffnungsteil für eine echte Mini-Obsession im rasenden Lager des ekstatischen Publikums sorgte. Das gab keinen Millimeter nach — bis zum Moment der abschließenden Detonation, ausgelöst durch den letzten Accept-Ton in Kempten an diesem Abend.
Zwischen den Songs gibt es reichlich Raum, damit sich die Truppe auch in instrumentalen Spielereien austoben kann. Die Hauptrolle übernimmt dabei Wolf Hofmann, der für seinen ehrwürdigen Abraham ein echter athletischer Gegenpol zur sanft abgenutzten Bühnensilhouette Herman Franks ist. Interessant dabei, dass Hofmann den Großteil aller Solistenfunktionen übernimmt — was etwas verwundert angesichts des gleichwertigen Charakters beider Gitarristen in der Band.
Tornillo hat mit seinem Gesang bewiesen, dass er ein Quentchen Scheu vor den Schuhen von Udo Dirkschneider verloren hat. Der neue Sänger hat seine Bühnenpräsenz weiter ausgeformt, sein Selbstbewusstsein und seinen autoritären Stempel ausgebaut — und wirkt auf der Bühne wie ein gegossenes Glied des glühend unheilschwangeren Accept-Krematoriums! Seine kreischende Kehle besitzt nicht die Charisma des vokal unverwechselbaren Udo-Dirkschneider-Charakters — aber sie erfüllt in jedem Moment würdevoll all das, was Udos Schuhe tragen, was bedeutet, dass der Gedanke an Dirkschneider in jedem Moment endgültig vollkommen überflüssig ist. Von den 21 Songs hat Accept insgesamt sieben in das Repertoire aufgenommen, die mit Tornillo am Mikrofon eingespielt wurden. Und diese funktionieren nachweislich vollständig effektiv im Verbund mit dem klassischen Accept-Katalog.
Von den Songs des hervorragenden neuen Albums »Stalingrad« entfacht besonders — ich sage lieber gleich: „episch“ —, die atmosphärische Shadow Soldiers mit bravourös bekränztem anthemischem Refrain, während die Aufnahme der ausgezeichneten »Blood Of The Nations«-Stücke Pandemic und Teuthonic Terror die gesamte Glaubwürdigkeit dieses hervorragenden Studiowerks bewahrt. Im Einstiegsteil von Hung, Drawn and Quartered leisteten Accept sich einmalig einen größeren Aufführungspatzer, als Baltes und Hofmann im Einleitungston nicht optimal harmonierten und die Eingangsharmonie um einen halben Ton verfehlten. Schnell sahen sie sich an, traten (bei strengem Augenkontakt) ganz eng zueinander und fanden sich unverzüglich auf die richtige Stimmung.
Ungeachtet der Tatsache, dass der Sound im hinteren Teil der Halle, dort ab etwa 8 m von der Bühne, hervorragend klang, hatte die Band auf der Bühne selbst einige Probleme mit den Klangeigenschaften. Mark Tornillo bedeckte so mehrfach die Ohren, um sich selbst singen zu hören, und am Ende riss er sich die In-Ear-Monitore kurzerhand aus den Ohren.
Das Konzert von Accept dauerte auf den Punkt genau zwei Stunden. Die Herren vermitteln den Eindruck und erzeugen die Vibration ungezähmter Potenz von Jungs, die gerade erst loslegen. Auch wenn ihnen der Status epischer Legenden anhaftet — Rost oder andere Anfälle vorzeitiger Korrosion kennen sie nicht. Für Accept gibt es also keinen Schlaf! Nur Wachheit und das streng vorwärtsgerichtete Reiten der Metal-Predigt. Accept kehren im Herbst auf die europäischen Bühnen zurück. Unter anderem wurde bereits ein Auftritt der Band im Zagreber Club Boogaloo bestätigt — ein Versprechen auf ein neues großes Metal-Fest nur einen Steinwurf jenseits der slowenischen Grenze. Wenn ihr Fans der Tradition des europäischen Metal-Kerns seid, dürft ihr Accept dieses Mal in Zagreb auf keinen Fall verpassen! Hoffen wir auch, dass Accept im Jahr 2013 eine Festival-Tour durch Europa absolvieren werden. Die Charisma und die Kraft der Band sind außergewöhnlich, und der Konzertbesuch im deutschen Kempten hat bewiesen, dass Accept beides mit souveräner Haltung eines klaren Diktats unter Beweis stellen, das besagt, dass vor den Legenden noch eine Reihe siegreicher Jahre liegen, die der Predigt des unverfälschten Charakters der teutonischen Schule des Metal-Handwerks gewidmet sind!
Setliste
HELL:
1. Let Battle Commence
2. On Earth as It Is in Hell
3. Plague and Fyre
4. Blasphemy and the Master
5. The Quest
6. The Oppressors
7. Macbeth
8. Save Us From Those Who Would Save Us
ACCEPT:
1. Hellfire
2. Stalingrad
3. Restless and Wild
4. Living for Tonite
5. Breaker
6. Hung, Drawn and Quartered
7. Bucket Full of Hate
8. Monsterman
9. Shadow Soldiers
10. Guitar Solo (Wolf Hoffmann)
11. Neon Nights
12. Bulletproof
13. Losers and Winners
14. Aiming High
15. Princess of the Dawn
16. Up to the Limit
17. No Shelter
18. Pandemic
19. Fast as a Shark
—Zugabe—
20. Metal Heart
21. Teutonic Terror
22. Balls to the Wall
23. Bound to Fail (taped outro)
Bildergalerie



























































