A World Destroyer

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Autor: Sandi Sadar Šoba

Künstler: Degradead
Label: Metalville Records
Erscheinung: 2011
Laufzeit: 40:39
Wertung: 3/5

Inmitten der übersättigten Atmosphäre erbärmlicher Ableger der einst mächtigen Melodic-Death-Metal-Szene gibt es kaum noch unerforschte Grauflecken, in denen man eine vollständige Katharsis der Sinne erleben könnte. Bei den meisten Bands wie Soilwork, In Flames, und noch lieber und früher At The Gates, The Haunted, blieb ein Meer neuer und weniger bekannter Namen der Musikszene unerforscht. Eines davon ist Degradead, das trotz seiner Jugend und der vergleichsweise kurzen zehnjährigen Bandgeschichte alles andere als hohle Paraphrasen des bereits Gehörten bietet – drei bislang veröffentlichte Alben beweisen, dass die Stockholmer Jungs nicht vorhaben, sich auf den Lorbeeren alter Größen auszuruhen, sondern nach einem Platz in der ersten Riege der Melodic-Death-Metal-Elite streben.

Die Band begann ihre Geschichte bereits im Jahr 2000, damals noch unter dem Namen Septima, und pflügte als Degradead sechs Jahre später neue Furchen in das musikalische Brachland – nach der erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem inzwischen ehemaligen In Flames-Gitarristen Jesper Strömblad, mit dem sie das vollblütige Debüt Til Death Do Us Apart einspielten, ging es für sie nur noch bergauf. Langsam, aber beharrlich das Rezept des ursprünglichen Göteborg-Death-Metal-Sounds mit Thrash-Einschüben weiterentwickelnd, baut das schwedische Quintett eine brutale und genussvolle Mischung aus den Melodien moderner Metal-Formen und adrenalindurchtränkter harter Mucke zusammen, die selbst das verwöhnteste Publikum von den Sitzen reißt. Die Band lässt sich wegen ihrer geografischen Herkunft nicht einfach abschreiben oder in Schubladen stecken – denn wichtiger als die Geografie ist hier das Talent, und daran mangelt es dem Gitarren-Duo Szücs – Nyström ganz sicher nicht, und die übrigen Mitglieder der Degradead-Artillerie stehen ihnen in nichts nach.

Obwohl ich in den letzten Jahren mehr als genug von der growlenden Melodie von Anders Fridén aus dem den Flammen geweihten In Flames hatte, ist Mikael Sehlin noch so jung, dass er die Kraft nicht für eine zweite oder dritte Runde aufsparen muss wie sein älterer Kollege und Vorbild – stattdessen ist er bereit, von der ersten Sekunde an alles zu geben. Neben dem Growling bietet sein Vokalregister auch ein gutes Gespür für Wohlklang und Melodie, ohne dabei zu übertreiben. Das beweist bereits die giftig explosive, wenn auch leicht vorhersehbare Eröffnung des Albums A World Destroyer mit dem Track Human Nature. Das musikalische Grundprinzip klingt, wenn man es neben die beiden Vorgänger stellt, scheinbar unverändert – aber mit zahlreichen modischen Extras. Die Gitarren erinnern stellenweise ein bisschen zu sehr an Keyboards, und die gotteslästerliche Metamorphose der Gitarren-Sounds hängt sich an ein deutlich wahrnehmbares Elektronik-Gerüst. Damit treiben es die Jungs zwar nicht so weit wie etwa Raunchy, aber der Wunsch, ein breiteres Publikum anzusprechen (vor allem das zartere Geschlecht), war offenbar zu stark, um diesem unsinnigen Gleichgewichtsstörer zu widerstehen. Und damit stoßen wir auf eine neue Wand der Kritik! Die Refrains sind jener Teil des Ganzen, wo dieser kalte Hauch toter elektronischer Materie am deutlichsten ins Ohr sticht – und als ob das nicht reichte, haben sich Degradead entschieden, das Ganze noch mit reichlich Cleansang und Mehrstimmigkeit zu würzen. Sexy? Wenn du eher auf die machistischere und weniger weinerliche Klangikonografie reinblütigen Emos stehst – nicht besonders. Trotz allem finden sich im Gesamtwerk einige schmackhafte Früchte, bei denen man die misslungenen Momente der Enttäuschung fast vergisst. Einer davon ist zweifellos Final Judgement, den aber der weinerlich nichtssagende Auftakt des Tracks Broken trübt. Den septischen Abstecher über die Allee allgemein akzeptierter Plattheiten würde man modischen Eintagsfliegen mit übertriebenen Doppelbässen und von Labels verordneten Hals-Tattoos nachsehen – Death-Metal-Kämpfern können wir dieses Abdriften hingegen kaum vergeben. Und an solchen Akrobatiken mangelt es auf A World Destroyer wahrlich nicht.

https://www.youtube.com/watch?v=pAmtEKmQRIA

Das Gleichgewicht zwischen Genialität, Inspiration und Beliebigkeit lässt sich wirklich sehr leicht mit einem einzigen Schwung ins Wanken bringen. Trotz aller Kritikpunkte ist das Gesamtwerk aber sehr angenehm zu hören, und obwohl man sich nach gut vierzig Minuten plötzlich billig und pervers modebewusst vorkommt, ist das Produkt alles andere als eine hohle Parade der Nichtigkeit. Das Album funktioniert und hängt sich – glaubt es oder nicht – nicht wie ein Knochen im Hals fest, sondern begeistert mit jeder Minute Spielzeit und jedem weiteren Track mehr und mehr. Es geht dabei nicht so sehr um den Genuss und die vollständige Befriedigung aller Leidenschaften, wie man sie etwa beim Hören des amerikanischen Glanzstücks von Lazarus A.D. erlebt – beim dritten Streich von Degradead aber hoffen wir, dass die Wikinger den modischen Schnickschnack endlich abschütteln und beim vierten Mal ohne unnötige Melodieschmeichelei grölen.

Die Rezension entstand in Zusammenarbeit mit RockLine und Rock Hard Slovenija.

Besetzung

Michel Bärzén – Bass
Kenneth Helgesson – Schlagzeug
Anders Nyström – Gitarre
David Szücs – Gitarre
Mikael Sehlin – Gesang

Produktion

Jonas Kjellgren

Trackliste

1. Human Nature
2. A Taste Of Destiny
3. A False Hope
4. The Final Judgement
5. Broken
6. Part Of The System
7. No One Prevail
8. Cold Blood
9. Near The End
10. Kept In The Dark

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