A Live Record

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Camel
Label: Decca Records
Veröffentlichung: 1978
Bewertung: 5/5

„A Live Record“, das erste Livealbum von Camel, ist eine großartige Visitenkarte all der besten Qualitäten dieser außergewöhnlichen Band. Okay, vielleicht kam es etwas spät, vor allem wenn man bedenkt, dass die Band bis dahin schon vier meisterhafte Alben veröffentlicht hatte und es vielleicht klüger gewesen wäre, es auf ihrem Höhepunkt (um 1976) aufzunehmen statt nach der „Rain Dances“-Tour (1977), als sich stellenweise schon erste Anzeichen kreativer Ermüdung und einer allmählichen Kommerzialisierung ihres Sounds zeigten. Aber wenn wir diesen Umstand, der mit dem Inhalt dieses Livealbums nichts zu tun hat, mal beiseitelassen, haben wir hier ein Doppel-Livealbum von Spitzenqualität vor uns, das alle Fans der Band und guten Progressive Rocks überhaupt glücklich machen wird. Mit ihrem ersten Livealbum wollten Camel offensichtlich alle wichtigeren Werke der Band bis dahin präsentieren, quer durch verschiedene Konzertorte und Zeitabschnitte. Man könnte sagen, sie haben eine Art Live-„Best of“ geschaffen. Die gespielten Stücke folgen dabei im Geist wie in der Umsetzung ihren Originalversionen, also ohne größere Improvisationen und mit begrenztem Live-Puls. Das Publikum bleibt auf den meisten Aufnahmen im Hintergrund und ist meistens kaum zu hören. Wer auf Livealben gern dieses „lebendige“ Gefühl mag, das oft gerade durch die intensive Beteiligung des Publikums entsteht, könnte davon also etwas enttäuscht sein, aber wer den grundsätzlichen Ansatz der Band kennt, wird sich daran nicht groß stören.

Der erste Teil des Albums enthält Liveaufnahmen von drei verschiedenen britischen Spielorten. Zuerst gibt es ein paar Aufnahmen aus dem Jahr 1977 zu hören, als die Band mit den damals noch neuen Mitgliedern Richard Sinclair und Mel Collins ihr Album „Rain Dances“ vorstellte, weshalb auch Stücke von diesem Album überwiegen. Die übrigen Aufnahmen stammen aus ihrer früheren, klassischen Phase mit der originalen und unter Fans auch beliebtesten Besetzung der Band. Ein aufmerksamer Hörer wird natürlich schnell die stilistischen Unterschiede und die unterschiedliche Herangehensweise an die Stücke der beiden Inkarnationen der Band heraushören, auch wenn es zwischen ihnen keinerlei qualitative Ausreißer gibt. Das Beste, was dieses Livealbum zu bieten hat, ist aber ganz sicher sein zweiter Teil, der die komplette Liveumsetzung ihres größten Meisterwerks „The Snow Goose“ (1975) enthält, und zwar mit Hilfe des London Symphony Orchestra.

Der erste Teil bietet also Interpretationen von Perlen der Band, beziehungsweise der meisten ihrer besten und bei den Fans beliebtesten Stücke. Die Liveversionen sind größtenteils extrem nah an ihren Originalen, was beweist, dass Camel live keine Band sind, die sich oft größere Improvisationen oder Abweichungen von ihren Studio-Originalen gönnt, auch wenn man trotzdem einen Unterschied zwischen den Stücken der Originalbesetzung und denen der Besetzung von 1977 bemerkt. Aber das ist in ihrem Fall meistens ein willkommenes Merkmal. Der erste Teil, aufgenommen an drei Orten, umfasst überwiegend Stücke vom damals aktuellen Album „Rain Dances“ (1977) sowie von „Moonmadness“ (1976). Gleich zu Beginn überraschen uns gleich vier Stücke von „Rain Dances“ (die meisten davon sind mit der Neuauflage diesmal überhaupt erstmals zugänglich), die kaum in irgendetwas von den Originalen abweichen. Meistens klingen sie sogar noch besser, vor allem in der Rhythmusgruppe, denn hier bereichert sie Richard Sinclair mit seinem präzisen und ungemein stimmigen Bassspiel zusätzlich. Von „Moonmadness“ fehlen auch nicht die beiden Stücke, die die Stimmung dieses Albums am besten widerspiegeln: „A Song Within A Song“ mit Sinclairs vokaler Aufwertung gegenüber dem Original sowie „Lunar Sea“. Letzteres, für viele das beste Instrumental epischen Ausmaßes in der Geschichte der Band, ist so etwas wie der Höhepunkt des ersten Teils dieses Livealbums. Die Besetzung von 1977 liefert außerdem „Never Let Go“ (Camel, 1973), den ersten Klassiker der Band, diesmal mit Richard Sinclair am Gesang, und der ist phänomenal gespielt. Mit dem knackigen und energetisch bis zum Anschlag aufgeladenen „Chord Change“ (Moonmadness, 1976) zeigen Camel wieder sehr schön ihre einzigartige Fähigkeit, Komplexität, Melodik und Energie zu verbinden, was live oft noch eine zusätzliche Dimension bekommt. „Ligging at Louis'“ ist ein Instrumental in der Solo-Regie von Keyboarder Peter Bardens, das auf keinem Studioalbum der Band zu finden ist. Zum Abschluss darf natürlich das bekannteste und beliebteste Stück der Band nicht fehlen: „Lady Fantasy“. Auch das hätte der Höhepunkt des ersten Teils des Livealbums sein können, denn hier zeigt sich die Band von ihrer besten Seite. Die erste Disc bietet also von allem ein bisschen aus ihrer bunten Karriere und kann dem Hörer als eine Art Live-„Best of“ dienen, ein Leckerbissen für alte Fans genauso wie für alle, die die Band gerade erst entdecken.

Wie schon erwähnt ist der zweite Teil des Albums das, was den durchschnittlichen Fan ihrer Musik zweifellos am meisten begeistern wird. Camel haben nämlich einen tollen Schachzug gemacht und allen Fans ihres Meisterwerks „The Snow Goose“ die komplette Liveadaption davon geboten, und zwar mit Unterstützung des Londoner Philharmonischen Orchesters. Das Ergebnis ist fantastisch, denn die Liveversion des Albums ist fast besser als das Original. Vor allem wegen des volleren Sounds, auch durch das Orchester, der größeren Intensität und des härteren Zugriffs der Band. Das Endergebnis ist eine etwas energischere und weniger meditative Version dieses Meisterwerks. Innerhalb der einzelnen Stücke spürt man die ganze Zeit die außergewöhnliche Abstimmung zwischen den Bandmitgliedern und dem Orchester. Camel bestätigen hier erneut mehr als erfolgreich ihren Ruf als eine der besten Bands des symphonischen Progressive Rock, auch wenn sich der Fan manchmal zu Recht fragen kann, ob das begleitende Orchester überhaupt nötig war. Ich erinnere mich, dass ich beim ersten Hören dieser Version von „The Snow Goose“ einfach nicht glauben konnte, wie es Camel geschafft haben, ihr Meisterwerk so erfolgreich noch zu steigern. Den Klassiker „Rhayader“ spielen sie zum Beispiel live recht oft, aber das lässt sich in keiner Weise mit der Liveinterpretation des ganzen Albums vergleichen, denn all diese Stücke bekommen ihre wahre Magie erst als Ganzes.

Die übrigen zwei Stücke auf der zweiten Disc, die bei der Neuauflage von 2002 als Bonustracks hinzugefügt wurden, sind „The White Rider“ (Mirage, 1974) und „Another Night“ (Moonmadness, 1976). Beide wurden 1976 gespielt und klingen überraschend frisch und sogar leicht verbessert gegenüber den Originalversionen. Mit der klanglich zusätzlich aufgearbeiteten Neuauflage ist „A Live Record“ auch produktionstechnisch eine Spitzenveröffentlichung.

„A Live Record“ begeistert von Anfang bis Ende sowohl mit der Darbietung als auch mit der bunten Auswahl der besten Stücke der Band. Außerdem ist das Album ein tolles Sprungbrett für alle, die die Band zum ersten Mal kennenlernen. Die komplette Liveumsetzung von „The Snow Goose“ auf der zweiten Disc sichert dem Album nicht nur den Platz des besten Livealbums in der Geschichte der Band, sondern auch eines der besten Livealben, die in der zweiten Hälfte der 70er erschienen sind. „A Live Record“ ist die Krönung des bisherigen aufregenden Vermächtnisses der Band und der Abschluss ihrer ersten kreativen Phase.

Besetzung

Andrew Latimer – Gitarre, Flöte, Gesang
Peter Bardens – Keyboards
Andy Ward – Schlagzeug, Percussion
Mel Collins – Saxofon, Flöte
Richard Sinclair – Bassgitarre, Gesang
Doug Ferguson – Bassgitarre

Produktion

Rhett Davies und Camel

Tracklist

Die Neuauflage von 2002 enthält Bonustracks*:

CD 1: (76:11)
1. First Light* (5:27)
2. Metrognome* (4:23)
3. Unevensong* (5:36)
4. Skylines (5:44)
5. A Song Within a Song (7:10)
6. Lunar Sea (8:59)
7. Raindances* (2:33)
8. Never Let go (7:28)
9. Chord Change* (6:52)
10. Ligging at Louis‘ (6:36)
11. Lady Fantasy (14:25)

CD 2 (63:05)
1. Spoken introduction by Peter Bardens* (1:10)
2. The Great Marsh (1:44)
3. Rhayader (3:07)
4. Rhayader goes to Town (5:11)
5. Sanctuary (1:10)
6. Fritha (1:22)
7. The Snow Goose (3:02)
8. Friendship (1:39)
9. Migration (3:51)
10. Rhatader Alone (1:47)
11. Flight of the Snow Goose (3:03)
12. Preparation (4:10)
13. Dunkirk (5:28)
14. Epitaph (2:33)
15. Fritha Alone (1:22)
16. La Princesse Perdue (4:45)
17. The Great Marsh (1:57)
18. The White Rider* (8:48)
19. Another Night* (6:35)

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