A Gentleman’s Hurricane
Izvajalec: Mind's Eye
Založba: Lion Records
Izid: 2007
Auch Mind’s Eye setzen ihr neues Opus auf die musikalische Landkarte dieses Jahres. Im Bereich Progressive Metal sind dieses Jahr schon einige hervorragende Alben erschienen, und Mind’s Eye bestätigen mit ihrem konzeptionellen neuen Album nur, dass sich der Schwerpunkt der Entwicklung und Bewegung im Progressive Metal in die skandinavischen Länder verlagert hat. „A Gentleman’s Hurricane“ ist aller Wahrscheinlichkeit nach das wichtigste Mind’s Eye-Album ihrer bisherigen Karriere. Die Jungs haben damit ein echtes Drama über ein tragisches Ende geschaffen, das sie mit ihrem musikalischen Können mehr als überzeugend im Studio zum Leben erweckt und als solches aufs Band gebannt haben.
Mind’s Eye bestehen aus gerade mal drei Mitgliedern, aber jeder Einzelne von ihnen ist ein perfekt ausgebildeter, vollendeter Musiker mit einem außergewöhnlichen Gespür für Melodie, der die Spieltechnik im kleinen Finger hat und genau weiß, welche Möglichkeiten ihm das Studio für den musikalischen Ausdruck bietet. Der Chef der Truppe, ein Multiinstrumentalist, im Grunde der Arbeit an den Drums verschrieben und großer Genesis-Fan (hör dir nur den Einstieg von Red Winter Sirens an, vor dem ersten Riff-Angriff), der geniale Daniel Flores, der sonst für die Zusammenarbeit mit unzähligen Namen bekannt ist, in verschiedenen Projekten, als Gastmusiker bei Bands, als Toningenieur oder Produzent, ist der Urheber der meisten musikalischen Ideen bei Mind’s Eye, und auch „A Gentleman’s Eye“ ist größtenteils sein musikalisches Baby.
Der Grundgedanke der Band war natürlich, ein anderes Album als den Vorgänger „Walking On H2O“ (2006) zu machen. Das ist völlig logisch, die Frage ist nur, wie gut es Bands gelingt, das auch wirklich rauszuhauen. Mit „A Gentleman’s Hurricane“ haben wir ein Album vor uns, das für Mind’s Eye tatsächlich eine komplett neue Geschichte ist.
Die Herren haben sich zuerst für ein Konzept entschieden, an das sie die grundlegenden musikalischen Ideen gebunden haben, die im Studio dann natürlich gründlich gewachsen sind und ausgebaut wurden. Die Hauptfigur des Konzepts ist ein Mörder, der sein Herz erleichtern und seine Seele reinwaschen will, den Schmerz loswerden, denn die Last, mit der er lebt, lässt ihn nicht ruhig schlafen. Er flüchtet sich in eine abgelegene Kirche, wo er sich mit dem dortigen Priester anfreundet. Dieser wird dann bei der Beichte des Sünders Zeuge grauenhafter Geschichten: Der hat im Auftrag des Ordens der Erleuchteten (The Illuminatti) gemordet und damit bedeutende politische und kirchliche Würdenträger auf dem Gewissen. Doch hier fängt die eigentliche Geschichte erst an. Auf den Mörder wartet nämlich noch eine wichtige Aufgabe, aber lassen wir doch noch ein Stückchen Nachtisch für später übrig, oder?
Mind’s Eye haben eine regelrecht unheilvolle Atmosphäre erschaffen, die die Geschichte begleitet. Das Album eröffnet ein instrumentales Präludium, in dem zu Beginn gotische Chormadrigale die zentrale Rolle spielen, was im Nu die eiskalten Kirchenmauern zeichnet, so eiskalt wie der – wenn auch geniale – Geist der Hauptfigur. Das Intro wächst in seiner Stimmung durch orchestrale Arrangements, die durch die ersten Verse von Andreas Novak ergänzt werden, in der Rolle des Geständnisses der Hauptfigur. Das grundlegende Chormotiv spielt später noch eine wichtige Rolle, wenn es als fester Bestandteil von Red Winter Sirens wiederkehrt, einem der komplexesten Stücke des Albums und nebenbei dem Moment der Platte, in dem das Konzept bricht und sich maximal verstrickt. Im Grunde ist das alles ein ziemlich pathetisches Konzept, wenn man die Musik mal abzieht.
Mit Seven Days bekommen wir, wofür wir gekommen sind. Das Album hebt hier ab, und wir fliegen mit ihm bis zum Ende. Die Fertigkeiten der Musiker sind meisterhaft zu einem progressiv-komplexen Faltblatt verschmolzen, über dem ein melodischer und ungemein eingängiger Refrain das Kommando führt, der die Aufmerksamkeit der Hörer sofort packt. Der rhythmisch gebrochene Pre-Chorus dieses Stücks, gleich am Anfang des Albums platziert, macht klar, dass da ein sehr ernstzunehmendes Stück Musikkunst vor uns liegt.
„Walking On H2O“ war ein deutlich helleres Mind’s Eye-Album, was die Atmosphäre angeht. Typisch dafür war das Flirten mit Hard Rock und mehr noch mit dem AOR-Erbe. Die düstere Stimmung, von der „A Gentleman’s Hurricane“ durchdrungen ist, lässt das hier keinesfalls zu. Vor uns liegt ein typisch progressiv-metallisches Album. Die Kompositionen sind deutlich komplexer aufgebaut als bei „Walking On H2O“, und das gilt auch für die ineinander übergehenden Stimmungslagen, die die extrem dynamische Wellenbewegung von „A Gentleman’s Hurricane“ erzeugen. Das ist ein Album, an dem man länger zu knabbern hat. Dass der Moment der Unvorhersehbarkeit und Spontaneität darauf betont wird, muss man gar nicht extra erwähnen. Sänger Andreas Novak hat enorm viel Charisma, einen Hauch von Russell Allen (Symphony X). Das ist eine Stimme, die sich bestens zurechtfindet, wenn man sie in die Rolle versetzt, einen Hard-Rock-Song zu singen. Aber aus Novak lässt sich mehr herausholen als nur das, denn er hat ein außergewöhnliches Gespür dafür, sich in die Rolle der zentralen Figur des gewählten Konzepts hineinzuversetzen. Der Gesang haucht dem intimsten persönlichen Bekenntnis des Sünders – und in diesem Konzept eben der Beichte – ohne die geringste Anstrengung effektvoll Leben ein. Der Hauptarchitekt des „Progressiven“ bei Mind’s Eye, Daniel Flores, war sich dessen nur zu gut bewusst. Darüber hinaus hat Flores ein einmaliges rhythmisches Faltblatt beigesteuert, mit seinen großen Fertigkeiten im Trommelmähen, das den Hörer ständig aufwühlt und ihn mit sehr, sehr viel Musik belohnt, mit der er die Gitarrenriffs durch Keyboard-Arrangements in ergreifende Melodramatik gekleidet hat. Das Grundzahnrad, das die Mind’s Eye-Maschinerie antreibt, ist natürlich wie gewohnt das Gitarrenriff von Johan Niemann. Es ist das Fundament der Musik von Mind’s Eye, und an ihm hängen alle anderen Bausteine. Die sind auf ideale Koexistenz kalibriert. Die Musik von Mind’s Eye ist in all ihren Erscheinungsformen absolut den Leitlinien klassischer Orchestrierung untergeordnet. Die Atmosphäre ist feierlich, trägt aber zugleich eine durchdringend kalte Note, durch die alles Mögliche scheint, nur keine Beruhigung des Geistes des Sünders, in dem Sinne, dass er sich seine Sünden nicht vergeben kann. Das Zerfressen des Gewissens, das unbarmherzig an seinem gesunden Verstand nagt, ist gnadenlos.
Die einzelnen Stücke sind, wie schon erwähnt, deutlich komplexer gebaut als bei früheren Mind’s Eye-Veröffentlichungen. So viel zur Ouvertüre dieses Absatzes, denn auf „A Gentleman’s Hurricane“ ist es der Band gelungen, die komplex strukturierte Anlage der Songs maximal herauszustellen, wobei das schizophrene Konzept ihr besonderes Gewicht verleiht, während die Jungs zugleich die absolute Eingängigkeit der Refrains bewahrt haben, also ein hohes Maß an Melodik und Kompaktheit der ausgearbeiteten Motive, was sich in der Anlage der Refrains unmissverständlich zeigt. Mind’s Eye sind darin meisterhafte Seiltänzer, die mühelos die Mittellinie halten, die sie nicht aus der Bahn werfen und das Gleichgewicht der Kompositionen und die lebendige Atmosphäre, die sich durchweg gegenseitig die Hand reichen und sich übers ganze Album hinweg verstärken, in keiner Weise zerstören kann. Deshalb lässt sich „A Gentleman’s Hurricane“ als das kritische Album der Mind’s Eye-Karriere bezeichnen.
Das Konzept war dafür notwendig, denn für Mind’s Eye ist es wirklich nicht schwer, mit einigen progressiven Kapriolen, kühn ausgebaut und mit dem Gesang kombiniert, ein punktuelles Gefühl zu erzeugen, das die Schizophrenie im Geist der Hauptfigur des Konzepts malt. Mind’s Eye haben mit „A Gentleman’s Hurricane“ für die Hörer ein sehr anspruchsvolles Album im Bereich Progressive Metal auf den Markt gebracht, und zwar in Sachen Kombination aus kompositorischer Komplexität, gleichzeitiger Erschaffung schwarzer Atmosphäre und Verbindung mit kompakter Melodik. Was links oder rechts von diesem Album 2007 sonst noch erschienen ist, ist entweder melodischer und simpler (etwa Symphony X, Circus Maximus, Darkwater) oder komplexer und fällt dadurch der Fragmentierung, dem Zerbröseln der Motive und einer geringeren logischen, motivisch kompakten Verbundenheit der Stücke selbst zum Opfer (das Dream-Theater-Syndrom). Mind’s Eye haben darin die ideale Balance gefunden und reiten durchweg auf der Mittellinie. Sie haben ein Album geliefert, das definitiv unwiederholbar und damit einzigartig ist, denn es kann nur mit dem gewählten Konzept wirklich existieren. Und genau darum geht es diesmal im Kern. Dieses Meisterwerk, das einem durch mehrmaliges Hören ans Herz wächst, wird die Fans in den siebten Himmel katapultieren, und ganz besonders begeistert werden sie sein, wenn sie in der Verpackung zusammen mit der CD auch eine DVD entdecken, die sie durch die Entstehung von „A Gentleman’s Hurricane“ führt, plus einen animierten Comic.
Besetzung
Andreas Novak – Gesang
Johan Niemann – Gitarre, Bass
Daniel Flores – Schlagzeug, Keyboards, Backing Vocals
GASTMUSIKER:
Mia Coldheart – Gesang auf Track 8
Rolf Pilotti – Blockflöte & Querflöte auf Track 11, Backing Vocals auf den Tracks 9, 10, 12 & 13
Doyle McGraw – Dudelsack auf Track 11
Johannes Lindstroem – Backing Vocals auf Track 1
David Risberg – Backing Vocals auf Track 1
Produktion
Daniel Flores
Tracklist
1. Praying For Confession
2. Seven Days
3. AssassiNation
4. Chaos Unleashed
5. Hell’s Invitiation
6. Feed My Revolver
7. Ashes To Ashes (In Land Lullaby)
8. The Hour Of Need
9. Red Winter Sirens
10. Skin Crawl
11. Graveyard Hands
12. Say Goodnight
13. Pandora’s Musical Box
Trajanje albuma: 74.38