A Dramatic Turn Of Events

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Autor: Jernej Vene

Künstler: Dream Theater
Label: Roadrunner Records
Erscheinungsjahr: 2011
Laufzeit: 77:05
Wertung: 3.8/5

Dream Theater sind die Meister einer ausdrucksstark verführerischen und spieltechnisch anspruchsvollen Musikrichtung. In der Welt des Progressive Metal haben sie, was die Erkundung und Vermittlung von Ideen betrifft, am meisten geleistet. Auch im Hinblick auf den zurückgelegten musikalischen Weg befinden sie sich in ihren mittleren Jahren. Stets haben sie nach klanglicher Perfektion gestrebt, daher überrascht es nicht, dass sie mithilfe externer Mitarbeiter auch selbst ein gewichtiges Wort bei der Klanggestaltung mitreden. Der bedeutungsschwere Titel A Dramatic Turn Of Events deutet natürlich auf den Austausch des Gründungsmitglieds, Schlagzeuger Mike Portnoy, durch Mike Mangini an, der ein etablierter Name auf der Szene ist. Für Portnoys Abgang gibt es mehrere Gründe; angeblich ist der wichtigste, dass er eine fünfjährige vorübergehende Pause vorgeschlagen hatte, was die anderen Bandmitglieder ablehnten. Der Weggang eines der Schlüsselautoren von Dream Theater löste jedoch jede Menge Spekulationen aus – nicht nur darüber, wer ihn ersetzen würde, sondern auch, wie die neue Musik klingen würde. Den neuen Schlagzeuger hatten sie bereits im November des Vorjahres ausgewählt, enthüllten seinen Namen aber erst im April dieses Jahres. Kurz darauf meldete sich Portnoy und bat um Rückkehr, doch es war zu spät. Die Musik blieb unverkennbar ihre eigene. Eine starke rhythmisch-melodische Basis, virtuose Gitarren und Keyboards sowie eine ausdrucksstarke Stimme. Haupttexter ist Gitarrist John Petrucci geworden, der sich schon zuvor damit beschäftigt hatte, doch es ist offensichtlich, dass er jetzt auch zum Bandchef avanciert ist. Sänger James La Brie wirkt zwar gelegentlich mit, ergänzt aber meist die episch vielschichtigen Stücke mit seinem energischen Gesang.

Aufmerksame Begleiter ihrer Laufbahn bekommen vielleicht manchmal das Gefühl, dass sie im letzten Jahrzehnt mit der Veröffentlichung von Platten ein bisschen übertrieben haben. Für die Überzeugten ist das natürlich trotzdem zu wenig. A Dramatic Turn Of Events ist ihr elftes Studioalbum – sie halten also die Kontinuität ihrer Arbeit aufrecht und veröffentlichen alle zwei Jahre eine Platte. Das Musikangebot ist heute gewaltig. Für alle, die auf technische Perfektion mit Texten schwören, die sich dabei nicht ständig in Resignation und Hass gegenüber korrupten Weltführern suhlen, sind Dream Theater wie gerufen. Der neue Schlagzeuger Mangini hat diesmal nicht aktiv am musikalischen Entstehungsprozess mitgewirkt; vielleicht bringt er beim nächsten Mal mehr von sich ein. Er hat große Fußstapfen zu füllen, aber wenn man genau hinhört, kann man ihm nichts vorwerfen. Sein Spiel ist fest, wuchtig, stellenweise vielleicht etwas zu dicht – aber das ist nun mal Progressive Metal. Der Albumtitel spielt natürlich auf den Schlagzeugerwechsel an, doch die Bandmitglieder wehren sich dagegen mit dem Argument, er sei eher im Sinne der Wahrnehmung von Veränderungen in der Gesellschaft und beim Einzelnen gemeint, die physischer oder psychischer Natur sein können. Vielleicht glaubt ihr ihnen das – ich nicht….

Die Musik füllt die gesamte mögliche Länge einer CD, enthält dennoch nur neun Stücke. Eines der kürzeren ist This Is The Life, ein bedeutungsvolles, nachdenkliches Bild davon, was wir sind, was wir nicht sind und wohin wir gehen. Komplexe Kompositionen sind das Markenzeichen von Dream Theater seit den Anfängen Ende der Achtziger. Gute Beispiele sind On The Backs Of Angels, Bridges In The Sky und vielleicht am meisten Breaking All Illusions, das aus einem einfachen Thema einen grandiosen musikalischen Wald entfaltet.
War das vorige Album Black Clouds And Silver Linings ideenmäßig schon etwas blass und brauchten die Jungs eine Frischzufuhr, ist die neue Musik trotz der veränderten Besetzung rundum befriedigend. Veränderungen passieren überall, so ist auch bei Dream Theater nichts ewig. In der Vergangenheit haben sie bereits zwei Keyboarder und einen Sänger ausgetauscht, doch vier Mitglieder waren schon mehr als zwanzig Jahre zusammen, was eine schöne Leistung ist. Die Quelle der musikalischen Inspiration müsste bei solchen Fakten eigentlich von Jahr zu Jahr trockener werden. Aber Dream Theater erleben das überhaupt nicht. Der Ideenstrom findet so alle zwei Jahre seinen Platz auf ihren Platten, was ihre treuen Anhänger natürlich begeistert.

Die Musik ist noch immer makellos gespielt; jenseitig schnelle Passagen brechen mit ruhigen Klavieren und Gitarrenverzierungen ab, um dann wieder in ein tödliches Galoppieren zu verfallen. Das wird heute natürlich nur noch von wenigen toleriert, die es noch schaffen, ihre Alben in die amerikanischen oder britischen Charts zu bringen. Den korporativ gesteuerten Instant-Pop-Prinzessinnen können sie auf Dauer natürlich nicht trotzen, dafür aber weisen sie auf die Tatsache hin, dass echte Musik noch immer auch aus Holzinstrumenten kommt und nicht nur aus Plastikboxen. Dream Theater haben also wieder ein Album unter Dach und Fach gebracht, das solide ist und vielleicht zugänglicher als das vorherige – für die Zukunft wird man aber gut überlegen müssen, wie man die Ideen in Musik kanalisiert, die nicht allzu erdrückend wirkt. Am schwierigsten ist es zu bestimmen, wie viele extreme Griffe welchem Teil des treuen Publikums zumutbar sind. Sie werden auch aufpassen müssen, was selbst treue Ohren noch verkraften können. Vorerst funktioniert die neue Platte A Dramatic Turn Of Events noch in ihrer Rolle als Sprachrohr fortschrittlicher musikalischer Ideen.

 

Besetzung

James LaBrie – Gesang
John Petrucci – Gitarre
Jordan Rudess – Keyboards
John Myung – Bass
Mike Mangini – Schlagzeug

Produktion

John Petrucci

Trackliste

1. On The Backs Of Angels
2. Build Me Up, Break Me Down
3. Lost Not Forgotten
4. This Is The Life
5. Bridges In The Sky
6. Outcry
7. Far From Heaven
8. Breaking All Illusions
9. Beneath The Surface

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