A Black Box

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Hammill, Peter
Label: S-Type Records
Erschienen: 1980
Laufzeit: 40:54
Bewertung: 4.5/5

Kurz vor der Veröffentlichung des Albums »A Black Box« hatte das britische Label Charisma Records – vor allem bekannt dafür, einst zwei Prog-Rock-Legenden unter seinen Fittichen gehabt zu haben, nämlich Van Der Graaf Generator und Genesis – die Zusammenarbeit mit dem vielseitigen Sänger, gelegentlichen Gitarristen und Keyboarder Peter Hammill beendet. Die plötzliche Gier des Labels nach kommerziellem Erfolg war Herrn Hammill, der nach der Auflösung von Van Der Graaf Generator seine Solokarriere fleißig und produktiv weiterverfolgt hatte, herzlich egal – und so gründete er vor der Veröffentlichung von »A Black Box« gemeinsam mit seiner Managerin Gail Colson das eigene Label S-Type. Dessen kurze Lebensdauer überraschte niemanden. Und auch Charisma Records existiert längst nicht mehr – Anfang der Achtziger wurde es vom Label-Giganten Virgin Records ‚geschluckt‘, dem heute auch die Veröffentlichungsrechte an diesem Album gehören.

Auf »A Black Box« knüpfte Hammill kompositorisch und arrangementtechnisch gewissermaßen dort an, wo er mit seinem Vorgänger »pH7« (1979) aufgehört hatte – was bedeutet, dass er fast alle Instrumente einschließlich der Schlagzeugpassagen wieder selbst einspielte. Auf zwei Tracks stand ihm sein alter VDGG-Kumpel David Jackson mit Saxofon bzw. Flöte zur Seite, während der andere Gelegenheitsmusiker David Ferguson (Random Hold) Synthesizer und Tamburin beisteuerte.

Der erste Teil des Albums besteht aus kürzeren Stücken, während der zweite Teil von dem längeren und äußerst ambitionierten Werk namens »Flight« dominiert wird. Letzteres war in mehrere Sektionen unterteilt – ein Novum in Hammills bisheriger Solokarriere. Die Atmosphäre des Albums ist ausgesprochen düster, stellenweise geradezu bedrückend – passend zum Cover und zur Botschaft der meisten Texte. Der brutal-sarkastische Opener »Golden Promises« erinnert dank des gelungenen Zusammenspiels zwischen Hammills E-Gitarre und Jacksons Saxofonpassagen an eine minimalistische Version von Van Der Graaf Generator. Ähnliches ließe sich auch über »Losing Faith in Words« sagen, das sakral gefärbte Klavierarrangements enthält und den ‚Zungenarzt‘ auf dem Höhepunkt seines charakteristischen vokalen Furors zeigt, wenn er mit heftig vibrierenden Stimmbändern seinen Zorn in alle Himmelsrichtungen schleudert.

»Jargon King« ist ein totaler Avantgarde-Ausraster und klingt selbst für Hammills ohnehin hochexperimentelle Verhältnisse völlig durchgeknallt – zusammengesetzt aus zahllosen kakophonischen und dissonanten Improvisationen, während Peters beinahe narrativer Gesang durch eine Reihe skurriler Effekte gejagt wird. »Fogwalking« ist ein weiteres ausgesprochen düsteres, beinahe morbides Stück mit schleppendem Rhythmus und Hammills unverhohlen sarkastischer Gesangsdarbietung. »The Spirit« gehört zu den wenigen etwas optimistischer gefärbten Stücken auf »A Black Box« – und enthält, kaum zu glauben, aber wahr, bluesgefärbte Gitarrenpassagen von Peter, was nicht nur höchst ungewöhnlich, sondern in seiner Karriere fast einmalig ist.

Himmel und Hölle spalten sich erneut auf der phantasmagorischen Totenmesse »In Slow Time«, wo Hammill klingt, als wäre er gerade aus dem neunten Abgrund von Dantes Hölle herausgekrochen, während ihn im Hintergrund mächtige Synthesizerwellen tragen. Trotz des erheblichen Minimalismus einzelner Arrangements ist die düstere Atmosphäre – wieder einmal dank Peters Gesang – von außerordentlicher Intensität und erschütternd. Das Instrumental »The Wipe« ist ein weiterer vollständiger avantgardistischer ‚Gehirntornado‘, in dem kakophonische Improvisationen auf E-Gitarre, Synthesizer und Tamburin die Hauptrolle spielen.

Das bereits erwähnte Konzept-Epos »Flight«, das Herzstück des Albums, das vom Absturz eines Flugzeugs erzählt, ist auch das ambitionierteste Werk darauf und enthält in jeder Sektion Belege für Hammills unglaubliches kompositorisches, improvisatorisches und konzeptuelles Genie. Das bedeutet, dass es qualitativ sogar einigen VDGG-Klassikern ebenbürtig ist. Die Eröffnungssektion »Flying Blind« enthält elegante Klavierarrangements und einen elegischen Gesangsansatz, worauf in »The White Cane Fandango« durch wuchtige Gitarrenpassagen ein brutaler Schwenk in rockiges Terrain folgt. Die Sektion »Control« enthält schwindelerregende Gitarren- und Klavierimprovisation, während der Gesang des ‚Zungenarztes‘ plötzlich paranoische Züge annimmt.

In der sarkastisch gewürzten Sektion »Cockpit« entspannt sich die Atmosphäre durch beinahe arienhafte Vokalharmonien wieder etwas, während der Text diesmal geradezu ätzend wird – er macht sich nämlich über die Tatsache lustig, dass sich ein ‚angesehener‘ Politiker im Cockpit wiederfand, der sich am Steuer des Flugzeugs versuchen wollte. Dieser war natürlich der Hauptschuldige für die Tragödie. »Silk-Worm Wings« enthält energische Saxofonpassagen und massive rhythmische Nuancen, sodass die Atmosphäre wieder äußerst angespannt wird. »Nothing Is Nothing« ist eine knallige, beinahe brutale Sektion mit zahllosen verrückten Gitarren- und Klavierimprovisation – und ein wichtiger Moment, in dem Herr Hammill in seiner Raserei wild seine vokale Galle über menschliche Dummheit ausgießt. Die abschließende Sektion »A Black Box«, zu einem Zeitpunkt, wo das Flugzeug bereits abgestürzt ist, ist eine echte Totenmesse mit sakralen Klavierarrangements und dem extrem erschütternden Gesang des ‚Zungenarztes‘, der unter anderem feierlich das Ende des tragischen Flugabenteuers verkündet.

»A Black Box« war ein überaus deutlicher Beweis dafür, dass Peter Hammill auf praktisch alle damaligen musikalischen Trends gepfiffen und ein weiteres bemerkenswertes, ausgesprochen düsteres und experimentelles Studio-Dokument geschaffen hatte, in dem – wie üblich – seine spezifische, donnernde und bisweilen sogar freundliche Stimme die Schlüsselrolle spielt.

Besetzung

Peter Hammill – Gesang, Gitarre, Keyboards
David Jackson – Saxofon, Flöte auf 4 und 8
David Ferguson – Synthesizer und Tamburin auf 4, 6 und 7

Produktion

Peter Hammill

Tracklist

1. Golden Promises (2:56)
2. Losing Faith in Words (3:40)
3. The Jargon King (2:43)
4. Fogwalking (4:04)
5. The Spirit (2:38)
6. In Slow Time (4:07)
7. The Wipe (1:45)
8. Flight (19:38)

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