Maestro Hackett beschwor die Magie inmitten der alten Mauern Vicenzas (2025)
Steve Hackett
Mittwoch, 3. 9. 2025, von 21.00 Uhr bis 23.50 Uhr
Vicenza / Piazza Dei Signori / Italien
Maestro Steve Hackett! Der eine und einzige! Ein Kerl, dessen Kreativität zur Kategorie der Pionierleistungen zählt, gilt heute als ehrwürdige Säule und man kann es ruhig direkt sagen – als weltweite Ikone des Progressive Rock. Ohne ihn ist das Bild der unvergesslichen Genesis in den Siebzigern schlicht nicht vorstellbar. Bei dem ehrwürdigen Dienstgrad dieses außergewöhnlichen Musikers und Innovators muss man hinzufügen, dass ihn der kreative Hunger auch mit 75 Jahren keineswegs verlässt. Fast jedes Jahr veröffentlicht er ein Konzertalbum, denn er ist ununterbrochen auf Tour. Gleichzeitig nimmt er auf und sorgt für die Veröffentlichung neuer eigener Musik (das Material für das nächste ist bereits in Arbeit).
Steve Hackett hat im Laufe der Jahre in Italien (im sprichwörtlichen Sinne) längst die italienische Staatsbürgerschaft erhalten! Dort hat er nämlich sein Zuhause auf den Konzertbühnen. Wann immer er Konzerttourneen bestätigt, findet sich darunter stets ein ganzes Bündel an Konzerten quer durch Italien. Manchmal ist eine solche Tournee sogar separat und umfasst ausschließlich Konzerte auf der Apenninenhalbinsel. Da das Interesse an der aktuellen Tournee, auf der der geschätzte Musiker wesentliche Teile des legendären Genesis-Albums „The Lamb Lies Down on Broadway“ (1974) präsentiert, dazu sein letztes Studioalbum „The Circus And The Nightwale“ (2024, RockLine Rezension), und dazu eine Blütenlese an Songs aus seiner Solokarriere, ungebrochen hoch bleibt, hat Hackett die aktuelle Tournee um ein weiteres Jahr verlängert. Im vergangenen Jahr haben wir ihn in Padua erwischt. Es war der 2. 11. 2025 (Gran Teatro Geox, RockLine Konzertbericht). Und in diesem Jahr lächelte uns das Glück so zu, dass der Kerl in seinem neuen Bündel italienischer Termine auch einen neuerlichen Besuch in Vicenza für den 3. 9. 2025 bestätigte – wo wir ihn zuletzt am 24. 4. 2013 gesehen hatten (Spielstätte Teatro Comunale, RockLine Konzertbericht).
Der Gitarrenheld steht in diesem Jahr aber an der Schwelle zu Veränderungen, was seine Begleitband betrifft. So sind die Konzerte, die er im Rahmen dieser Tournee absolviert hat und noch absolvieren wird, die letzten für den langjährigen Partner, den brillanten Keyboarder Roger King, der Hackett nach der Tournee verlässt. Nun, der Wechsel auf der Schlagzeuger-Position kam noch unerwarteter, und wer diesmal irrtümlich Craig Blundell auf der Bühne erwartet hatte, lag ganz schön daneben. Für die italienischen Termine, zu denen auch der Besuch in Vicenza gehörte, ist in Hacketts Begleitteam bereits der deutsche Schlagzeug-Ass Felix Lehrmann eingesprungen. Lehrmann gilt in seiner Heimat als der Schlagzeuger mit den meisten Studiokooperationen – sein Name steht auf über 300 veröffentlichten Alben. In seiner Karriere hat er u.a. mit folgenden Künstlern zusammengearbeitet: Dendemann, Sarah Connor, The Flower Kings, Jon Anderson, Martin Miller, Jan Böhmermann, Aloe Blacc, Jennifer Rush, Gloria Gaynor, Samy Deluxe, Haftbefehl, Torsten Goods, China Moses, Randy Brecker, Paul Gilbert und Dieter „Maschine“ Birr. Im Jahr 2020 gründete er seine eigene Band Marriage Material, in der ihm Thomas Stieger, Raphael Meinhart und Arto Mäkelä zur Seite stehen.
Vicenza gilt zwar als kleinere Stadt inmitten der Poebene, die aber mit außergewöhnlicher Architektur noch aus römischer Zeit geschmückt ist, für die die Altstadt berühmt ist. Deren Herzstück ist ein wunderschöner und sehr großer Platz namens Piazza Dei Signori. Dorthin zu gelangen war diesmal schwieriger, als wir zunächst gedacht hatten. Die Fahrt durch Stadtkerne auf den engen italienischen Gässchen, wo auch die eigenwillige Verkehrsbeschilderung das Tüpfelchen aufs i setzt, hat Rockline in Italien schon immer ihren Tribut gefordert (auch in Form von nachträglichen Briefsendungen unangenehmen Inhalts, die einen gnadenlos ins Portemonnaie hauen). Das haben wir über die Jahre in Triest, Verona, Padua, Bologna und nicht zuletzt auch in Mailand erlebt. Und Vicenza stand dem in nichts nach. Um das Auto in der strengen Innenstadt zu parken, braucht man starke Nerven. Weil das Glück die Mutigen begleitet, schlüpften wir auch diesmal durchs Nadelöhr und keuchten in letzter Sekunde vor die Bühne, die von mindestens 3.000 besetzten Sitzplätzen flankiert wurde, wo das treue italienische Publikum bereits eine besondere Atmosphäre schuf – hinlänglich bekannt für den brodelnden Positivismus weit strahlender Freude, der für sein unglaublich neugieriges und feierliches Temperament charakteristisch ist! Genau wegen eines solchen Publikums sind Hacketts Konzerte in Italien immer etwas Besonderes! Großartig, unvergesslich. Etwas, das man einfach erlebt haben muss!
Meister Hackett teilte seinen Auftritt in zwei Teile mit einer zwanzigminütigen Pause dazwischen. Im ersten Teil stellte er die wesentlichen Momente heraus, die seine eigenständige musikalische (post-Genesis-)Karriere umreißen, sowie die Highlights des neuesten Albums „The Circus And The Nightwale“. Die Besetzung mit Hackett (Gitarre, Gesang), Roger King (Keyboards), Rob Townsend (Blasinstrumente, Keyboards, Percussion), Nad Sylvan (Gesang, Hintergrundgesang), Jonas Reingold (Bassgitarre) und Newcomer Felix Lehrmann begann, die Kulisse einer unvergesslichen und einzigartigen Atmosphäre zu errichten, die dich in eine eigenwillige Welt entführt – jene Traumwelt, aus der du nie wieder aufwachen möchtest. Das Abenteuer wird also lang. Zweieinhalb Stunden. Mit Pause sogar fast drei Stunden! Deshalb kehren wir auch immer wieder zu den Konzerten von Herrn Hackett zurück. Das sind nämlich jene Konzertbegegnungen, bei denen man die leeren Batterien bis auf den letzten Rest aufladen kann!
Die Band ist unüberhörbar. Da sie durchgehend und enorm viel spielen, überrascht das nicht. Felix hat seinen Status als neu hinzugestoßenes Mitglied mehr als gerechtfertigt. Angesichts seiner Reputation überrascht das nicht. Bei Hackett zu spielen bedeutet, der Beste unter den Besten sein zu müssen. Felix hat das geliefert! Alle Zweifel und Fragen waren völlig überflüssig! Das gelbe Band um den Kopf bestätigte die ultimative deutsche Zugehörigkeit zum Rock – ob das nun Nina Hagen oder Electric Callboy ist.
Die beiden Eröffnungsstücke des neuesten Albums gehörten stimmlich Hackett (Sylvan unterstützte ihn mit Hintergrundgesang). Im instrumentalen These Passing Clouds übernahm Maestro Hackett das absolute Zentrum, das er mit seinem einzigartigen Gitarrenspiel in Gesellschaft des spielerischen Sopransaxophons des treuen Rob Townsend einnahm. Dazu noch The Devil’s Cathedral – ein düsteres Stück vom vorigen Hackett-Album „Surrender Of Silence“. Einen voll strahlenden Wendepunkt in der Atmosphäre bringt wie immer und immer wieder die fantastische Spectral Mornings-Klassik Every Day, ohne die man sich kaum ein Hackett-Konzert vorstellen kann. Ein Meisterwerk, das wegen einem der schönsten Soli in Hacketts Karriere (in der zweiten Hälfte) stets Gänsehaut auslöst. Dann folgt ein besonders interessanter Teil. A Tower Struck Down, das Drama aller Dramen aus Hacketts Debütalbum „Voyage of the Acolyte“ (Townsend wechselte zu Flöte und Saxophon), und eine der größten Überraschungen: Camino Royale (Album „Highly Strung“, 1983). Dieses bleibt nun bereits im dritten Jahr in Folge im Repertoire. Im Vergleich zum Original bringt es eine besondere künstlerische Abweichung ins Programm – für Kenner aber ein echtes musikalisches Schmankerl, wenn Meister Hackett mit dem Team durch einen ausgedehnten Improvisationsteil ein echtes Jazz-Rock-Fusion-Inferno entfachte. Das große Finale des ersten Teils gehörte noch einer zweiten „Voyage Of The Acolyte“-Klassik: Shadow Of The Hierophant. Angesichts der Art, wie dieses Stück aufgebaut ist, ist klar, dass der erste Teil in sein dramatisch-theatralisches Crescendo gipfelt – genau am Ende! Es folgte ein gewaltiges Finale. Eine Wiederholung des Motivs, das stimmungsmäßig von Runde zu Runde wächst. Dieses äußerst düstere Stück lieferte auch den entscheidenden Einblick darin, wozu Felix Lehrmann in der Lage ist – er bekam genau am Ende des ersten Teils dieser Vorstellung genug Raum, um am Schlagzeug richtig aufzublühen, wobei er auf seinen Toms keinen einzigen Moment stillhielt!
Nach der zwanzigminütigen Pause folgte der zweite Teil. Deutlich nostalgischer. Er schoss uns direkt zum klassischen Genesis-Album „The Lamb Lies Down On Broadway“. Die Band hob die wesentlichen Momente dieses Albums hervor und krönte erneut die enorm hohen spielerischen Anforderungen seiner Interpretation mit einer unglaublich präzisen, geradezu perfekten Darbietung. Im klanglichen und spieltechnischen Sinne. Anders darf und kann es gar nicht sein. Wir sind verwöhnt worden. Seit dem ersten Treffen, jenem fernen 1. 8. 2010 in Triest (Piazza Unita d’Italia, RockLine Konzertbericht)!
Hackett sieht man sein Alter nicht an. Er strahlte Heiterkeit aus – wozu freilich auch das Theater selbst beitrug, als er mal zu dem einen, mal zu dem anderen Musiker trat, wobei er sich mehrfach Seite an Seite mit Reingold in einer Linie aufstellte. Die Front der Bühne übersät mit Pedalen. Hacketts und Reingolds! Sylvan rechtfertigte die Abschiedsrolle, als er mit seiner feinfühligen und emotionalen Interpretation seinen Gesang genau zwischen Gabriel und Collins positionierte. Und genau das ist das Tüpfelchen auf dem ‚i‘, das zur Glaubwürdigkeit von Hacketts Interpretation der Genesis-Klassiker beiträgt! Weiter und tiefer als das, was Hackett in der neuen Zeit liefert, kommt man bei Genesis nicht. Schon allein aus diesem Grund ist der Besuch von Hacketts Konzerten für jeden Fan der alten Genesis auch in der neuen Zeit schlicht ein Muss!
Maestro Hackett lieferte erneut jenes einzigartige esoterische Erlebnis. Mit feiner Handwerkskunst formte und fügte er Soundeffekte hinzu, die die Aussagekraft seines Spiels intensivierten, magnificierten… Gelegentlich auch theatralisches Tapping – in dieser Hinsicht gilt Hackett selbst als Pionier –, dazu das ‚Hängen‘ am Tremolo… Hackett bleibt ein gewachsenes Unikat. Und dabei noch klassisch geschult! Hier ist also kein Platz für Späße. Neben Carpet Crwalers und dem Titelstück haben wir auch Broadway Melody of 1974 und Fly On A Windshield gehört (zuletzt 2014 auf Tournee gespielt), dazu Hairless Heart (zuletzt 2015 auf Tournee gespielt), außerdem The Chamber of 32 Doors, Lilywhite Lilith, The Lamia und It! Stücke, an die Hackett in seiner Solokarriere selten oder gar nicht herangetreten ist. Unbezahlbar. Den klassischen Genesis kommt man heute nur noch nahe, wenn man zu einem Hackett-Konzert geht. Wenn du die Augen schließt, fühlt sich alles tatsächlich so an, als würden die echten Genesis auf der Bühne spielen.
Wir kamen zum letzten Teil des regulären Auftritts! An diesem Punkt passte Hackett das Repertoire an. Herausgefallen sind die Genesis-Klassiker Dancing With the Moonlit Knight, The Cinema Show und Aisle of Plenty, zurück kam dafür das ultimative Progressive-Rock-Epos aus dem Genesis-Album „Foxtrot“ (1972) – das Meisterwerk Supper’s Ready! Wer murrt über diesen Tausch? Niemand. Das Stück ist in Hacketts Neuinterpretation auf fast eine halbe Stunde ausgedehnt, also um mindestens fünf Minuten verlängert. Man spürt es, man hört es und schließlich. Man sieht es. Kein Fehler. Alles steht an seinem Platz. Alle Bausteine. Genau dort, wo sie sein müssen. Einschließlich des verlängerten Ausgangsparts. Dieser Punkt des musikalischen Universums bleibt auch im Jahr 2025 etwas Besonderes! Gut zwei Stunden drehen sich im Handumdrehen. Mit solcher Magie ist es nicht schwer, den Konzertbesucher in einen Zustand der Hypnose zu versetzen.
Die Band verabschiedete sich, und das Publikum brach in tosenden Applaus aus, dem kein Ende in Sicht und kein Ende zu hören war. Natürlich kehrte Herr Hackett mit seinem Team zurück. Sie feuerten uns noch eine weitere halbe Stunde an. Der Applaus ebbt nicht ab. Hackett musste mit seinem Team ein wenig warten, bis sich das temperamentvolle und gerührte Publikum beruhigte. Dann war da die ‚Selling England By The Pound‘-Klassik Firth Of Fifth! Der unvergessliche Einstieg auf den Tasten des Genies Tony Banks. Noch ein Stück, das viel zu schnell vergeht – besonders jenes Finale mit Hacketts esoterischen Linien, mit dem Motiv, bei dem du nicht möchtest, dass es im letzten Ton auf Dur kommt, weil du weißt, dass das Stück dann zu Ende ist! Und Los Endos. Das Publikum drängte sich vor der Zugabe zwischen Bühne und erste Sitzreihe. Hackett feuerte das Publikum mit Handbewegungen zusätzlich an.. Dann war da Hacketts Stück Slogans, das sie stets in Los Endos einbetten. Die letzten Atemzüge des Konzerts hin zu seinem definitiven Höhepunkt, als die Band zum Finale der Genesis-Klassik Los Endos zurückkehrte und schließlich einen unvergesslichen, großartigen Abend zum Abschluss brachte.
Und die Geschichte geht weiter. Ein neues Studioalbum ist in Arbeit. Und eine neue Tournee und so weiter. Superlative reichen nicht aus. Möge es so bleiben!
Text: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen
Setlist:
Set 1:
1. People of the Smoke
2. These Passing Clouds
3. Circo Inferno
4. The Devil’s Cathedral
5. Every Day
6. A Tower Struck Down
7. Basic Instincts (Bass solo)
8. Camino Royale
9. Shadow of the Hierophant
—20 min. Pause—
Set 2:
10. The Lamb Lies Down on Broadway
11. Fly on a Windshield
12. Broadway Melody of 1974
13. Hairless Heart
14. The Carpet Crawlers
15. The Chamber of 32 Doors
16. Lilywhite Lilith
17. The Lamia
18. it
19. Supper’s Ready
—Zugabe—
20. Firth of Fifth
21. Los Endos / Slogans / Los Endos











































