The Dead Daisies – ein abgebrühtes Rock’n’Roll-Gelage in Padua und die triumphale Rückkehr von Doug Aldrich (2025)
The Dead Daisies (Vorbands: The Treatment, Broken Wings)
Sonntag, 9. 3. 2025
Padua / Hall / Italien
(für eine englische Version scrolle bitte nach unten)
The Dead Daisies, die Superrock-Sensation aus einem Quintett großer Helden des klassischen Hard Rock, haben unter der wachen und engagierten Führung ihres Bandchefs, des australischen Finanzmoguls und Gitarristen David Lowy, nach der erfolgreich absolvierten Europatour im letzten Herbst, auf der RockLine sie am 16. 11. 2024 im österreichischen Wien abgefangen hat, die Termine einer neuen, kürzeren Europatour für diesen März bestätigt. Die kam Slowenien dankenswerterweise ganz nah, nämlich am 9. März 2025, als die Band ihren Auftritt im italienischen Padua bestätigte, und zwar in der schlicht Hall genannten Venue (für uns – drei Besucher mit enormer Konzertkilometerzahl – war das eigentlich eine unbekannte Location, denn dort waren wir noch nie).
Es war genau der Tag, an dem nach einer Phase schöner Sonnentage das Wetter wieder anfing zu maulen und zu schmollen. Aber zum Glück funktioniert das Navi bei jedem Wetter, und wir parkten das Auto glücklich ganz in der Nähe der Venue im nordöstlichen Randbezirk des großen Padua, was uns (wie Cole von En X Bend sagen würde) an einem ’stillen, verregneten (Sonntag)‘ jede Menge Reiseenergie ersparte.
Während unseres gemütlichen Rituals der Ticketabholung spielte die italienische Rockband Broken Wings aus Udine bereits ihren dritten Song des kurzen, also halbstündigen Warm-up-Sets (daher die bescheidene Vertretung in der Fotogalerie unten). Die Venue mit der ziemlich hohen und tiefen Bühne strahlte zu diesem Zeitpunkt noch überwiegend Bescheidenheit in puncto Besucherzahl aus. Aber es war klar, dass sich der Laden in den kommenden Minuten fleißig füllen würde. Broken Wings servierten nichts, was man nicht schon gehört hätte. Es ist eine Hardrock-Band (als Inspiration dienten u. a. Bands wie AC/DC, Guns’N Roses, Mötley Crüe), die eine direkte Rock’n’Roll-Abgebrühtheit besitzt, einen leichten Schleier aus punkiger Aufmüpfigkeit und Lärm, und die sowohl von der Statur als auch vom Gesangsstil der abgebrühten und durchdringenden Sängerin Sabrina Coianiz (dem Nachnamen nach zu urteilen mit Wurzeln auf dem Balkan) her irgendwie für Partys mit grenzenlosem Saufen und Ausschweifungen auf Motorradtreffen gebaut ist. Das italienische Publikum kennt sie natürlich bestens und wirkte während des Auftritts weder besonders interessiert noch sonderlich gerührt, es ist ja schon gewohnt, was die Band live bietet. Die Band zog die Sache korrekt, souverän und durchaus anständig durch. Das Problem war vor allem klanglicher Natur: Die Gitarrenphrasen waren völlig ‚erstickt‘ und ‚undeutlich‘, und auch ein schriller Hall ‚fraß‘ an der ansonsten stark engagierten und hingebungsvollen Gesangsleistung der sympathischen Sabrina. Die im Dezember 2017 gegründete Band stellte Material des konzeptionellen Debüts „Against the Wind“ mit elf Songs vor, das sie Ende Juni 2022 veröffentlicht hat.
Eine ganz andere Nummer war die Ankunft der Band The Treatment aus dem englischen Cambridge. Das ist ein Hardrock-Quintett mit ordentlich Kilometern auf dem Tacho, das, bevor es 2008 zu The Treatment wurde, unter dem Namen God Sacks Man aktiv war. Nach Padua kam es mit dem neuen sechsten Studioalbum „Wake Up the Neighbourhood“ (erschienen im Mai 2024 unter dem Dach von Frontiers Music Srl.) im Gepäck. Das Quintett, das Ende Januar dieses Jahres einen neuen Bassisten namens Bailey Richardson in seine Reihen aufgenommen hat, lieferte eine durch und durch faszinierende und stolze Show. In der Rolle der Support-Band der gesamten The Dead Daisies-Tour bekamen sie während des ganzen Auftritts einen sehr guten Sound, weshalb diese Show umso mehr unter die Haut ging. Man spürt ziemlich viel Inspiration aus dem Erbe klassischer Veteranen des Rock’n’Roll wie AC/DC, Nazareth, Free, Thunder, doch zeitweise lassen sie in ihrem musikalischen Ausweis auch eine ordentliche Portion arenataugliche Eingängigkeit aufblitzen, wie sie für die Zeiten des Glam-Metal-Aufstiegs Ende der Achtziger typisch war (besonders perfekt packte der mittelschnelle, atmosphärische neue Song When Thunder and Lightning Strikes). The Treatment wirken auf der Bühne organisch, urwüchsig, rau, ungeschliffen, und deshalb packen ihre Riffs direkt zu und treten dir geradewegs vor die Stirn, dass es nur so kracht! Sie haben diese sprichwörtliche britische Düsternis und beschwören Mystik herauf, deshalb ist ihre Konzertintensität umso durchschlagender! Dazu haben sie ein spürbares Maß an musikalischer Ansteckungskraft, und wenn du ihnen auch noch einen guten Konzertsound gönnst, ist eine außergewöhnliche Party mit der Band unvermeidlich. Sie wirken klassisch, treten aber gleichzeitig mit außergewöhnlicher Intensität und Wucht. So lief ihre 40-minütige Show ab, die im Nu vorbei war. Die Band nutzte die weitläufige Bühne geschickt, vor allem die beiden feurigen Gitarristen, die während des Konzerts mehrmals jeweils die Seite tauschten. Intensiv. Und das trotz der Erkältung von Sänger Tom Rampton, der trotzdem phänomenal sang und bei dem sich eine leichte stimmliche Angeschlagenheit erst kurz vor Schluss einschlich, als er sich beim Publikum gentlemanlike (aber völlig unnötig) entschuldigte, dass er nicht in Topform singen könne. Tatsächlich merkte man davon bei dem extrem explosiven Auftritt dieser brillant eingespielten Truppe, die genau weiß, was ihre Bühnenaufgaben sind, nichts. Sie heizten das Publikum brillant an, und genau diese verdammte Energie ist es, wofür du zu einem echten Rock’n’Roll-Konzert gehst! The Treatment sind die Band, die uns beide schon von Anfang an nach Padua zog, denn wir hatten noch nie die Gelegenheit, sie live zu erleben. Sie wurden ihrem Ruf in jeder Hinsicht gerecht und haben ‚live alles plattgemacht‘ (sprich: das Beste geliefert). Die Band spielte alle drei Hits des neuen Albums, packte den neuen Song Man On A Wire dazu und lieferte im Rest je einen Track von den früheren Studioalben. Ohne Bremsen, ohne Nachlassen. ‚Volltreffer!‘ Eine Band, die ihr unbedingt ausprobieren müsst. So schnell wie möglich!
Die Stars des Abends, The Dead Daisies, hatten eine ordentliche Schar von Anhängern um sich versammelt. Es dürften an die sechshundert gewesen sein. Glühende. Die Besonderheit dieser Tour ist, dass der Stammgitarrist der Band, Doug Aldrich, ins Team zurückgekehrt ist. Auf der Herbsttour 2024 war in seine Schuhe der Winger- und Whitesnake-Großmeister der sechssaitigen Theorie Reb Beach geschlüpft, der tatsächlich die korrekteste Wahl als Aldrich-Ersatz war. Aldrich wurde nämlich im vergangenen Jahr mit Kehlkopfkrebs diagnostiziert. Für ihn ist alles gut ausgegangen, und der Mann ist so, zur großen Freude nicht nur der Fans von The Dead Daisies, sondern des Rock weltweit, wieder der gute alte Doug. Bereit für neue Heldentaten! Das ist ein Gitarrist, der als Figur für die globale Hardrock-Szene wichtiger ist, als er selbst denkt. Mit seinem Wirken der letzten zwei Jahrzehnte ist er zu einem wichtigen Baustein dafür geworden, die klassische Hardrock-Tradition wieder in den Fokus der Massen zu rücken. Zum ersten Mal zündete er im breiteren internationalen Raum bei Dio, dann explodierte er in allen Dimensionen bei Whitesnake, und nun ist er schon seit Jahren ein unersetzliches Glied der Band The Dead Daisies. Jeder, der ihm auf der Bühne zusieht und zu Hause irgendwie Gitarre übt, wäre gern eine Art Doug (mit einer ähnlichen goldenen Gibson LP in den Händen). Ansteckend in seiner Statur, seinen Bühnenposen – ein scharf gekleideter Musiker! Von außergewöhnlichem Talent, Wissen und Erfahrung.
Die Band lieferte genau das, wofür wir gekommen waren! Eine Stunde und drei Viertel außergewöhnliche Party. In der ersten Hälfte spielte sie vorwiegend Songs aus ihrem breiten Arsenal eigener Stücke, mit Schwerpunkt auf den neuen Tracks des Albums „Light ‚Em Up“ (2024, RockLine Rezension)! Die Energie von Ausschweifung, sorgloser Lockerheit und makelloser High-Octane-Spannung verschlang die Venue in feurigen Zungen. Und das Feuer löschten sie während der ganzen großartigen Show nur mit Benzin!
Zu den Besonderheiten des ersten Konzertteils zählen zwei Dinge. Die erneute Aufnahme von Love That Will Never Be. Das ist eine akustische Version in Solo-Regie von Sänger John Corabi. Die zweite Sache war With You And I, getragen vom Wah-Wah-Gequäke der ‚Talk Box‘ (in Regie des teuflischen Doug Aldrich), vom zweiten Studioalbum „Revolucion“ (2015). Tommy Klufetos gehörte ein eigener Programmpunkt des Trommel-Ohrfeigens, bei dem wir uns fragten, wie das Drumkit diesen Ansturm an zerstörerischer Tonnage seiner Ohrfeigen überhaupt aushalten kann. ‚Klofutos‘ Klufetos. Makellos.
Corabi, der die ganze Zeit für eine prima Stimmung in der Halle sorgte (u. a. mit dem obligatorischen Zeigen der Teufelshörner ans Publikum), verkündete in einer längeren Ansprache, dass The Dead Daisies im kommenden Mai ein striktes Bluesalbum mit einem Sack voll Coverversionen großer Bluesklassiker raushauen wollen. So ersetzten Robert Johnsons Crossroads und Freddy Kings Goin‘ Down in der Setlist Muddy Waters‘ I’m Ready von der letzten Tour. Abgesägt in striktester Manier von Charakter und Werk der The Dead Daisies. In der Manier strikter Rock-Explosivität. Eine Besonderheit des zweiten Teils war die Einbindung von Get a Hair-cut (Original: Don’t Panic), bei dem Bandchef David Lowy den Leadgesang übernahm. Seine dünnere, leicht nasale Stimme, die eher in irgendeine Punkrock-Band gehören würde, wurde von Bassist Michael Devin mit seiner Gesangskraft ausgezeichnet abgedeckt, für den das ein gewohntes Ritual war, das er sich zu seiner Zeit bei Whitesnake bis ins Detail antrainiert hatte, wo er auf ähnliche Weise einen anderen David aus dem Gesangsbrei zog, bei dem man schwerer ein Auge zudrücken konnte als bei Lowy. Auf der anderen Seite erledigte die ‚Klangsirene für Panikalarm‘ – John Corabi natürlich – alle seine Pflichten mit großer Auszeichnung!
Hier gab es die etablierten Klassiker, die unverzichtbar sind und die perfekt zünden und die Hitze des Publikums auch im letzten Drittel der Show auf höchstem Niveau halten. Es beginnt immer mit Fortunate Son, endet mit Midnight Moses, und dazwischen packen sie auch den eigenen Song Mexico! Die Reaktionen sind außergewöhnlich! Immer. Auch diesmal war es nicht anders! Allen voran die abschließenden Revolucion und die Adaption des The-Beatles-Klassikers Helter Skelter, ein ‚Paradebeispiel‘, sage ich, für die ganze weitere Entwicklung des Heavy Metal.
The Dead Daisies bleiben unzerstörbar. Als Truppe von fünf außergewöhnlichen Musikern, die eine unversiegbare Herzenszugehörigkeit zur Magie von Rock’n’Roll sowie ein unaufhaltsamer kreativer wie auch spielerischer Enthusiasmus verbindet. Doug Aldrich hat ein paar Kilo verloren, sein Gitarrenspiel und seine Interpretation sind aber nach wie vor auf furchteinflößendem Niveau, wobei sein gitarristischer Charakter im Umgang mit allem, was er anpackt, geradezu atemberaubend wirkt. Er bleibt so, wie er immer war. Willkommen zurück unter uns, lieber Doug.
Die Magie bleibt! The Dead Daisies sind ein überaus wichtiger Baustein der internationalen Hardrock-Szene, der den Fokus der Massen zurück in die klassischen Zeiten dieses Genres lenkt und dazu beiträgt, dass seine Flamme intensiv brennt, auch in Zeiten, in denen die Gefahr besteht, dass es ein archaisches Vorzeichen bekommt. The Dead Daisies sind eine Formation, die dafür sorgt, dass das klassische Erbe des Hard Rock stets aktuell bleibt. Eine Mission, derer sich die Band selbst vielleicht nicht einmal ganz bewusst ist. Und auf der Bühne bleiben sie fantastisch. In allem. Auch in puncto Hallenakustik, um die sich ihr Technik-Team bemüht hat und die eine zusätzliche Garantie für den großen Konzertgenuss war, von dem wir uns wünschten, dass er nie endet! Aber so laufen die Dinge. Alles hat ein Ende. Doch Achtung. Die Band wird bald neue Konzerttermine bestätigen. Für den Herbst 2025. Wir können es kaum erwarten!
Autor: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Englische Version:
The Dead Daisies, die Superrock-Sensation aus einem Quintett klassischer Hardrock-Helden, haben unter der wachen und engagierten Führung des Bandchefs, des australischen Gitarristen David Lowy, nach einer erfolgreichen Europatour im letzten Herbst unsere Gegend besucht. (Rockline-Bericht vom 16. 11. 2024 hier). Die Termine einer neuen, kürzeren Europatour wurden für diesen März bestätigt, die Slowenien dankenswerterweise nahekam, nämlich am 9. März 2025, als die Band ihren Auftritt im italienischen Padua bestätigte, in einer schlicht Hall genannten Venue. Die Venue war uns tatsächlich unbekannt – drei Konzertgänger mit enormer Kilometerleistung, denn dort waren wir noch nie.
Es war der Tag, an dem nach einer Phase schöner Sonnentage das Wetter wieder umzuschlagen begann. Aber zum Glück funktioniert das Navi bei jedem Wetter, und wir parkten das Auto glücklich in unmittelbarer Nähe der Venue, die im nordöstlichen Teil der schönen Stadt Padua liegt.
Während unseres Rituals der Ticketabholung spielte die italienische Rockband Broken Wings aus Udine bereits den dritten Song ihres kurzen, also halbstündigen Warm-up-Sets (daher die bescheidene Vertretung in der Fotogalerie unten). Die Venue strahlte zu diesem Zeitpunkt noch die vorherrschende Bescheidenheit des Besucherandrangs aus. Aber es war klar, dass sich der Laden in den kommenden Minuten füllen würde. Broken Wings servierten nichts, was wir nicht schon gehört hätten. Sie sind eine Hardrock-Band, inspiriert u. a. von Bands wie AC/DC, Guns’N Roses oder Mötley Crüe. Trotzdem haben sie einen geradlinigen Rock’n’Roll-Swagger, einen leichten Schleier aus krachender Punk-Rebellion und den Gesangsstil von Sabrina Coianiz, einer lebhaften und durchdringenden Sängerin mit Wurzeln auf dem Balkan, dem Nachnamen nach zu urteilen. Ihre Musik ist gebaut für Partys mit endlosem Saufen und wildem Treiben auf Motorradtreffen.
Das italienische Publikum kennt sie natürlich gut und war während des Auftritts nicht allzu interessiert oder bewegt. Die Band zog ihre Musik korrekt, souverän und in jeder Hinsicht anständig durch. Das Problem war hauptsächlich klanglicher Natur, denn die Gitarrenphrasen waren völlig verwaschen und undeutlich, und auch der schrille Hall der ansonsten stark engagierten und hingebungsvollen Gesangsleistung der sympathischen Sabrina war ein Problem. Die im Dezember 2017 gegründete Band stellte Material ihres konzeptionellen Debütalbums Against the Wind mit elf Tracks vor, das Ende Juni 2022 erschien.
Aber die Ankunft von The Treatment aus Cambridge war eine ganz andere Geschichte. Das ist ein Hardrock-Quintett mit ordentlich Kilometern auf dem Tacho, das, bevor es 2008 zu The Treatment wurde, als God Sacks Man bekannt war. Es kam mit dem neuen sechsten Studioalbum Wake Up the Neighbourhood, erschienen im Mai 2024 über das Label Frontiers Music Srl., nach Padua. Das Quintett hat im Januar dieses Jahres einen neuen Bassisten namens Bailey Richardson in seine Reihen aufgenommen. Die Jungs lieferten eine faszinierende und mitreißende Show. In ihrer Rolle als Support-Band der gesamten The Dead Daisies-Tour kamen sie während der ganzen Show in den Genuss eines sehr guten Sounds, was uns Gänsehaut bescherte. Es steckt ziemlich viel Inspiration aus dem Erbe klassischer Rock’n’Roll-Veteranen wie AC/DC, Nazareth, Free und Thunder drin, aber zeitweise liefern sie auch eine ordentliche Portion arenataugliche Dekadenz, wie sie für die Blütezeit des Glam Metal Ende der 80er typisch war (besonders perfekt: der mittelschnelle, atmosphärische neue Track When Thunder and Lightning Strikes).
The Treatment sind auf der Bühne organisch, urwüchsig, kantig, ungeschliffen, und deshalb treten dir ihre Riffs direkt vor die Stirn! Sie haben diese sprichwörtliche britische Düsternis und beschwören Mystik herauf, was ihre Konzertintensität umso durchschlagender macht! Dazu haben sie ein spürbares Maß an musikalischer Ansteckungskraft, und wenn du ihnen einen guten Bühnensound gibst, ist eine großartige Party mit der Band unvermeidlich.
Sie wirken klassisch und treten gleichzeitig mit großer Intensität und Wucht. Ihr 40-minütiger Auftritt war im Nu vorbei. Die Band nutzte die weitläufige Bühne geschickt, vor allem die beiden knisternden Gitarristen, die während des Sets mehrmals die Seiten tauschten. Intensiv, und das trotz der Erkältung von Sänger Tom Rampton, der phänomenal sang. Seine leichte stimmliche Angeschlagenheit schlich sich erst kurz vor Schluss ein, als er sich gentlemanlike (aber völlig unnötig) beim Publikum dafür entschuldigte, nicht in Topform singen zu können.
Tatsächlich merkte man davon bei dem hochexplosiven Auftritt dieser brillant eingespielten Truppe, die genau weiß, was ihre Bühnenaufgaben sind, nichts. Sie heizten das Publikum brillant an, und genau diese höllische Energie ist es, wofür du zu einem echten Rock’n’Roll-Konzert gehst! The Treatment sind die Band, die uns von Anfang an nach Padua gezogen hat, denn wir hatten noch nie die Gelegenheit, sie live zu erleben. Die Band spielte alle drei Hits des neuen Albums, packte den neuen Man On A Wire dazu und brachte im Rest des Sets je einen Song von den früheren Studioalben. Keine Bremsen, kein Nachlassen. Eine Band, die ihr unbedingt ausprobieren müsst. Und zwar bald!
Die Stars des Abends, The Dead Daisies, versammelten eine ergebene Schar von Anhängern. Es waren etwa sechshundert. Die Besonderheit dieser Tour ist, dass der Stammgitarrist der Band, Doug Aldrich, wieder im Line-up ist. Auf der Herbsttour 2024 sprang der Winger- und Whitesnake-Großmeister der sechssaitigen Theorie Reb Beach in seine Fußstapfen, was tatsächlich die beste Wahl als Aldrich-Ersatz war, denn Aldrich wurde im letzten Jahr mit Kehlkopfkrebs diagnostiziert. Für ihn ist alles gut ausgegangen, und der Mann ist wieder der gute alte Doug, zur großen Freude nicht nur der Fans von The Dead Daisies, sondern des Rock weltweit. Er ist ein Gitarrist, der für die globale Hardrock-Szene wichtiger ist, als er selbst denkt. Mit seiner Arbeit der letzten zwei Jahrzehnte ist er zu einem wichtigen Baustein dafür geworden, die klassische Hardrock-Tradition wieder in den Fokus der Massen zu rücken.
Zuerst brach er mit Dio auf der internationalen Bühne durch, explodierte dann auf ganzer Linie bei Whitesnake und ist seit vielen Jahren ein unverkennbares Mitglied von The Dead Daisies. Jeder, der ihm auf der Bühne zusieht und zu Hause Gitarre übt, wäre gern sein eigener Doug mit einer ähnlichen goldenen Gibson Les Paul in den Händen. Douglas ist ansteckend in seiner Statur und ein scharf gekleideter Musiker mit außergewöhnlichem Talent, Wissen und Erfahrung.
Die Band lieferte genau das, wofür wir gekommen waren! Eine Stunde und drei Viertel großartige Party. In der ersten Hälfte spielte die Band vorwiegend Tracks aus ihrem breiten Arsenal eigener Kompositionen, mit Schwerpunkt auf den neuen Songs des Albums „Light ‚Em Up“ (2024, RockLine Rezension)! Die Energie von Ausschweifung, sorgloser Lockerheit und makelloser High-Octane-Spannung verschlang die Venue in feurigen Zungen. Und das Feuer löschten sie während der ganzen großartigen Show nur mit frischem Benzin!
Zwei Besonderheiten des ersten Konzertteils waren die Wiederaufnahme von Love That Will Never Be. Es war eine akustische Soloversion von Sänger John Corabi. Die zweite war With You And I mit Wah-Wah-‚Talk-Box‘-Cruise des mörderischen Doug Aldrich, vom zweiten Studioalbum ‚Revolucion‘ (2015). Tommy Clufetos bekam einen eigenen Part zum Drum-Ohrfeigen, und wir fragten uns, wie das Drumkit diesem Ansturm an zerstörerischer Tonnage seiner Schläge überhaupt standhalten kann. Klofuta heißt auf Slowenisch Ohrfeige – für uns wurde er also zu Klofutos! Ein wirklich makelloser Auftritt!
Corabi, der für eine großartige Stimmung in der Halle sorgte (unter anderem, indem er dem Publikum die obligatorischen Teufelshörner zeigte), kündigte an, dass The Dead Daisies im kommenden Mai ein striktes Bluesalbum mit einigen Coverversionen großer Bluesklassiker veröffentlichen wollen. So wurde Muddy Waters‘ I’m Ready von der letzten Tour in der Setlist durch Robert Johnsons Crossroads und Freddy Kings Goin‘ Down ersetzt. Ihre Version blieb ganz in der strikten Manier von Charakter und Werk der The Dead Daisies, voller Rock-Explosivität.
Eine Besonderheit des zweiten Teils war die Einbindung von Get a Hair-cut (Original: Don’t Panic) mit David Lowy am Leadgesang. Seine dünne, leicht nasale Stimme, die eher in eine Punkrock-Band gehören würde, wurde von der Gesangskraft von Bassist Michael Devin perfekt aufgefangen, für den das ein gewohntes Ritual war, das er sich zu seiner Zeit bei Whitesnake perfektioniert hatte. Dort zog er auf ähnliche Weise einen anderen David aus dem Gesangsbrei, nämlich Coverdale. Auf der anderen Seite erledigte die ‚Alarmsirene‘ – John Corabi natürlich – alle seine Pflichten mit großer Auszeichnung!
Es gab die etablierten Klassiker, die unverzichtbar sind und die das Publikum perfekt anheizen und seine Hitze auch im letzten Drittel der Show auf höchstem Niveau halten. Es beginnt immer mit Fortunate Son, endet mit Midnight Moses, und dazwischen schieben sie den eigenen Song Mexico ein! Das Feedback war gewaltig, wie immer. Diesmal war es nicht anders! Angeführt vom abschließenden Revolucion und der Adaption des The-Beatles-Klassikers Helter Skelter, einem echten Grundstein für die gesamte weitere Entwicklung des Heavy Metal.
The Dead Daisies bleiben kugelsicher. Sie sind ein Haufen von fünf außergewöhnlichen Musikern, vereint durch eine unerschütterliche, herzliche Hingabe an die Magie von Rock’n’Roll. Sie haben einen unaufhaltsamen Enthusiasmus für Kreativität und Performance. Doug Aldrich hat ein paar Pfund verloren, aber sein Gitarrenspiel und seine Interpretation sind nach wie vor auf furchteinflößendem Niveau, und sein gitarristischer Zugang zu allem, was er tut, ist absolut atemberaubend. Er bleibt, wie er schon immer war. Willkommen zurück im Schoß der Familie, lieber Doug.
Die Magie bleibt! The Dead Daisies sind ein überaus wichtiger Baustein der internationalen Hardrock-Szene, der die Massen zurück in die klassischen Zeiten des Genres führt und dazu beiträgt, dass seine Flamme intensiv brennt, auch in Zeiten, in denen die Gefahr besteht, dass es archaisch wird. The Dead Daisies sind eine Formation, die dafür sorgt, dass das klassische Erbe des Hard Rock stets aktuell bleibt. Eine Mission, derer sich die Band selbst vielleicht nicht einmal ganz bewusst ist. Und auf der Bühne bleiben sie in allem fantastisch. Die Akustik, um die sich ihr Technik-Team nach Kräften bemüht hat, war eine zusätzliche Garantie für einen großartigen Konzertgenuss, von dem wir uns wünschten, dass er nie endet! Aber so laufen die Dinge. Alles hat ein Ende. Doch Achtung – die Band wird bald neue Konzerttermine für den Herbst 2025 bestätigen. Wir können es kaum erwarten!
The Treatment – Setlist:
1. Let’s Wake Up This Town
2. Let It Begin
3. Eyes on You
4. Man on a Highwire
5. When Thunder and Lightning Strikes
6. This Fire Still Burns
7. Bite Back
8. Running With the Dogs
9. Shake the Mountain
The Dead Daisies – Setlist:
1. Long Way to Go
2. Rise Up Play
3. Dead and Gone
4. Last Time I Saw the Sun
5. Light ‚Em Up
6. Bustle and Flow
7. Drum Solo
8. Love That’ll Never Be (akustische Version, solo von John Corabi)
9. With You and I
10. I’m Gonna Ride
11. Take a Long Line (orig. The Angels)
12. Highway to Hell / Living After Midnight / Heaven and Hell / Seven Nation Army / Whole Lotta Love (mit Vorstellung der Bandmitglieder)
13. Crossroads (orig. Robert Johnson)
14. Goin‘ Down (orig. Freddie King)
15. Fortunate Son (orig. Creedence Clearwater Revival)
16. Get a Hair-cut (orig. Don’t Panic, David Lowy am Leadgesang)
17. Mexico
18. Midnight Moses (orig. The Sensational Alex Harvey Band)
—Zugabe—
19. Resurrected
20. Helter Skelter (orig. The Beatles)
















































