Bridear – sensationelles Frauen-Quintett und Inbegriff großen japanischen Fleißes (2017)
Bridear
20. 2. 2017
Ljubljana / Orto bar / Slowenien
Bridear, das japanische All-Frauen-Metal-Quintett, gegründet 2011 in Fukuoka, machte auf seiner Europatournee auch in der slowenischen Hauptstadt Station. Die Mädels kamen, um ihr erstes Studioalbum „Baryte“ vorzustellen, das im vergangenen Jahr erschienen ist.
Japanische Musiker waren schon immer bekannt für die Eigenheiten ihrer musikalischen Wahrnehmung und das daraus resultierende »Skurrile« in der Expression musikalischer Kunst – schon allein deshalb galten Besuche ihrer Konzerte stets als überaus reizvoll. Die Mädels bei Bridear sind auf den ersten Blick kaum volljährig wirkende junge Damen, die musikalisch gesehen eigentlich nichts besonders Ausgefallenes bieten. Aber wenn man ihr junges Alter und die Tatsache, dass sie Frauen sind, mit einrechnet, bekommt ihr Opus eine ganz andere Dimension. Generell kann man der Band nur den Hut ziehen, wenn sie einen während des Auftritts überzeugen und mitreißen.
Dieser Besuch im Orto bar war schlicht toll. Keine Vorband, kein großer Energieaufwand beim Warten auf den Headliner, keine Erwartungen. Ich hatte ehrlich gesagt Angst, dass das Konzert halb leer sein würde. Weit gefehlt. Mindestens hundert Leute hatten sich im kleinen, also im oberen Saal des Orto bar versammelt. Man glaubt es kaum. Gesichter, die man bei Metalkonzerten in Slowenien sonst kaum sieht. Also? Ja. Japanischstudenten und ihre Freunde. Als die Mädels um halb elf abends ihre Positionen einnahmen, rückte das Publikum von hinten direkt bis an die Bühnenkante vor. Kaum hatten die aufgeweckten jungen Damen ihre Maschinen angeworfen, ging der Wahnsinn los. Echter Wahnsinn. Die Energie im Orto bar war großartig. Die Leute reagierten lautstark, und mindestens die Hälfte der Besucher hat sich während des Konzerts ordentlich ausgetobt.
Und Bridear? Abgesehen von Bassistin Haru kamen sie nicht im Brautkleid-Look, wie man es nach den Konzertvideos erwartet hätte. Sie beschenkten das Publikum mit einem Hagel von Lächeln, bei dem jede amerikanische Schauspielschule kläglich versagt hätte. Egal, dass die Mischung aus Power Metal und Metalcore irgendwie vorhersehbar wirkte – die Mädels haben mit dem, was sie zeigten, schlicht umgehauen. Die Kompositionen sind, angesichts der Tatsache, dass sie aus der weiblichen Welt der Phantasie stammen, alles andere als leicht. Sie bestehen aus mehreren Leitmotiven, verschiedenen rhythmischen Schlüsseln, mehreren Melodielinien. Sie enthalten ausgearbeitete Intro- und Outroteile. Ebenso verblüffend war die Geschwindigkeit, die sie in den Songs entwickeln. Ultraschall pur – von Geburt an! Beide Gitarristinnen, Mitsuru und Misa, sind gleichwertig in den Soli, wo die Finger federleicht über die Gitarrenhälse rasen, und die beiden feuern extrem schnelle solistische Passagen so bravourös raus, dass sie locker als Vorbild für so manchen slowenischen Gitarristen dienen können, der ewig die Spieltechnik von Albert Einstein studiert.
Also ein neoklassizistischer Ansatz in der Gitarrenschule, nah an der schwedischen Schule. Es wird sofort klar, warum Y.J. Malmsteen, Chris Impelliterri und Paul Gilbert in Japan seit jeher unglaublich populäre Gitarren-Ikonen sind. Japaner haben schon immer technische Perfektion gepaart mit höllischer Geschwindigkeit sehr hoch geschätzt. Schau dir nur den japanischen Gitarristen der jüngeren Generation namens Syu an, seine letzten Soloplatten, das Projekt Animetal und/oder die Alben seiner Band Galneryus. Dir wird schwindelig werden bei der höllischen Geschwindigkeit der Informationen, die im gespielten Material stecken. Die Gitarrenpassagen in Terzen bei Bridear haben natürlich manchmal auch Anklänge an Iron Maiden, gleichzeitig ist die Kreuzung dieser Old-School-Metal-Gewohnheiten mit modernen Mitteln, die Richtung Metalcore-Sound tendieren, interessant. Das gilt besonders für den Einbau von Passagen voller »Breakdowns«, gespielt auf den oberen drei Saiten in tieferer, röhrender Stimmung, und gesenkten Basslinien. Eine unglaubliche Mischung aus Alt und Neu. Das alles wurde von der großartigen Kai am Schlagzeug ausgefüllt – besonders beeindruckend war ihr Einsatz des Doppelbassdrum-Pedals, mit dem sie den vorhandenen Raum in den Songs füllte.
Gesanglich ist Sängerin Kimi ein Phänomen. Auch was die Frage angeht, ob man sie überhaupt ernst nehmen kann oder nicht. Ich weiß nicht, ob irgendjemand im Club an diesem Abend begriffen hat, in welcher Sprache sie singt. Die Songtitel sind zwar auf Englisch geschrieben, aber wenn das Mädel singt, bist du dir nicht sicher, welche Sprache sie verwendet. Weder Japanisch noch Englisch. Wahrscheinlich »japonisiertes« Englisch. Radikal zurechtgebogen. Die unglaublich sympathische Sängerin hat ein paarmal mit extremen Höhen an der Grenze zur durchdringenden, sinusoidalen Pfeiftönen beinahe die Trommelfelle der Anwesenden durchlöchert. Gitarristin Misa mit Growls und Bassistin Haru unterstützten sie stimmlich.
Auch die Bühnennutzung ist erstklassig. Die Mädels sind unglaublich dynamisch. Kniebeugen in alle Richtungen. Beide Gitarristinnen nehmen die Mittelposition ein, sobald sie in Terzen spielen, ebenso nehmen sie zentrale Positionen ein, wenn sie solieren. Dabei können sie sich auch mehrere »lead break«-Passagen gegenseitig zuspielen. Wie gesagt. In allem, was du siehst und hörst, wenn du Bridear schaust, steckt ein ungeheures Maß an Schufterei, Schufterei und nochmals Schufterei – was einzig beweist, wie fleißig die Japaner als Volk sind. Was Bridear anpacken, setzen sie mit unglaublichem Einsatz, Herzblut und Feuer um. Die Mädels haben beim Spielen sichtlich in vollen Zügen genossen. Das war sonnenklar.
Das Konzert war in einer Stunde und zehn Minuten vorbei. Wie im Flug. Niemand hatte irgendetwas zu meckern (vielleicht nur wegen des dumpfen Gitarrensounds im ersten Drittel des Konzerts), sondern nur das Gefühl der Anerkennung für die gezeigte Unnachgiebigkeit auf der Bühne und die unglaublich lebendige Darbietung, gewürzt mit einem hervorragenden Schuss kreativer Phantasie, Perfektionismus und technisch ausgefeilter Verfeinerung. Für die allgemeine musikalisch-kreative Reichweite der Frauenwelt sind Bridear wirklich eine einzigartige Attraktion und ein durch und durch beneidenswertes Phänomen, das ihr unbedingt mindestens einmal im Leben auf einer Konzertbühne erleben müsst. Fünf absolute »Zuckerstücke«, die aus den Tiefen ihrer Seelen den wahren Konzertdämon heraufbeschwören!
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Klemen Udovč



































