Yngwie Malmsteen – monströse Raserei des neoklassischen Donner-Metals in Udine (2024)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2024
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Yngwie Malmsteen
Dienstag, 25. 6. 2024, von 21.30 bis 23.30 Uhr
Udine / Castello Di Udine / Italien


Yngwie Malmsteen nimmt im Universum von Heavy Metal und Hard Rock eine ganz eigene Stellung ein. Nach all den Jahren, die er in seiner Karriere angehäuft hat, braucht er keine lange Einleitung. Zwischen 1984 und 2021 hat er 22 Studioalben veröffentlicht, und schon mit seinem Debüt „Rising Force“ wurde dieser sensationelle Musiker zu einem der Hauptverantwortlichen, der mit dem Start seiner Solokarriere Mitte der Achtziger die Welt des Gitarrenspiels zusätzlich auf den Kopf gestellt hat. Die Verschmelzung von Metal und klassischer Musik ist sein ‚Einmaleins‘, seine künstlerische Startbahn, die ihn auf den Thron einer der größten Inspirationsquellen für Generationen von Musikern katapultiert hat, die seinen enteilenden Geschwindigkeiten von oft unvorstellbaren Dimensionen folgten. Barock and Roll! In einem Stück. Echter geht’s nicht. Er war eben der Erste. Der Erste, dem es gelungen ist.

Yngwies Konzerte in Europa sind in den letzten Jahren zur echten Rarität geworden. Erst recht, wenn es um Besuche in unserer Region geht. Eigentlich hat die Bestätigung seines Konzerts so gut wie automatisch einen unterbewussten Zwang ausgelöst: Du musst dabei sein. Punkt. Erst recht, wenn du die Verzerrung nach dem Rezept von Bach & Paganini liebst. An dem Tag, an dem ganz Slowenien den Engländern beibrachte, wie man Fußball spielt, spielte Yngwie also an der Front des Udiner Schlosses. Gleichzeitig!

Gegen halb zehn abends taucht von links ein großer weißer Audi der Q-Reihe auf. Er schießt in einer scharfen Linkskurve heran und parkt direkt neben dem Eingang zur Bühne (auf der linken Seite der Bühne – aus Richtung der Schlossfassade gesehen). Der Maestro ist eingetroffen. Keine zwei Minuten später erscheinen drei Legionäre seiner aktuellen Begleitband auf der Bühne: Keyboarder Nick Marin (bürgerlich Željko Marinović), Bassist Emilio Martinez und Schlagzeuger Kevin Klingenschmid. Einen Moment später weht er entlang der mächtigen Wand aus Marshall-Boxen herein – der eine und einzige. Yngwie. Als hätte die Zeit angehalten. Was du siehst, das kriegst du. Das gleiche Outfit. Der stattliche Schwede, der gut an die zwei Meter rankommt, bleibt mit Schmuck behangen und klingelnd, trägt nach wie vor das dunkle Seidenhemd mit den barock gerüschten Ärmeln, enge Lederhosen, spitz zulaufende Stiefel. Auch die Armbanduhr fehlt nicht (am rechten Handgelenk, wie eine süße Erinnerung an eine längst vergangene Zeit ohne ‚digitalen Irrsinn‘). Ein echter Ritter, ein Krieger, der unerschütterlich durch die Zeit reist und von seinen Grundsätzen und Postulaten nicht abweicht. Allein sein Auftritt auf der Bühne könnte in den Augen der meist ’schlecht angezogenen‘ Millennials, die sich mit Harlem-Jogginghosen und Caps zufriedengeben und überwiegend ‚im Ozean aus Halbtongehacke und Powerchords verloren‘ sind, gezeigt haben, was Metal einst wirklich war und wer der oberste Zauberer der dunklen Hallen und Weiten des barocken Glam Metal ist! Die Zeit hat also angehalten. Zumindest für zwei Stunden.

Der Eröffnungsteil hat das Publikum sofort auf die Beine gebracht. Der Klassiker Rising Force und danach I’ll See The Light, Tonight aus den Anfangsjahren der Karriere. Sofort drängten sich alle an die Bühne. Sitzplätze vergessen. Für die nächsten zwei Stunden. Man spürte die Euphorie und irgendwie auch das Bewusstsein, dass Yngwie auf den Bühnen des alten Kontinents wirklich sehr vermisst worden war. Der Mann ist und bleibt eine Institution in allem, was er ist. Er hält sich glänzend. Was Bühnenagilität, Lebhaftigkeit und Theatralik angeht. Dabei bewahrt seine präzise Feinmechanik den ganzen Sprengstoff und die Energie, durch die er sofort in den Achtzigern berühmt geworden ist. Auch im Jahr 2024.

Yngwie hat an diesem Abend wirklich mit voller Kraft auf der Bühne eingeschlagen. Er hat es genossen. Das war zu spüren. Er war bestens aufgelegt und hat so ein unvergessliches Erlebnis von sagenhaften zwei Stunden geboten. Der MG-Schütze des unversieglichen Arpeggio-Wahnsinns bremst seine Leidenschaften nicht. Deshalb hat dieses Konzert noch kräftiger gepackt. Beim wahren Hagel an Plektren, für den er volle zwei Stunden gesorgt hat (offensichtlich hatten die Meteorologen mit ihrer Regenvorhersage den Yngwie-Hagel aus weißen Dunlop-Plektren im Sinn – genau die gleichen verwendet sein Landsmann John Norum von Europe). Yngwie redet bei seinen Auftritten nicht viel. Er kommuniziert mit Plektren. Beim theatralischen ‚Rauswerfen im Torwart-Stil‘ ist das Schmeißen von Plektren fast schon sein bedingter Reflex. Die Ferrari-Aufkleber auf dem Stratocaster bleiben nach wie vor drauf, und Malmsteen bleibt ein exzellenter Gitarren-Fänger, wann immer er sie mehrere Meter senkrecht in die Luft schickt oder unaufhaltsam um seine Hüfte dreht.

Neben der Präsentation seines neuesten Albums „Parabellum“ (2021) hat Yngwie die verfügbare Zeit optimal genutzt für eine Reise durch das Rondo seiner Solokarriere – und dabei natürlich auch jene Momente eingeschlossen, die ihn auf den Thron des Königs des neoklassischen Metals gehoben haben. Vom Debüt „Rising Force“ (Now Your Ships Are Burned, Evil Eye, als Abschluss Black Star) über den berühmten Klassiker „Trilogy“ (er spielte einen Teil von Vengeance) und den Titelsong des Albums „The Seventh Sun“ bis hin zum gekürzten Heaven Tonight aus „Odyssey“ – mit dem er auf Express-Wege noch einmal auf die Bühne zurückkehrte für die zweite Zugabe! Er ließ dem Publikum keine Luft zum Atmen. Nicht mal in den weniger zentralen Teilen des Konzerts, als er sich etwa des Deep-Purple-Standards Smoke On The Water und der ‚mittlerweile zur Volksmelodie gewordenen‘ Red House von Hendrix annahm – ohnehin feste Bestandteile seiner Konzerte. Dem rasenden Gleiten auf den gewaltigen, aufgewühlt schäumenden Wellen der Ozeane aus Notenlinien war weder Ende noch Grenze in Sicht!

Im großen Finale kehrt der legendäre Gitarrist auf die Bühne zurück. Diesmal allerdings mit seiner berühmten weißen halbakustischen ‚Ovation Viper‘, die er durchgehend verwendet. In fünf Minuten magischen Spiels konnte man sich erneut davon überzeugen, mit welcher federnden Leichtigkeit Yngwies Finger fliegen – der Kerl hat jedenfalls wieder ein bisschen Bach eingebaut (einen Teil der berühmten Ouvertüre Nr. 3 in D-Dur – ‚Air‘). Als das Publikum, zusammengedrängt und gepfercht vor der Bühne, zum letzten Mal ordentlich ‚aufgekocht‘ war, zündete er es noch einmal vollends durch! Mit den Klassikern Black Star und für die zweite Zugabe Heaven Tonight (in der gekürzten Version). In all seiner ungezügelten Pracht! So wie es sich für mit Metal durchtränkten Barock gehört!

Also? Ja. In jeder Hinsicht bleibt Malmsteen verblüffend. Unerschütterlich. Ein Unikat. Atemraubend. Auch wenn man die ‚löchrigen‘ Vocals von ihm selbst wie auch von seinem Kollegen Marin beiseitelässt. Damit das Konzert wirklich makellos wäre, bräuchte Malmsteen einen richtigen Sänger. Aber wenn man all die Reisekosten, Gagen usw. dazurechnet… muss man eben in den sauren Apfel beißen und sich mit ‚Bescheidenheit‘ abfinden. Die Zeiten für Rock und Metal sind längst nicht mehr dieselben wie noch vor 15 Jahren, als zum Beispiel Tim ‚Ripper‘ Owens mit Malmsteen über die Bühne jagen konnte. Das ist also die einzige Anmerkung – seitens des ‚Purismus‘, aber wie gesagt. Malmsteen, mit seiner ganzen Erscheinungscharisma und dem unübertroffenen Handwerk des einzigartigen Gitarrenakrobaten, ‚überdeckt‘ das alles und liefert auf der Bühne volles Programm! Immer noch!

Autoren: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
1. Rising Force
2. I’ll See The Light, Tonight
3. Top Down, Foot Down / No Rest for the Wicked
4. Soldier
5. Into Valhalla / Baroque & Roll
6. Like an Angel (For April)
7. Relentless Fury
8. Now Your Ships Are Burned
9. Wolves at the Door
10. (Si Vis Pacem) Parabellum
11. As Above, So Below
12. Badinerie (orig. Johann Sebastian Bach)
13. Paganini’s 4th / Adagio (orig. Niccolò Paganini)
14. Far Beyond the Sun
15. Seventh Sign
16. Toccata
17. Evil Eye
18. Smoke on the Water (orig. Deep Purple)
19. Trilogy (Vengeance)
20. Guitar Solo
21. Red House (orig. Jimi Hendrix Experience)
22. Fugue
23. Drum Solo
24. You Don’t Remember, I’ll Never Forget
—Zugabe I.—
25. Black Star
—Zugabe II.—
26. Heaven Tonight


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