Atheist und Cryptopsy – unbestrittene doppelte Blasphemie mitten in Venetien (2024)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2024
0 255

Auftretende: Almost Dead, Monastery, Atheist, Cryptopsy
Datum: Freitag, 8. 3. 2024
Ort: San Dona Di Piave / Revolver Club / Italien


Lang war das diesjährige Warten auf die erste Konzertexpedition von wild scheppernder Natur. Genauer gesagt jener Natur, bei der die Urgewalten des Death-Metal-Messdienstes auffahren. Am besten ein bisschen „desorientiert“, aber verdammt nochmal präzise desorientiert gespielt. Die Phalanx Atheist, Cryptopsy und Almost Dead. Also zwei legendäre Bands aus dem Feld des Extreme Metal sowie neuere Träger der Groove/Thrash-Metal- und Hardcore-Fahne. Damit das Maß voll würde, wurde für die erste Konzertreihe noch eine weitere Vorband bestätigt. Unglaublich. Die ungarischen Extreme-Metal-Veteranen Monastery, die nicht weniger lange auf der Szene sind als die beiden Hauptacts der Tour, also Atheist und Cryptopsy.

Angesichts des neuen Wohnorts des Schreibers dieser Zeilen wird Italien immer relevanter für Konzertbesuche. Vor allem wenn von Venetien und Friaul-Julisch Venetien die Rede ist. Und auch diese Konzertphalanx durchquerte wieder das Transitland Slowenien. Sie machte Halt in Graz (Explosiv), Zagreb (Močvara) und, wie gesagt, unserem Zielort, dem venezianischen Ort San Dona Di Piave, genauer gesagt in dortigen Industriegebiet, wo sich der Revolver Club befindet.

Die erste Band, nämlich Almost Dead, betrat die Bühne bereits um halb acht abends. Im ersten Teil dieses Konzertabends wirkte das Venue so, als könntest du dich während des Konzerts nach Belieben frei zwischen einer Handvoll Besuchern bewegen. Doch später stellte sich heraus, dass dem bei Weitem nicht so war. Almost Dead sind ein kalifornisches Bay-Area-Thrash-Metal-, Groove-Metal- und Hardcore-Quartett, gegründet 2002 in der Stadt Martinez. Derzeit stehen sie beim Label Innerstrength Records unter Vertrag und haben in ihrer Karriere bis dato sechs Studioalben aufgenommen – das letzte davon, „Destruction Is All We Know“, erst Ende Januar dieses Jahres. Dieses wurde auch im Repertoire hervorgehoben. Das Quartett in der Besetzung Tony Rolandelli (Gesang), Zack Weed (Gitarre), Ryan Glick (Schlagzeug) und Felix Portillo (Bass) entwickelte eine außergewöhnliche klangliche Massivität. Zerstörerisch. Besonders aufgeheizt war natürlich Sänger Tony Rolandelli, der sich im Club wie in seiner heimischen Stube hinter dem Ofen fühlte. Mit einer Präsenz, die nicht selten an einen Phil Anselmo erinnerte, mit einer mehr als mitreißenden Performance, bei der ihm der Schweiß in Strömen floss, sprang Tony mehrmals von der Bühne und spazierte durch das Publikum, um die Besucher anzufeuern. Hervorragendes Zusammenspiel und ein sehr, sehr überzeugender Sound. Almost Dead sind erfahrene Musiker. Sie sind seit über 20 Jahren auf der Szene und bleiben ein Garant für exzellente Konzerterlebnisse. Die richtige Einstimmung also. Ein Exzess aus Lärm, Schweißgeysiren und den turnerischen Eskapaden des Teufelskerls Tony.

Die zweite Band lieferte eine nicht geringe Überraschung. Eben weil sie kurz vor Tourbeginn bestätigt worden war. Die ungarischen Legenden der Extreme-Metal-Rituale: Monastery. Die Band zeichnen drei Schaffensphasen aus. Die früheste – zwischen 1989 und 1994, die mittlere – zwischen 2001 und 2007 sowie die aktuelle, seit sie sich 2020 reaktiviert und in den Jahren 2022 und 2023 zwei Studioalben aufgenommen haben. Zwei Mitglieder der heutigen Besetzung sind Originalmitglieder: Schlagzeuger Róbert ‚Billy‘ Kovács und Gitarrist Ferenc Tóth ‚Hufi‘. Im Quintett begleiten sie seit 2020 jüngere Kräfte: Bassist Szanati ‚Szana‘ Szabolcs, Gitarrist Krisztián Tóth und Sänger Roland Kovács. Angesichts der Nachnamen sind Monastery eine ziemlich familiäre Band geworden – mit wahrscheinlichen Vater-Sohn- oder Onkel-Neffe-Beziehungen. Lassen wir das beiseite. Die Band ist in Italien nicht besonders bekannt. Das Publikum verfolgte die Gruppe etwas reservierter. Nun, im Gesamtfazit: die „ausgeprägt haarsparenden“ Monastery sind auf der Bühne eine sehr statische Gruppe. Das mindert ihre Überzeugungskraft jedoch keineswegs. Die monströsen Riffs der alten Schule packten angenehm unheilverkündend und bestialisch, und die Band entwickelte zeitweise auch prägenden Groove. Das neue Album »From Blood« beweist ebenfalls, dass die Gruppe ihr Image in der neuen Zeit konkret modernisiert hat und diese Transition von alten in neue Zeiten (auf künstlerischer Ebene) sehr gut bestanden hat. Besonders der Song Dreadful Thing. Die Gruppe versuchte bereits im Anfangsteil des Auftritts, gleich nach dem einleitenden und kolossalen Death-Metal-Delirium River of the Fallen Souls, das Publikum mit einer stattlichen Version der verstorbenen britischen Death-Metal-Legenden Bolt Thrower namens The Killchain aufzustacheln. Kompakt, souverän. Auf eine Art für den Liebhaber dieses Metal-Genres geradezu obligatorisch – eben wegen des Kultstatus dieser Band, die seit 1989 im Untergrund der extremen Metal-Doktrin herrscht.

Dann aber der Hauptmagnet, der den Schreiber dieser Zeilen aus seinem Bau im Karst in Bewegung gesetzt hat, um nach Venetien aufzubrechen. Atheist. Eine Band, bei der man nicht weiß, was man sagen soll. Wie man sie überhaupt vorstellen soll. Viele Worte hat die Menschheit noch nicht erfunden, wenn man in die Situation geworfen wird, ihren Artismus damit zu beschreiben. Wie auch immer. Sänger Kelly Shaefer ist heute das einzige Originalmitglied. Begleitet wird er von vier extrem aufgedrehten musikalischen „Schnellspurern“: Yoav Ruiz Feingold (Bass), Dylan Marks (Schlagzeug), Jerry Witunsky (Gitarre) und Alex Haddad (Gitarre). Und das Publikum? Wer weiß, wo es vorher gewesen war – jedenfalls wurde das Venue beim Auftritt von Atheist plötzlich voll. Für die italienische Szene, die nicht unbedingt auf die extremen Sphären des Metals ausgerichtet ist, also ein unglaublich guter Besuch. Sogar deutlich besser als das Konzert von Therion, die dort einen Tag später spielten (vom italienischen Publikum hätte man genau das Gegenteil erwartet). Aber so ist das eben. Atheist wurden durch ihre experimentelle Fusion berühmt. Sie zogen in die extremen Sphären des Metals eine Menge Genres hinein. Und mit technischer Schärfe und filigraner Exekution wurden sie zu einer der angesehensten Bands, die nicht nur Liebhaber des Extreme Metal anzieht, sondern auch Fans progressiver Metal-Künste. Lateinamerikanische Rhythmen und Jazz? All das funktioniert bei Atheist beneidenswert irre gut. Und da die Band eine strikte Darbietung des Materials ihrer ersten drei Studioalben »Piece of Time« (1990), »Unquestionable Presence« (1991) und »Elements« (1993) versprochen hatte, musstest du an jenem Tag einfach in Italien sein. Dass Atheist Eigenbrötler sind, deutete auch das eingespielte Intro mit In the Flesh? (Pink Floyd) an. Und dann? Kelly ist umgeben von der unglaublichen Verspieltheit vier potenter Musiker, die auf der kleinen Clubbühne hin und her schwirrten und vor Energieüberschuss und Beweisdrang überquollen. Und sie zeigten so einiges. Es war ein Genuss, die gesamte Show zu beobachten. Extrem anspruchsvolle Passagen, schwindelerregende Rhythmusschlüssel, die kein Dancing Fool von Frank Zappa auflöst – und doch alles mit federnder Leichtigkeit gespielt, wobei man sich die Gitarristen gut vorstellen kann, wie sie gleichzeitig mit einer Hand ihren Kaffee schlürfen.

Kelly ist eine besondere Figur. Der Mann genießt es. Er muss sich nicht besonders anstrengen. Er ist extrem entspannt und genießt den Status als Kultfigur der Band. In seinen Ansprachen bedankte er sich mehrmals herzlich bei allen für alles. Er vergaß auch nicht, sich für seine amerikanische Dummheit zu entschuldigen, die u. a. der Tatsache Vorschub leistet, dass der Mann mit dem Publikum auf Amerikanisch kommunizieren muss. So sagte es Kelly. Zwischendurch fragte er das Publikum, ob es Spaß hat. Eine Reaktion blieb zunächst aus, obwohl man dem Volk deutlich ansah, dass es sich amüsierte. Dann fragte er das Publikum erneut: „Wie sagt ihr bei euch das Wort Spaß?“ Irgendwer aus dem Hintergrund raffte sich schließlich auf, zu rufen: „Divertimentooo!!!“ Kelly ist wirklich eine Legende. Ein schlanker Langer, im Outfit eines karierten Flanellhemds, das ihm Labod hätte sponsern können, wäre das Unternehmen nicht einst auf Geheiß imperialer Kräfte von „Bavčar und Kompanie“ vernichtet worden – dazu ein Kopftuch, und überhaupt mit Bewegungen und Gesten wirkte Kelly zeitweise wie ein erleuchteter Buddhist, wenn nicht gar ein „Heiler“, der sich von Prana und Wurzeln ernährt. Doch jung halten ihn eine üppige Mähne und ein ansteckendes Lächeln.

Seinen Teil lieferte auch Almost-Dead-Sänger Tony Rollandeli. Er tobte mindestens die Hälfte des Atheist-Auftritts in den vorderen Reihen und sorgte für nicht versiegende Salven an Mosh Pits, die sich vor allem auf der linken Seite des Clubgeländes reihten, wo es wirklich keinen Grund für irgendwelches Stillhalten gab. Der Auftritt der Band wandte sich in einem Augenblick. Musik, bei der man zeitweise tatsächlich nicht weiß, wo man ist. Doch Atheist verlieren den Kompass nicht. Wenn bereits alles am Rand des „Zerfalls“ zu stehen scheint, einer unkontrollierten Fragmentierung, die übermäßigen Experimentierexkursen Vorschub leistet, fängt sich die Gruppe meisterhaft, ergreift die Zügel, beruhigt sich und setzt in einem Phrasierungsformat fort. Dort verweilt sie natürlich keineswegs allzu lange. Fantastisch!

Die Rolle der letzten Auftretenden fiel den kanadischen Death-Metal-Legenden der alten Schule zu: Cryptopsy. Sie sind langlebige Veteranen des Technical Death Metal, gegründet 1988 in Montreal (kanadische Provinz Quebec). In der Anfangszeit agierten sie unter dem Namen Obsessive Compulsive Disorder, benannten sich bald in Necrosis um und danach in Gomorrah. 1992 entschieden sie sich schließlich für den Namen Cryptopsy. 1994 erschien das Debüt »Blasphemy Made Flesh«. Ihr letztes und insgesamt achtes Studioalbum »As Gomorrah Burns« veröffentlichten sie im vergangenen Jahr. Von den Originalmitgliedern ist heute nur noch Schlagzeuger Flo Mounier dabei, das Quartett vervollständigen Gitarrist Christian Donaldson, Sänger Matt McGachy und Bassist Oliver Pinard (seit 2018 auch bei Cattle Decapitation). Flo Mounier hat sich den Ruf eines der technisch angesehensten und profiliertesten Schlagzeuger erworben – bereits in der Frühphase der Band. Sein Spiel bleibt auch live und angesichts der Tatsache, dass der Mann gerade Abraham vollendet hat, auf bemerkenswert beneidenswertem Niveau. Das bestätigte er auch im Revolver Club. Die Technik ist außergewöhnlich. Auf Quartettniveau. Schwindelerregende und chaotische Blast Beats befeuern die Grausamkeit der nahenden Apokalypse im Kontrast mit dem Growl auf der anderen Seite. McGachy ist mit bestialischen Grimassen ein echter Kandidat für den schlimmsten Hollywood-Horrorfilm. Längere, tief angesetzte Growl-Linien unterbricht er mit kürzeren, hochgepitchten. Schon die bloße Erscheinung, und das sogar einschließlich des Gesangs, ruft schnell Parallelen zu Corpsegrinder hervor. Ohnehin müssen Cryptopsy auch Liebhabern von Cannibal Corpse gefallen. Anders geht es gar nicht.

Vielleicht ist der Fluch dieser Band, dass sie in Bezug auf ihre Aktivitäten stets irgendwie im Schatten des Albums »Non So Vile« lebt. Dieses Album gilt für das Genre, das Cryptopsy vertreten, als eines der integralen Alben – obwohl die Band die Bande der Treue zu ihren Wurzeln durchgehend aufrechterhalten hat. Auch in Phasen, in denen sie Alben merklich anders spielt und produziert als in den Neunzigern. Das bestätigt auch das modern und hervorragend produzierte Album »As Gomorrah Burns«. Eben auf diesen beiden Alben fußte der Großteil der Set-List der Band. Aus »Non So Vile« spielten Cryptopsy gleich fünf Songs (Crown of Horns, Graves of the Fathers, Orgiastic Disembowelment, Phobophile, Slit Your Guts). Auch Cryptopsy hielten das höllische Tempo aufrecht, die Blasphemie ließ nicht nach, während die Feuerzungen der Hölle den Revolver von allen Seiten verschlangen. Die Mosh Pits mit dem nahezu grotesken Almost-Dead-„Spatzenturnkünstler“ Tony Rolandelli im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit – endlos. Die Energie phänomenal. Die Band überraschte geradezu, als sie sich an den uralten Song Back to the Worms machte (entnommen der kultigen Demo-Veröffentlichung von 1993), und schenkte zugleich auch dem Debüt »Blasphemy Made Flesh« Aufmerksamkeit, als Cryptopsy ein Medley in der Regie von Defenestration – Abigor – Born Headless – Swine at the Cross-Gravaged (a Cryptopsy) – Open Face Surgery – Pathological Frolic spielten. Die Band rundete die hervorragende Set-List auch mit zwei Songs aus den neuesten »The Book Of Suffering« EPs ab.

Ein erstklassiges Gespann von brillant ausgeschliffener Spielfreude in der Regie einer Exekution auf hohem technischen Niveau. Gnadenloses Geißeln der Gottlosen! Von Anfang bis Ende. Die Natur der musikalischen Inhalte dieses Abends war sehr vielfältig, aber in erster Linie auf die Liebhaber des Old-School-Death-Metal mit Schwerpunkt auf progressiv-technischen Reizen zugeschnitten. Angesichts des legendären Status sowohl von Atheist als auch von Cryptopsy war die Teilnahme an mindestens einem der Konzerte der aktuellen gemeinsamen Europatour nicht nur eine Pflicht, sondern eine Schuldigkeit.

Text: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies