Alestorm ’sprengen‘ mit dem Rum des siebten Rums das Zagreber Boogaloo (2023)
Line-up: Keops / Elvenking / Alestorm
Datum: Mittwoch, 15. 11. 2023
Ort: Zagreb / Boogaloo / Kroatien
Alestorm sind schon so etwas wie ein Phänomen! Als der Schreiber dieser Zeilen sie im Sommer 2009 zum ersten Mal vormittags auf der Bühne des deutschen Festivals Bang Your Head!!! sah, fand er an ihrem Auftritt rein gar nichts, was ihn vom Hocker gehauen hätte. Ganz im Gegenteil. Wegen des ‚Gargamel-haften‘ Christopher Bowes und seiner Truppe hatte er am fernen 26. 6. 2009 mitten im deutschen Balingen einen ziemlich verkorksten Start in den neuen Tag.
Warum Alestorm trotzdem zum Phänomen wurden und warum sie im Lauf der Zeit eigentlich zu einer der meistbelagerten Bands aufgestiegen sind, ist gar nicht schwer zu beantworten. Zur generischen musikalischen Substanz packst du die Art, wie diese Substanz rübergebracht wird. Auch wenn Alestorm von Anfang an Power Metal spielen, geben sie sich Mühe, der Masse als eine Band zu gefallen, die alles andere ist als eine Band, die zum Genre Heavy Metal gehören würde. Und das haben sie über die Jahre immer weiter vertieft, indem sie stur an ihrer aus Alkoholdunst zusammengebrauten Version von Metal festhielten, genannt Pirate Metal. Und das muss man auf irgendeine Weise honorieren. Respektieren. Sie hatten nicht nur genug Eifer und Ehrgeiz, sondern auch eine wild verkindlichte Gerissenheit und den Mut, damit die Sache zündet. Für ihre Beharrlichkeit wurden sie ordentlich belohnt. Aber Beispiele für eine neue Ära des Revitalismus im Power Metal gibt es einen Haufen. Man muss nur die richtige Nische besetzen. Da sind Sabaton, Powerwolf, Gloryhammer. Und dieser Familie, die mit märchenhaftem Erzählen und Bühnenbild (zusätzlich gestützt von alkoholischer Ausschweifung) die musikalische Generik ausgestattet hat, folgen immer deutlicher auch (unsere) Pirate-Metaller Alestorm.
„Seventh Rum Of A Seventh Rum“, das siebte Studioalbum, hat Alestorm (nach längerer Zeit) endlich auch auf die Konzertbühnen der Clubszene in unserer Region gebracht (die Band kennen wir sonst sehr gut vom Metaldays-Festival). Wenn mich die Erinnerung nicht trügt, spielten sie 2014 mit Brainstorm in der Gala Hala in Ljubljana (und davor schon 2011 und 2009)? Einen Tag nach dem Auftritt in Ljubljana auf der aktuellen Tour namens „Weird Kinda European Tour Thing Winter 2023“, machten die piratischen Metal-Kurzhosen mit ihrem Bierunwetter schottischer Herkunft auch noch im Zagreber Boogaloo Halt. Dass die Band im Lauf der Zeit vor allem bei der neuen Generation von Metal-Fans enorm beliebt geworden ist, zeigte die lange Schlange vor dem Stand mit dem offiziellen Merch der Band, der fröhlich zu schrumpfen begann, kurz nachdem sich die Türen des Boogaloo geöffnet hatten. Pünktlich um halb sieben abends. Und diese Schlange wollte und wollte nicht enden. Auch nicht während des Elvenking-Konzerts.
Aber der Reihe nach. Um sieben Uhr betraten die vielversprechenden Heavy-Metaller Keops aus Rijeka die Bühne. Eine Band mit ordentlich Kilometern auf dem Tacho und drei Alben in der Tasche. Auf das dritte warteten wir bis letztes Jahr und…. Gewartet? Nach einem kräftigen Umbau der Besetzung und dem Wechsel vom Quartett zum Quintett klopft die Band nämlich ordentlich an die Tür der internationalen Bekanntheit. „Road To Perdition“, auf Englisch gesungen, ist eine hervorragende Schöpfung, die sowohl daheim in Kroatien als auch im Ausland sehr gute Noten und Kritiken eingefahren hat, und auf den Flügeln des erfolgreichen dritten Albums arbeitet die Band bereits am Material für den Nachfolger. In gut einer halben Stunde präsentierten sich Keops als verdammt gut geölte Live-Maschinerie, die die gebotene Chance bestens nutzte. Ihren epischen, aber düster-bombastischen Heavy Metal, natürlich gestützt von der Ikonografie des alten Ägypten (auch in puncto Arrangements), kannte das Publikum im Boogaloo schon gut, und Sänger Zvonimir Špacapan musste sich gar nicht groß anstrengen, um das Boogaloo, das sich während des Auftritts brav füllte, zu ordentlichen Reaktionen zu bringen. Die Band spielte also in größerem Umfang das Album „Road To Perdition“ und stellte auch einen ganz neuen Song vor, The Machine. Hervorragende Wahl. Besonders für Besucher meines Schlags, die die Band vor dem Live-Treffen noch nicht kannten. Trotz des nicht ganz idealen Sounds imponierte die Band mit Verbissenheit und Herzblut. Und darin liegt natürlich der Hauptreiz!
Elvenking, die Special Guests, sind bei den Auftritten in Ljubljana und Zagreb während der Alestorm-Tour eingesprungen. Mitten im europäischen Teil der Tour, den Alestorm mit den deutschen Mittelalter-Metallern Saltatio Mortis absolvieren, hatte sich nämlich eine zeitliche ‚Lücke‘ aufgetan. Alestorm sind dort in der Rolle der Vorband, denn Saltatio Mortis sind in Deutschland nun mal riesig – und die Tourdaten gravitieren mit üppigem Überschuss genau Richtung Deutschland. Alestorm nutzten die Terminlücke im November daher für einen Besuch in Ljubljana und Zagreb. Und zum Glück erwiesen sich Elvenking als verfügbare Band, die als Anheizer mehr als praktisch ist. Sie fanden die Zeit, in die Rolle der Special Guests zu springen, waren eine Art Exklusivität. Mit Sitz in Sacile bei Pordenone, was nah ist. Einen Katzensprung von der slowenischen Grenze, und auch von Zagreb. Aber es gibt eine tiefere Verbindung. Elvenking waren Vorband auf der Juni-Tour von Gloryhammer im letzten Jahr. Dabei spielten sie am 22. 6. 2022 auch im CUK Kino Šiška in Ljubljana – und das sollte man nicht vergessen! Warum ich das hervorhebe? Bei Gloryhammer steht Christopher Bowes – die Hauptfigur von Alestorm – an den Keyboards. Auch wenn Christopher mit Gloryhammer nicht auf Tour auftritt, kümmert sich offenbar für Alestorm und Gloryhammer beim Buchen der Konzerte dasselbe Personal, das unter anderem auch die geografische ‚Praktikabilität‘ von Elvenking nicht vergessen hat. Kurzum: Manche Dinge hängen enger zusammen, als wir denken.
Was das Dienstalter angeht, können Elvenking Alestorm jederzeit Zigaretten holen schicken. Die Italiener sind seit 1997 aktiv, und wären ihre Landsleute Rhapsody (heute Rhapsody of Fire) damals nicht schon mit den ersten beiden Alben so erfolgreich gewesen, würden Elvenking heute wohl den Titel der international erfolgreichsten Band im Power-(Folk-)Metal tragen, die je aus Italien kam. Die Band hat in ihrer Karriere eine Reihe hervorragender Studioalben aneinandergereiht, die eine ausgeprägte musikalische Ansteckungskraft besitzen, getragen von klarer Folk-Inspiration, in der das Flirten mit einem Hauch Heidentum deutlich angedeutet ist, und all das führte im Lauf der Zeit dazu, dass Elvenking in den letzten Jahren von einer ergebenen Schar Anhänger begleitet werden. Daheim und im Ausland. Und das bestätigte das Boogaloo. In einem einstündigen Auftritt hoben Elvenking den ganzen Laden aus den Angeln. Von den ersten Reihen, die die Verse bestialisch draufhatten, bis zu den letzten. Aus einem Guss!
Davide ‚Damnagoras‘ Moras, mit Geweih auf dem Schädel, bleibt ein Magnet seiner Sorte, und das Quintett zeigt eine außerordentliche Bühnenabstimmung, regiert von Erfahrung und Routine. Damni leistet als zweites Originalmitglied der Besetzung Gitarrist Aydan Gesellschaft, an seiner Linken (von der Bühne aus gesehen) gesellt sich noch der zweite Gitarrist HeadMatt dazu. Dazu kommen Bassist Jakob, Drummer Symohn und Geiger Lethien. Sehr guter Sound durch den ganzen Auftritt, in dem die Band das Hauptaugenmerk auf die Promotion der beiden letzten Studiowerke der „Reader of the Runes“-Reihe legte. Doch Elvenking sind eine Band, die auch Songs spielt, die vor siebzehn Jahren entstanden sind. Mit The Wanderer und dem abschließenden Titelsong ihres dritten Studioalbums „The Winter Wake“ brachten sie uns zurück in die goldenen Zeiten der ersten Revival-Welle des Power Metal.
Und da ist sie wieder? Diese riesige Gummiente. Eine Groteskheit, die ausgewählte Figuren der Looney-Tunes-Zeichentrickfilme übertrifft, ist heute für Alestorm das Sprungbrett, mit dem die Jungs in den letzten Jahren sprunghaft die Gunst einer neuen Generation von Metal-Fans gewonnen haben. Und das sind nicht unbedingt Metaller. So wie alles, was Alestorm auf der Bühne machen, völlig unmetallisch ist. Und genau da liegt der Witz. Ein Haufen Folk, aufgehübscht und rausgeputzt in Piraten und Piratinnen, mit obligatorischem Bier in der Hand. Zu Alestorm kommst du, um dich vollzusaufen. In der Regel zumindest. Wenn du dich traust, natürlich. Also nicht immer mitten in der Woche. Leute, die während des Konzerts zur Theke torkelten, gönnten sich öfter nur ein Glas Wasser. Der Skandal der ‚Fäkalien‘ (in den Augen des True Metallers). True? Was war das noch gleich? Lebt noch jemand? Warum also das Glas der ‚Erlösung‘ (lies: Wasser)? Aus Angst vor den Blauhemden, oder schlicht, weil das Geld für mehr einfach nicht da ist? Das ist sie also, die neue Generation. Ein bisschen disziplinierter. Wesentlich ist aber die unbekümmerte Party. Und davon gibt es bei Alestorm-Konzerten im Überfluss. Genau deswegen kommt das Publikum. In ein Geflecht aus Parodie und Spaß. Wenn Gitarrist Mate Bodor in engen, grasgrünen, seidig glänzenden Turnhöschen auf die Bühne tritt, die fast Sänger Christopher Bowes die Show stehlen, weißt du, dass der Teufel noch einen zusätzlichen tugendhaften Scherz auf die Bühne geliefert hat. Bowes hat sich kurz vor der Ankunft in Ljubljana den Arm gebrochen/verstaucht, sodass er ihn auch in Zagreb schonte. Deshalb fehlte auf der Bühne sein berühmter ‚erster Mörder der Heavy-Metal-Ikonografie‘, also die Keyboards in Form einer Key-tar. Doch der Mann mit dem schottischen Kilt, der ‚Regular Joe‘-Mütze (danke für den Tipp, Denis), seiner unbestreitbaren Ausstrahlung und dem Polka-keltischen Marschieren und Stapfen, stramm auf dem Podest stehend, hielt das Publikum die ganze Zeit bei sich, sodass es ihm gierig aus der Hand fraß.
Wunderbare Energie. Überall nur Positivität. Heiterkeit. Gelöstheit. Das Gefühl, zu einer großen Familie zu gehören, die die Musik zusammenhält. Mehr brauchst du nicht. Erst recht zum Abschalten an einem Mittwochabend mitten in der kroatischen Hauptstadt. Verrückte Wahl, was das Ziel angeht. Gibt es in Ljubljana nichts, was näher dran ist? Haben Alestorm dort nicht am Vortag gespielt? Ahhh… Das kommt mit den Jahren. Glaubt einem alten, aber unbefriedigten Knacker.
Was auch immer Christopher anstellte, stellte auch das Publikum im Boogaloo an, das zeitweise in regelrechte Trance der Hingabe verfiel. Ergebenheit. Treue. Die Reaktion des Publikums erinnert eher an ein Konzert von so etwas wie Dropkick Murphys als an Bands mit Heavy-Metal-Stammbaum. Unglaublich, wie die Leute nicht nur die Verse draufhaben, sondern auch genau wissen, was in welchem Teil des Auftritts als Nächstes kommt. Die Rituale sind eingespielt. Folk-Polka-Metal-Marsch. In alle Richtungen. Reaktion. Chemie. Hand in Hand. Das ist die Echtheit, die eine solche Party mit sich bringt. Zeit und Raum verschwanden. Die Band verlängerte den Headliner-Auftritt um fünf Nummern (gegenüber den üblichen 13, die sie sonst als Vorband von Saltatio Mortis spielt). Auch der Typ mit dem Haifischkopf fehlte nicht auf der Bühne.
Alestorm haben das Publikum im Boogaloo also ‚umgebracht‘. Eigentlich haben sie den Sinn des Besuchs in der kroatischen Hauptstadt erreicht, den man auch umgekehrt formulieren kann. Das Publikum kam, um sich auf der Alestorm-Party ‚umzubringen‘. Feier der stürmischen Rutschbahn aus Hektolitern schottischen Biers, das von überall spritzte und sprühte, Kontakt des Publikums mit den größten Favoriten des Repertoires und ein Katapult direkt in den Schoß des absoluten Abschaltens. Für eineinhalb Stunden. In ihre eigene Welt. Die Welt fantasmagorisch verwesender Piratenzombies, die aus den kryptischen Tiefen der Karibik kriechen, direkt aus dem Gedärm fettleibiger (zweieinhalb Meter langer) grüner Muränen (Gymnothorax funebris), üppig bewachsen mit Algen (neben denen sich isländischer Kelp verstecken kann) und den Tentakeln riesiger Seeanemonen, den Fangarmen riesiger Kalmare, begleitet vom lautstarken ‚pieces of eight‘-Geschrei. In eine eigenwillige Welt der Orgie, getragen von endlosen Runden Rum und natürlich dem Unwetter aus schottischem Bier. Unglaublich, wie weit Alestorm es gebracht haben. Und die Eroberung der Massen ist damit noch nicht zu Ende. Mögen sie noch viele Jahre mit der Prothetik ihrer Holzbeine und den ‚Captain Hook‘-Haken an den Handgelenken treten und kratzen.
Text: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Keops-Setlist:
1. Unconscious Mind
2. The Machine
3. Road to Perdition
4. My Soul Released
5. Rise Again
6. Trauma
7. When I Remember
8. Keops
Elvenking-Setlist:
1. Rapture
2. The Hanging Tree
3. Draugen’s Maelstrom
4. Pagan Revolution
5. Silverseal
6. Moonbeam Stone Circle
7. Bride of Night
8. The One We Shall Follow
9. The Wanderer
10. The Divided Heart
11. Elvenlegions
12. The Winter Wake
Alestorm-Setlist:
1. Keelhauled
2. No Grave but the Sea
3. The Sunk’n Norwegian
4. Walk the Plank
5. Alestorm
6. Under Blackened Banners
7. Treasure Chest Party Quest
8. Hangover (Original: Taio Cruz)
9. Wenches & Mead (mit Mittelteil in der „For Dogs“-Version)
10. 1741 (The Battle of Cartagena)
11. Mexico
12. Pirate Song (mit Manowar-Intro)
13. P.A.R.T.Y.
14. Captain Morgan’s Revenge
15. Shit Boat (No Fans)
—Zugabe—
16. Drink
17. Zombies Ate My Pirate Ship
18. Fucked With an Anchor








































